Dirk Hoffmann

Die Trilogie von Giesbert dem Entbehrlichen


Prolog
 


Graf Hilmar war schlecht gelaunt. Aber so richtig. In seinem zugigen Arbeitszimmer saß er im trüben Licht einiger Kerzen und arbeitete sich mit stetig zunehmender Verdrossenheit durch einen beängstigend hohen Stapel Post. Alle Welt wollte Geld von ihm. Die Armee forderte neue Helme, der Hofstaat verlangte dringend nach neuen Stehkrägen, die Bauern schrien geradezu nach diesen neumodischen Subventionen und die Alchimisten machten ihn nachdrücklich darauf aufmerksam, dass neue Schutzbrillen beträchtlich günstiger wären, als Blindenhunde. Geld, Geld, Geld! Und was genau fehlte Hilmar? Richtig, Geld. Er musste sich inzwischen bedenklich tief bücken um einige Münzen aus der gräflichen Schatztruhe zu klauben und griff dabei immer öfter ins leere.

Kopfschüttelnd pflückte er den nächsten Brief vom Stapel. Eine Taverne stellte hundertdreißig Dukaten in Rechnung. Moment mal, warum in aller Welt forderte eine Taverne hundertdreißig Dukaten? Hilmar sah genauer hin und erkannte ein Siegel mit Kussmund und Strumpfband. Die Rechnung war also gar nicht von der Taverne, sondern von der „Taverne“. Einer ,im wahrsten Sinne des Wortes, peinlich genauen Auflistung von Dienstleistungen einer gewissen Madame Chi-Chi konnte Graf Hilmar entnehmen, dass sein Neffe Giesbert sich kürzlich einen äußerst vergnüglichen Abend gegönnt hatte. Hilmar hatte seiner Schwester zwar auf dem Sterbebett geschworen, den Jungen bei sich aufzunehmen und es ihm an nichts mangeln zu lassen, aber das ging nun wirklich etwas zu weit. Es wurde höchste Zeit, dass Giesbert endlich einer ehrenvollen Aufgabe nachging... oder Hilmar ihn zumindest loswurde und keine weiteren seiner ausschweifenden Eskapaden würde finanzieren müssen.

Seufzend legte der Graf das Pergament beiseite und öffnete den nächsten Umschlag. Stirnrunzelnd entzifferte Hilmar die fahrige Handschrift eines ihm nicht näher bekannten Gutsherren aus dem Wald der tausend Schrecken. Mit dramatischen Worten forderte der Mann die Erschlagung - so der korrekte ritterliche Fachbegriff- eines, sein Unwesen treibendem und in höchsten Maße bösartigen, Drachen. Auch das noch. Ja, als amtierender Graf war Hilmar sogar verpflichtet einen seiner Ritter auszusenden um die Bestie zur Strecke zu bringen, aber Ritter waren nun mal teuer. Und beschäftigt. Trolle von Westen, Kobolde von Osten und wilde Banditen von einfach überall hielten die gräfliche Ritterschaft ohnehin so dermaßen auf Trab, dass Hilmar schon lange eine ernste Personalkrise befürchtete.

Erst gestern hatte der kühne Herbert, ein furchtloser Streiter der Gerechtigkeit und leidenschaftlicher Erretter von Jungfrauen in Nöten, wutschnaubend gekündigt. Er sei völlig überfordert, stünde kurz vor dem Burnout und würde sich von nun an nur noch voll und ganz seiner geliebten Veilchenzucht widmen. Mit diesen Worten hatte er sein Schwert, seinen Schild und einigen anderen Krempel neben Hilmars Schreibtisch geschmissen, ein Kündigungsschreiben auf die Marmorplatte geklatscht und schnellen Schrittes das Büro verlassen.

Der Graf stöhnte auf und ließ den Kopf hängen. Ein nichtsnutziger Neffe, eine feuerspeiende Bestie und ein schlimmer Personalmangel durch kündigende Ritter. Er musste eine Beschäftigung für Giesbert finden, einen Ersatz für den kühnen Herbert auftreiben und dann auch noch jemanden losschicken um den furchtbaren Drachen zu erschlagen. Wie sollte das alles nur gehen?

Sie merken es ja schon selbst, der Herr Graf war nicht der schnellste Denker seiner Zeit und daher wanderte sein verzweifelter Blick noch eine ganze Weile ratlos zwischen der Rechnung der „Taverne“, dem Hilferuf des Gutsherren und der Kündigung des kühnen Herberts hin und her bis sich endlich ein Lächeln auf seine Züge legte und seine Stimme durch die Gänge der Burg hallte.
„Giesbert!“

 

 

 

Erster Teil: Spiegel und Drachen

 

 

1.

 

 

Also schöner war die Landschaft in den letzten vier Stunden nicht geworden, soviel stand schon mal fest und ob der widerliche Nieselregen jemals aufhören würde, erschien ebenfalls mehr als fraglich. Stöhnend ließ sich Giesbert unter den Blättern einer äußerst kümmerlichen Kastanie im feuchten Gras nieder und streckte die schmerzenden Beine aus. Ein Pferd hätte ja wohl drin sein müssen, was dachte sein Onkel sich bloß? Na gut, vielleicht hatte Giesbert seine Gutmütigkeit in den letzten Jahren tatsächlich ein ganz kleines Bisschen überstrapaziert, aber das hier erschien dem frisch gebackenem und höchst unfreiwilligem Ritter nun doch etwas übertrieben.

Beklommen sah er in nicht allzu weiter Entfernung die ersten finsteren Bäume des Waldes der tausend Schrecken aufragen. Wald der tausend Schrecken! Das sagte doch wohl schon alles, oder nicht? Man ging ja schließlich auch nicht ins `Wirtshaus zur trockenen Kehle`, oder zum `Hufschmied der krummen Nägel`. Von der Kleinigkeit dort einen Drachen zu erschlagen mal ganz zu schweigen. Aber es half nichts, Onkel Hilmar hatte sich in dieser Hinsicht wirklich mehr als deutlich ausgedrückt. Entweder Giesbert kümmerte sich um diesen Drachen, oder er würde sein Glück als Bettler in den Gassen, oder Kloakenschrubber in den Aquädukten der Hauptstadt versuchen müssen.

Mürrisch betrachtete er die spärliche Ausrüstung, die vorher dem kühnen Herbert bei dessen Heldentaten gedient hatte. Ein altes Schwert mit einer schartigen Klinge, ein verbeulter Schild und ein zwar sehr kleidsames, aber auch sauschweres Kettenhemd, das Giesbert in den ledernen Rucksack gestopft hatte. Der Rucksack beherbergte des weiteren die armselige Verpflegung aus abgestandenem Wasser und steinharten Haferkeksen. Ferner fand Giesbert noch einen filigran gearbeiteten silbernen Klappspiegel, der wesentlich besser in das schicke Handtäschchen einer Prinzessin gepasst hätte, als in das Marschgepäck eines Ritters.

Ganz in seine trübe Gedanken versunken, drehte er den Spiegel in den Händen und als er ihn aufklappte erklang urplötzlich ein helles - nicht gerade leises - Stimmchen.
„Herzlichen Glückwunsch zu deinem neuen Feenspiegel 3.5, ich hoffe wir arbeiten gut zusammen!“
Giesbert fuhr heftig zusammen und blickte überrascht in ein fröhliches Mädchengesicht, dessen helle Augen ihn aus dem Spiegel ansahen.
„Ich muss mich kurz auf meinen neuen Besitzer einstellen, dies kann einen Moment dauern“, verkündete das Mädchen entschuldigend und verschwand.
„Warte...“, setzte Giesbert verdutzt an, aber nun erschien das Bild einer Blume, die der Reihe nach ihre Blütenblätter verlor. Kurz nachdem auch das Letzte abgefallen war, tauchte das hübsche Gesicht aufs neue im Spiegel auf und krähte gut gelaunt:
„Tadaaa! Alles fertig, kann losgehen. Sagst du mir bitte noch deinen Nutzernamen?“
„Also... ich bin Giesbert... und wer bist du?“
„Schön dich kennenzulernen, Giesbert. Ich bin Elannidariel adlun Deminusiran.“
„Das ist wirklich ein sehr schöner Name, Elanni...“, er geriet ins stottern, aber sie winkte freundlich ab.
„Lass mal stecken, sag einfach Elli, das ist einfacher.“
„Und du bist eine...?“ Giesbert fühlte sich dezent überfordert.
„Also noch mal ganz langsam. Was du hier in der Hand hältst ist ein Feenspiegel, kapiert? Und dem entsprechend bin ich eine...? Richtig, eine Spiegelfee. Ist doch gar nicht so kompliziert, oder?“
„Du bist also in diesem Spiegel gefangen?“
„Quatsch, ich wohne hier bloß. Wir Feen leben natürlich im Zauberland.“
„Im Zauberland?“ Giesbert kannte sich mit Magie nicht aus und sie war ihm auch schon immer etwas unheimlich gewesen.
"Genau, und wir Feen bereisen das Zauberland durch ein Netz von Pfaden, die alles magische miteinander verbinden. Man bezeichnet dieses Netz auch als die wirren Wege der Welt, oder kurz: www. So kann ich zum Beispiel Informationen sammeln und Nachrichten überbringen.“
„Klingt ziemlich nützlich.“ Giesbert nickte anerkennend, obwohl er keinen Schimmer hatte, wozu so etwas gut sein sollte.
„Ist es auch. Die wirren Wege der Welt bieten wirklich tolle Möglichkeiten... von den vielen Einkaufsangeboten und den Unmengen niedlicher Katzenbilder mal ganz zu schweigen. Die feinen Menschen-Damen lieben so etwas.“
„Und wie bist du in den Rucksack des kühnen Herberts gekommen?“, lenkte Giesbert das Gespräch in eine, für ihn weniger abstrakte Richtung.
„Eine holde Maid hat mich ihm geschenkt, um ihre Dankbarkeit zu zeigen.“ Elli zuckte die schmalen Schultern.
„Wahrscheinlich hat er sie vor einem schrecklichen Ungeheuer gerettet“, tippte Giesbert.
„Nein, das nun nicht gerade, aber er hat ihr die Haare modisch frisiert und anschließend ihr Turmzimmer neu dekoriert. Der kühne Herbert ist sehr... geschmackvoll, wenn du verstehst, was ich meine.“ Die kleine Fee kicherte belustigt.
„Also, das hätte ich nun nicht gedacht“, wunderte Giesbert sich.
„Und du, Giesbert? Rettest du Leute vor schrecklichen Ungeheuern und solche Sachen?“
„Wie es aussieht wohl schon. Ich soll einen Drachen erschlagen, der hier in der Nähe sein Unwesen treibt.“
„Einen echten Drachen?“, staunte Elli und ihr blonder Zopf wippte aufgeregt hin und her.
„Ja, leider“, gab Giesbert verzagt zurück.
„So ein furchtbar gefährliches Riesenvieh?“ Sie riss die himmelblauen die Augen auf.
„Ja, genau so eines“, brummte Giesbert.
„So richtig mit höllisch scharfen Krallen, mörderisch spitzen Zähne, alles verbrennendem Feuer und so weiter?“, vergewisserte sich Elli nochmals.
„Könntest du jetzt bitte damit aufhören?“, fauchte Giesbert gereizt.
„Entschuldige bitte, Giesbert.“
„Schon gut“, antwortete dieser versöhnlicher.
„Dürfte ich dir aber bitte noch eine einzige, letzte Frage zu diesem Thema stellen?“, erkundigte sich Elli vorsichtig.
„Welche denn?“
„Wie kommt man bitteschön auf so eine beknackte Idee?“
„Das erkläre dir am besten auf dem Weg zur Drachenhöhle, in Ordnung?“ Giesbert erhob sich seufzend aus dem Gras und schulterte seinen Rucksack.

Er wusste zwar noch nicht so recht, was er von Elli halten sollte, aber die Spiegelfee schien ganz okay zu sein und Giesbert war froh darüber dem furchtbaren Drachen nicht ganz allein gegenübertreten zu müssen.

 

 


 

2.

Giesbert sah sich immer wieder nervös zu allen Seiten um, während er durch den dichten Wald schritt. Gelegentlich raschelte etwas im Dickicht, oder ein Vogel sang in den Baumwipfeln. Als der Eingang der Drachenhöhle vor ihm lag gab der Feenspiegel ein helles Bimmeln von sich um Ellis Rückkehr anzukündigen und er zog ihn aus seiner Hosentasche. Die Spiegelfee hatte sich vor einer Weile verabschiedet um auf den wirren Wegen Erkundigungen über den Wald der tausend Schrecken einzuholen und meldete sich nun zu Wort.

„Sag mal Giesbert, ist dir ganz eventuell auch schon aufgefallen, dass der Wald hier ziemlich gut in Schuss ist, wenn man mal bedenkt, dass hier ein riesiger Drache wüten soll?“
„Da hast du recht, sieht alles ganz unbeschadet aus, oder?“ Giesbert musste ihr zustimmen, bisher hatten sie keinerlei Spuren der Bestie gesehen.
„Ich habe einige der arkanen Chroniken des großen Magiers Fernando Pedia über diese Gegend besucht.“
„Er schreibt über den Wald der tausend Schrecken?“
„Er selber zwar nicht, aber seine Tochter Vicky hat ein riesiges Lexikon dieser Welt verfasst und weißt du, was sie über den Wald der tausend Schrecken schreibt?“
„Lass mich raten... vielleicht, dass man besser nicht hier sein sollte?“, grummelte Giesbert.
„Ja, das auch, aber interessanter ist, dass der Name total übertrieben und irreführend ist.“
„Das klingt doch beruhigend.“ Wenigstens mal etwas positives.
„Genau, denn bekannt und dokumentiert sind in diesem Wald lediglich achthundertdreiundsiebzig Schrecken. Wichtiger ist allerdings die Tatsache, dass hier seit über hundertfünfzig Jahren kein Drache mehr gesichtet wurde, geschweige denn das Land verwüstet hätte.“
„Aber warum sollte dann jemand eine solche Beschwerde an meinen Onkel schicken?“ Er wedelte mit dem Brief des Gutsherren.
„Tja, das kommt mir auch komisch vor, Giesbert“, nickte die Fee.
„Wir sehen mal nach, bestimmt ist die ganze Sache nur ein dummer Scherz“, sagte Giesbert hoffnungsvoll und betrat die finstere Höhle.

„Verdammt ist das dunkel hier, ich erkenne kaum etwas.“ Langsam tastete der Ritter sich vor.
„Kein Problem, da kann ich helfen, sieh mal“, sagte Elli und er blickte in den Spiegel.
„Was willst du denn...ahhhh.“ Ein gleißendes Leuchten flutete ihm entgegen.
„Du solltest den Spiegel besser nach vorn halten, Feenlicht ist ziemlich hell, weißt du?“, riet Elli und kicherte leise.
„Danke, für die Warnung“, er versuchte die hellen Kringel und bunten Regenbögen zu ignorieren, die das Feenlicht in seine Netzhäute gebrannt hatte und ließ den Lichtstrahl langsam durch die Höhle wandern. Es war tatsächlich nur eine Höhle, kein Drache weit und breit. Der hintere Teil war irgendwann eingestürzt und ein großer Geröllhaufen türmte sich vor ihnen auf. Mehr gab es nicht zu sehen.

Giesbert atmete auf und genoss das der Gefühl der Erleichterung, als der Geröllhaufen plötzlich in Bewegung geriet und sich ein besorgniserregend großer Reptilienkopf daraus erhob. Der Aufschrei hatte noch nicht ganz seine Kehle verlassen, als ihn auch schon zwei große, gelbe Drachenaugen fixierten. Wie gelähmt starrte der Ritter die Bestie an und nach einem erschrocken gekieksten „Au, Scheiße!“ von Elli legte sich eine unheilvolle Stille über die Szene. Giesbert wagte kaum zu atmen, als der Drache unwillig grunzte und das Schweigen brach.

„Oh, geht das wieder los. Ich dachte, dieser Unsinn wäre endlich vorbei“, seufzte der Drache resigniert, nachdem er den Ritter gemustert hatte.
„Welchen Unsinn meinst du denn?“, fragte Giesbert mit zittriger Stimme, weil er beim besten Willen nicht wusste, was man in einer solchen Situation sagte.
„Na, du bist doch einer von diesen Rittern, die hier herkommen um mich zu erschlagen, oder?“
„Ehrlich gesagt, schon...“, gab er etwas kleinlaut zu, fasste aber sein Schwert fester und hob den Schild an.
„Wirklich? Willst du dir das nicht lieber nochmal überlegen, mein Junge? Das haben damals schon viele andere Hohlköpfe versucht“, zischte der Drache unbeeindruckt und wies mit der Schnauze in eine Ecke der Höhle. Giesbert leuchtete mit dem Feenspiegel auf einen ziemlich besorgniserregenden Haufen von verbeulten, aufgerissenen und verkohlten Rüstungen.
„Aber uns liegt eine Beschwerde vor, das du dieses Land in Angst und Schrecken versetzt“, rief Elli vorlaut.
„Soll das heißen jemand behauptet ich würde das Land terrorisieren?“ Der Drache klang ehrlich empört.
„Jawohl, ein Gutsherr hat eine schriftliche Beschwerde eingereicht und deshalb sind wir hier um mit dir abzurechnen“, ließ Elli sich nicht einschüchtern.
„Euch ist aber schon aufgefallen, dass der Höhleneingang mittlerweile viel zu eng für mich ist, oder? Ich habe diese Höhle seit mindestens hundertfünfzig Jahren nicht mehr verlassen. Die Hüfte, wisst ihr?“, hielt der Drache eher belustigt, als erzürnt dagegen.
Giesbert und Elli blickten zum Eingang zurück und dann wieder auf den Drachen.
„Das sieht in der Tat etwas zu eng aus...“, musste er zugeben und die Spiegelfee nickte.
„Na, seht ihr? Wollt ihr euch nicht setzen? Dann plaudert es sich doch gleich schon viel besser, findet ihr nicht?“

Der Drache schob mit seinen Pranken einige Felsbrocken zusammen und, dass musste Giesbert zugeben, eine ganz gemütliche Sitzecke entstand. Er machte es sich auf einem glatten Basaltfindling gemütlich und stellte den Feenspiegel neben sich. Der Drache rollte sich vor ihm zusammen und legte den Kopf auf einem Felsenkissen ab.

