Claudia Savelsberg

Ein echt dufter Typ

Ich liebe Parfümerien, diese edel-eleganten Gefilde, die mein Herz automatisch höher schlagen lassen. Eine Parfümerie ist kein Geschäft, sondern ein Duft-Tempel, der mich mit Tausenden von Aromen empfängt und umhüllt.

Die Liebe zu Parfums ist uns Frauen mit Sicherheit angeboren. Anders ist es auch nicht zu erklären, dass wir recht bald zielorientierte Fähigkeiten im Umgang mit den Feromonen, die in jedem Parfum enthalten sind, entwickeln. Manchmal ist es von Vorteil, eine Frau zu sein.

Gut gelaunt betrete ich einen dieser Duft-Tempel. Eine makellose Dame, die den Begriff Hautunreiten allenfalls aus dem Fremdwörter-Duden kennt, schwebt lächelnd auf mich zu: „Kann ich Ihnen helfen?“ In den meisten Fällen pflege ich auf eine solche Frage zu antworten: „Nein danke, mir ist nicht zu helfen.“ Aber dieses engelsgleiche Wesen namens Parfümerie-Fachverkäuferin ist so nett, dass ich freundlich sage: „Nein danke, ich möchte mich ein wenig umschauen“.

Etwas zögerlich kommt ein junger Mann herein, die Schwellenangst beim Betreten der fremden Gefilde ist ihm deutlich anzumerken. Ich schaue ihn mir etwas näher an, dunkle Haare, blaue Augen und eine Figur, die auf den regelmäßigen Besuch eines Fitness-Studios schließen läßt. Ich schätze ihn auf Anfang Zwanzig. „Ein echt dufter Typ“, denke ich und riskiere einen zweiten Blick. Gerade noch rechtzeitig fällt mir ein, dass ich nicht millionenschwer bin und mit zweitem Vornamen nicht „Madonna“ heiße. Somit bleiben weitere Gedankenspiele im Bereich des Platonischen.

Die zauberhafte Parfümerie-Fachverkäuferin schwebt lächelnd auf den jungen Mann zu. Da ich neugierig bin, positioniere ich mich wie zufällig in Hörweite und werde Zeugin des folgenden Dialogs.

Kann ich Ihnen helfen?“

Ich suche ein Parfüm für meine Freundin zum Geburtstag.“

Woran haben Sie denn gedacht?“

Weiß nicht … es soll gut riechen.“

Fruchtig, blumig, süß oder eher herb?“

Äh … blumig … herb nicht.“

Lavendel, Jasmin, Rosen, Veilchen?“

Rosen sind immer gut, oder?“

Ich bemerke einen kleinen Schweißtropfen auf der Stirn der makellosen Dame, die als Parfümerie-Fachverkäuferin Zuflucht zu ihrem Fachwissen nimmt. Kompetent erklärt sie dem jungen Mann die Begriffe Bukett, Kopfnote und Herznote. Seine Körperhaltung signalisiert, dass er sich auf eine schnelle Flucht aus dem Duft-Tempel vorbereitet.

Die makellose Dame, Herrin der Situation, weiß dies geschickt zu verhindern: „Ich zeige Ihnen jetzt Düfte mit Rosen-Bukett.“ Der junge Mann, wild entschlossen, für seine Freundin jedes Opfer zu bringen, folgt ihr zu einem Regal, an dem ich mich auch wieder ganz zufällig positioniere.

Sie sprüht verschiedene Düfte auf Teststreifen, wedelt diese kurz durch die Luft und gibt sie dem jungen Mann zum Schnuppern. Seine Miene drückt Verzweilfung aus angesichts dieser Parfum-Vielfalt, mit der er sich als Mann konfrontiert sieht. Diskret schiebt er sich ein Pfefferminzbonbon in den Mund. „Vielleicht hat er zu viel von den Düften eingeatmet“, denke ich. Auf der Stirn der makellosen Dame erscheint ein zweiter kleiner Schweißtropfen.

Aber sie ist Parfümerie-Fachverkäuferin und somit Profi. Entschlossen greift sie zu einem weiteren Parfum, das in dem Regal steht, wo ich mich positioniert habe. Dabei stößt sie dem jungen Mann versehentlich in die Rippen. Er springt zur Seite und landet in meinen Armen, was ich nicht unbedingt bedauere. Auf der Stirn der makellosen Dame macht sich ein dritter kleiner Schweißtropfen breit. Der junge Mann entschuldigt sich bei mir, seine Verlegenheit steht ihm ausnehmend gut, wie ich finde. Mit jugendlicher Unbefangenheit sagt er plötzlich: „Sie riechen aber gut. Was ist das für ein Parfüm?“

Auf der Stirn der makellosen Dame hat sich mittlerweile ein kleiner See aus Schweißtropfen gebildet. Kurz entschlossen übernehme ich die Aufgabe einer Parfümerie-Fachverkäuferin und erkläre dem jungen Mann, dass es sich bei meinem Duft um „den“ Klassiker aus einem berühmten französischen Haus handelt. Schon eher eine Duft-Legende mit dem verheißungsvollen „No.5“ im Namen. „Jede Frau liebt diesen Duft. Ihre Freundin wird begeistert sein“, füge ich hinzu.

Das überzeugt ihn, dieses Parfum möchte er haben. Die makellose Dame hat sich inzwischen diskret die Schweißtropfen von der Stirn gewischt und schwebt lächelnd Richtung Kasse. Der junge Mann dreht sich kurz zu mir um: „Vielen Dank. Für Ihr Alter sind Sie noch ein echt dufter Typ.“ Ich ziehe es vor, ganz schnell aus dem Duft-Tempel zu verduften bevor mir in meinem Alter der nächste junge Mann in die Arme fällt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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