Christian Benik

Tod im Osterfeuer

Ostersonntagmorgen gegen vier Uhr. Rauhreif hatte das Gras überzogen, vereinzelt waberten Nebelschwaden durch das Dunkel und umgaben das Scheinwerferlicht des alten Range Rovers wie eine Aura, als er langsam die Tönsbergstraße hochfuhr. In Höhe des alten Judenfriedhofes schaltete Werner Wazcnikowsky das Fahrlicht aus. Eine Taschenlampe blitzte im Wagen auf und warf ihr fahles Licht durch die Windschutzscheibe auf den Weg, auf dem sich der Wagen im Kriechgang bis in Höhe des Sendemastes schlich. Der Motor erstarb, die Tür wurde leise aufgedrückt. Er war ganz in Schwarz gekleidetet und als er ausstieg, zog er die Kapuze seines Overalls tief ins Gesicht und drückte die Tür wieder ins Schloss.

Leise öffnete er auch die hintere Tür des Rovers, zischte ein  kaum vermerkbares „Komm!“ in den Innenraum woraufhin ein dunkelgrauer Mastino Napoletano heraussprang; ein Prachtexemplar dieser italienischen Rasse, der gut und gerne 75 Zentimeter groß war und wohl an die 70 Kilo auf die Waage brachte.

Ein Kauz, aufgeschreckt durch die ungebetenen Besucher, klagte mit seinem heulenden Ruf die Störung der Ruhe an. Es war fast Vollmond und so konnte die dunkle Gestalt sich recht gut im Mondlicht orientieren. Die Sohlen seiner Sportschuhe verursachten kein Geräusch und so konnte er sich, leicht nach vorne gebeugt um sein Gesicht zu verbergen, an den wohl gut und gerne vier bis fünf Meter hohen, für das Osterfeuer aufgeschichteten Haufen Brennholz, heranschleichen.

Überwiegend besteht dieses Brennmaterial aus den in den ersten Januartagen eingesammelten, ausgedienten Weihnachtsbäumen aus den Haushalten. Sie werden bis unmittelbar vor dem Osterfeuer auf dem umzäunten Gelände des städtischen Bauhofs gelagert. Man hatte aus den Fällen gelernt, wo man den Holzstoß schon ein paar Tage vor dem Fest auf dem Bergkamm aufgeschichtet hatte und böse Buben sich einen Scherz daraus machten, das Feuer schon vor dem Fest abzufackeln. Was natürlich durch den unmittelbar angrenzenden Wald auch sehr gefährlich war.

Kurz vorher ging er nach rechts auf das Gras und tastete sich hinter dem Haufen und der im Volksmund Kumsttonne genannten Windmühlenstumpf vorbei. Von dort hatte er Blick auf den schräg dahinter stehenden Mannschaftswagen der Freiwilligen Feuerwehr, die Nachtwache hielt, um ein vorzeitiges Abfackeln des Osterfeuers zu verhindern.

Leise und jeden Schritt mit Bedacht setzend, näherte er sich dem Fahrzeug vom Heck her. Er hatte schon von Weitem gehört, dass die Standheizung lief und war sich sicher, dass die beiden Feuerwehrleute eingeschlafen waren. In Höhe der Fahrertür lugte er ganz vorsichtig durch die Scheibe und konnte zwei selig schlummernde Kameraden entdecken. Die frische klare und kalte Luft draußen und die wohlige Wärme in Inneren hatten Wirkung gezeigt und die Beiden ins Reich der Träume geschickt.

Zufrieden huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Er drehte sich um und ging auf gleichem Weg in Richtung seines Autos zurück. Sein Mastino folgte ihm lautlos auf Schritt und Tritt. In Höhe der Kumsttonne bliebe er kurz stehen, zog ein Taschentuch hervor und tupfte sich den Schweiß von der Stirn. War es Angst? Eher wohl die nervliche Anspannung, die die zuständigen Drüsen zu ihrer Sekretion anregten. Dann, beim Zurückstecken des sauber gebügelten und zusammengefalteten Leinentuches passierte ihm ein gravierender Fehler, der ihm später zum Verhängnis werden sollte: Das Tuch glitt, da er sich mental auf den riesigen Holzstoß konzentriert hatte, von ihm unbemerkt, nicht in seine Tasche sondern fiel zu Boden und blieb neben einem Baum liegen.