„Und du bist wirklich seit hundertfünfzig Jahren nicht mehr draußen gewesen?“ erkundigte sich Giesbert nachdem sie sich vorgestellt hatten. Der angeblich so bösartige Drache schien tatsächlich eine alte Drachen-Dame zu sein und hieß Dagmar.
„Ich bin über tausend Jahre alt, außer zu schlafen tun alte Drachen nicht mehr viel, wisst ihr?“
„Musst du denn gar nichts fressen, Dagmar?“, erkundigte sich Elli stirnrunzelnd.
„Wir Drachen müssen nicht viel fressen. Gelegentlich verirrt sich mal eine Ziege, oder ein Hirsch hier rein und das reicht dann eine ganze Weile.“
„Wenn du die Höhle doch gar nicht mehr verlässt, warum fürchtet sich dann ein Gutsherr so sehr vor dir, dass er dich erschlagen lassen will?“, überlegte Giesbert.
„Ich habe wirklich keine Ahnung, mein Junge“, antwortete Dagmar ratlos.
„Dann müssen wir ihn eben fragen, was der Unsinn soll.“ Elli stemmte entschlossen ihre Fäustchen in die Hüften.
„Die Frage ist, wie stellen wir solange meinen Onkel zufrieden? Es muss glauben, dass ich dich heldenhaft besiegt habe, sonst wird er schreckliche Dinge von mir verlangen.“
„Was denn?“ ,fragte Dagmar besorgt.
„Zu arbeiten, zum Beispiel“, sagte Giesbert düster und schüttelte sich.
„Aber wie soll das gehen? Dein Onkel wird einen Beweis dafür sehen wollen, dass du mich tatsächlich erschlagen hast.“ Die Drachen-Dame kratzte sich nachdenklich am Kopf.
„Ich habe da eine Idee, hört zu.“ Die Spiegelfee lachte und ihre Augen blitzten listig auf.

Elli erklärte ihren Plan und kurze Zeit später hatte sich Dagmar auf den Boden gelegt und Giesbert stand, den Feenspiegel mit ausgestrecktem Arm vor sich haltend, neben ihrem mächtigen Kopf. Elli gab dem Ritter und der Drachen-Oma genaue Anweisungen.
„Giesbert, halte mich mal ein Stückchen höher und versuche etwas... siegreicher auszusehen... ja, genau so. Dagmar lass deine Zunge noch etwas weiter aus dem Maul hängen, aber verdrehe die Augen lieber nicht zu sehr, dass sieht sonst so gestellt aus... rückt noch etwas mehr zusammen, sonst kriege ich euch nicht ganz drauf.“
„Ist es so besser?“ Giesbert grinste noch etwas breiter und formte mit Zeige- und Mittelfinger ein V. Warum er das tat wusste er selber nicht, aber es erschien ihm irgendwie ganz passend.
„Sehr gut, gleich haben wir es. Jetzt volle Konzentration, bitte. Drei, zwei, Klick, Perfekt!“

Schon bald verabschiedeten sich der Ritter und die Fee von Dagmar um sich auf den Weg zum Gutsherren zu machen.
„Zeig mir bitte nochmal dieses Bild, Elli.“
In dem Feenspiegel erschien das Bild von Giesbert und der „besiegten“ Dagmar.
„Und das kannst du wirklich einfach so meinem Onkel überbringen?“
„Klar, ich sende es an die Kristallkugel in seinem Büro, dann wird er erst mal Ruhe geben und wir können in der Zeit die ganze Sache aufklären.

 

3.

Als die beiden den Hof des Gutsherren erreichten, stand die Sonne bereits tief am Himmel und die umstehenden Bäume warfen ihre langen und knorrigen Schatten auf die schlammige Schotterstraße. Über dem vergammelten Eingangstor schaukelte ein rostiges Schild leise quietschend im Wind und verkündete: Landgut Baalstett. Das windschiefe Haus lag völlig im Dunkeln und sah aus, als würde es beim nächsten Sturm einfach in sich zusammenfallen. Aus der Scheune, die auch keinen sehr soliden Eindruck machte, waren seltsame Geräusche zu hören. Ein ungesund grünliches Licht schimmerte unter der, schief in den Angeln hängenden, Tür hindurch und schien sogar die wurmstichigen Wände zu durchdringen.

„Ganz schön unheimlich hier, was?“ Die Spiegelfee sah sich beklommen um.
„Stimmt, ich habe auch ein ganz schlechtes Gefühl“, pflichtete Giesbert ihr bei.
„Dieses schlechte Gefühl habe ich schon, seit diese Kräuterfrau hysterisch kreischend weggerannt ist, nachdem wir sie nach dem Weg zu diesem Hof gefragt haben“, meinte Elli.

Vorsichtig öffnete Giesbert die Tür. Das unheimliche Licht ging von einem, über einem Feuer blubbernden, Kessel in der Mitte des Raumes aus. Auf dem Boden lagen zwischen Unmengen von allem möglichen Unrat Schläuche, die von verschiedenen Fässern und Eimern, die sich an den Wänden der Scheune stapelten, zu diesem Kessel führten. Überall lagen Bücher verstreut und ein kleiner dicker Mann mit einer karierten Robe, einem viel zu großen Hut und flauschigen Pantoffeln, wuselte in dem Chaos geschäftig herum und brabbelte dabei leise und unverständlich vor sich hin. In einer dunklen Ecke stand ein abgemagertes Pferd und blickte sich unglücklich um. Giesbert sah der der Gestalt eine Weile unentschlossen bei ihrem seltsamen Treiben zu und blickte dann fragend zu Elli, die das schräge Schauspiel fasziniert begutachtete und verständnislos den Kopf schüttelte.

„Äh, Entschuldigung?“, versuchte Giesbert die Aufmerksamkeit des Mannes zu wecken, aber der nahm keine Notiz von ihm und brabbelte weiter vor sich hin.
„Es sind die Essenzen, bestimmt sind es die Essenzen... Vielleicht sind es zu viele Essenzen, vielleicht sind es aber auch zu wenige Essenzen, auf jeden Fall sind es die Essenzen... aber vielleicht sind es ja auch gar nicht die Essenzen, sondern viel mehr die...“
„Verzeihung, bitte!“, versuchte der Ritter es etwas lauter, erzielte aber keine Reaktion. Kurzerhand steckte sich Elli zwei Finger in den Mund und ein durchdringender Pfiff ließ den dicken Mann aufsehen.
„Wer wagt es mich zu stören?“, schrie er zornig und fuhr herum. Er blinzelte durch dicke Brillengläser zur Tür und verzog den Mund schließlich zu einem breiten Grinsen.
„Ah, du kommst doch bestimmt wegen dem schrecklichen Drachen, den ich beim Grafen gemeldet habe, oder?“
„Ja, ich komme gerade von der Drachenhöhle“ sagte Giesbert vorsichtig.
„Wunderbar, das höre ich gerne.“ Baalstett rieb sich die Hände und kicherte wieder in sich hinein.
„Und sie sind der... Gutsherr?“ Giesbert sah sich vielsagend um.
„Ja, ich weiß, der Hof macht nicht mehr viel her, aber meine Angestellten sind schon vor langer Zeit weggegangen und mir ist nur noch die alte Rosi geblieben.“ Die ulkige Gestalt deutete auf das abgemagerte Pferd. Er beugte sich verschwörerisch vor und flüsterte eindringlich:
„Diese dummen Bauern meinten doch tatsächlich, ich wäre verrückt geworden, kannst du dir das vorstellen?“ Erneut kicherte er und fuhr sich nervös durch das rußverschmiertes Gesicht.
„Wie sie bloß darauf gekommen sind?“, bemerkte Elli und ließ ihren Zeigefinger vor ihrer Stirn kreisen.
„Wer hat da gesprochen?“ Baalstett fuhr zusammen und sah sich irritiert um.
„Das war Elli, meine Spiegelfee“, erklärte Giesbert.
„Du hast eine Spiegelfee? Das ist doch wohl eher etwas für Hofdamen und Prinzessinnen! Bist du überhaupt ein echter Ritter? Wie ist dein Name?“, bellte Baalstett.
„Mein Name ist Giesbert und ich finde nicht, dass...“, wollte dieser sich verteidigen, wurde aber sofort unterbrochen.
„Einfach nur Giesbert? Hast du denn nicht mal einen Kampfnamen? Da melde ich einen gefährlichen Drachen und der feine Herr Graf schickt mir lediglich einen... Giesbert? Keinen Bernhardt den Bezwinger, keinen Heribert den Herausragenden, oder wenigstens einen Alfons den Allemacher, sondern nur einen... Giesbert?“
„Es hatte gerade kein anderer Zeit und da bin ich quasi eingesprungen“, erklärte Giesbert.
„Du meine Güte, soll das etwa heißen du bist sozusagen... Giesbert der Entbehrliche?“
„Den Namen finde ich gar nicht mal so schlecht“, meldete sich Elli zu Wort, aber Baalstett beachtete sie gar nicht. Stattdessen starrte er Giesbert mit gefährlich funkelnden Augen an und fragte lauernd:
„Aber du hast den Drachen doch wohl erledigt, oder?“
„Nein, habe ich nicht. Dagmar ist doch völlig harmlos, warum hast du überhaupt diese völlig unbegründete Beschwerde geschrieben?“, so langsam reichte es Giesbert wirklich.
„Soll das etwa heißen, du hast den verdammten Drachen am leben gelassen?“, kreischte Bahlstett wütend.
„Natürlich habe ich das“, antwortete er trotzig.
„Oh, diese Unverschämtheit wirst du noch bereuen, warte nur ab und erzittere vor meiner Macht!“ Der verrückte Zauberer stapfte wutschnaubend zu seinem blubbernden Kessel zurück und begann wie besessen mit einem großen Holzlöffel darin zu rühren.

Der Feenspiegel machte sich mit einem leisen Bimmeln bemerkbar. Elli hatte sich unbemerkt auf die wirren Wege begeben und kam nun aufgeregt zurück.
„Giesbert, das glaubst du nicht! Kennst du den Almanach der Antlitze?“
„Nie gehört.“
„Ist auch völlig überflüssig, mal ehrlich. Jedenfalls, das ist ein Riesenverzeichnis der Zauberer. Jeder, der etwas auf sich hält, trägt sich dort ein und versucht dabei eine möglichst gute Figur zu machen. Die meisten sogar mit Abbildern von sich, deshalb nennen wir Spiegelfeen das Ding auch den Folianten der Fratzen.“
„Und Baalstett hat sich dort eingetragen?“
„Natürlich hat er das und der Verrückte gibt damit an, bald einen unbesiegbaren Dämonen beschwören zu können.“
„Behaupten die größenwahnsinnigen Zauberer das nicht alle?“
„Stimmt schon, aber er ist wohl wirklich schon ziemlich nah dran. Allerdings fehlt ihm noch etwas wichtiges für sein Vorhaben, nämlich die Zähne eines Drachen, verstehst du, Giesbert?“
„Deshalb wollte er, das Dagmar erschlagen wird?“
„Gemein, was?“, knurrte die Fee. Giesbert nickte und schaute besorgt zu Baalstett herüber, der in seiner Manteltasche herumkramte und schließlich eine gläserne Phiole zutage förderte.
„Nun bekommst du meine Macht zu spüren!“, schrie er gackernd und träufelte mit großer Geste einige Tropfen in den Kessel. Das grüne Leuchten schien sich zu verdichten und ein beißender Geruch machte sich breit, als plötzlich mindestens zwanzig Kaninchen aus dem Kessel hopsten und sofort neugierig durch die Scheune wuselten.
„Im Ernst? Du zauberst Kaninchen hervor?“, fragte Elli und begann zu lachen. Giesbert bückte sich um eines der possierlichen Tierchen hinter den Ohren zu kraulen.
„Sehr niedlich“, kommentierte er.
Baalstett schaute sich verdattert um und fuhr wieder fahrig mit den Händen durch sein Gesicht. Dann schlug er sich an die Stirn und errötete leicht. Erneut wühlte er in seinem Mantel herum.
„Entschuldigung, falsche Phiole... Moment... ah, da ist sie ja.“ Er schüttete den Inhalt eines zweiten Fläschchens in den Kessel.
„Kommen jetzt noch Tauben, oder...“, wollte Elli wissen, aber plötzlich erfüllte ein vielstimmiges Knurren den Raum und Giesbert sah sich überrascht um. Die Kaninchen versammelten sich vor Baalstetts Füßen. Ihre Augen glühten rot, sie rissen viel zu große Mäuler auf und entblößten furchterregende Reißzähne. Er wich zurück, ohne die kleinen Bestien aus den Augen zu lassen. Baalstett riss die Arme hoch und kreischte:
„Reißt ihn in Stücke meine tödlich flauschigen Schergen!“
Die Kaninchenmonster sprangen wild fauchend los und Giesbert riss verzweifelt seinen Schild nach oben.

 

4.

 

Elli, kannst du irgendetwas gegen diese furchtbaren Viecher unternehmen?“, rief Giesbert, während er angestrengt versuchte, sich die dämonischen Kaninchen vom Leibe zu halten und unbeholfen mit dem Schwert herumfuchtelte.

Ich sehe mal, was ich tun kann“, antwortete die Fee aufgeregt und verschwand aus dem Spiegel.

 

Elli tauchte in die wirren Wege der Welt ein und sah sich hektisch um. Der Pfad zum Kessel war leicht zu erkennen und schnell folgte sie dem grün schimmernden Band. Gerade, als sie um die letzte Ecke bog schoss vor ihr eine Feuerwand aus dem Boden und schnitt ihr den Weg ab. Die Spiegelfee suchte fieberhaft nach einer Lücke, durch die sie sich zwängen konnte, als sich ein unfreundliches Gesicht aus den Flammen formte und sie streng ansah.

Moment mal, nicht so schnell. Ich bin der Wächter dieses Kessels und hier kann nicht einfach jeder rein und raus spazieren, wie es ihm gefällt!“

Aber ich muss da wirklich ganz dringend rein!“ Elli setzte ihr extra nettes Feenlächeln auf.

Was ist deine Legitimation?“, fragte die Stimme abweisend und Elli überlegte schnell.

Meine was?“

Hast du eine Einladung?

Ich bin die... na, die Dings... also, ich darf da rein weil...“

Na?“, fragte das Flammengesicht ungeduldig und Elli hatte endlich eine Idee.

...ich bringe die Drachenzahnmagie!“ Elli versuchte so überzeugend, wie möglich zu klingen, aber ihr kleines Herz schlug bis zum Hals.

Einen Moment, bitte,“ schnarrte die Stimme wichtigtuerisch und verschmolz wieder mit der Feuerwand. Elli hörte, wie in einem dicken Verzeichnis geblättert wurde.

Gegorener Fledermausurin... Schleim einer, in der letzten Vollmondnacht vom Blitz getroffenen, Nacktschnecke... rostige Eisenspäne eines, von einem unter schweren Depressionen leidenden Schmied hergestelltem, Henkersbeiles... aha, da haben wir sie ja, die Drachenzahnmagie.“ Kurz herrschte Stille in den Flammen, aber dann öffneten sie sich einladend und Elli schlüpfte schnell hindurch.

Im Inneren des Kessels wirbelten alle möglichen Farben und Formen durcheinander und bildeten immer wieder neue Muster. Elli versuchte angestrengt so etwas wie eine Regelmäßigkeit darin zu erkennen, gab es aber schließlich auf und entschied sie sich dafür, einfach alles kräftig durcheinander zu bringen. In der Hoffnung die schreckliche Magie des Kessels aufgehalten zu haben, suchte sie schleunigst das Weite.

 

Eines der dämonischen Kaninchen fegte Giesberts Schild mit einem wilden Schlag zur Seite, während sich drei andere in seine Stiefel verbissen und ihn zu Fall brachten. Ein weiteres sprang ihm gerade mit gefletschten Zähnen an die Kehle, als es plötzlich mit einem leisen “Plopp“ wie eine Seifenblase zerplatzte. Nacheinander zerplatzten alle höllischen Kaninchen und Augenblicke später erinnerte nicht einmal das kleinste Haar noch an sie. Giesbert war so erleichtert, dass er gar nicht bemerkte, wie Elli wieder im Spiegel auftauchte.

Der Kessel, Giesbert!“ Die Panik in ihrer Stimme holte den Ritter zurück in die Realität. Er blickte herüber und sah, wie der Kessel erst überkochte und dann mit viel Getöse grelle Funken in alle Richtungen schossen. Baalstett stand kreischend davor und das Pferd bäumte sich auf und wieherte panisch. Wo die Funken das alte Holz der Scheune berührten züngelten augenblicklich kleine Flammen hervor, die sich gierig ausbreiteten.

Rasch sprang er auf und wollte gerade aus der Tür stürzen, als er kurz zögerte und dann noch einmal zurück in den brennenden Raum stolperte. Giesbert packte den zeternden Baalstett am Kragen, schnappte sich die Zügel des scheuenden Pferdes und sah zu, dass er nach draußen kam.

 

Er hustete und rang noch nach Luft, als er die aufgeregte Stimme des Zauberers in einigen Metern Entfernung vernahm.

Ihr sollt verflucht sein! Wir sehen uns wieder, wartet es nur ab und zittert vor meiner Rache, Hr. Ritter!“ Bahlstett erhob sich wutschnaubend aus der schlammigen Pfütze, in die Giesbert ihn gestoßen hatte und fuchtelte wild mit seinen Händen herum. Plötzlich knallte es ohrenbetäubend und der verrückte Zauberer verschwand mit einem irren Kichern in einer dichten Rauchwolke.

Verdammt, er hat sich mit seiner teuflischen Magie einfach weggezaubert.“

Ich glaube, ganz so teuflisch ist seine Magie dann auch wieder nicht, Giesbert.“ Elli zeigte nach vorn, wo der Rauch sich langsam verzog und den Blick auf eine Fußspur frei gab, die in den Wald der tausend Schrecken führte und sich schließlich zwischen den Bäumen verlor.

Die morsche Scheune brannte inzwischen lichterloh und ein aufkommender Wind lies die ersten Flammen schon nach dem alten Herrenhaus greifen. Einige der Dachbalken krachten Funken stiebend herunter.

Wir sollten hier lieber schnell verschwinden“, schlug Giesbert vor.

Denke ich auch, aber was soll denn aus dem armen Pferd werden?“, gab Elli zu bedenken.

Wir nehmen es einfach mit, dieses furchtbare Rumgelatsche ist mir auf die Dauer ohnehin viel zu anstrengend und im Stall meines Onkels ist bestimmt noch ein gemütliches Plätzchen frei“, antwortete Giesbert und tätschelte dem verängstigten Tier beruhigend die Nüstern.

Wie soll sie denn heißen? Der verrückte Zauberer hat sie Rosi genannt, aber ich finde wir sollten ihr einen neuen Namen geben, oder was meinst du?“ Elli schaute das Tier besorgt an.

Da hast du recht, lass mich mal überlegen... Ich weiß! Ich nenne sie: Das Pferd, das man Rosi nannte“, nickte Giesbert überzeugt und das Pferd schnaubte zustimmend.

Dein Ernst?“, fragte Elli niemand bestimmten.

Ja, wenn man schon eine gewisse Grenze überschritten hat, kommt es darauf auch nicht mehr an“, antwortete niemand bestimmtes schulterzuckend und das Thema war erledigt.

Ich glaube der Name gefällt mir“, nickte Elli.

 

Giesbert der Entbehrliche verstaute den Feenspiegel sicher in seiner Hosentasche, schwang sich auf des Pferd, das man Rosi nannte, gab ihr die Sporen und ritt siegreich vom Hof.

 

 

 

 


Zweiter Teil: Kleine Probleme
 

 

1.

