Ali Yüce

Satt

   Die Raupe lag lang ausgestreckt auf einer Gurke und knabberte an einem Blatt, das zu ihr herab hing, und nach jedem heruntergeschluckten Bissen gab sie ein tiefes verträumtes Stöhnen von sich. Ich!, dachte sie. Ein Schmetterling! Zu schön, um wahr zu sein.

   Du musst viel essen, hatten sie ihr gesagt, so viel, dass du glaubst zu platzen. Siehst du all diese grünen Blätter? Die müssen da rein, hatten sie gesagt und ihr den Bauch gestreichelt. Dann wirst du schlafen, ganz ganz lange. Und wenn du aufwachst, wirst du jemand anders sein. Du wirst wunderschöne, zarte Flügel haben, die bunt leuchten. Mit ihnen wirst du fliegen können. Sie werden dich überallhin tragen! Du wirst fliegend tanzen können, Arabesque, Pirouetten, Spiralen, alles, was du willst!

   Sie redeten und redeten - ein Konzert aus tausend Kehlen. Die Raupe aber aß und aß. Sie versuchte dem zu Glauben zu schenken, was sie hörte. Zu schön wurde ihr die Zukunft ausgemalt, das konnte sie nicht einfach ignorieren. Schmetterling. Was für ein Wort! Was für ein Traum! Wenn sie an sich hinab blickte, wurde ihr bewusst, wie unwahrscheinlich das war. Wenn nicht sogar unmöglich. Sie war kurz vorm Platzen, das spürte sie. Es konnte nicht mehr lange dauern, dann würde sie es wissen.

   Die Zweifel waren groß, aber noch größer waren die Fragen, die mit ihrem Körper  gewachsen waren. Die allergrößte war: warum? Wenn sie sich denn vielleicht in einen Schmetterling verwandeln würde, warum musste sie vorher das hässliche Ding hier sein, warum musste sie sich all das antun? Gab es einen Sinn für das ständige Fressen und Kriechen? Und welchen Sinn gab es für diesen wabernden Klumpen an Körper, den sie kaum noch vorwärts geschoben bekam? Warum zum Teufel durfte sie nur als Schmetterling ihr Leben genießen? Sie wusste jetzt schon, dass alle sie bewundern würden, wenn sie durch die Luft flatterte und lachte. Und jetzt? Erst vor wenigen Tagen hatten einige Jungs sie in eine Flasche gesteckt, die bis obenhin mit Zigarettenstummeln gefüllt war. Ab in die Ascheflasche!, hatten sie vorher noch gerufen, und in dieser Ascheflasche wäre sie beinahe gestorben. Sie hatten sie geschüttelt, gekullert und durch die Luft geschmissen, und die Raupe hatte das viele Grün, das sie mühsam in sich hineingestopft hatte, in einem Schwall wieder ausgekotzt. Sie war stinkend und blutend zwischen einigen Grashalmen aufgewacht und konnte es nicht fassen, dass sie noch lebte. Wäre ihr das als Schmetterling auch passiert? Sicher nicht!

   Als sie sich das letzte Stück Blatt in den Mund schob und fühlte, dass sie bei dem nächsten Bissen wirklich platzen würde, hatte sie dieses ganze lächerliche Scheiße plötzlich so satt, dass ihr davon übel wurde. Vor Abscheu und Wut fing sie an zu brüllen. „Ihr könnt mich alle!“ schrie sie. „Ihr alle! Habt ihr eine Ahnung, was ihr mir angetan habt?“ Sie begann zu weinen und laut zu schluchzen, und immer wieder kam die Wut in ihr hoch und fraß sich zwischen den Schluchzern als hysterisches Geschrei aus ihrer Kehle. Und mit einem Mal wusste sie, was zu tun war. Es gab nur eine Art, diese Sache zu beenden. Mit wilder Entschlossenheit stemmte sie sich hoch und fing an zu weben. Sie brauchte nicht lange und wunderte sich nicht darüber, wie geübt ihre Hände die feinen Fäden zusammenfügten, obwohl sie das vorher noch nie getan hatte. Jeden Handgriff führte sie perfekt aus und im Nu war das fertig, was sie haben wollte: ihr eigener Sarg. Ohne zu warten, band sie ihn an einen Ast, hüllte sie sich in ihm ein und ließ sich fallen.

   Ein sanfter Ruck ging durch den Gurkenstrauch und niemand sagte ein Wort.

2009Ali Yüce, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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