Christopher Sichelschmidt

Schizophren

Dieser Raum, er ist so hell. Gleichzeitig aber, kann man die Wände kaum erkennen, als wenn es stockdunkel wäre.
Es ist eine Küche in der ich stehe, vor mir die Arbeitsplatte.
Ich muss leise sein, sonst hört er mich.
In der Stille liegt ein Geräusch, wie aus weiter Ferne.
Ich höre jemanden weinen, leise, aber deutlich zu hören.
Langsam drehe ich mich um. Mein Blick fällt auf die Tür. Sie steht offen. Dahinter ein Flur. Während ich den Raum verlasse, denke ich noch, dass ich die Wohnung irgendwoher kenne.
Ich kann die gesuchte Erinnerung nicht festhalten, wie ein Wort, das mir auf der Zunge liegt aber nicht raus will.
Den Flur habe ich hinter mir gelassen und befinde mich nun im Wohnzimmer. Vor mir sitzt eine Frau, das Gesicht in den Händen vergraben. Schluchzend. Ich kenne sie, aber wie bei der Wohnung, kann ich die gewünschte Erinnerung nicht greifen. Doch was zu greifen ist, ist die Gefahr.
Die Gefahr liegt wie Dunst in der Luft. Sie ist in der Küche, im Flur und ist auch hier. Sie ist zu laut!
Er wird es hören und kommen. Wer eigentlich? Die Frage versucht zu meinem Bewusstsein vorzudringen, doch scheitert und löst sich unweigerlich im Gefühl der drohenden Gefahr auf.

Ich knie vor ihr nieder, versuche sie zu beruhigen. Ich nehme sie in den Arm, lehne ihren Kopf an meine Brust, sage ihr, dass ich da bin, dass sie in Sicherheit ist.
Wer ist sie? Genau wie bei den Fragen zuvor, ist die Antwort nicht zu greifen und zerfällt unaufhaltsam.
„Wir müssen hier Weg“ flüstere ich ihr zu.
Kopfschüttelnd drückt sie mich weg. „Nein! Er wird uns kriegen, wir schaffen es nicht hier raus!“ In ihrem verweinten Gesicht steht Verzweiflung, die langsam aber sicher in Panik um schwingt.
Ich werde sie nicht überzeugen können zu fliehen, dessen werde ich mir bewusst, im selben Maße wie die Panik auch von mir Besitz ergreift.
Ich muss hier raus! Ich hetze in den Flur zurück, schnell aber bedacht und leise zugleich.
Plötzlich höre ich die Stimme eines Kindes. Ich stoppe abrupt und dreh mich um.
Hinter mir im Flur steht ein Kind. „Nimm mich mit!“ wiederholt es.
Das erneute Aufkommen einer Frage, der Frage wer das Kind ist, versuche ich gar nicht erst zu halten.
Bevor ich jedoch reagieren kann, steht die Frau aus dem Wohnzimmer neben diesem Kind. „Das geht nicht“ sagt sie mit überraschend fester Stimme und holt mit dem Arm nach hinten aus.
Jetzt sehe ich das Messer in ihrer Hand. Adrenalin flutet meinen Körper, doch es ist zu spät. Das Messer steckt bis zum Griff in der Stirn des Kindes. Dieser Moment dauert eine gefühlte Ewigkeit, in der sich alles auflöst.
Erst der Flur, dann die Frau und das Kind.
Schließlich auch das Gefühl der Gefahr und der Schleier, der meine Erinnerungen gefangen hielt. Mit zunehmender Klarheit bildet sich ein Gesicht vor mir.
Mein Spiegelbild, das mich seelenruhig anstarrt.
Dann bemerke ich das Messer in meiner Stirn.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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