Heinz-Walter Hoetter

Der Fall T-Bird (Teil 2)

 

Random & Shannon

Ermittlungsagentur NEW YORK


 


 

Der Fall T-Bird

(Teil 2)


 

„Könnte es sein, dass sich Shannon in Bezug auf den zu erwartenden Auftrag irgendwelche Aufzeichnungen gemacht hat? Ich meine so was ähnliches wie Notizen über seine Ergebnisse und so weiter.“

 

„Das bezweifle ich. Wie gesagt, Mark hielt nicht viel von schriftlichen Arbeiten. Im allgemeinen arbeiteten wir zusammen, und da mir das geschriebene Wort mehr liegt, als ihm, verfasste ich bisher immer die Berichte.“

 

Blanking rollte seine Zigarre zwischen den Lippen. Dann sagte er forschend zu mir: „Wie kommt es, dass Sie nach Mars Central flogen ohne ihn?“

 

„Das war rein zufällig. Ein Klient, für den wir schon früher gearbeitet haben, war nach Mars Central gezogen und wünschte von mir, dass ich den Auftrag übernehme, weil ich mich besonders gut in der betreffenden Angelegenheit auskannte, die nicht dem Üblichen entsprach.

 

„Na gut, Mr. Random. Auch Shannon war offenbar nicht in seinem üblichen Arbeitsgebiet tätig geworden. Glauben Sie, dass es möglicherweise auch in diesem Fall ein alter Klient war?“

 

„Das könnte sein, aber ich kenne keinen, der nach Terrania Bay City gezogen ist.“

 

„Glauben Sie, dass er ermordet wurde, weil er in dieser Sache mehr herausgefunden hat, als er sollte?“

 

Ich zögerte. Mir fiel plötzlich ein, dass der Empfangschef im Hotel gesagt hatte, dass Mark mit einer Frau fortgegangen wäre.

 

„Ich weiß es nicht. Allerdings wurde mein Partner im Hotel von einer Frau abgeholt. Beide haben zusammen das Hotel verlassen und sind anscheinend zum Strand gefahren. Das hätte er vielleicht nicht tun sollen. Möglicherweise war es ein Fehler, aber Mark war, was Frauen anging, nicht wählerisch. Er ließ jederzeit die Arbeit sausen, wenn er sich für das weibliche Geschlecht interessierte. Ich vermute mal, dass ihr Kerl was dagegen hatte. Aber wie gesagt, das ist nur eine Vermutung von mir, weil Mark schon immer wegen seiner Weibergeschichten mitunter ziemliche Schwierigkeiten heraufbeschworen hat.“

 

Inspektor Blanking verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen.

 

„Hat sich ihr Partner Shannon auch mit verheirateten Frauen abgegeben?“

 

„Und ob. Wenn sie ihm gefielen, kümmerte er sich nicht darum, ob sie verheiratet waren oder nicht. Das sage ich ganz offen, ohne Mark schlecht machen zu wollen. Es war einfach so. Er war zwar mein bester Freund, aber er hat mich mehr als einmal zur Raserei gebracht, wenn er wieder mal wegen eines daher gelaufenen Flittchens die Arbeit vernachlässigte.“

 

Blanking beobachtete mich skeptisch.

 

„Tja, doch es passiert nicht oft, dass ein gehörnter Ehemann sein Missvergnügen mit einem Mord demonstriert. Die Art und Weise, wie also die tödliche Arbeit ausgeführt wurde, lässt aus meiner Sicht der Dinge ganz klar auf einen Fachmann schließen.“

 

„Kann ja sein, dass der Ehemann auch gleichzeitig ein Fachmann war, Herr Inspektor“, sagte ich ein wenig naiv.

 

Blanking schüttelte abwehrend den Kopf und winkte mir ab.

 

„Wissen Sie, in dieser Stadt gibt es sehr viele reiche Leute. In Terrania Bay City tummeln sich mehr Millionäre und Milliardäre herum, als auf jeden anderen Planeten dieses Sonnensystems. Bei uns sind alle Sorten vertreten, und darunter sind nicht wenige, die äußerst skrupellos vorgehen und hochgefährlich sind. Mit denen ist nicht zu spaßen, mein Guter.“

 

Er klopfte zwischendurch die Asche von seiner Zigarre. Er drehte sich etwas zu mir herum und blickte nach hinten.

