Sylvia Sagmeister

Oh Goldener

In meinen Gedanken sehe ich dich vor mir, schon den ganzen Tag, ja die ganze letzte Woche freue ich mich auf dich, freue mich, dich genießen, in dir schwelgen zu dürfen! Du Inbegriff des Genusses, der die verschlungenen und verworrenen Wege meiner Empfindungen wieder ins Reine bringen, der meine Seele auch aus tiefsten Tiefen wieder ans Licht holen kann. Ich sehe dich schon vor mir liegen, rieche schon deinen verlockenden Duft, der du danach lechzst, meine innigsten Bedürfnisse zu befriedigen.
Goldener Schimmer umfängt dich, weißer pudriger Schleier bedeckt dein Haupt, dein heller Rand in der Mitte zeugt von deiner Qualität. Vor meinem geistigen Auge entstehst du, ich harre deiner, harre der Minuten, da ich mich genüsslich mit dir befassen darf. Deinen Schleier werde ich kunstvoll und voller Inbrunst ablecken, mich dann deiner goldenen Haut widmen, deinem flaumig weichen Inneren, deiner süßen orangenen Mitte, jedes einzelne Stückchen, jedes Bröselchen von dir genießen.
Auf dem Heimweg werde ich dich zu mir holen, am letzten "erlaubten" Tag, an dem ich mich deiner annehmen, mich dir widmen werde. Die letzten Tage habe ich mich für dich aufgespart, jede Kalorie doppelt gezählt, damit ich mir umso mehr von dir einverleiben darf und sich mein schlechtes Gewissen ob der massiven Energiezufuhr in erträglichem Rahmen bewegt.
Siedend heiß fällt mir ein, dass der Bäcker ja schon mittags geschlossen hat. Er schließt immer mittags, frisches Brot, frische Backwaren gibt es nur vormittags.
Zum Glück ist da noch der Supermarkt an der Ecke.

Voller Freude betrete ich das Selbstbedienungsgeschäft, schaue mich nach dir um. Da! Du leuchtest mir entgegen, nicht einsam und alleine, nein zu viert gepackt, wie im Prospekt beschrieben: Frische Krapfen aus österreichischer Produktion. Vier Stück. Ich nehme dich gleich mit, gemeinsam mit deinen drei Gefährten, verzichte schweren Herzens auf ein zweites Päckchen, nein vier Stück genügen vollauf, hat eines mindestens 300 Kalorien, wenn nicht mehr. Sogar mir genügen vier Stück, morgen beginnt die Fastenzeit, die Krapfen müssen heute daran glauben, müssen heute meine Seele befriedigen. Drei für mich, einen für ihn, der sich eh nicht so darum reißt. Gleich jetzt, daheim, zum Kaffee.

Da liegst du nun vor mir, du erster der zu genießenden Goldenen, zu Hause auf dem Teller, die Serviette daneben, das Häferl steht schon bereit, um mit frischem duftenden Kaffee gefüllt zu werden. Die Maschine gluckert, tiefschwarzes Nass rinnt in mein Häferl, ein bisschen Milch dazu, goldbraun jetzt die warme Flüssigkeit, passend zur goldenen Verlockung auf dem Teller. Ich setze mich an den Tisch, ein Schluck Kaffee voraus, die Sonne scheint ins Fenster und umgibt den Tisch mit einem goldenen freundlichen Licht, dir zu Ehren! Oh Goldener, wie ich mich auf dich freue! Wie ich mich danach sehne, meine Zähne in deinen weichen, saftigen Körper zu schlagen und deine süße Flaumigkeit mit jeder Faser meines Körpers zu genießen...

Aber... was ist das? Dieser Geschmack? Trocken, fast hart? Er ist doch von heute, der Krapfen, ich hab doch aufs Datum geschaut!
Was!? Gefroren!? Und wieder aufgetaut!?
Ganz klein, ganz unten am Etikett ist der Aufdruck.
Welcher Unmensch bringt das fertig!?

Ein so göttliches Produkt so zu zerstören...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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