Bei dem Range Rover, der vielleicht Baujahr 1990 sein mochte, angekommen, öffnete er die Fondtür und ließ den Hund ins Auto springen. Erstaunlich, wie leichtfüßig und federnd so ein großes, massiges Tier sich doch bewegen konnte.

Anschließend begab er sich zum Heck und öffnete die zweiteilige Heckklappe, wobei erst der obere Teil mit der Heckscheibe, von Gasdruckdämpfern unterstützt, nach oben glitt und dann die untere Klappe, die nach der Entriegelung langsam von ihm nach unten geklappt wurde.

Werner Wazcnikowsky zuckte zusammen, als er in der Nähe einen Motor aufheulen hörte. „Mist!“, schoss es ihm durch den Kopf, „hoffentlich kommt jetzt nicht irgendein Idiot hier hoch“. Sein Puls beruhigte sich aber schnell wieder, als er hörte, dass sich das Motorengeräusch von ihm wegbewegte. „Wohl nur jemand auf den Weg zur Arbeit – wahrscheinlich irgendwo im Gesundheitswesen tätig, für die gibt’s ja kein Wochenende“. Mit diesen Gedanken wendete er sich wieder dem Kofferraum zu. Signor, so hatte er seinen Hund in Anlehnung an dessen italienischen Wurzeln, genannt, legte seinen bulligen Kopf auf die Rücklehne und beobachtete sein Herrchen.

Der machte sich an einem Bündel, das mit einer schwarzen Wolldecke eingewickelt und umschnürt war, zu schaffen, zog es auf die untere Heckklappe, drehte sich, in die Hocke gehend, und packte das Bündel auf seine Schultern. Scheinbar mühelos drückte sich sein durchtrainierter, muskulöser Körper in die Aufrechte, griff mit der rechten Hand noch einen kleinen Rucksack und machte sich mit seiner Last auf den Weg zum Holzstoß, wobei er sich von Anfang an am rechten Waldrand auf dem Gras bewegte, um ja keine Geräusche zu verursachen. Er kam gut voran, auch wenn der Mond sich jetzt hinter den Bäumen versteckte. Etwas Licht fiel durch die Kiefern, so dass es für einen sicheren Tritt reichte und er erreichte nach kurzer Zeit den aufgeschichteten Holzhaufen.

Langsam ließ er sein Bündel auf den Boden gleiten, wartete eine Minute, bis sich sein Blutdruck wieder normalisiert hatte, hielt die Luft an und lauschte durch die Stille. Kein Geräusch drang zu ihm durch, auch die Standheizung des Feuerwehrwagens war offensichtlich ausgegangen. Zur Sicherheit näherte er sich dem Fahrzeug noch einmal in Deckung des Windmühlenstumpfes, zog aus dem mitgenommenen Rucksack ein Richtmikrofon, stöpselte sich den Ohrhörer ins Ohr und zielte mit Gerät auf das Fahrzeug. „Puh, alles gut“ war sein Gedanke, als er noch deutlich Schnarchgeräusche vernehmen konnte. Er verstaute das Mikrofon wieder im Rucksack, drehte sich um und hörte mit Erleichterung, dass die Standheizung wieder ihre Arbeit aufnahm. So war er sicher, dass die beiden „Wächter“ nichts Verdächtiges würden wahrnehmen.