 

„Können Sie für mich feststellen, worum es bei dem Fall ging, an dem Ihr Partner arbeitete? Das ist der erste Schritt für uns. Ich wäre Ihnen sehr dankbar dafür, denn ich muss wissen, dass sein gewaltsamer Tod nicht damit zusammenhängt.“

 

„Ich werde tun, was ich kann. Sollte Mark allerdings keine Aufzeichnungen hinterlassen haben, sehe ich keine Möglichkeit dazu, Ihnen diesbezüglich helfen zu können“, erwiderte ich wahrheitsgemäß.

 

Eigentlich ging mir bei diesem Gespräch der Gedanke durch den Kopf, dass ich mich erst selbst davon überzeugen wollte, dass Marks Auftraggeber nichts damit zu tun hatten, ehe ich Blanking dahinter kommen ließ, dass ich den Namen möglicherweise doch in Erfahrung bringen konnte. Hundertprozentig war ich mir da allerdings auch nicht sicher, aber es bestand durchaus die Chance, dass Stella Brackfort, unsere gemeinsame Sekretärin, die sich zu Hause in unserem Büro in New York befand, sicherlich eine Ahnung hatte, wer der Auftraggeber war.

 

„Na gut, Mr. Random. Wir sind zwar kein großes Stück weiter gekommen, aber immerhin gibt es einige Ansatzpunkte. Wir hören wieder voneinander.“

 

Dann beugte er sich vor und befahl dem Fahrer des Gleiters mit harschen Worten: „Erhöhen Sie die Geschwindigkeit und bringen Sie uns zum Delphi-Hotel.“

 

„Jawohl Sir!“ gab dieser bestätigend zur Antwort und drückte den Gashebel nach vorne. Der Polizeigleiter wurde schlagartig schneller und setzte schließlich auf die linke Überholspur über, wo sich zur Zeit kein anderes Fahrzeug befand.

 

In weniger als fünf Minuten hielten wir vor dem Delphi-Hotel und stiegen aus.

 

Zusammen mit dem Inspektor durchquerte ich die geräumige Halle, wo der Empfangschef schon wartete, dessen Gesicht blass aussah. Seine Augen quollen aus den Höhlen vor unterdrückter Aufregung. Mehrere Gäste, darunter einige schrullige alte Damen, blieben stehen und reckten ihre Hälse hinter uns her.

 

„Gehen wir irgendwohin, wo uns diese alten Krähen nicht hören können“, sagte Blanking mit leicht gehobener Stimme, damit sie ihn auch hören konnten.

 

„Selbstverständlich, Herr Inspektor“, antwortete der Empfangschef mit verlegener Stimme. Er führte uns in sein kleines Büro am Ende des Ganges im hinteren Teil des Hotels. „Ist irgendwas vorgefallen?“ fragte er neugierig.

 

„Nein, in Ihrem Hotel nicht“, antwortete Blanking und hakte sofort nach: „Wie heißen Sie?“

 

Der Empfangschef wurde noch verlegener.

 

„Ron Bristol.“

 

„Um welche Zeit ging Mr. Shannon aus dem Hotel, Mr. Bristol?“

 

„Ganz genau weiß ich das nicht. Aber es muss so gegen halb elf gewesen sein.“

 

„Und er war mit einer Frau zusammen?“

 

„Ja. Sie kam direkt zu mir und fragte nach ihm. Während sie mit mir sprach, trat Mr. Shannon aus dem Fahrstuhl und ging sofort zu ihr.

 

„Sagte sie zu Ihnen ihren Namen bzw. sagte sie irgend etwas zu Shannon oder sprach sie ihn mit seinem Namen an?“

 

„Nein. Ich konnte sie auch nicht rechtzeitig nach ihren Namen fragen, weil Mr. Shannon plötzlich aus dem Fahrstuhl trat.“

 

Ron Bristol fuhr sich mit der Zunge nervös über die Oberlippe. Dann sprach er weiter.