 


Verdrossen stand Giesbert im Stall und striegelte das Pferd, das man Rosi nannte. Er hatte ja nun wirklich nicht gerade erwartet, dass Onkel Hilmar ihm zu Ehren ein Willkommensbankett veranstalten würde, aber das seine Dankbarkeit so dermaßen sparsam ausfiel, war nun doch ziemlich enttäuschend gewesen.
„Nicht übel, Giesbert, wer hätte das gedacht? Hier ist dein nächster Auftrag, viel Glück.“ Das war alles gewesen, was der Graf zu sagen hatte. Mit diesen Worten hatte Hilmar ihm ein zerknittertes Pergament in die Hand gedrückt, auf dem ein weiteres Himmelfahrtskommando für Giesbert geschrieben stand.
Das Pferd legte den Kopf sanft auf seine Schulter und schnaubte tröstend. Giesbert streichelte ihren Hals, als sich die Tür öffnete und Johann, einer der Stallburschen zwei große Wassereimer herein schleppte. Ächzend setzte er die Eimer ab und winkte Giesbert zu.

„ Hallo Johann, warum siehst du denn so traurig aus?“, erkundigte sich der Ritter.
„Ach, ich würde gern bei dem großen Burgfest in der nächsten Woche mit meiner Kapelle auftreten“, seufzte er verzagt.
„Das klingt doch toll, wo liegt denn das Problem?“, fragte Giesbert verwundert.
„Ich fürchte, wir sind nicht gut genug, weißt du? Mein Gesang ist wohl eher ein Krächzen und die anderen können gerade mal drei Akkorde auf ihren Lauten spielen. Wir haben einfach viel zu wenig Zeit zum üben, weil wir ständig nur arbeiten müssen. Und schicke Kleider können wir uns auch nicht leisten, weil wir so wenig verdienen. Das ist ganz schön ungerecht und frustrierend, kann ich dir sagen, Giesbert.“
„Dann sing doch einfach genau darüber und mach deinem Ärger Luft. Ich glaube, viele Leute haben solche Probleme und es wird ihnen sicher gefallen, wenn eine Kapelle diese Themen aufgreift. Vielleicht solltet ihr sogar in extra zerlumpten Kleidern und ausgelatschten Armeestiefeln auftreten“, meinte Giesbert überzeugt.
„Stimmt wahrscheinlich, aber wir sind ja zu allem Überfluss auch noch ganz lausige Tänzer. Ehrlich gesagt hüpfen wir immer nur wild herum. Gelegentlich fällt dabei auch mal jemand betrunken von der Bühne“, räumte der Stallbursche etwas beschämt ein.
„Also, das stelle ich mir eigentlich ganz lustig vor, vielleicht würde das Publikum es euch sogar gerne nachmachen“, versuchte Giesbert ihm Mut zuzusprechen.
„Vielleicht hast du recht, ich schlage es gleich den anderen vor. Danke, Giesbert!“ Johann nickte ihm lächelnd zu und lief schnell nach draußen.
Der Ritter wünschte Johann und seiner Kapelle von Herzen alles Gute, aber ob sie damit wirklich Erfolg haben könnten?

Er legte die Bürste beiseite und wuchtete den Sattel auf sein Pferd. Als er sein Gepäck verstaut und festgezurrt hatte, holte er den Feenspiegel hervor und fuhr so mit dem Finger darüber, wie Elli es ihm gezeigt hatte. Das Gesicht der Fee erschien und Giesbert überlegte kurz, ob sie nicht etwas blasser aussah, als sonst.

„Bist du bereit, Elli? Die Arbeit ruft und von mir aus können wir aufbrechen.“
„Mann Giesbert, nun zieh doch nicht so ein saures Gesicht, bist du etwa immer noch beleidigt, weil du keinen Triumphzug durch die Stadt bekommen hast?“, fragte Elli augenverdrehend.
„Ich wollte doch gar keinen Triumphzug, aber ein freundliches Schulterklopfen wäre schon ganz nett gewesen.“
„Lass es gut sein, wir haben das prima hinbekommen und uns wacker geschlagen. Das sollte uns doch wohl erst mal reichen, oder was meinst du?“, winkte die Spiegelfee ab.
„Na, ich weiß ja nicht. Soll ich dir mal erzählen, was unser nächster Auftrag ist?“
„Klar, lass mal hören“, schniefte Elli und zog die Nase hoch.
„Wir sollen ausgerechnet zu einem Dorf, dass ein Problem mit einer Hexe hat. Mir gefällt das ehrlich gesagt gar nicht. Bei meinem Glück, werde ich in einen Frosch verwandelt, oder in einen Backofen gesteckt. Bestimmt sogar beides auf einmal“, maulte Giesbert.
„Hmm, eine Hexe? Na ja, wir sind doch auch mit diesem verrückten Zauberer fertig geworden, dann werden wir es doch wohl mit einer schrumpligen Hexe aufnehmen.“ Die Spiegelfee hustete und wischte sich über die Stirn.
„Geht es dir nicht gut?“, fragte Giesbert besorgt.
„Ich fühle mich irgendwie krank und das beunruhigt mich ein Bisschen.“
„Ich hätte nicht gedacht, dass ihr Spiegelfeen krank werden könnt.“
„Können wir eigentlich auch nicht, genau deshalb bin ich ja beunruhigt.“ Elli nieste erneut.
„Möchtest du lieber hier bleiben und dich ausruhen?“, fragte er fürsorglich, war aber sehr erleichtert als die Spiegelfee ein trotziges Gesicht machte und antwortete:
„Und mir den ganzen Spaß entgehen lassen, was? Auf ins Abenteuer!“

 

 

2.

 

 

Das Dorf war so dermaßen winzig, dass es nicht einmal für einen eigenen Namen gereicht hatte. Einfach zusammengezimmerte Hütten standen um einen staubigen Platz aus festgetretenem Lehm herum und es herrschte eine unheilvolle Stille, als Giesbert sein Pferd neben einer Tränke festband und sich misstrauisch umsah. Ellis Zustand hatte sich nicht gerade gebessert, aber die Fee hatte tapfer darauf bestanden beim Erreichen der kleinen Ortschaft geweckt zu werden. Mit geröteten Augen blickte sie aus ihrem Spiegel und wischte sich immer wieder den Schweiß von der Stirn, nachdem er mit einem Finger über das Glas gefahren war.

„Elli, ich mache mir Sorgen um dich, du siehst wirklich furchtbar aus.“
„Schönen Dank auch, Giesbert, aber ich halte schon durch. Wo sind denn die ganzen Leute, müsste hier nicht etwas mehr Betrieb sein?“ Ihre Stimme klang brüchig und ungewohnt kraftlos.
Wie zur Antwort öffnete sich polternd die Tür der größten Hütte und eine streng aussehende Matrone in einem übermäßig sittsamen Wollkleid steuerte gebieterischen Schrittes auf Giesbert und Elli zu. An der Hand hielt sie einen unglücklich drein blickenden Mann, der sich auf einen knorrigen Hirtenstab stützte. Der Stab wies ihn als den Dorfältesten aus. Nun kamen auch die übrigen Bewohner des Dorfes aus ihren Behausungen. Neugierig und aufgeregt versammelten sich die Bauern hinter dem Ältesten und seiner Frau.

„Schickt dich der Graf, wegen dieser verfluchten Hexe?“, ergriff die Frau grußlos das Wort und die Leute stimmten einen murrenden Chor an:
„Hexe, Hexe, Hexe!“
„Ja, darum bin ich hier. Was ist denn genau passiert?“, kam auch Giesbert ohne Umschweife direkt zu Sache, denn die feiste Bäuerin war ihm auf Anhieb unsympathisch.
„Dieses schreckliche Weib hat uns bestohlen. Zehn Säcke Mehl und mehr als Zwanzig Hühner sind in den letzten Tagen verschwunden. Wenn es so weitergeht werden wir im Winter hungern müssen.“
„Aber wozu sollte eine einzelne Frau so viel Mehl brauchen?“, wollte Giesbert skeptisch wissen.
„Was ist denn das für eine dumme Frage? Daraus backt sie sich natürlich ein Lebkuchenhaus um unschuldige Kinder anzulocken, ist doch klar.“
„Und die Hühner?“
„Na, was schon? Die opfert sie bei ihren unaussprechlich unanständigen Ritualen! Du kennst dich mit Hexen scheinbar nicht sonderlich gut aus, was?“
„Das kann schon sein, aber würdest du mir mal erklären, warum ihr diese Frau überhaupt für eine Hexe haltet?“
„Das ist doch wohl offensichtlich, oder? Sie wohnt in einer Hütte im Wald. Ganz allein!“, krakelte die Matrone und setzte ein selbstgefälliges Lächeln auf.
„Und nur weil sie allein in einer Hütte im Wald lebt, haltet ihr sie für eine Hexe?“, vergewisserte sich Giesbert, dem die Sache alles andere, als offensichtlich vorkam.
„Nein, nicht nur deshalb. Wir halten sie für eine Hexe, weil... sie eine Hexe ist!“, lautete die wenig überzeugende, aber voller Inbrunst vorgebrachte Antwort.
„Hexe, Hexe, Hexe!“, skandierten die Leute wieder aufgebracht.
„Kann dein Mann eigentlich nicht selber sprechen?“ Vielleicht war der Älteste ja vernünftiger, als seine Frau.
„Doch, eigentlich schon, aber diese gemeine Hexe hat ihn mit dem Fluch-Fluch belegt, darum schweigt er zur Zeit lieber.“
„Mit was für einem Fluch, bitte?“, runzelte Giesbert die Stirn.
„Giesbert, der Fluch-Fluch bewirkt, dass...“, flüsterte Elli mit dünner Stimme, aber nun ergriff der Älteste doch noch selbst das Wort.
„Es tut mir wirklich sehr leid, du verlauste Nachgeburt einer syphilitisch stinkenden Hündin, aber ich bin leider nicht mehr der verdammte Herr meiner verrotteten Zunge, verstehst du nun was mein scheiß Problem ist...,du dreckig verkommener Hurensohn?“
„Der Fluch lässt...“,setzte die geschwächte Spiegelfee nochmal zu einer Erklärung an.
„Schon gut, Elli, hab´s begriffen, glaube ich“, flüsterte Giesbert tonlos, während der traurige Mann ihn entschuldigend anblickte und hilflos die Schultern hob.
„Und das hat wirklich diese..., diese Hexe getan?“ Der Ritter fühlte eine seltsame Mischung aus heiterer Belustigung und kalter Furcht in sich aufsteigen.
„Hexe, Hexe, Hexe!“, ertönte es schon wieder aus der Menge.
„Ja, völlig grundlos hat sie meinem armen Mann das angetan, als wir mit ihr über die gestohlenen Lebensmittel reden wollten.“
„Ihr habt also versucht mit ihr zu reden?“ Das überraschte Giesbert nun doch.
„Natürlich, wir sind alle gemeinsam zu ihrer Hütte gegangen und haben ganz vernünftig versucht mit ihr über die verschwundenen Vorräte zu sprechen“, beteuerte die Frau des Dorfältesten, aber beim Blick in die hasserfüllten Gesichter der Dorfgemeinschaft schwante Giesbert etwas anderes.
„Sag mal, spielten bei diesem ganz vernünftigen Versuch, ein Gespräch mit ihr zu führen zufällig eine Menge Mistgabeln und brennende Fackeln eine tragende Rolle?“, erkundigte er sich gespielt beiläufig.
„Selbstverständlich, denn schließlich ist sie ja eine Hexe“, antwortete die Gemahlin des Dorfältesten leichthin und Giesbert nickte grimmig. Von solchen Vorfällen durch „verantwortungsbewusste Bürger“ hatte er schon mehr als nur einmal gehört.
„Hexe, Hexe, Hexe!“, schallte es wieder über den Dorfplatz.
„Und da hat sie deinem Gatten diesen Fluch verpasst um euch zu vertreiben?“
„Ja, das hat sie. Diese verdammte Hexe!“
„Hexe, Hex...“ Giesbert blickte die Dorfbewohner so dermaßen genervt an, dass sie tatsächlich verstummten und er sogar ein kleines bisschen stolz auf sich war.
Einen Moment lang schwieg der Ritter und überlegte, was er nun tun sollte, denn hier käme er nicht weiter. Schließlich sog er scharf die Luft ein und straffte sich.
„Ich werde jetzt zu dieser angeblichen Hexe...“
„He...“, setzten die Leute an, überlegten es sich aber ganz schnell anders, als sie Giesberts Gesichtsausdruck sahen.
„... gehen und mir anhören, was sie zu euren Vorwürfen zu sagen hat.“, beendete er den Satz und versuchte dabei möglichst selbstbewusst zu klingen. Tatsächlich war ihm aber äußerst mulmig zumute, als er sich schließlich wieder in den Sattel schwang und den Dorfplatz hinter sich ließ.

 

 

3.

 

 

Das Pferd, das man Rosi nannte trabte rasch über den Waldweg zum Haus der Hexe. Während des gesamten Weges hatte Giesbert das Gefühl beobachtet zu werden, konnte aber keine Verfolger zwischen den Bäumen ausmachen. Bald erreichte er den Rand einer kleinen Lichtung auf der eine efeuumrankte Hütte stand. Er stieg ab und zog den Feenspiegel aus seiner Hosentasche. Giesbert zeichnete mit dem Finger Ellis Zeichen auf das Glas und erschrak. Die Fee war nur noch durchscheinend zu erkennen und atmete schwer. Mit halb geöffneten Augen sah sie ihn an und wollte etwas sagen, aber brach den Versuch mit einem leisen Ächzen ab und ihr Bild verschwand wieder.
Giesbert starrte entsetzt auf den Spiegel, als plötzlich hinter ihm eine Stimme erklang.


„Du möchtest zu mir?“ Er schluckte trocken und drehte sich langsam herum. Einige Schritte von ihm entfernt stand eine junge Frau. Sie trug ein bunt gemustertes Kleid und ein grünes Stirnband bändigte ihr langes rotes Haar. Ihr Blick war nicht feindselig, aber ihr schlanker Körper wirkte deutlich angespannt.
„Ich denke schon. Bist du die...?“, Giesbert stockte, denn es fiel ihm schwer das Wort auszusprechen. Ihr scheinbar nicht:
„Die Hexe? Ja, das bin dann wohl ich.“ Sie lächelte bitter.
„Ja, dann möchte ich wohl wirklich zu dir.“
„Ich weiß. Du suchst dieses schreckliche Weib, dass Lebkuchenhäuser backt um Kinder anzulocken und unaussprechlich unanständige Rituale abhält, nicht wahr?“
„Woher weißt du...?“, fragte Giesbert überrascht.
„Ich bin eine Hexe, schon vergessen? Ich habe meine Augen überall.“ Sie deutete auf eine Eiche am Rand der Lichtung. Giebert erkannte auf einem der unteren Äste einen Raben. Das Tier ließ ihn nicht aus den Augen.
„Du hast mich die ganze Zeit beobachtet?“
„Seit du in das Dorf gekommen bist, ja. Ich heiße übrigens Klara.“
„Giesbert. Und das hier ist Elli, aber...“, er hob ratlos den Spiegel in die Höhe.
„Ist das ein Feenspiegel?“, fragte sie verwundert.
„Ja, kennst du dich damit aus? Meine Spiegelfee ist sehr krank“, hilflos sah er Klara an. Die Hexe schien kurz unschlüssig zu sein, trat dann aber neben ihn und griff nach dem Spiegel. Sie legte ihre Hand darauf und kurz erschien das transparente Bild der nahezu bewusstlosen Elli. Klara atmete scharf ein, fasste Giesbert dann am Handgelenk und zog ihn sanft, aber zügig zu ihrer Hütte.

„Warte hier“, bat sie Giesbert und deutete auf eine Bank neben der Tür. Sie ging hinein und er hörte sie Schränke öffnen und Schubladen durchwühlen. Er setzte sich hin und einen kurzen Moment später trat die Hexe wieder ins Freie. Sie setzte sich ans andere Ende der Bank und stellte eine flache Schüssel zwischen sich und den Ritter.
Erst legte sie den Spiegel in die Schüssel, dann goss sie Wasser darüber und streute ein Pulver aus einem kleinen Beutel hinein. Die Oberfläche kräuselte sich kurz und einige Bläschen stieg auf, aber dann beruhigte sich das Wasser wieder und nahm eine bläuliche Färbung an. Klara berührte es sachte mit ihren Fingerspitzen und plötzlich war Elli darin zu sehen. Verkrampft und mit schmerzverzerrtem Gesicht lag sie da und ein ungesund grünes Leuchten ging von ihr aus. Die Hexe murmelte in einer fremden Sprache vor sich hin und schien mit ihren sanften Berührungen kleine Symbole in das Wasser zu zeichnen. Giesbert wagte es nicht, sie zu stören und sah ihr fasziniert zu.
Er konnte nicht sagen, wie viel Zeit vergangen war, aber das grüne Leuchten ließ nach und die Spiegelfee schien sich langsam zu entspannen. Schließlich war das unheimliche Licht völlig verschwunden. Elli schlief tief ein und ihr Atem ging regelmäßig. Klara seufzte erleichtert auf und wischte noch einmal über die Oberfläche. Ellis Abbild verschwand und das Wasser in der Schüssel wurde wieder kristallklar. Vorsichtig hob sie den Spiegel heraus, legte noch einige getrocknete Blüten darauf und wickelte ihn fest in einen blauen Schal.