Jetzt begann der schwierigste Teil seines Unterfangens, nämlich sein Bündel in das Innerste des riesigen Holzhaufens zu bugsieren. Mit einem längeren stabilen Ast, den er sich herausgezogen hatte, wühlte und bohrte er sich eine Öffnung, bis sie nach seiner Meinung groß genug war um sein Bündel hinein zu bugsieren. Dafür hatte er extra eine große Schlaufe in die Verschnürung eingearbeitet, so dass er es mit der Astgabel in das Loch hineinschieben konnte, was ihm auch recht problemlos gelang. Bevor er daran ging, alle Spuren zu verwischen, holte er noch eine Plastikflasche mit dem Aufdruck „Grill-Anzündflüssigkeit“ aus dem Rucksack und verteilte ihren gesamten Inhalt auf das Bündel. Nachdem er die Flasche wieder im Rucksack verstaut hatte, verstopfte er den Zugang zum Holzberg sorgfältig, leuchtete alles mit der Taschenlampe ab und stellte sich in ungefähr drei Metern Abstand dazu hin, verschränkte die Arme vor der Brust, verzog sein Gesicht zu einem hämischen Grinsen, schon fast fratzenhaft wirkend und dachte: „Das Thema ist erledigt“.

Als Wazcnikowsky wieder in sein Auto stieg, schlug die Uhr der nahen Alexanderkirche fünf Mal.

15 Stunden später. Das Osterfeuer schickte seine Flammen meterhoch in den Himmel, es prasselte und knackte, die Besucher standen fasziniert davor, einige klammerten sich an ihre Bierflasche, andere schoben sich die Pommes oder eine Bratwurst in den Mund. Immer wieder erstaunlich, wie Feuer Menschen in seinen Bann zieht. Unter den zahlreichen Menschen stand auch Werner Wazcnikowsky mit unbewegter Miene. Er war ein Eigenbrötler, der keine Freunde hatte und so wurde er auch nicht registriert oder angesprochen. Gegen 20 Uhr löste sich allmählich das Ganze auf und die meisten gingen nach Hause, auch Wazcnikowsky schlenderte, die Hände tief in die Taschen seiner Outdoorjacke versenkt, in Richtung Stadt.

Die Uhr schlug bereits 10 Mal, der Wurst- und Bierwagen war abgerückt und die Feuerwehr machte sich daran, das restliche Feuer aus Sicherheitsgründen abzulöschen. Es war bereits dunkel, leichter Regen hatte eingesetzt und der Lichtmast des Feuerwehr-Gerätewagens leuchtete die Szene aus. Ein lauter Ruf des Wehrführers „Shit, was ist das denn?“ lies alle Kameraden aufmerken. Mit einem langen Haken zog er das verglühte Holz aus der Mitte des Feuers und hervor kamen Knochen, besser gesagt Knochenreste. Das waren ganz offensichtlich die sterblichen Überreste eines Menschen! Der Wehrführer zog sofort sein Funkgerät aus der Tasche und meldete den Fund an die Leitstelle. Die Polizei war zehn Minuten am Tatort, nahm ihn Augenschein und informierte die Kriminalpolizei. Eine halbe Stunde später wuselte eine ganze Schar von Beamten um den Tatort herum. Die Spurensicherung nahm ihre Arbeit auf und es war bereits weit nach Mitternacht, die sterblichen Überreste schon auf dem Weg in die Gerichtsmedizin, als ein Mitarbeiter das Taschentuch am Waldrand entdeckt hatte und in einer Plastiktüte zum Wagen der Spurensicherung brachte.

Die Obduktion am Ostermontag brachte relativ schnell die Identität der Leiche anhand des Zahnabdruckes heraus: Es war Kathrin Wazcnikowsky, Werners Frau, die er am Abend vor dem Osterfest nach einem Streit mit einem Kaminhaken erschlagen hatte und auf diesem Wege „entsorgen“ wollte.

Das Pech für Werner Wazcnikowsky war, dass er vor vier Jahren eine Speichelprobe im Rahmen einer Untersuchung zu einem Sexualdelikt an einem Kind abgegeben hatte, die für ihn zum Glück ergebnislos blieb. Der genetische Abgleich der Spuren aus seinem verlorenen Taschentuch brachten die Ermittler jedoch sehr schnell auf seine Spur.

Ostersonntagabend gegen 21 Uhr klickten bei Werner Wazcnikowsky die Handschellen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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