 

„Nun, in der Tat hatte ich den Eindruck, dass Mr. Shannon und die Frau sich irgendwie vertraut waren.“

 

„In welcher Weise?“

 

„Wie soll ich sagen... Er trat hinter sie und sprach sie mit ’hallo, mein Zuckerpüppchen’ an. Dann klopfte er sie mit der Hand…äh…auf den verlängerten Rücken.“

 

„Interessant. Und wie reagierte sie darauf, Mr. Bristol?“

 

„Sie drehte sich zu ihm herum und lachte darüber. Ich bemerkte jedoch, dass sie es wohl nicht so gern hatte. Ich will mal sagen, dass sie derjenige Typ von Frau ist, bei dem ich mir diese Freiheit nicht herausnehmen würde.“

 

„Was war sie denn für ein Typ, wenn ich sie mal so direkt fragen darf?“

 

„Hm, sie hatte eine gewisse Vornehmheit. Ich kann das nicht so richtig erklären. Sie war einfach nicht der Typ, zu dem man so kühn ist.“

 

Der Inspektor runzelte nachdenklich die Stirn.

 

„Können Sie mir die Frau etwas näher beschreiben?“

 

Der Empfangschef rieb sich nervös die Hände.

 

„Nun ja, sie war sehr attraktiv. Ihre Haut war braun gebrannt, ihre Figur wohlgeformt und auffallend sexy. Sie trug eine breite Sonnenbrille und einen großen Hut. Wegen der Sonnenbrille konnte ich von ihrem Gesicht nicht viel sehen. Sie hatte eine marineblaue, eng anliegende Hose an. Unter ihrem weißen, leicht durchsichtigen Hemd konnte ich einen gelben Bikini-BH erkennen.“

 

„Wie alt würden Sie die Frau schätzen?“

 

„Um die zwanzig oder etwas älter.“

 

„Und die Frau würden Sie sofort wieder erkennen?“

 

„Ja…, natürlich. Bestimmt…, auf Anhieb. So eine Schönheit prägt man sich schon fast automatisch ein.“

 

Der Inspektor drückte jetzt seine Zigarre in dem vor ihm stehenden Aschenbecher auf Bristols Schreibtisch aus.

 

„Sie würden diese Frau unter allen Umständen wieder erkennen? Auch wenn sie anders gekleidet daher käme, Mr. Bristol?“

 

„Nun ja, Herr Inspektor. Frauen sind wie Chamäleons. Wenn sie sich entsprechend rausputzen, sind sie oft wie verwandelt.“

 

„Also doch nicht!“

 

Bristol überlegte einen Augenblick und machte dann ein ziemlich dummes Gesicht.

 

„Nun ja…“

 

„Damit ist mir nicht geholfen. – Also gut, reden wir nicht mehr darüber. Was geschah, nachdem Mr. Shannon sie begrüßt hatte?“

 

„Ich kann mich nur noch schwach daran erinnern. Aber Mr. Shannon sagte, dass er in zwei Stunden zurück sein müsse, und sie wollte losgehen. Dann gingen sie zusammen aus dem Hotel und stiegen in diesen zweisitzigen Sportgleiter, der direkt unten auf dem Hof vor dem Hotel stand.“

 

„Wie ist die Frau hier hingekommen? Kam sie zu Fuß oder mit einem Fahrzeug?“

 

„Ich habe keinen Gleiter oder etwas anderes gesehen. Ich denke mal, sie kam zu Fuß. Sicher bin ich mir da allerdings auch nicht. Doch könnte sie ihr Fahrzeug in einer Nebenstraße abgestellt haben.“

 

„Hm, na gut. Geben Sie mir den Schlüssel zu Mr. Shannons Zimmer!“

 

„Soll ich unseren Hausdetektiven Mr. Treaves rufen, Sir?“

 

Inspektor Blanking schüttelte den Kopf.

 

„Bitte nicht! Ich lege keinen Wert darauf. Der Kerl würde mir sowieso nur im Weg herumstehen und möglicherweise vorhandene Spuren verwischen.

 

Mr. Bristol machte eine saure Miene, verließ jetzt schleunigst das Büro und ging hinüber an das Schlüsselbrett. Der Inspektor und ich folgten ihm.