Sie gab Giesbert das Päckchen und fragte:
„Wo hat sich diese kleine Fee denn herumgetrieben?“
„Ich weiß nicht, was du meinst. Ich kenne Elli noch nicht so lange und verstehe nichts von Magie“, antwortete Giesbert und kam sich dumm dabei vor.
„Auf den wirren Wegen der Welt gibt es viele finstere und gefährliche Orte, die eine Spiegelfee besser meiden sollte, denn ansonsten passiert genau so etwas.“ Klara wies auf den Spiegel, den Giesbert fürsorglich in den Händen hielt, während er angestrengt nachdachte.
„Sie ist vor einigen Tagen in den Kessel eines verrückten Zauberers eingedrungen. Ist das einer dieser Orte, die du meinst?“
„Das kann es gewesen sein, ja. Was hatte sie überhaupt dort zu suchen? Diese Spiegelfeen wissen doch wohl am besten, wie schrecklich gefährlich so etwas ist.“ Die Hexe schüttelte verständnislos den Kopf und Giesbert blickte dankbar auf den Spiegel.
„Sie hat mir damit das Leben gerettet, denn sonst wäre ich wohl gefressen worden von diesen... lassen wir das.“ Es war ihm peinlich zu berichten, dass eine Fee ihn erst vor einer Horde Kaninchen retten musste und dafür jetzt vielleicht auch noch mit dem Leben bezahlte.
„Keine Sorge, Giesbert, ich denke sie wird wieder gesund, aber sie braucht nun viel Ruhe.“
„Ich danke dir, ohne deine Hilfe wäre Elli bestimmt...“ Er brach ab und Klara klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter.
„Du bist anders, als die Ritter, die ich bis jetzt kennengelernt habe, oder irre ich mich da?“, fragte sie nachdenklich.
„Also, um ehrlich zu sein... eigentlich bin ich gar kein richtiger Ritter. Ich bin da lediglich so reingeschlittert, könnte man wohl sagen. Allerdings habe ich mir eine Hexe auch immer anders vorgestellt, als dich.“ Er grinste verlegen und Klara lachte.
„Die meisten Menschen haben eine völlig falsche Vorstellung von uns Hexen.“
„Das ist bestimmt nicht leicht für dich, oder?“
„Ich bin die erste, die man um Hilfe bittet, wenn eine Kuh krank wird, aber ich bin auch die erste, die man verbrennen will, wenn eine Kuh stirbt. So ist das bei uns Hexen nun mal“, zuckte sie gleichmütig mit den Schultern.
„Aber trotzdem hilfst du diesen Leuten, wenn du es kannst?“
„Natürlich. Nur die wenigsten Menschen sind wirklich dumm, oder bösartig, weißt du?“
„Da hatte ich vorhin im Dorf aber einen etwas anderen Eindruck, muss ich zugeben“, brummte Giesbert und Klara deutete lächelnd in Richtung einiger Bienen, die auf der Lichtung herumsummten.
„Siehst du die Bienen dort? Eine einzelne Biene ist vielleicht nicht gerade beeindruckend, oder sonderlich schlau, aber ein ganzer Schwarm von ihnen verhält sich sehr klug und vollbringt bewundernswerte Dinge.“
„Und was hat das mit den Menschen zu tun?“, wollte Giesbert verwundert wissen.
„Eigentlich gar nichts, denn bei denen ist es meistens genau umgekehrt“, lächelte Klara ironisch.
Der Ritter dachte einen Moment darüber nach und musste ihr zustimmen. Er glaubte nicht, dass an den Vorwürfen der Dorfbewohner etwas dran war und hätte Klara gern geholfen sie zu entkräften.
„Diese Anschuldigungen gegen dich, die stimmen doch nicht, oder?“, fragte er vorsichtig.
„Na ja, der Fluch-Fluch geht schon auf meine Kappe. Ich musste die wilde Meute ja schließlich irgendwie vertreiben, sonst hätten sie wahrscheinlich mein Haus angezündet.“
„Aber die Vorräte...“
„Nein, ich habe diese Vorräte natürlich nicht aus dem Dorf gestohlen.“ Klara schüttelte wütend ihren roten Schopf, aber da war noch etwas anderes, das sah Giesbert ihr an.
„Aber du weißt, wer es war, oder?“, schoss er ins blaue und Klara blickte unsicher auf ihre Knie.
„Ich habe ihnen gesagt, dass es Ärger geben wird, aber sie hatten doch keine andere Wahl“, flüsterte sie traurig zu sich selbst.
„Von wem redest du?“, fragte er verwirrt.
Die Hexe antwortete nicht, sondern hob den Blick und sah ihn durchdringend an. Plötzlich fröstelte Giesbert, aber gleichzeitig war da auch etwas warmes, etwas tastendes. Er erschrak, aber als sich ihre Blicke trafen, verstand er zu seiner eigenen Verwunderung, was hier gerade passierte. Die Hexe sah ihn nicht einfach nur an, sie... sah ihn. Machte sich ein Bild von ihm, um einen Entschluss fassen zu können. Genauso unvermittelt, wie es begonnen hatte, war es auch wieder vorbei. Noch während Giesbert überlegte, was sie wohl gesehen hatte, stand Klara auf. Sie hatte offenbar eine Entscheidung getroffen und nickte ihm entschlossen zu.
„Komm mit.“

 

 

4.

 

Giesbert schritt neben Klara durch den dichten Wald. Die Hexe war auf ihrem Weg schweigsam gewesen, aber nun zeigte sie auf einige Büsche, die wild vor einer Felswand wucherten und sagte:
„Hier ist es, wir sind da.“
„Meinst du nicht auch, es wäre besser, wenn du den Dorfältesten von diesem Fluch-Fluch befreien würdest, bevor du mir... was auch immer zeigst? Ich kann mir zwar vorstellen, dass so etwas enorm aufwändig ist und furchtbar viel Kraft erfordert, aber es wäre sicherlich ein gutes Signal und stimmt die Dorfbewohner wieder etwas friedlicher.“ Klara hob einen kleinen Zweig vom Boden auf, flüsterte ein einzelnes Wort und zerbrach ihn. Sie warf die beiden Hälften über ihre Schultern.
„Ist erledigt“, nickte sie.
„Irgendwie habe ich mir das mit der Magie immer etwas komplizierter vorgestellt“, kommentierte Giesbert mit hochgezogenen Brauen.
„Es tut mir wirklich schrecklich leid, dich da enttäuschen zu müssen, Giesbert“, grinste Klara, wurde dann aber sofort wieder ernst.
„Wir müssen hier rein.“ Sie schob das dichte Gestrüpp beiseite und der schmale Eingang einer Höhle wurde sichtbar. Klara schlüpfte hinein und Giesbert folgte ihr. Nach einigen Metern verbreiterte sich der Gang etwas und die Hexe zog eine kleine gläserne Kugel hervor, die ein sanftes Licht verströmte. Nach einigen Schritten blieb sie stehen. Giesbert trat neben sie und lauschte in die Dunkelheit. Ein eigenartiges Trippeln und Trappeln war zu hören und er ahnte Bewegung in der Finsternis. Eine ganze Menge Bewegung, sogar. Im nächsten Augenblick erlangte der Ritter zwei neue Erkenntnisse:
Erstens: Es war ein absolut unschönes Gefühl, wenn sich ungefähr fünfundzwanzig Speere auf einen richteten.
Zweitens: Die Tatsache, dass diese Speere sehr klein waren, machte das Ganze auch nur geringfügig besser.

Giesbert blickte überrascht auf die kleinen Gestalten, die aus den Schatten auftauchten und sich kampflustig vor ihnen aufbauten. Keiner von ihnen war größer als eine eine Handspanne. Eine... kleine Handspanne. Ihre drahtigen Körper steckten in Rüstungen aus braunem Leder und unter sehr hohen, kegelförmigen Helmen quoll struppiges schwarzes Haar hervor, das wild in alle Richtungen stand.

Klara hob beschwichtigend ihre Hände und einer der kleinen Krieger trat vor.
„Also, du bist uns natürlich jederzeit herzlich willkommen, Hexe, aber wer ist dieser Kerl da?“, verlangte der Wicht zu wissen. Er hatte einen langen Bart und schien der Anführer der kleinen Truppe zu sein.
„Das ist Giesbert. Er ist ein Freund und vielleicht kann er dir und deinen Leuten helfen, gnadenloser Gunther.“
Misstrauisch beäugte der Angesprochene den Ritter, nickte dann aber und umringt von den finster dreinblickenden Wichten wurden sie in eine geräumige Höhle geführt, in der sich noch mehr von den kleinen Gestalten aufhielten. Wesentlich mehr, sogar. Um ihn herum herrschte eine hektische Betriebsamkeit, als sich sich der Ritter mit großen Augen umsah. Jetzt erkannte er auch, dass etliche der Wichte verletzt waren. Viele Männer, Frauen und auch Kinder trugen Verbände. An den Rändern der Höhle lagen die, die es scheinbar noch schwerer erwischt hatte, auf improvisierten Lagern. Sie wurden von hektisch zwischen ihnen umher hetzenden Wichten versorgt und gepflegt.

„Klara, was ist das hier?“ Giesbert blickte sich ungläubig um und schluckte angesichts dieses Elends.
„Sie sind vor einigen Tagen plötzlich hier aufgetaucht. Ich suche in diesen Höhlen oft nach Pilzen, oder Flechten und bin dabei fast auf den gnadenlosen Gunther getreten. Er hat mir erzählt, dass ihre Stadt überfallen wurde und sie fliehen mussten. Ich habe getan, was ich konnte um ihnen zu helfen, aber du siehst ja selber, wie viele es sind. Deshalb musste sich auch eine Gruppe von ihnen ins Dorf schleichen und die Vorräte stehlen.“ Einige Wichte rollten Hühnereier zu einer dampfenden Kochstelle und eine große Gruppe wuchtete mit lautem „Hau ruck!“ einen der gestohlenen Mehlsäcke herum.

Der Anführer gab seinen Männern ein Zeichen und die Gruppe blieb stehen.
„Setzt euch, bitte“, sagte er müde und deutete mit einer weit ausholenden Geste auf den Boden. Klara ließ sich vorsichtig nieder, um nicht versehentlich einen der Wichte zu zerquetschen und Giesbert tat es ihr nach. Die kleinen Krieger setzte sich ebenfalls und beobachtete ihn weiterhin misstrauisch. Er hatte plötzlich das Gefühl etwas sagen zu müssen.
„Mein Name ist Giesbert und ich bin... so eine Art Ritter des Grafen. Eigentlich wurde ich ausgeschickt, um mich um eine diebische Hexe zu kümmern.“ Er blickte entschuldigend zu Klara.
„Können wir diesem Menschen wirklich trauen?“, wandte sich der Häuptling an sie.
„Er ist in Ordnung, Gunther, glaub mir“, beteuerte Klara und der Wichtel nickte mürrisch.
„Dein Wort reicht mir, denn wenn du nicht gewesen wärst hätten wir noch viel mehr unserer Brüder und Schwestern verloren.“
„Was ist euch denn passiert?“, ergriff nun Giesbert das Wort.
„Es begann schon vor einigen Wochen. Da tauchte plötzlich ein seltsamer Mensch in unserer Stadt auf und machte uns ein lächerliches und beleidigendes Angebot.“
„Was wollte er?“, runzelte Giesbert die Stirn.
„Er fragte uns, ob wir einige der Relikte unseres Stammesgründers, des harten Horsts, an ihn verkaufen würden.“
„Des harten...?“
„Der harte Horst war mein Ur-Ur-Ur-Urgroßvater und der Gründer unseres Stammes. Ein schändlicher Verrat zwang ihn damals aus seiner Heimat zu fliehen und sich in diesem Landstrich niederzulassen.“
„Was sind das denn für Relikte, von denen du da sprichst?“
„Er war der größte Krieger unseres Volkes, weißt du? Horst und seine wenigen Getreuen erforschten unweit von hier einige Höhlen und stießen dabei auf einen boshaften Drachen. Die Bestie griff sie an, aber mein Vorfahr besiegte das Monster in einem heldenhaften Kampf und gründete daraufhin unsere Stadt. Der Schädel der verdammten Echse liegt bis heute in unserer Schatzkammer und ist das größte Heiligtum meines Stammes.“
„Also habt ihr diesem Mann nichts verkauft?“, fragte Giesbert und versuchte sich vorzustellen, wie ein solcher Wicht einen Drachen besiegt haben könnte.
„Natürlich nicht! Dieser Drachenschädel ist unser Symbol dafür, dass auch ein kleiner Wicht die größten Taten vollbringen kann und es nichts auf der Welt gibt, wovor er sich fürchten müsste!“ Der gnadenlose Gunther warf sich in die Brust und die anderen Wichte nickten beifällig.
„Und was passierte dann?“
„Er zog laut fluchend und zeternd ab, aber vor wenigen Tagen tauchte er dann erneut auf. Diesmal hatte er... eine Armee dabei. Sie waren in der Überzahl und fielen gnadenlos über uns her. Wir haben zahllose von ihnen erschlagen, aber der Strom dieser teuflischen Streitmacht riss einfach nicht ab. Wir wurden überrannt und mussten hierher fliehen.“ Gunther und seine Leute blickten beschämt zu Boden. Die Erwähnung des Drachenschädels hatte Giesbert nachdenklich gemacht.
„Dieser Armee... das waren verzauberte Kaninchen, oder?“
„Ja, woher weißt du das?“ Der gnadenlose Gunther schaute argwöhnisch zu ihm hoch.
„Kaninchen?“ Klara blickte fragend in die Runde und auch Giesbert schämte sich jetzt ein wenig vor der Hexe, fuhr dann aber fort:
„Ja, ich hatte kürzlich auch mit ihnen zu tun. Ohne die Hilfe meiner Spiegelfee hätte ich keine Chance gegen sie gehabt. Der verrückte Kerl ist ein Zauberer namens Baalstett. Elli hat herausgefunden, dass er einen mächtigen Dämonen herbeirufen will und dafür fehlen ihm nur noch einige Drachenzähne. Ich muss diesen Wahnsinnigen unbedingt aufhalten.“
„Der Schädel liegt sicher verwahrt in unserer Schatzkammer, da kommt er nicht so schnell dran, aber wir sollten uns wohl besser beeilen.“
„Heißt das etwa, ihr werdet gemeinsam mit mir kämpfen?“
„Das fragst du noch? Wir sind die Nachfahren vom harten Horst! Natürlich werden wir kämpfen, das sind wir unserem Ahnen schuldig!“ Der gnadenlose Gunther stieß eine winzige Faust in die Luft und wildes Gebrüll erklang aus den Reihen seiner Leute. Er schritt daran entlang und wählte einige für eine Streitmacht aus.
„Kriegerischer Klaus, erbarmungsloser Erwin, unbesiegbarer Uwe, martialischer Matthias, niedermetzelnder Norbert, maskuliner Markus, berserkerhafter Bertram...“, so ging es noch eine ganze Weile weiter und Giesbert flüsterte Klara zu:
„Sag mal, diese seltsamen Namen und diese übertrieben großen Helme, das ist doch irgendwie...?“
„Das Wort, nach dem du suchst, lautet Kompensation, denke ich“, feixte die Hexe.
„Wirst du uns helfen?“, fragte Giesbert. Das Gebrüll verebbte langsam und Klara bemerkte, dass auch viele der kleinen Krieger sie erwartungsvoll ansahen. Die Hexe lächelte grimmig.
„Kämpfen wir!“
Erneut jubelten die Wichte. Unvermittelt ertönte plötzlich aus Giesberts Hosentasche ein helles Bimmeln.
„Was ist das für ein seltsames Geräusch?“, fragte der gnadenlose Gunther alarmiert. Giesbert atmete erleichtert auf und zog den Feenspiegel hervor.
„Ich glaube, unsere kleine Armee ist gerade noch weiter gewachsen.“

 

 

5.

 

 

Klara und Giesbert stiegen den Hügel hinauf, den der gnadenlose Gunther ihnen beschrieben hatte. Sie würden zuerst in die Höhlen der Wichte vordringen, während die kleingewachsenen Krieger durch ein weitverzweigtes Tunnelsystem kamen und ihren Angriff aus der entgegengesetzten Richtung starteten. Elli schien tatsächlich wieder wohlauf zu sein und Giesbert erzählte ihr auf dem Weg von den jüngsten Ereignissen.

„Du hast eine schrumpelige Hexe an mir herumzaubern lassen? Giesbert, das kann doch wohl nicht dein Ernst sein! Und wer bist du überhaupt?“, die aufgeregte Spiegelfee blickte fragend zu Klara.
„Das ist...“, wollte Giesbert sie einander vorstellen, aber Klara übernahm das lieber selbst.
„Ich bin die schrumpelige Hexe.“ Sie verbeugte sich lächelnd.
„....Klara. Sie hat übrigens dein Leben gerettet, Elli.“
„Oh, entschuldige, bitte. Und... vielen Dank, Klara.“ Elli lief rot an und blickte verschämt zu der Hexe auf.
„Giesbert hat mir erzählt, was du für ihn getan hast. Ganz schön mutig, muss ich sagen“, lobte die Hexe anerkennend.
„Ach, das war doch...“, winkte die Spiegelfee bescheiden ab.
„Gefählich. Das war es. Sehr gefährlich, sogar. Darf ich mal?“ Klara nahm Giesbert den Spiegel aus der Hand und fuhr mit dem Zeigefinger darüber.
„He, was machst du da?“, fragte Elli besorgt, aber plötzlich machte es leise „Pling“ und sie trug eine Halskette mit einem Anhänger in der Form eines Schildes. Noch während die Fee erfreut auf das Schmuckstück herunter sah, machte es erneut „Pling“ und in ihrer Hand erschien ein kurzes, blau schimmerndes Schwert.
„Schutzrunen, damit so etwas nicht nochmal passiert“, erklärte Klara und gab Giesbert den Spiegel zurück. Elli sprang wild umher und schwang begeistert ihre Waffe.
„Danke, Klara. Hu! Ha! Hi! Nimm das, du fieser Zauberer!“
„Wir sind gleich da. Hast du zufällig auch ein paar Schutzrunen für uns? Diese Kaninchen sind wirklich schreckliche Gegner.“
„Nicht direkt, aber ich habe...“ Im Dickicht vor ihnen knackte es. Starr vor Schreck sah er fünf ausgewachsene Wölfe auf den Pfad treten. Klara legte ihm beruhigend ihre Hand auf die Schulter.
„Ich dachte, wir könnten vielleicht Unterstützung brauchen.“ Sie ging in die Hocke und der größte Wolf lief schwanzwedelnd zu ihr. Sanft streichelte sie den Kopf des Tieres und Giesbert glaubte kurz einen blauen Schimmer zu sehen. Der Wolf leckte Klaras Hand und gesellte sich dann wieder zu seinen Artgenossen.
„Beeindruckend“, flüsterte Giesbert.

Der Ritter spähte angestrengt zum dunklen Eingang der Höhle, aber alles wirkte ruhig und friedlich.
„Nichts zu sehen“, sagte er nachdenklich. Elli betrat die wirren Wege der Welt und erschien Sekunden später wieder im Feenspiegel.
„Nichts zu sehen? Von wegen, Giesbert! Alles hier vibriert förmlich vor Magie. Da drinnen geht etwas gewaltiges vor sich.“
„Ja, ich spüre es auch.“ Klara schob die Ärmel ihres Kleides zurück und Giesbert sah deutlich die Gänsehaut auf ihren Unterarmen. Er schloss die Augen und atmete tief durch.

Die Wölfe bildeten die Vorhut. Giesbert sah sie mit gefletschten Zähnen in die Höhle springen und folgte ihnen eilig. Elli hob ihr kleines Schwert und tauchte mit einem grimmigen Gesichtsausdruck wieder in die wirren Wege ab. Klara zeichnete ein kompliziertes Muster in die Luft und stürmte ebenfalls los.

Die ersten dreißig Meter des dunklen Ganges hörte Giesbert nur das Schnüffeln und Knurren der Wölfe, aber als er eine von Fackeln beleuchtete Halle erreichte, sah er die Kaninchen. Die bösartigen Monster strömten aus mehren Löchern im Boden und gingen sofort zum Angriff über.

