Daniel Schäfer

Beginn einer Blume

Sie standen Seite an Seite, die Oberfläche des Mondes schimmerte hell zu ihren Füßen und beide waren tief in den Anblick eines kleinen, unscheinbaren grünen Stengels versunken, der zart und zerbrechlich aus dem Staub herausragte. Jeder Außenstehende hätte den Anblick der beiden ergrauten Menschen und des kleinen Pflänzchens an diesem kalten, unwirtlichen Ort als bizarr empfunden, aber derartige Gefühle schienen den beiden genauso weit entfernt wie die anderen Menschen, die einige tausend Kilometer von ihnen entfernt emsig ihrer Arbeit nachgingen, schliefen oder sonstiges alltägliches erlebten. Die Athmosphäre dieser Abgeschiedenheit schützte die beiden, lag um ihnen wie eine große Seifenblase, wie eine Decke um einen mitternächtlichen Träumer, schützte sie vor der grausamen Kälte des Weltalls und der der menschlichen Gefühle. Ausgesprochen nah standen sie, die Arme umeinandergelegt und betrachteten mit stiller Ehrfurcht das keimende Leben welches sich unmittelbar vor ihnen anschickte, das erste kleine Blatt zu entrollen. Wann würde es zum ersten Mal blühen ?
Während der Mann mit zittriger Stimme begann, dem Herrn und Schöpfer für dieses Wunder zu danken und seine unermessliche Macht zu preisen nahm der Gedanke an die erste Blüte das Herz der Frau gefangen. Welche Farbe würde sie haben ? Gelb, wie die in einiger Entfernung sichtbare Sonne ? Rot, wie die glühende, innige Liebe, die ihre Herzen vor so langer Zeit in ein loderndes Inferno verwandelt hatte ? Und die Form, würde die Blüte mehr an ein Herz erinnern, an eine Glocke oder einen Kelch ? Neugierig versuchte sie, sich die so sehnlich erwartete Blüte in allen denkbaren Variationen vorzustellen.
Der Mann hatte sein Gebet beendet und war nun wieder in stumme Andacht verfallen. Es gab niemanden hier oben, es gab nur Staub, die beiden Menschen und den Beginn einer Blume. So grenzenlos dieses neue Land den Gästen dieser Gestalt gewordenen Einsamkeit vorkommen mußte, so weit die Erde mit ihren Licht und Schattenspielen von ihnen entfernt war, so groß war ihre Ehrfurcht vor diesem winzigen grünen Stengel mit einem Blatt, das sich, mitlerweile vollständig entrollt, der Sonne entgegenstreckte. Obwohl die beiden zu hause, auf der Erde, einen Garten hatten, hatten sie noch nie etwas vergleichbares gesehen. Allein das Grün des Stengels und des Blattes hatten sie noch nie zuvor gesehen. es war kein außergewöhnliches Grün, es war bestimmt auch nur eine Mischung aus blau und gelb, aber es war ein Grün, das man in gleichem Maße sehen wie hören konnte. Die Blume roch sogar grün, und wenn man sich einen Augenblick auf nichts anderes konzentrierte, glaubte man, das Grün der Pflanze zu schmecken.
Lange standen sie so, Arm in Arm, auf dem Mond, vor dem Beginn einer Blume. Der Stengel wuchs langsam, aber stetig weiter, und als er etwa die Höhe eines Gänse-blümchens erreicht hatte, wurde eine kleine Knospe sichtbar. Die beiden sahen sich an. Sie hatten die Blume gesehen, hatten sie gehört und hatten das Grün ihres Blattes gerochen. Sie hatten die Farbe ihres Stengels geschmeckt. Und nun wurde ihnen das seit geraumer Zeit schon schwelende Begehren bewußt, ihr Grün auch zu fühlen.
Langsam und behutsam gingen sie in die Knie, streckten die verwelkten Finger aus, um das frische Grün des Mondes zu berühren. Es fühlte sich weich an, weich und flauschig, und grün natürlich. Das Blatt fühlte sich grün an, der Stengel und auch die Knospe.
Auch wenn es schmerzte, so kauernd auf dem Wüstenboden, denn das Paar war schon alt, so mochten sie doch diese neu gewonnene Nähe zu dem Trieb nicht aufgeben, wollten das Öffnen der Blüte aus nächster Nähe miterleben. So warteten sie lange, sahen und staunten, fühlten schmeckten und hörten das Grün des Beginns einer Blume. Zwei Menschen, auf dem Mond, vor sich einen kleinen grünen Stengel, mit einem Blatt und einer Knospe.
"Es ist an der Zeit zu gehen", dachte der Mann eine Ewigkeit später. Er nahm seine Frau an der Hand und gemeinsam machten sie sich auf den Rückweg, bis sich ihre Spuren im Staub verloren.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.11.2001. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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