 

„Na so was. Der Schlüssel ist nicht da. Mr. Shannon muss ihn mitgenommen haben. Ich gebe Ihnen einen Ersatzschlüssel mit“, sagte Bristol und tat erstaunt.

 

Als der Empfangschef dem Inspektor den Zweitschlüssel überreichte, fragte er beiläufig: „Ist mit Mr. Shannon irgend etwas geschehen?“

 

„Das werden Sie noch früh genug erfahren. Für lange Erklärungen habe ich jetzt keine Zeit“, sagte Blanking zu dem verdutzt da stehenden Bristol. Dann schaute er mich an. „Gehen wir, Mr. Random.“

 

Inspektor Blanking ging mit mir zum Fahrstuhl. Als er den Knopf drückte, der uns in den zweiten Stock befördern sollte, räusperte er sich ein wenig. Dann sagte er missmutig: „ Ich hasse Leute, die in Hotels leben. Dieser Bristol ist ein mieser Schnüffler.“

 

Während der Aufzug nach oben fuhr, fragte ich Blanking, ob er von dem Strandaufseher etwas über die Frau in Erfahrung bringen konnte.

 

„Ja, die gleiche Beschreibung. In der Strandhütte gibt es zwei Umkleideräume. Shannon und die Frau benutzten jeweils ihre eigene Kabine. Wir fanden ihre Hose, ihr Hemd, ihren auffallenden Hut und ihre Sonnenbrille. Seine Kleider waren in der anderen.“

 

„Komisch. Sie hat ihre Kleider in dem Umkleideraum gelassen?“

 

„Das sagte ich doch gerade, Mr. Random. – Das kann zweierlei bedeuten. Entweder sie wollte spurlos verschwinden und entschloss sich, das in ihrem Badeanzug zu tun, denn in dieser verdammten Stadt läuft fast jede Frau in einem Badeanzug herum. Oder sie ging im Meer schwimmen, und jemand hat sie auch umgebracht, nach dem Mord an Mr. Shannon. Meine Männer suchen derzeit den Strand ab. Ich persönlich glaube aber nicht daran, dass sie sich aus dem Staube gemacht hat.“

 

„Vielleicht hat irgend jemand gesehen, wie sie die Hütte verlassen hat.“

 

„Bisher Fehlanzeige. Aber unsere Nachforschungen laufen noch.“

 

„Die Frau ist clever. Ein Badeanzug ist immer eine gute Verkleidung“, fuhr der Inspektor fort, als er den sich öffnenden Aufzug verließ, durch den Gang zu Marks Zimmer mit der Nummer 247 rüber ging und den Schlüssel in das Schloss schob. „Die Menschen in Terrania Bay City sehen nicht nach den Gesichtern, sondern sie schauen auf die Figur.“ Er drehte den Schlüssel um und schloss die Tür auf.

 

„Ja zum Teufel noch mal! Was ist hier denn passiert? Heiliger Strohsack!“ zischte es durch Blankings zusammengepresste Lippen.

 

Wir standen unter der Tür und sahen uns in dem Zimmer um. Es war ungefähr so groß wie meins, vielleicht etwas größer, aber ebenso heiß und stickig. In dem Raum sah es aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte. Jede Schublade war herausgerissen worden. Marks Sachen lagen auf dem gesamten Boden verstreut überall herum. Seine Koffer waren aufgeschlitzt, die Matratze des Bettes ebenfalls. Die Füllung lag auf beiden Seiten daneben. Gleiches war mit den Kissen geschehen. Die Federn waren durchs ganze Zimmer gewirbelt worden.

 

„Die Leute, die ihren Partner besucht haben, hatten es offenbar sehr eilig“, sagte Blanking. „Wenn es hier etwas zu finden gab, finden wir es bestimmt nicht mehr. Ich werde meine Jungs sicherheitshalber hier rauf schicken. Vielleicht sind ein paar Fingerabdrücke da, obwohl ich denke, dass meine Männer nichts finden werden. Die Kerle haben zwar fix gearbeitet, müssen aber dennoch Profis gewesen sein, und die erledigen ihre Arbeit nicht ohne Handschuhe.“

 

Er schob mich aus dem Zimmer, zog die Tür wieder zu und verschloss sie sorgfältig.

 

***


 

Fortsetzung folgt irgendwann
Teil 2

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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