Die Wölfe stürzten sich furchtlos auf ihre Gegner. Einer von ihnen verbiss sich gerade in den pelzigen Nacken eines Feindes, als zwei weitere von hinten auf ihn sprangen und ihre Zähne tief in seinen Rücken schlugen. Giesbert versetzte einem heranstürmenden Kaninchen einen Tritt und es schlug hart gegen die Felswand, was dem Ritter Gelegenheit gab, dem verzweifelt kämpfenden Wolf beizustehen. Er packte beide Monster bei den Löffeln und warf sie in Richtung ihres Kameraden. Klara tauchte neben ihnen auf und hob beide Hände zur Decke. Kleine Felsbrocken fielen zu Boden, gefolgt von einer ganzer Ladung Geröll, das die kleinen Bestien unter sich begrub. Der Wolf kläffte dankbar und warf sich sofort den nächsten Feinden entgegen. Immer mehr von ihnen sprangen aus den Löchern. Giesbert und die Wölfe gerieten zunehmend in Bedrängnis. Er stach und schlug verzweifelt nach den kleinen Bestien, als ein wildes Johlen erklang und der gnadenlose Gunther mit seinen Männern aus einem Gang stürmte.

Elli starrte auf das Chaos von magischen Strömungen, die durch die Höhle waberten. Auf den wirren Wegen der Welt war alles völlig außer Kontrolle geraten. Sie versuchte die vielen bunten Pfade und Verbindungen zu durchschauen. Besonders bedrohlich erschienen ihr einige Zugänge im Boden, die über giftgrüne Blitze mit sehr starker Magie versorgt wurden.

Einer schnellen Handbewegung von Klara folgte ein kräftiger Windstoß und mehrere dämonische Kaninchen segelten durch die Luft. Sie landeten unsanft bei den anrückenden Wichten und sprangen sofort auf, um erneut anzugreifen. Zwei kleine Krieger, der hammerschwingende Harald und der mörderische Moritz, hechteten vor und machten ihren Namen alle Ehre. Auch die anderen Wichte stürzten sich nun mit lautem Gebrüll auf die Gegner. Klara verschaffte sich mit einem blauen Blitz etwas Luft und stimmte einen leisen Gesang an.
Gunther und seine Leute hieben mit ihren Waffen um sich und erledigten einen flauschigen Feind nach dem anderen. Er duckte sich unter dem Hieb eines Kaninchens weg und versenkte seine Axt im Schädel eines anderen, während der todesmutige Thorsten seine Keule schwang und ihm den Rücken frei hielt. Dennoch wurde die Lage immer bedrohlicher und es schienen für jedes erschlagene Kaninchenmonster zwei weitere aus dem Boden zu springen.

 

Besonders in einem hinteren Teil der Höhle schien eine furchtbar starke Magie zu wüten. Mit ihrem Schwert durchtrennte Elli die magischen Verbindungen zu den Bodenlöchern und unterbrach damit den Nachschub der Kaninchenmonster, aber es war bereits zu spät. Die Anzahl der Feinde war erdrückend.


Giesbert wurde von der langohrigen Übermacht in eine Ecke gedrängt und gerade als die Monster zum tödlichen Angriff ansetzten, hielten sie inne und hoppelten aufgeregt fiepend davon. Auch die Wichte waren plötzlich unterbeschäftigt und sahen irritiert zu, wie die teuflischen Kaninchen sich in der Mitte der Höhle sammelten.

Von Klaras Händen führten feine Lichtstrahlen zu einer riesigen Karotte, die geisterhaft in der Luft schwebte und die Kaninchenmonster, im wahrsten Sinne des Wortes, magisch anzuziehen schien. Die Hexe bewegte sich langsam auf Giesbert und die Wichte zu und auch die Wölfe zogen sich misstrauisch knurrend von dem unheimlichen Wurzelgemüse zurück.
Als sich alle Kaninchen gierig und schmatzend um die Karotte versammelt hatten, fing sie an bedrohlich zu pulsieren und glühte rot auf. Klara fuhr herum und sprintete los.
„Geht in Deckung!“, schrie sie und ihre Kampfgefährten ließen sich das nicht zwei mal sagen. Alle warfen sich flach auf den Boden und die Karotte explodierte in einem alles auslöschenden Feuerball, der die versammelten Kaninchenmonster wie Seifenblasen zerplatzen ließ.

Noch ganz außer Atem, erschien Elli wieder in ihrem Spiegel und rief aufgeregt:
„Da hinten geht etwas wirklich schlimmes vor sich!“
„Der verfluchte Zauberer ist schon in der Schatzkammer. Los, schnell!“, grollte der gnadenlose Gunther und jeder, egal ob Mensch, Fee, Wicht, oder Wolf, setzte sich entschlossen in Bewegung.

 

 

 

6.

Mit Schrecken mussten die Kämpfer feststellen, dass die Kaninchen sich mit bemerkenswerter Geschwindigkeit durch den massiven Fels gegraben hatten und eine großer Durchgang zur Schatzkammer entstanden war. Ein eiskalter und nach Schwefel stinkender Luftzug schlug ihnen daraus entgegen. Sie machten sich gerade bereit zum Angriff, als hinter ihnen kratzende Geräusche ertönten und sich eine neue Flut von blutgierigen Kaninchen aus der Höhlendecke ergoss.

„Männer, haltet diese verdammten Viecher auf, wir kümmern uns um den Verrückten in der Schatzkammer“, bellte der gnadenlose Gunther und die Wichte stürzten sich mit wildem Geschrei in die Schlacht. Einige von ihnen kletterten sogar schnell und behände auf die Rücken der Wölfe und jauchzten begeistert, als die Tiere mit gebleckten Zähnen dem Feind entgegen sprangen. Elli veschwand aus ihrem Spiegel und gefolgt vom gnadenlosen Gunther und der Hexe, rannte Giesbert durch das Loch in die Schatzkammer.

Elli verlor kurz die Orientierung, als sie den dunklen und schier endlos wirkenden Tunnel erblickte, der über dem Schatz der Wichte schwebte. Ein unheimlich pulsierendes Licht sickerte daraus hervor und die Spiegelfee spürte, dass sich etwas uraltes und böses hinter dieser Pforte regte. Eine so starke Magie hatte die Fee noch nie erlebt und um sie herum erzitterten die wirren Wege der Welt.

Fassungslos sahen sie sich um. Überall in dem großen Raum türmten sich Waffen, Rüstungen und Truhen der Wichte. In der Mitte, auf einem wahren Berg von Goldmünzen und Edelsteinen, thronte der mächtige Drachenschädel. Er war wirklich gewaltig, dieser Drache schien zu Lebzeiten weit größer, als Dagmar gewesen zu sein. Um ihn herum flimmerte die Luft und von seinem mächtigen Gebiss stoben grüne Funken. Über ihm schwebte, wie ein schwarzer Riss in der Wirklichkeit, ein stetig wachsender Schlund ins Nichts. Baalstett stand mit weit ausgebreiteten Armen davor und erfüllte den Raum mit seinem irren Kichern. Als er bemerkte, das jemand die Kammer betrat fuhr er herum und starrte Giesbert einen Moment lang hasserfüllt an.

Du schon wieder!“, kreischte er und die Schweinsäuglein quollen ihm hinter den dicken Brillengläsern fast aus dem kahlen Schädel.
„Baalstett, ergib dich und beende diesen Irrsinn hier“, forderte Giesbert ihn auf, aber der Zauberer brach nur in ein hysterisches Gelächter aus.
„Warum denn? Ich stehe so kurz vor meinem Durchbruch. Alle haben mich für verrückt gehalten, aber jetzt wird er kommen und dieses Land wird brennen! Brennen wird es! Aber, keine Sorge, für dich habe ich eine gute Nachricht: Du wirst es nicht mehr erleben!“

Elli erschrak, als die Magie noch weiter zunahm und sich veränderte. Ein Teil des wabernden Leuchtens wechselte die Richtung und bildete viele kleine Tentakel, die gierig nach Baalstett griffen und sich um seinen feisten Körper wickelten. Einige andere der schlangenartigen Auswüchse verharrten noch einen Augenblick lang bevor sie der Spiegelfee zischend entgegen peitschten.

Der gnadenlose Gunther fasste seine Axt fester und wollte gerade zum Angriff übergehen, als er erschrocken inne hielt. Baalstett krümmte sich mit einem furchtbaren Schrei zusammen und erzitterte, während sein Körper auf unheimliche Weise wuchs. Knochen streckten sich knirschend und Fleisch blähte sich schmatzend auf. Der Zauberer hob den Blick und Giesbert sah seine Brille zerbrechen, als sein Kopf wuchs und die Nase sich verbreiterte. Er riss den Mund auf und zwei handtellergroße Nagezähne schoben sich hervor. Sein Mantel riss mit einem ratschenden Geräusch, um dem Druck des zunehmend wachsenden Körpers nachzugeben. Auf der blassen Haut des Zauberers breitet sich ein brauner Flaum aus, der sich immer mehr zu einem seidigen Pelz verdichtete. Schwarze Krallen schoben sich aus den mittlerweile fellbedeckten Händen. Kräftige Pfoten verlangten nach mehr Raum und sprengten die albernen Pantoffeln, während Baalstetts Ohren sich nach oben schoben und von unsichtbaren Kräften in die Länge gezogen wurden. Brüllend richtete sich die hünenhafte Monstrosität auf und riss sich den zerfetzten Mantel vom muskulösen Körper, bevor sie sich mit einem mächtigem Sprung auf Giesbert stürzte.

Der Ritter reagierte nicht schnell genug und der wuchtige Körper des Kaninchen-Mutanten begrub ihn unter sich. Er schlug verzweifelt zu, aber seine Faust versank wirkungslos im flauschigem Fell des Ungeheuers. Klara griff mit einem Blitzstrahl an, aber ihr Zauber zeigte keinerlei Wirkung und verpuffte wirkungslos. Geifer tropfte von den gewaltigen Zähnen, als die Bestie ihr Maul aufriss um sich in Giesberts Kehle zu verbeißen. Verzweifelt wehrte sich der Ritter gegen den Griff des Monsters.

Elli wehrte einige der Tentakel mit ihrem Schwert ab und musste immer wieder weiteren Fangarmen ausweichen, die versuchten sie zu packen. Sie kämpfte sich zu denen vor, die zu Baalstett führten und säbelte hektisch daran herum. Kurz bevor sie das Bündel endgültig durchtrennt hatte, wickelte sich ein dicker Strang finsterer Magie um ihren Knöchel und riss sie brutal in Richtung des Tores. Elli schrie auf und stemmte sich verzweifelt dagegen, als plötzlich der Anhänger ihrer Halskette hell aufleuchtete. Der Griff des Tentakels lockerte sich und im nächsten Moment verglühte es im blauen Licht der Schutzrune. Elli hob ihr Schwert hoch über den Kopf und schlug mit aller Kraft zu.

Baalstetts Kräfte schienen zu erlahmen und endlich gelang es Giesbert ihm ein Knie in eine sehr empfindliche Stelle zu rammen. Die Bestie heulte auf und ihr Griff lockerte sich. Der Ritter hämmerte seine Stirn auf Baalstetts zuckende Kaninchennase und stieß ihn dann mit beiden Beinen von sich. Der mutierte Zauberer rappelte sich sofort wieder auf, aber bevor er sich erneut auf Giesbert stürzen konnte, griff der gnadenlose Gunther an. Mit einem zornigen Aufschrei versuchte die Bestie den heranstürmenden Wicht zu zertreten, aber der sprang geschickt zur Seite und ließ seine Axt mit voller Wucht niedersausen. Baalstett schrie auf und umklammerte seine Pfote. Auf einem Bein hüpfte er heulend im Kreis herum und Giesbert sprang auf. Er versetzte dem Monster einen kräftigen Stoß, der Baalstett auf das magische Tor zutaumeln ließ, das inzwischen fast bis zum Boden der Schatzkammer reichte . Er strauchelte einen Moment und hatte schon fast sein Gleichgewicht wiedererlangt, als Klara ihm einen weiteren Blitz in die fassförmige Brust jagte. Der Zauberer verlor endgültig den Halt, und verschwand schreiend in der düsteren Unendlichkeit des Höllenschlundes.

Elli sah Baalstett in den unergründlichen Tiefen des höllischen Tores verschwinden und hörte ein tiefes Brüllen, das sehr schnell näher kam. Was auch immer sich dort in diesem Tunnel befand, es war jetzt auf dem direkten Weg zu ihnen.

„Giesbert, wir müssen hier weg, da kommt etwas durch das Tor!“, schrie Elli und jetzt konnte Giesbert ein tiefes Grollen hören und spürte, wie der Boden erbebte. Es war zu spät, es gab kein Entkommen mehr. Mit einem waghalsigen Sprung warf er sich zur Seite und riss Klara mit sich. Im Augenwinkel sah er, wie Gunther sich fest in eine Wandnische presste. Es war wie ein Erdrutsch. Mit lautem Donner schoss etwas unvorstellbar großes aus dem Tor und rollte über sie hinweg. Gewaltige Kräfte bahnten sich ihren Weg in diese Welt und ein Schrei, wie aus zehntausend Kehlen hallte in der Höhle wider, bevor plötzlich absolute Stille einkehrte. Giesbert und Klara hoben vorsichtig die Köpfe. Das unheimliche Tor war verschwunden und die Kammer wirkte, als wäre nie etwas passiert. Der gnadenlose Gunther stemmte sich fluchend aus seiner Deckung.
„Was war das denn, verdammt nochmal?“, fragte er.
„Das war der Dämon, glaube ich“, antwortete Klara zitternd.
„Wo ist er hin?“ Giesbert sah sich erschrocken um.
„Es wird eine ganze Weile dauern, bis er sich von der Reise in unsere Welt erholt hat, aber dann werden wir bestimmt von ihm hören, da bin ich ganz sicher“, prophezeite die Hexe düster.

 

 

 

7.

Die Wichte veranstalteten eine ausgiebige Siegesfeier. Sie lachten, lärmten und tanzten, als gäbe es kein morgen und das Bier floss in Strömen. Klara und Elli hatten sich scheinbar viel zu erzählen und Giesbert hatte sich mit Gunther in die Schatzkammer zurückgezogen um dem wilden Treiben für eine Weile zu entkommen und etwas Ruhe zu finden. Sie blickten schweigend und in Gedanken versunken auf den prächtigen Drachenschädel, aber eine bestimmte Frage brannte dem Ritter schon eine ganze Weile auf den Nägeln.

Und dein Vorfahre hat wirklich diesen Drachen getötet? Ich meine... also... das ist ein wahrhaftig großer Drache gewesen.“ Giesbert befürchtete einen lauten Wutausbruch des Wichtes, aber zu seiner Überraschung hob der gnadenlose Gunther nur gleichmütig die Schultern und lächelte ihn freundlich an.
Wer weiß das schon? Ich kann mir jedenfalls beim besten Willen nicht vorstellen, wie er das bewerkstelligt haben sollte. Es ist doch auch völlig unwichtig.“
Unwichtig? Aber du sagst doch ständig, dass...“, setzt der verwirrte Ritter an.
Giesbert, ob mein Urahn diesen Drachen nun wirklich erschlagen hat, oder nicht, spielt überhaupt keine Rolle.“ Gunther legte den Kopf schief und strich sich durch den langen Bart.
Tut es nicht?“
Nein. Horst und seine Leute wurden verraten, verspottet, angespuckt und aus ihrem Königreich verbannt. Sie verloren ihre Ehre, ihre Heimat und vor allem den Glauben an sich selbst. Kannst du die vorstellen, wie sich das angefühlt hat? Wenn du mich fragst, ist dieser Drache schon hundert Jahre zuvor friedlich an Altersschwäche gestorben und Horst hat seine Überreste lediglich zufällig gefunden.“
Aber dann ist die ganze Geschichte nur eine... Legende?“, fragte Giesbert.
Eine Legende, ganz genau. Sie hat dem Stamm neuen Mut gebracht, ihn mit Stolz erfüllt und den Leuten etwas gegeben woran sie sich in diesen schweren Zeiten festhalten konnten, verstehst du Giesbert?“
Ja, ich denke schon.“ Giesbert nickte und dachte daran, wie todesverachtend und tapfer diese Wichte kämpften.

Klara betrat die Höhle und stieg dabei behutsam über einige der kleinen Krieger, die eine ausgelassene Polonäse durch die Höhle veranstalteten. Sie ließ sich neben Giesbert nieder. Gunther blickte mit schlecht gespielter Verdrossenheit in seinen leeren Bierkrug und erhob sich,
Ich werde mich mal wieder unter meine Leute mischen. Ach, und ehe ich es vergesse: Gut gekämpft!“ Der Wicht boxte Giesbert freundschaftlich an den Stiefel und verbeugte sich tief vor Klara. Der Ritter und die Hexe sahen dem Wicht lächelnd nach und tatsächlich machte sie sein Lob ein wenig stolz. Sie saßen still nebeneinander, aber schließlich ergriff Klara etwas schüchtern das Wort.

Elli unterhält Gunthers Leute mit Zauberkunststücken und hat eine Menge Spaß dabei, glaube ich.“
Das kann ich mir gut vorstellen“, lachte er.
Ich möchte dir gern etwas schenken, Giesbert“, sagte Klara und hielt ihm eine Spielkarte entgegen.
Was ist das?“, fragte der Ritter überrascht.
Eine Karte vom glückbringenden Stapel. Es ist ein alter Hexenglaube. Man zieht eine Karte und verschenkt sie dann an jemanden zu dem sie passt und sie bringt ihm Glück. Diese hier habe ich gezogen, kurz bevor wir uns begegneten.“
Giesbert betrachtete die Karte und sah einen lächelnden Krieger in einer abgewetzten Rüstung.
Das ist Brahn, der lachende Krieger. Er symbolisiert den Mut und die Aufrichtigkeit eines wahren Ritters.“
Aber ich bin doch gar kein... wahrscheinlich steht mir diese Karte gar nicht zu.“
Doch, das tut sie. Steck sie einfach ein. Möchtest du es auch mal versuchen?“ aufmunternd hielt ihm Klara die Karten entgegen. Er schob seine eigene behutsam in die Hosentasche und zog eine weitere aus dem Stapel.
Wer ist das?“, fragte Giesbert verdutzt und zeigte Klara die Karte. Auf ihr war eine sehr seltsame Gestalt abgebildet. Sie trug zerrissene Kleidung, hatte buntes Haar, das wild in alle Richtungen stand und grinste den Betrachter mit weit aufgerissenen Augen an. In der einen Hand hielt sie eine Laute, in der anderen einen Pflasterstein.
Diese Karte ist sehr selten. Sie zeigt einen Schutzpatron der Gaukler und Spielleute. Er steht für Lebensfreude und Freiheit, aber auch für Rebellion und Aufruhr. Sein Name ist Pank, soweit ich mich erinnere. Kennst du jemanden, zu dem diese Karte passt?“ Giesbert überlegte und Johann fiel ihm ein.
Ja, ich kenne einen Stallburschen, der bald mit seiner Kapelle beim Burgfest auftreten wird. Ein bisschen Glück kann er sicherlich gut gebrauchen“, antwortete Giesbert erfreut.
Ein Burgfest?“, fragte Klara interssiert.
Das wird bestimmt toll, vielleicht möchtest du ja gemeinsam mit mir dort hingehen?“ Giesbert zuckte zusammen, als seine eigenen Worte seine Ohren erreichten und wurde etwas rot.
Das würde ich wirklich sehr gern, Giesbert.“ Klara stand auf hielt ihm ihre Hand entgegen. Der Ritter ergriff sie und glücklich lächelnd schlenderten die beiden wieder zu den feiernden Wichten.

Als sie die Höhle betraten, stand der gnadenlose Gunther mit einer Gruppe von Kriegern etwas abseits des Getümmels und winkte sie zu sich.
Was denkst du, Hexe, hat es dieser Dämon es wirklich in diese Welt geschafft?“, fragte er.
Ich gehe davon aus, aber wer weiß schon, wann er sich zeigen wird?“, antwortete Klara besorgt.
Dann ist es wohl das Beste, wir bleiben noch eine Weile zusammen, oder?“ Gunther ballte entschlossen die kleinen Fäuste.
Heißt das, ihr möchtet mich auf die Burg meines Onkels begleiten?“, wollte Giesbert verwundert und erfreut zugleich wissen.
Weißt du, ich wollte mir ohnehin schon immer mal die große Menschenstadt ansehen. Und, davon abgesehen, sollte dieser Dämon tatsächlich auftauchen und es auf einen ordentlichen Kampf anlegen, wollen wir ihn doch wohl nicht enttäuschen, was Männer?“
Natürlich war ein lautes und siegesgewisses Gebrüll die Antwort.

 

 

Dritter Teil: Besorgte Bürger

 

 

  1.  

     

     

    Noch gegensätzlicher hätte es nun wirklich kaum sein können. Giesbert saß reglos auf dem, vermutlich mit voller Absicht, höchst unbequem gehaltenen Besucherstuhl in Onkel Hilmars Arbeitszimmer, während der Graf unablässig hinter seinem Schreibtisch hin und her lief und dabei wild gestikulierend mit den Händen herumfuchtelte. Ununterbrochen brüllte er lange Fragen und unterbrach Giesbert ständig bei dessen kurzen und leisen Antworten.

    „Giesbert, warum berichtete mir ein Förster aus dem Wald der tausend Schrecken, er habe ein deutliches Schnarchen aus der Höhle dieses Drachen gehört, den du angeblich vor kurzem erschlagen hast?“
    „Also, das war so, Onkel Hilmar, wir mussten...“
    „Und warum, um Himmels Willen, ist der Gutshof des betreffenden Beschwerdeführers noch in der selben Nacht restlos abgebrannt und sein Besitzer wie vom Erdboden verschluckt?“
    „Die ganze Sache hat sich als...“
    „Wenn das nur schon das Schlimmste wäre! Könntest du mir mal bitte erklären, warum in meiner schönen Burg neuerdings eine Hexe wohnt? Eine richtige Hexe, das muss man sich mal vorstellen! Die Wachen tuscheln schon hinter meinem Rücken und die Putzfrau traut sich kaum noch in den Westflügel, das kann doch wohl nicht wahr sein!“
    „Ich weiß wirklich nicht...“
    „Du brauchst mir gar nichts zu erzählen. Ich habe dich heute Morgen selber dabei beobachtet, wie du dich kurz vor Sonnenaufgang aus ihrer Kammer geschlichen hast!“
    „Es ist halt so, dass Klara und ich...“
    „Das interessiert mich doch überhaupt nicht! Es geht ja nicht nur um irgendwelche zaubernden Weiber, die du hier anschleppst, sondern darum, dass du scheinbar eine ganz allgemeine Vorliebe für höchst zweifelhafte Gäste hast!“
    „Ich weiß wirklich nicht, was du...“
    „Du brauchst gar nicht erst so unschuldig zu tun! Einen der Köche hätte in der letzten Nacht fast der Schlag getroffen, als er im Keller eine Gruppe von Wichten dabei ertappte, wie sie ein komplettes Bierfass entwendeten!“
    „Wie kommst du denn auf die Idee, dass ich...“
    „Wie ich darauf komme? Als die kleinen Halunken das Fass mit wildem Gegröle an ihm vorbeirollten, hat einer von denen zu dem Koch gesagt, er müsse sich keine Sorgen machen, das ginge schon in Ordnung, denn sie seien gute Kumpels von dir!“
    „Ich kann das erklär...“
    „Das kann ich mir vorstellen! Von dem Burgfest in der letzten Woche will ich erst gar nicht anfangen! Wie nennt sich diese schreckliche Kapelle noch mal?“
    „Sie heißen...“
    „Ach, ja, die unflätigen Armbrüste! Was ist denn das bitte für ein bescheuerter Name? Und wie sich die Leute dort benommen haben, war einfach nicht zu fassen. Inzwischen haben einige von denen sogar ein leerstehendes Haus am Hafen besetzt. Man kann auch gar nicht mehr zum Marktplatz gehen, ohne dort angesprochen zu werden, ob man mal eine Dukate übrig hat. Das ist doch wohl die Höhe!“
    „Ich habe Johann doch lediglich geraten...“
    „Das spielt scheinbar ohnehin keine Rolle, denn mein feiner Herr Neffe muss ja nicht mal persönlich anwesend sein, damit seltsame Dinge passieren!“
    „Was meinst du denn jetzt....“
    „Als du wegen dieser Hexe unterwegs warst, fingen plötzlich überall Tiere an unruhig zu werden. Hunde bellten, Katzen fauchten und selbst die Ratten huschten panisch durch die Straßen der Stadt. Einige Hühner sind sogar tot von ihren Stangen gefallen, stell dir das mal vor!“
    „Ich denke, dass war als der...“
    „Ach, das ist doch Unsinn, Giesbert, wie oft soll ich dir noch sagen, dass...“

    Unvermittelt wurde Hilmar seinerseits mitten in seinem cholerischen Redeschwall unterbrochen, als es plötzlich eindringlich an der Bürotür klopfte. Er öffnete sie fahrig und Helmut, sein Sekretär, streckte den sorgfältig gescheitelten Kopf hinein und flüsterte aufgeregt in die gräflichen Ohren. Man konnte selbst im schwachen Licht der flackernden Kerzen sehen, wie Hilmars Gesicht an Farbe verlor und sich seine Züge verhärteten. Als Helmut verstummte, raunte der Graf einige harsche Anweisungen und die Tür wurde wieder geschlossen.
    „Was ist denn los?“, fragte Giesbert besorgt.
    „Da draußen geht etwas beunruhigendes vor sich, aber ausnahmsweise scheint es nicht auf deinem Mist gewachsen zu sein.“
    „Kann ich etwas tun?“
    „Ach was, hier geht es um Politik, davon verstehst du nichts. Du brauchst dich nicht darum zu kümmern und kannst jetzt gehen.“

    Auch hier waren Graf und Ritter wieder sehr gegensätzlicher Meinung. Giesbert erhob sich um das Arbeitszimmer seines Onkels zu verlassen und musste daran denken, was Klara heute morgen zu ihm gesagt hatte:
    „Wir müssen ganz besonders aufmerksam sein, Giesbert. Niemand kann sagen, wann und wie dieser Dämon zuschlagen wird.“

 

 

  1.  

 

 

Giesbert spürte eine Art beunruhigter Neugier, oder neugieriger Beunruhigung und lief schnell durch die weiten Flure der Burg. Er verstaute den Feenspiegel in seiner Hemdtasche und klopfte danach an Klaras Tür. In der einsetzenden Dämmerung folgten ihnen lange Schatten. als sie durch das Burgtor traten. Verwundert blickten sie auf eine Gruppe von mindestens drei dutzend Bürgern, die auf dem Vorplatz standen und wild durcheinander riefen. Hier und da war die Flagge des Landes, oder das Wimpel der Grafschaft zu erkennen. Die Leute sahen völlig normal aus, jedenfalls wenn man mal davon absah, dass sie alle kleine Kochtöpfe, Blechschüsseln, oder auch Hundenäpfe auf ihren Köpfen trugen. Giesbert und Klara schauten sich das befremdliche Schauspiel eine Weile an und gingen schließlich zu einem Mann, der sich einen kleinen verbeulten Blecheimer auf den Kopf gestzt hatte.

„Entschuldige bitte, aber was treibt ihr hier eigentlich?“, erkundigte sich Giesbert auffallend beiläufig.
„Wir haben die Nase voll und lehnen uns auf!“, antwortete der Mann und machte ein furchtbar wichtiges Gesicht.
„Und wogegen lehnt ihr euch auf?“ Klara blickte sich unbehaglich um.
„Natürlich gegen die Herrschenden! Die wollen uns nämlich unterdrücken indem sie unsere Gedanken kontrollieren.“
„Also, mein Onkel ist doch eigentlich...“, versuchte Giesbert eine Frage zu stellen, aber Klara brachte ihn mit einem warnenden Blick zum schweigen und fragte stattdessen:
„Ihr lehnt euch also gegen den Grafen auf?“
„Ach was, du hast ja überhaupt keine Ahnung. Der Graf beherrscht uns doch in Wirklichkeit gar nicht, sondern ist nur eine Marionette der wirklich Mächtigen.“
„Wer soll das denn sein?“, wunderte sich Giesbert.
„Du bist wohl nicht gerade der hellste, was? Schon klar, große Klappe, aber völlig uninformiert! Die wirklich Mächtigen sind die wahren Herrscher dieser Welt. Sie kontrollieren einfach alles! Die wirklich Mächtigen sind natürlich so dermaßen mächtig, dass man sie nicht erkennen kann und niemand von ihnen weiß.“ Belehrte ihn der Kerl mit dem ulkigen Eimer auf dem Kopf.
„Aber trotzdem weißt du, das es diese... wirklich Mächtigen gibt?“ Die herablassende Art des Mannes verärgerte Giesbert.
„Natürlich, da muss man doch einfach mal seine Augen aufmachen, dann erkennt man die ganzen Zusammenhänge.“
„Obwohl diese wirklich Mächtigen so... mächtig sind?“ Klara lächelte gezwungen.
„Das ist ja gerade der Trick bei der Sache! Sie wiegen uns einfache Leute in Sicherheit und sind so streng geheim, dass sich kaum jemand Gedanken über sie macht.“
„Dafür, dass sich kaum jemand Gedanken über sie macht und sie so schrecklich geheim sind, stehen hier aber eine ganze Menge Leute“, bemerkte Giesbert und wies auf die anderen Gestalten.
„Selbstverständlich, dass ist doch klar. Immer mehr Leute erkennen die Wahrheit und begreifen endlich, dass sie kontrolliert und unterdrückt werden von diesen streng geheimen und unglaublich mächtigen Mistkerlen!“

Klara spürte ein unangenehmes Kribbeln auf der Haut. Irgendetwas gefährliches lag hier in der Luft, wenn sie sich nicht täuschte. Um sich zu vergewissern wandte sie sich kurz ab, als müsste sie niesen und flüsterte eine kurze Zauberformel. Der Spruch des kalten Morgens konnte eine Hexe auf bösartige Magie hinweisen indem er ihren Atem gefrieren ließ, wie an einem frostigen Wintertag. Klara sog die warme Frühlingsluft ein und war nicht überrascht, als sie ein weißes Wölkchen ausatmete.

„Sag mal, warum tragt ihr eigentlich diese... originellen Kopfbedeckungen?“ Giesbert hatte genug von diesen wirklich Mächtigen gehört und versuchte nun das Thema zu wechseln.
„Das sind Eisenhüte, die sind furchtbar wichtig. Du solltest auch einen tragen, wenn dir deine Freiheit lieb ist. Das Metall isoliert deinen Kopf und schützt vor der der Beeinflussung durch die magischen Stahlen mit denen sie uns kontrollieren wollen.“
„Aber... warum sollte euch denn jemand mit... magischen Strahlen kontrollieren wollen?“, stöhnte Giesbert auf.
„Dich haben die wirklich Mächtigen ja scheinbar noch voll im Griff, du solltest dir wirklich schleunigst einen Eisenhut zulegen. Denk doch mal nach. Natürlich wollen sie uns kontrollieren, um uns davon abzuhalten uns aufzulehnen.“
„Interessant, aber genau das tut ihr doch gerade, oder nicht? Ihr lehnt euch auf... gegen was auch immer.“
„Siehst du, das ist der unumstößliche Beweis dafür, das die Eisenhüte tatsächlich funktionieren und alles was ich sage wahr ist!“
„Das ist doch unlogisch. Auf die Idee euch solche Hüte aufzusetzen musstet ihr schließlich erst einmal kommen. Wenn ihr doch von solchen Strahlen kontrolliert worden seid, liegt es doch wohl nahe, dass...“
„Na, bitte, jetzt begreifst du es so langsam, was? Natürlich ist das unlogisch. Das geht ja gar nicht anders.“
„Ich frage wirklich ungern, aber... warum?“
„Weil die Logik nur eine Erfindung der wirklich Mächtigen ist, natürlich. Sie wollen uns das einreden um...“
„Uns zu kontrollieren, vielleicht?“, unterbrach Giesbert den Kerl genervt.
„Ganz genau, ist doch wohl ganz logisch, oder?“, nickte er überzeugt.

Elli hatte das Gespräch mit zunehmendem Unglauben verfolgt und verschwand nun aus ihrem Spiegel. Kaum war sie in die wirren Wege der Welt abgetaucht, fielen ihr unheimliche Veränderungen auf. Eine Art dunkler Nebel lag über den Köpfen der Menschen. Bei manchen war er nur schemenhaft zu erkennen, bei anderen wiederum, hatte er sich bereits zu einer schwarzen Masse verdichtet. Dieser Nebel schien feine Fäden und sogar dicke Stränge zu bilden, die alle Teilnehmer der Versammlung miteinander verbanden.
Die Spiegelfee näherte sich neugierig einigen dieser Gespinste und besah sie sich genauer. Diese Dinger waren offenbar so etwas wie Leitungen, sie schienen etwas zu transportieren. Die Fee zückte ihr kleines Schwert und versuchte einige der Stränge zu durchtrennen. Es war, als wolle man Wasser zerschneiden und die Klinge glitt völlig wirkungslos hindurch. Vorsichtig berührte Elli einen der Auswüchse mit ihrer Hand und zog sie erschrocken wieder zurück, als hätte sie eine heiße Ofenklappe angefasst. Der Schild-Anhänger ihrer Halskette leuchtete hell auf. Bei diesen nebligen Verbindungen handelte es sich wirklich um Leitungen. Sie transportierten Gefühle. Sehr schlimme Gefühle. Die Menschen hier waren tatsächlich miteinander verbunden. Ihre Gedanken waren...vernetzt.

Elli verließ die wirren Wege mit einem unguten Gefühl und aus dem Hemd des Ritters erklang das vertraute Bimmeln, als die Fee in die echte Welt zurückkehrte.
„Giesbert, hier stimmt etwas ganz und gar nicht, wir sollten uns erst mal...“, meldete sie sich zurück, wurde aber von einer jungen Frau mit Eisenhut unterbrochen.
„Das ist doch einer von diesen Feenspiegeln, oder? Kein Wunder, dass die wirklich Mächtigen so große Macht über dich haben.“
„Was hast du denn für ein Problem mit mir?“, fragte Elli gereizt.
„Ja, das wüsste ich allerdings auch gern“, stand Klara ihr zur Seite, auch wenn sie sich schon denken konnte, was jetzt kam.
„Mit so einem Spiegel haben die wirklich Mächtigen natürlich einen noch viel größeren Einfluss auf dich. Sie manipulieren mit solchen Feen deine Gedanken und können dir problemlos ihre Lügen in den Kopf pflanzen.“
„Hey, was ist denn das für ein Schwachsinn, jetzt mach aber mal halblang!“, schimpfte Elli zornig.
„Siehst du, das ist doch wohl der beste Beweis! Lügenspiegel! Lügenspiegel!“

Viele der umstehenden Eisenhut-Träger drehten sich nun interessiert zu ihnen um und musterten die Hexe und den Ritter argwöhnisch. In einigen der Blicke lag eine so dermaßen unverhohlene Feindseligkeit, dass Klara und Giesbert erschraken.
„Elli hat recht und wir gehen jetzt besser schnell zurück in die Burg.“ Klara drehte sich um und zog Giesbert sanft in Richtung des Tores.

 

 

 

 

 

  1.  

    In Giesberts Schlafkammer trafen sie sich mit den Wichten zur Lagebesprechung. Auf dem Weg durch die Burg waren ihnen viele Wachen entgegengekommen, die den immer weiter wachsenden Menschenauflauf vor dem Tor auflösen sollten.

    „Moment mal, ihr glaubt jemand kontrolliert und beeinflusst die Leute indem er sie denken lässt, sie würden... kontrolliert und beeinflusst?“ Der gnadenlose Gunther schaute ungläubig in die Runde.
    „Nach dem, was wir vor der Burg erlebt haben und Elli auf den wirren Wegen der Welt gesehen hat, scheint es so zu sein, ja.“
    „Aber das ergibt doch überhaupt keinen Sinn.“ Der Wicht hob ratlos die Schultern.
    „Du hättest das mal hören sollen, Gunther. Mit Sinn hat das alles absolut nichts zu tun, glaub mir.“
    „Ich weiß nicht so recht...“, sagte Klara nachdenklich.
    „Was weißt du nicht, Hexe?“
    „Für einen Dämon ergibt das vielleicht durchaus Sinn.“
    „Denkst du er ist dafür verantwortlich? Ist es der Dämon, der das mit den Leuten macht? Glaubst du, dies ist seine Art... zu kämpfen?“ Gunther blickte Klara finster an.
    „Wir wissen noch nicht genug darüber, was da draußen vor sich geht, aber Elli sieht sich gerade auf den wirren Wegen um und kundschaftet die Lage aus.“
    „Ich finde, das klingt alles sehr beunruhigend“, meinte Gunther und die anderen Wichte nickten.
    „Wer weiß, vielleicht war das da vor dem Tor lediglich ein Einzelfall und in Wahrheit ist alles nur halb so schlimm.“, versuchte Giesbert die anderen aufzumuntern, als Ellis hübsches Gesicht im Feenspiegel erschien. Aufgeregt rief sie:
    „Das da vor dem Tor war erst der Anfang, in Wahrheit ist es noch viel schlimmer, Leute!“ Soviel also dazu.
    „Was hast du gesehen, Elli?“, fragte Klara gespannt.
    „Dieser Irrsinn greift um sich und überall in der Stadt scheinen die Leute durchzudrehen und reden komisches Zeug. Die Quelle war nicht zu finden, aber ich glaube, es kommt durch die Kanalisation. Das seltsame Nebelgeflecht breitet sich immer weiter aus. Vor dem Turnierplatz ist es gerade am dichtesten.“
    „Wir müssen dort hin und uns das ansehen, vielleicht finden wir heraus, woher es kommt und was man dagegen tun kann“, beschloss Giesbert nach kurzem Zögern und Klara nickte. Der gnadenlose Gunther überlegte noch einen Moment, bevor er aufstand und das Wort an die übrigen Wichte richtete.
    „Wir sollten uns lieber nicht auf der Straße blicken lassen und nehmen direkt den Weg durch die Kanalisation, was Männer?“ Die kleinen Krieger wechselten wenig begeisterte Blicke. Ihr gewohnt entschlossenes Johlen blieb aus, aber Gunther wusste ganz genau, wie er seine Leute motivieren konnte.
    „Männer, ich bin entsetzt! Unser Vorfahre, der harte Horst, hat in einem ehrlichen Kampf, Wicht gegen Bestie, einen waschechten Drachen besiegt! Da werdet ihr doch wohl jetzt nicht kneifen, nur weil es mal gilt durch ein bisschen Schmutzwasser zu stiefeln!“ Die Kämpfer erröteten beschämt, strafften sich dann aber und antworteten ihrem Anführer mit einem furchterregendem Gebrüll.

    Vor der Arena drängten sich so viele Leute, man hätte glauben können, das Finale der ersten Ritterliga stünde in dieser Nacht bevor. Die Menge scharrte sich um ein schnell zurechtgezimmertes Rednerpult, von dem aus ein Mann mit einem schlecht sitzenden Anzug und strähnigen Haaren, eine flammende Ansprache hielt. Er brüllte dermaßen laut, dass Giesbert und Klara auch etwas abseits der Menge noch alles bestens verstehen konnten.
    „… so ist es doch, liebe Mitbürger, oder etwa nicht? Ihr, die ehrlichen und fleißigen Arbeiter, wisst oft nicht, wie ihr eure Familien ernähren sollt, während die verdammten Nybier hier auf eure Kosten ein schönes Leben genießen!“ Schrie der ungepflegte Kerl fanatisch und wedelte dabei hektisch mit den Armen. Viele seiner Zuschauer pflichteten ihm begeistert bei und klatschten Beifall. Giesbert erkannte den Redner und war irritiert.
    „Das ist der verrückte Edmund, ein ehemaliger Lehrer. Er hat schon vor Jahren angefangen zu trinken und steht hier oft herum. Er schwingt häufig dumme Reden, um gegen die Nybier zu hetzen, die hier seit einiger Zeit leben. Gewöhnlich beachtet ihn kaum jemand, die Leute lachen ihn meistens nur aus.“ Diesmal lachte niemand, ganz im Gegenteil sogar. Mit ernsten Gesichtern hingen die Zuschauer an seinen Lippen, nickten und applaudierten. Viele von ihnen trugen die Giesbert und Klara bereits bekannten Eisenhüte.
    „Habt ihr euch denn noch nie gefragt, warum die Nybier so dunkle Haut haben? Mal ganz davon abgesehen, dass so etwas absolut widernatürlich ist, können sie damit natürlich bei ihren Verbrechen in der Dunkelheit nicht gesehen werden!“
    „Genau... Habe ich ja schon immer gewusst... Endlich sagt es mal einer“, kamen die Antworten aus der Menge.
    „Zum Beispiel, wenn sie unschuldige Frauen überfallen, ihnen Gewalt antun und sie schließlich davon überzeugen sie zu heiraten, so dass für euch keine Frauen mehr übrig bleiben!“
    „Kein Wunder, dass ich keine abkriege! Verdammte Nybier!“, bellte ein dicker Kerl mit einem großen Bierkrug in der Hand.
    „Und das ist ja noch lange nicht alles! Sie sind so furchtbar faul, dass sie sich nicht mal eine eigene Arbeit suchen, sondern gleich eure nehmen. Sie sind sogar so dermaßen faul, dass sie gleich zwei Arbeiten nehmen und für euch nichts mehr zu tun bleibt. Ich sage es klipp und klar, diese Nybier sind einfach so verkommen und bösartig! Da ist es natürlich kein Wunder, dass die wirklich Mächtigen immer mehr von ihnen in unser Land holen, um uns noch besser kontrollieren und unterdrücken zu können! Das ist die reine Wahrheit, meine lieben Freunde!“ Das Publikum des Verrückten jubelte frenetisch und hasserfüllte Rufe schallten über den Platz.
    „Diesen Unsinn können die Leute doch nicht wirklich glauben, oder?“
    „Scheinbar doch, sieh dich doch mal um, Giesbert. Das hier ist wie eine pechgetränkte Scheune. Nur ein kleiner Funke würde ausreichen um allles in Flammen aufgehen zu lassen.“
    „Was sollte das denn für ein Funke sein?“, wollte Giesbert wissen.
    Klara konnte die Frage des Ritters nicht mehr rechzeitig beantworten, denn das Leben war schneller.

    Der Funke kam. Er war ungefähr fingerlang, sehr spitz und an seinem hinteren Ende mit kleinen Federn ausgestattet. Ein dünnlippiger Mund stieß Luft in ein Blasrohr und schickte diesen metaphorischen Funken auf eine Reise, die mit einem deutlich hörbaren „Tack“ in einem Holzbalken sehr knapp neben dem Kopf des brüllenden Lehrers endete.
    Der Redner kauerte sich schnell hinter seinem Pult zusammen und kreischte:
    „Da habt ihr den Beweis! Sie wollen mich beseitigen, weil ich die volle Wahrheit herausgefunden habe und den wirklich Mächtigen auf die Schliche gekommen bin!“

    „Das kam von dort oben.“ Giesbert sah eine schattenhafte Gestalt flink hinter einem Dachgiebel verschwinden. Klara folgte seinem Blick und die Augen der Hexe glommen blau auf. Kurz leuchtete ein menschlicher Umriss in ihrem Blickfeld auf, aber die Farbe stimmte nicht, Menschen leuchteten anders... Ein schwaches Licht flackerte kurz und der Fremde war verschwunden.
    „Elli, kannst du...“, setzte Klara an, aber die Spiegelfee hatte schon verstanden.
    „Bin schon unterwegs.“
    „Da! Ist das nicht der Neffe des Grafen? Bestimmt spioniert er für die wirklich Mächtigen. Greift ihn euch!“, kam plötzlich eine Stimme aus der Menge und die ersten Anhänger des verrückten Edmunds setzten sich mit einem blutgierig glitzernden Augen in Bewegung. Fackeln wurden entzündet und einige Steine flogen in ihre Richtung.
    „Lauf!“, Giesbert packte Klaras Handgelenk und sie rannten los.

    Elli jagte gerade einen dunklen Seitenpfad herunter, als in einiger Entfernung plötzlich eine fremde Magie aufblitzte und eine schwarzgekleidete Gestalt die wirren Wege der Welt betrat. Die Fee traute ihren Augen nicht. Es gab einige Geister, die zwischen den wirren Wegen und der realen Welt wechseln konnten, aber das hier war kein Geist. Aber wenn es kein Geist war, konnte es doch nur ein... nein, unmöglich, das waren nur Legenden.
    Elli flitzte um die nächste Ecke und sah sich verwirrt um. Frustriert musste sie sich eingestehen, dass der Meuchelmörder entkommen war. In genau diesem Moment legte sich ein sehniger Unterarm um den Hals der Spiegelfee und ein langer Dolch blitzte vor ihrem Gesicht auf. Der Duft von Sandelholz lag plötzlich in der Luft und eine unheilvolle Stimme zischte in ihr Ohr:
    „Warum folgst du mir?“

 

  1.  

 

 

Elli konnte sich nicht so recht entscheiden, was nun schlimmer war. Die Klinge eines Dolches an ihrem Hals zu spüren, oder die Tatsache, dass die Hand, die diesen Dolch hielt, wahrscheinlich einem Wesen gehörte, das es schon seit hunderten von Jahren nicht mehr hätte geben dürfen?
„Warum antwortest du nicht, bist du etwa stumm?“, riss die Stimme sie aus ihren Überlegungen.
„Also, eigentlich bin ich ja die reinste Quasselstrippe, aber so ein Messer am Hals bringt scheinbar meine introvertierte Seite zum Vorschein, weißt du?“, kam die Spiegelfee endlich zu einem Entschluss. Der Unheimliche lockerte seinen Griff und ein kräftiger Stoß ließ Elli nach vorn taumeln. Unsanft landete sie auf dem Boden und blickte erschrocken zu ihrem Angreifer auf, der sich nun die schwarze Kapuze vom Kopf zog.
„Du bist ein Dschinn“, hauchte die Fee, als ihr aus einem scharf geschnittenen Gesicht mit einer langen Nase und gelber Haut, zwei Mandelaugen, wie kleine Sonnen entgegen leuchteten.
„Um das klarzustellen, du bist noch am leben, weil ich gehofft hatte, du könntest mir etwas sagen, das mir nicht schon seit meiner Geburt bekannt ist. Verstehst du, kleine Fee?“
„Aber ihr seid schon vor ewigen Zeiten...“ Vielsagend hob der Dschinn seinen Dolch und Elli verstummte.
„Was geht in dieser Stadt vor sich?“, knurrte er.
„Das versuchen meine Freunde und ich auch herauszufinden. Die Menschen benehmen sich komisch und reden wirres Zeug. Sie glauben, sich gegen Leute auflehnen zu müssen, die sie die wirklich Mächtigen nennen. Wir nehmen an, dass es etwas mit einem Dämon zu tun hat, der kürzlich beschworen wurde und...“
„Das habe ich befürchtet. Dieser seltsame Nebel, der die Menschen verbindet... auch mein Herr ist davon betroffen.“
„Dein Herr?“
„Al Kadier el Nambid, oberster Priester der nybischen Gemeinde in dieser Stadt. Er schickte mich aus, um diesen Edmund zu töten und ich hätte es auch getan, aber als ich sah, dass dieser Nebel über allen Menschen liegt, habe ich es bei einer kleinen Warnung belassen.“
„Du hast ihn absichtlich verfehlt?“
„So etwas passiert mir nicht aus versehen. Wir Dschinn gehorchen unseren Herren und befolgen treu seine Befehle, aber dieses Mal wurde ich misstrauisch. Al Kadier hat noch nie einen Mord von mir verlangt und dieser Nebel auf den wirren Wegen der Welt hat auch seinen Verstand befallen.“
„Ja, es ist ganz schrecklich. Als wären die Leute plötzlich verrückt geworden. Ich glaube allerdings kaum, dass dein Pfeil die Lage verbessert hat. Jetzt werden diese Verrückten erst recht wütend sein...und Giesbert und Klara sind mitten drin!“
„Diese Freunde von dir... ich muss mit ihnen sprechen, bring mich zu ihnen, kleine Fee.“
Diesmal konnte Elli sich nicht entscheiden, was sie mehr erleichterte. Zu sehen, wie der Dschinn den langen Dolch mit einer geschickten Bewegung in seinem Gewand verschwinden ließ, oder dass er ihr freundlich seine Hand entgegenstreckte um ihr aufzuhelfen.

Klara und Giesbert hetzten, die aufgebrachten Meute im Nacken, durch die engen Gassen.
„Hier rein!“ Die Hexe zog ihn durch ein niedriges Tor und sie pressten sich im Schatten einiger Kisten an eine verwitterte Mauer. Augenblicke später bog der mordlustige Mob um eine Ecke und rannte, wilde Verwünschungen ausrufend, an ihrem Versteck vorbei.
Die Hexe und der Ritter atmeten erleichtert auf und lösten sich langsam von der Wand.
„Was tun wir denn jetzt, Giesbert?“
„Ich weiß es auch nicht. Solange wir nicht wissen, wo die Quelle dieses Irrsinns liegt, können wir nur...“, Giesbert stockte, als Klara mit schreckgeweiteten Augen etwas hinter ihm fixierte.
„Da sind sie ja, die verdammten Volksverräter!“ Die Stimme klang nicht mehr ganz nüchtern und gehörte dem dicken Kerl, den Giesbert schon bei der Kundgebung des verrückten Edmunds gesehen hatte. Zwei weitere große Männer flankierten ihn und klatschten sich drohend mit groben Knüppeln in die Handflächen. Klara und Giesbert wichen zurück. Er tastete fahrig nach seinem Schwert und die Hand der Hexe begann sachte zu glimmen.
„Glaubt mir, das ist alles nur ein Missverständnis...“, hob Giebert an, aber es klang selbst in seinen eigenen Ohren lahm.
„Na, wo sind denn deine wirklich Mächtigen jetzt?“ Mit einem gemeinen Grinsen schoben sich der Dicke und seine beiden Spießgesellen näher heran.
„Das kann ich dir zwar auch nicht sagen, Mensch, aber ihr drei Pfeifen habt jetzt trotzdem ein wirklich sehr ernstes Problem“, erklang hinter ihnen eine Antwort. Sie kam aus Bodennähe und ihr folgte ein wildes Gebrüll aus mindestens zwanzig ziemlich kleinen Kehlen.

Elli ging neben dem schweigenden Dschinn her und betrachtete ihn verstohlen von der Seite. Diese geheimnisvollen Wesen konnten sich auf den wirren Wegen bei weitem nicht so schnell bewegen, wie die Spiegelfeen, also konnte sie sich Zeit nehmen. Wenn er einem nicht gerade ein Messer an die Kehle hielt, sah er eigentlich ganz nett aus mit seinem schwarzen Zopf auf dem ansonsten völlig kahlen Schädel.
„Ich dachte wirklich ihr Dschinn seid längst ausgestorben. Da gab es doch einen Krieg, oder?“
„Ja, aber ich möchte wirklich nicht darüber reden, jeder macht mal einen Fehler. Es gibt nur noch sehr wenige von uns und die meisten davon dienen einigen nybischen Priestern. So wie ich, kleine Fee.“
„Ich heiße übrigens Elli. Kannst du mir freundlicherweise deinen Namen verraten, oder musst du mich dann umbringen, oder so etwas?“
Der Dschinn lachte und schüttelte den Kopf. Die großen Ringe in seinen spitzen Ohren klirrten leise.
„Mein Name ist Farid und es ist mir eine große Ehre deine Bekanntschaft zu machen, Elli. Zufrieden?“ Er verschränkte seine Arme vor der Brust und verbeugte sich tief.
„Ja, schon besser. Sag mal, Farid, stimmt es eigentlich wirklich, dass ihr Dschinn Wünsche erfüllen könnt?“, fragte sie hoffnungsvoll, aber er verdrehte nur seine leuchtenden Augen und lachte wieder.
„Das ist immer das erste, was die Leute interessiert, aber leider muss ich dich enttäuschen. Dieser Irrglaube geht auf meine Großcousine Amaz aus der Sippe der on Preim zurück. Durch ihren ausgeprägten Geschäftssinn hatte sie glänzende Kontakte zum großen Markt von E`Bay, einem wichtigen Handelshafen. Sie konnte zwar fast alles besorgen, aber glaube mir, Elli, keine dieser Gefälligkeiten war umsonst.“
„Schade, wäre auch zu schön gewesen.“

Während die drei Kerle noch überrascht nach dem Besitzer der Stimme suchten, machten sich die Wichte daran, den Größenunterschied zwischen sich und ihren Gegnern auszugleichen. Der kraftvolle Karl ließ seinen Hammer auf eine Zehe niedersausen, der niederschmetternde Norbert rammte seinen Speer in eine Kniescheibe und dem Schwert des destruktiven Detlefs fiel eine gegnerische Wade zum Opfer. Wenige Attacken später befanden sich die Kontrahenten buchstäblich auf Augenhöhe und nachdem kleine Fäuste große Nasen gebrochen hatten, war es auch schon vorbei. Die drei Kerle lagen bewusstlos am Boden und die Wichte nickten zufrieden, als es aus Giesberts Tasche bimmelte. Er zog den Feenspiegel hervor und Elli erschien. Irritiert blickte sie auf die zusammengekrümmt daliegenden Männer.
„Was war denn hier los, Giesbert?“
„Das erzähle ich dir später, hast du den Attentäter erwischt?“
„Also... das nun nicht direkt, aber ich habe ihn mitgebracht.“
Neben Giesbert flackerten kleine Blitze in der Luft und Farid trat auf die Gasse.

 

 

5.


Als Dschinn hatte Farid wirklich keine sonderlich übertriebenen Ansprüche, was ein wohl geordnetes Leben anging. Er schlief in einer Wunderlampe, bestahl vierzig Räuber in ihrer eigenen Höhle, oder drehte hier und da mal ein kleines Ründchen auf einem fliegenden Teppich. Trotzdem stutzte er kurz, als neben ihm ein Mann erschrocken zur Seite hüpfte, während drei weitere reglos am Boden lagen, eine Hexe ihn sprachlos anstarrte und sich gleichzeitig eine aggressive Horde kampflustig brüllender Wichte vor ihm aufbaute. Elli erklärte aus ihrem Spiegel heraus wortgewaltig die Situation und langsam beruhigten sich alle Beteiligten, auch wenn die Wichte den Dschinn weiterhin argwöhnisch im Auge behielten und immer wieder vielsagend ihre Waffen tätschelten.

„Bei den Nybiern ist also auch dieser Wahnsinn ausgebrochen?“, fragte Giesbert den Dschinn.
„Anders kann ich mir die Predigt meines Herren, die er heute beim Morgengebet hielt, nicht erklären. Diese seltsame Magie hat sein Denken völlig verändert. Er sprach von den wirklich Mächtigen, die alles beherrschen wollen und deshalb die Menschen dazu bringen, an die falschen Götter zu glauben und die Nybier vertreiben zu wollen.“
„Und dieser Nebel, von dem Elli berichtete, war auch beim ihm zu sehen?“
„Ja, wie bei allen anderen Menschen seiner Gemeinde auch. Nur bei euch konnte ich keinen Nebel sehen, warum seit ihr nicht auch verrückt geworden?“ Der Dschinn kniff misstrauisch die Augen zusammen und Klara nickte.
„Ich habe auch schon darüber nachgedacht, warum es uns scheinbar nicht erwischt hat. Ich glaube, es ist so, weil wir dabei waren, als der Dämon in unsere Welt kam. Es war zwar nichts zu sehen, aber wir alle haben seine furchtbare Macht gefühlt. Dieser schreckliche Hass und seine Lügen haben uns alle... berührt. Vielleicht haben wir dort in der Höhle die Wahrheit gespürt und sind deshalb immun gegen seinen Einfluss.“
„Wahrscheinlich hast du recht, Hexe, aber wir wissen noch immer nicht, was man gegen diesen Dämon unternehmen kann. Wir wissen ja nicht mal, wo sich dieser Feind versteckt, wie sollen wir ihn dann bekämpfen?“ Der gnadenlose Gunther ging nervös auf und ab und der Dschinn hob nachdenklich seine Hand.
„Mein Herr erzählte mir vor einigen Tagen von einem schlimmen Traum, der ihn in der Nacht, als sich die Tiere so aufgeregt benahmen, geplagt hat.“
„Davon hat mein Onkel mir erzählt und ich glaube, das war als Baalstett den Dämon auf die Welt losgelassen hat.“
„Al Kadier träumte von einem schwarzen Schiff mit dem der Tod in unsere Stadt gekommen ist. Mein Herr war deswegen sehr beunruhigt, aber kurz danach begann er sich zu verändern und seine Predigten wurden von Tag zu Tag... seltsamer.“
„Ein verrückter Traum von einem Schiff hilft uns wohl kaum weiter“, grollte Gunther.
„Es ist kein bloßer Traum gewesen, glaube mir, Wicht. Mein Herr ist ein sehr mächtiger und weiser Mann. Davon abgesehen... dieses Schiff gibt es wirklich.“
„Moment mal, willst du damit sagen der Dämon versteckt sich auf einem Schiff im Hafen?“ Giesbert sah den Dschinn nachdenklich an.
„Ich habe nachgesehen. Dort liegt wirklich ein schwarzer Viermaster vor Anker und er pulsiert vor Magie.“
„Worauf warten wir dann noch? Lasst uns diesem Dämon einen Besuch abstatten und ihm seinen verdammten Schädel einschlagen!“ Gunther hob entschlossen seine Axt und seine Leute brüllten ihre Zustimmung heraus, aber Farid schüttelte abwehrend den Kopf.
„Dein Mut ehrt dich, Wicht, aber so einfach ist das leider nicht. Die Magie dort ist sehr stark und ihr kämt nicht mal in die Nähe dieses Schiffes, ohne letztlich doch vom Fluch des Dämons getroffen zu werden.“ Wie ein schlechtes Omen drangen neue Schreie durch die Dunkelheit. Man hörte, wie Fenster eingeworfen wurden und wütende Parolen erklangen aus hasserfüllten Mündern.
„Wir müssen hier weg, es ist zu gefährlich und wir ziehen uns am besten in die Burg meines Onkels zurück.“

Der Weg zur Burg gestaltete sich alles andere, als einfach. Der Wahnsinn beherrschte inzwischen scheinbar die gesamte Stadt. Überall beschimpften sich Gruppen von Leuten, die ihren jeweiligen Gegnern vorwarfen mit den wirklich Mächtigen unter einer Decke zu stecken. Es waren bereits handfeste Kämpfe ausgebrochen und vereinzelt brannten die ersten Häuser. Als die ungleichen Gefährten endlich die schützenden Burgtore erreichte, machten sich Graf Hilmar und seine Wachen gerade zum Aufbruch bereit.

„Onkel, was hast du vor?“, fragte Giesbert gespannt.
„Na was wohl, Giesbert? Glaubst du etwa, ich sehe tatenlos dabei zu, wenn meine Stadt im Chaos versinkt?“
„Wir wissen, was dort draußen vorgeht und...“
„Ich weiß das auch, schließlich bin ich informiert! Die wirklich Mächtigen wollen mich entmachten, um hier alles beherrschen und kontrollieren zu können!“
„Nein, Onkel Hilmar, es ist in Wahrheit ganz anders, als du...“
„Aha! Du gehörst wohl auch zu dieser großen Verschwörung, was? Wachen!“
„Nein, entschuldigen sie bitte, Herr Graf, Giesbert meinte nur, dass diese Verschwörung der wirklich Mächtigen noch viel gefährlicher ist, als sie vielleicht denken und sich diese... streng geheimen Bastarde schon überall in der Stadt herumtreiben“, griff Klara geistesgegenwärtig ein.
„Ach so, ja dann... danke für die Warnung und passt gut auf euch auf, Kinder.“ Besorgt sah Giesbert seinem Onkel nach, der sich einfach herumdrehte und ihr kurzes Gespräch schon vergessen zu haben schien.
„Er also jetzt auch. Was sollen wir nur tun?“, Elli ließ betrübt ihren Kopf hängen.
„Ich verliere auch langsam die Hoffnung, alle Menschen um uns herum werden verrückt. Die Leute bekämpfen sich gegenseitig, wegen einem Feind, der gar nicht da ist und sie kontrolliert, weil sie fürchten kontrolliert zu werden.“
„Ja, das ist alles so dumm und verworren, dass sie sogar für diesen Feind kämpfen, den es ja eigentlich gar nicht gibt, ohne es überhaupt zu bemerken.“ Der Anführer der Wichte fuhr sich frustriert durch den Bart.
„Er benutzt ihre Ängste und ihren Wunsch nach Freiheit, um sie zu verängstigen und ihnen die Freiheit zu nehmen. Dieser Dämon schlägt die Menschen mit ihren eigenen Waffen.“ Klara blickte ihre Kampfgefährten hilflos an. Giesbert starrte, völlig in Gedanken versunken, ins Leere.
„Woran denkst du, Mensch?“ Der gnadenlose Gunther sah verwundert zu ihm auf.
„Mit den eigenen Waffen...“, flüsterte der Ritter.
„Was hast du?“, fragte Klara ihn besorgt, als die Mine des Ritters sich plötzlich aufhellte und er mit einem grimmigen Lächeln antwortete:
„Ich weiß jetzt, wie wir diesen Dämon bekämpfen können, hört zu.“

 

 

  1. Gunther marschierte vor den strammstehenden Wichten auf und ab. Er hatte sie schon in viele Schlachten geführt, aber zum ersten Mal war er wirklich nervös.
    „Männer, mir ist bewusst, dass ich das Unmögliche von euch verlange. Der vor uns liegende Kampf wird uns Taten abverlangen, die nur von den tapfersten und mutigsten Kriegern vollbracht werden können. Denkt immer daran, was der harte Horst, ohne einen Moment des Zweifelns, oder Zauderns auf sich genommen hat, als er sich dem fürchterlichen Drachen stellte. Viele werden das heute Erlebte niemals vergessen können und in ihren Träumen noch lange davon heimgesucht werden, was sie hier tun mussten. Ich schwöre euch, Männer, ich werde so etwas undenkbares nie wieder von euch verlangen, aber dieses eine Mal werden wir einem Feind entgegen marschieren um dann vor ihm... wegzulaufen!“

    Klara presste sich gegen eine Hausecke und versuchte ihren Atem zu beruhigen. Da sich nur wenige Schritte von ihr entfernt eine nach Blut gierende Meute von Verrückten versammelte, gestaltete sich dieses Vorhaben gar nicht so einfach. Vorsichtig lugte sie aus ihrer Deckung und erschrak. Als Hexe hatte sie es schon oft genug mit aufgebrachten Menschenmengen zu tun gehabt, die sie auf dem Scheiterhaufen sehen wollten, aber das hier war selbst nach Hexenstandards die absolute Königsklasse. Sie sah zum Mond hinauf und atmete tief sein Licht ein. Sanft blies sie es in ihre Hände und schickte eine gleißende Kugel hinauf in den Himmel. Entschlossen trat sie aus den Schatten, griff nach den Gedanken der aufgebrachten Leute und gab ihnen eine Gestalt.

    Giesbert lief durch dunkle Gassen den wütenden Sprechchören und dem zuckenden Schein, der zahllosen Fackeln entgegen. Er versuchte nicht daran zu denken, was gleich passieren würde. Mit einem zitternden Finger zeichnete der Ritter Ellis Zeichen auf den Spiegel und die Fee erschien.
    „Glaubst du, dass klappt wirklich so, wie wir uns das vorstellen?“, fragte sie beklommen.
    „Wollen wir es hoffen. Da, Klaras Zeichen!“ Giesbert zeigte auf die leuchtende Kugel, die immer höher über den Dächern schwebte.
    „Seht mal, Leute, am Hafen verschenken sie diese tollen Spiegel und seitdem weiß ich ganz sicher, dass es gar keine wirklich Mächtigen gibt! Die kleine Fee hier drinnen hat mir das alles erklärt!“, rief er und Elli streckte den Leuten provozierend die Zunge heraus.
    „Lügenspiegel! Lügenspiegel!“, kreischten die ersten wütend und schnell fielen andere mit ein. Es blieb nicht lange bei bloßem Geschrei und hasserfüllten Blicken, sondern rasch kam Bewegung in den Mob und erste Steine flogen.
    „Giesbert? Zeit zu laufen!“, rief die Spiegelfee und das musste man dem Ritter wahrlich nicht zweimal sagen.

    Die Gefühle eines Dschinn waren nur selten widersprüchlich, aber als Farid aus den wirren Wegen auf den Vorplatz des nybischen Tempels trat, verwirrten ihn der Stolz und die Beschämung, die gleichzeitig in ihm aufflammten. Zornige Männer und Frauen drängten sich wild schreiend vor den Mauern. Viele von ihnen schwangen wild entschlossen ihre Krummsäbel und Dolche, während sein Herr in einer fanatischen Rede ihren Hass weiter befeuerte. Dennoch, so sehr es sein Herz auch erfreute diese beeindruckende und zu allem entschlossene Streitmacht zu sehen, wusste Farid ebenso, dass die Menschen hier für trügerische Lügen und falsche Versprechungen kämpfen und auch sterben würden. Diesen Fehler hatte sein Volk schon vor langer Zeit gemacht und es hatte nicht gut geendet. Eine helle Kugel stieg in der Ferne zum Himmel auf und er richtete das Wort an seinen Herren.
    „Großer Meister, erhört mich! Die wirklich Mächtigen verstecken sich auf einem Schiff im Hafen!“

    „Ich wusste es schon immer! Die wirklich Mächtigen bespitzeln uns mit solchen kleinen Wichten, damit sie uns überall beobachten und kontrollieren können!“, rief ein junger Schmied wütend.
    „Ja, das war doch wohl klar, oder nicht? Unser Abort wird schon seit Jahren von diesen winzigen Bastarden überwacht“, antwortete ein beleibter Schuster, ganz außer Atem.
    So schnell ihre kurzen Beine es ihnen erlaubten, rannten die kleinen Krieger vor der riesigen Horde der Eisenhutträger davon und lenkten sie so zum Hafen.
    Der randalierende Rudolph sah Gunther grinsend an und meinte:
    „Und wir mussten nicht mal etwas sagen, diese Menschen sind sofort auf uns losgegangen, als sie uns nur gesehen haben, toll was?“
    „Allerdings, die sind ganz schön aggressiv, finde ich!“, pflichtete ihm der aufschlitzende Augustin bei.
    „Ja, fast schon sympathisch, was?“, fand der rabiate Ralf.
    „Stimmt, sonst würde diese peinliche Sache hier auch überhaupt keinen Spaß mehr machen. Lasst diese Verrückten schön nahe herankommen, Männer! Wenn wir schon so schändlich vor ihnen weglaufen müssen, machen wir das wenigstens so tapfer, wie irgend möglich!“

    Klara lief so schnell sie nur konnte. Drei schattenhafte Gestalten in Kutten liefen neben ihr und die mörderischen Wahnsinnigen verfolgten sie geifernd, wie ein Rudel tollwütiger Hunde. Mehr als diese plumpen Illusionen war einfach nicht nötig gewesen, um den aufgebrachten Menschen ein sichtbares Ziel zu geben, auf das sie ihre rasende Wut richten konnten. Es brauchte nicht mehr, als etwas völlig unbekanntes und schlichtweg nicht vorhandenes, das irgendwie in ihre verblendete Weltsicht passte.

    Auf der großen Straße zum Hafen kamen sie alle zusammen. Aus vier Richtungen jagten die besessenen Bürger, wie eine Flutwelle aus Feindseligkeit und blindem Hass, hinter den Freunden her.
    „Elli und Farid, macht euch bereit, wir werden sehr nah an das Schiff ran müssen und brauchen vielleicht Deckung“, rief Giesbert. Die Fee verschwand aus ihrem Spiegel und vor Farid begannen kleine Blitze in der Luft zu zucken.

    Das schwarze Schiff brodelte förmlich vor Magie und wie schwerer Rauch quoll der trügerische Irrsinn des Dämons hervor. Einige seiner dichten Wolken trieben zielstrebig auf ihre Kampfgefährten zu, aber Farid und Elli wehrten sie entschlossen ab. Was dann kam, erinnerte den Dschinn an die verheerenden Sandstürme seiner geliebten Heimat, während Elli an einen wütenden Hornissenschwarm denken musste. Die schiere Masse der besessenen Menschen, egal ob Eisenhutträger, erzürnter Nybier, oder besorgter Bürger, rannte jede Gegenwehr über den Haufen und erstickte die Macht des Dämons im Keim. Giesbert, Klara und die Wichte waren im letzten Moment ins Hafenbecken gesprungen, bevor sich diese rasende Armee, wie eine unaufhaltsame Springflut der Rache, über das Deck des schwarzen Schiffes ergoss. Der Zorn der Verrückten kannte keine Grenzen mehr und entlud sich mit all seiner furchtbaren Kraft. Auf ihrer Suche nach den wirklich Mächtigen schlugen sie alles kurz und klein. Die Kampfgefährten kletterten gerade prustend und tropfnass, in sicherer Entfernung auf einen Landungssteg, als der erste Mast brach, wie ein morscher Ast und sich der ganze Kahn bedrohlich zur Seite neigte.

    Elli sah auf den wirren Wegen der Welt, wie die gesamte Macht des Dämons unter dem Ansturm zusammenbrach. Er kreischte wütend auf und kämpfte verzweifelt dagegen an, aber sein Einfluss auf die aufgebrachten Menschen schwand immer mehr. Während sich der magische Nebel zusehend lichtete, blieb der verdammten Kreatur nur noch die Flucht. Die Spiegelfee sah ein kleines, giftgrün leuchtendes Etwas aus einem der hinteren Bullaugen purzeln.
    „Da ist der Mistkerl!“, rief sie aus ihrem Spiegel.

    Als der Dämon sich ächzend und stöhnend aus dem Wasser hievte, fiel plötzlich ein drohender Schatten über ihn. Giesbert bückte sich und hob das hässliche Männlein mit zwei Fingern am Kragen hoch. Es fauchte und zischte ihn wild an, aber das Höllenwesen wirkte überhaupt nicht mehr furchteinflößend, sondern nur noch widerwärtig und armselig.
    „Das ist er also, der große und mächtige Feind?“ Gunther verzog angewidert das Gesicht.
    „So klein und erbärmlich könnte er einem fast schon wieder leid tun, was Gunther?“, fragte der Ritter mit einem bitteren Lächeln.
    „Ja, das könnte er ganz bestimmt, Giesbert.“ Der Wicht fasste seine Axt fester und spuckte verächtlich aus.
    „Tut er aber nicht, oder?“ Der Ritter ließ den Dämon los und er fiel zappelnd vor den Anführer der Wichte.
    „Nein, tut er nicht.“ Die scharfe Klinge der Axt schnitt pfeifend durch die Luft. Noch bevor sein abgetrennter Kopf den Boden berührte, verpuffte der Dämon in einer Staubwolke und war aus der Welt verschwunden.


 



 

Epilog


Graf Hilmar war gut gelaunt. Aber so richtig. Beschwingt und würdevoll stieg er die Treppe zur Burgkapelle hinauf. Jedenfalls, so beschwingt und würdevoll, wie eben möglich, denn vorher hatte er sich noch ein kleines Schnäpschen mit dem nybischen Gemeindevorsteher gegönnt. Ein wirklich netter Kerl, dieser Al Kadier, das musste man schon sagen. Das war ganz schön verrückt, als sie alle verdutzt und ohne die geringste Ahnung, wie sie überhaupt dort hingekommen waren, am Hafen gestanden hatten. Unglaublich, da stand man plötzlich völlig derangiert und abgekämpft zwischen wildfremden Leuten, die ebenfalls keinerlei Erinnerung daran hatten, was hier eigentlich passiert war. Also wirklich, so etwas war Hilmar schon seit seiner Studentenzeit nicht mehr passiert.

Er öffnete die quietschende Tür und betrat die Kapelle. Na, sieh mal einer an, es waren wirklich alle gekommen. Gemächlich schritt der Graf durch den Raum und nickte den Anwesenden freundlich zu. Mein lieber Mann, so langsam machte seine schöne Burg dem Kuriositätenkabinett auf dem Rummelplatz wirklich ernste Konkurrenz. Obwohl, irgendwie hatte das auch etwas sehr modernes. Niemand sollte ihm nachsagen können, er regiere eine rückständige Grafschaft und ginge nicht mit der Zeit.
Gut, mit einer echten Hexe unter einem Dach zu wohnen, war zuerst tatsächlich etwas gewöhnungsbedürftig, aber als Hilmar kürzlich von einer grauenhaften Verstopfung gequält wurde, hatte ihr Trank wirklich wahre Wunder bewirkt und da gab es rein gar nichts zu meckern... auch wenn die Putzfrau das vielleicht etwas kritischer betrachtete.
Dieser Spiegel, den die Hexe in ihrer Hand hielt und in dem wohl eine Fee lebte, war auch nicht zu verachten. Der Graf spielte mit dem Gedanken, sich auch so ein neumodisches Gerät zuzulegen, da er gehört hatte, man könne sogar Fernschach damit spielen und schlüpfrige Bildchen mit seinen Freunden austauschen.
Warum drei ausgewachsene Wölfe es sich auf dem Marmorboden gemütlich gemacht hatten, konnte Hilmar zwar beim besten Willen nicht sagen, aber in Anbetracht der zwanzig Wichte, die daneben saßen, waren diese wilden Tiere sicherlich bei weitem nicht die gefährlichsten Gäste der heutigen Zeremonie. Obwohl, die kleinen Kerle mit dem latenten Aggressionsproblem und einem deutlichen Testosteronüberschuss wussten wirklich vortrefflich zu feiern, das musste man ihnen schon lassen.
Selbst der mysteriöse Dschinn hatte sich heute freigenommen und war erschienen. So einen wilden Wüstengeist seinen Verbündeten zu nennen, war schon etwas ganz besonderes, da konnten andere Regenten nicht mithalten, soviel stand schon mal fest. Bei ihrem nächsten Staatsbesuch würden seine Regierungskollegen aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommen, das würde ein Spaß!

Vor dem kleinen Altar angekommen drehte er sich lächelnd herum und ließ den Blick noch einmal über die fröhlichen Gesichter schweifen, bevor er Giesbert auffordernd ansah. Sein Neffe drückte noch einmal die Hand der Hexe und trat vor. Hilmar räusperte sich feierlich und zog umständlich sein Schwert, während Giesbert bedächtig vor seinem Onkel niederkniete.
„Mein lieber Schwan, wer hätte das gedacht, was mein Junge? Ich weiß nicht, was in der letzten Zeit alles in meiner schönen Grafschaft vor sich gegangen ist und höchstwahrscheinlich will ich es auch gar nicht so genau wissen, aber ich habe den Eindruck, dass du deine Sache sehr gut gemacht hast, Giesbert. Kraft meines Amtes schlage ich dich hiermit hochoffiziell und mit allem drum und dran, zum gräflichen Ritter. Von nun an sollst du unter dem stolzen Namen...“ Der Graf hielt an dieser Stelle verunsichert inne, aber sein Neffe nickte ihm ermutigend zu und so fuhr er fort:
„... unter dem stolzen Namen Giesbert der Entbehrliche im ganzen Land bekannt sein!“
 



 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Dirk Hoffmann).
Der Beitrag wurde von Dirk Hoffmann auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Die Giftmischerin von Bettina Szrama



Die Hansestadt Bremen im frühen 19. Jahrhundert. In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, intelligent und schön, sehnt sich die junge Gesche nach Glanz und Reichtum. Um dieses Ziel zu erreichen, ist ihr jedes Mittel recht. Skrupellos und heimtückisch tötet sie alle, die ihrem Erfolg im Weg stehen.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Märchen" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Dirk Hoffmann

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Klopatouille - K(l)eine Geschichte für Kinder von Dirk Hoffmann (Skurriles)
Die fünf Hühner von Christa Astl (Märchen)
Biographie eines Knoppers von Katja Klüting (Humor)