Frank Heidelbacher

Stiller Widerstand im Dialog einer glücklichen Ehe

Er: Weißt Du, dass Oma und Opa bald Diamantene Hochzeit feiern?

Sie: Ja, 60 Jahre verheiratet. Das ist fast neun mal länger, als wir miteinander verheiratet sind.

Er: Wahnsinn und bewundernswert. Da gehört einiges dazu und die beiden sind immer noch ein glückliches Paar auf ihre alten Tage. Wenn man bedenkt, dass viele Ehen heute zeitig geschieden werden. Ich bin ja selbst schon einmal davon betroffen gewesen.

Sie: Oma und Opa gehören einer anderen Generation an. Man musste sich aufeinander verlassen und zueinander stehen, um die gemeinsamen Kinder großzuziehen und etwas aufzubauen. Oberflächliche Beziehungen konnten den persönlichen Ruin bedeuten. Das müsstest Du ja wissen.

Er: Ja leider. Sag mal, wieso hast Du zu mir gehalten, obwohl ich dazumal in einer richtig üblen Trennungssituation steckte?

Sie: Du warst ehrlich und hast mir Deine Lage genau geschildert. Du hattest ihr damals vierzehn Tage Zeit für die Entscheidung zwischen einer Zukunft mit Dir und Eurem gemeinsamen Sohn oder sie mit ihren Eltern, zu denen sie hinter Deinem Rücken während Deines Studiums zog gegeben. Fast ein Jahr hast Du versucht diese Ehe aufrecht zu erhalten und wurdest noch als schlechter Vater beschimpft. Kein Mann wie Du hat das notwendig. Denke nur an Deinen gesundheitlichen Zustand, der bereits in Mitleidenschaft gezogen war, als wir uns kennenlernten. Ich selbst hatte mit dem Tod meiner Mutter auch alles verloren. Es konnte nur noch bergauf gehen. Und wieso warst Du um mich bemüht?

Er: Ja die Entscheidungszeit für sie war um. Wir wurden ja über gemeinsame Freunde bekannt gemacht. Und schlimmer konnte es bei mir auch nicht werden. Weißt Du noch diese SMS ihrer Eltern: „Wir sind stolz auf unsere Tochter, die sich aus dieser Gewalttätigkeit befreit hat!“. Ab da an wusste ich, geh einen anderen Weg, aber nicht wieder zurück. Du hast gesehen und gelesen, dass mir permanent Gewalttätigkeit und Aggression vorgeworfen wurden und kanntest mich kaum.

Sie: Weißt Du, ich spürte, dass das gelogen war. Ich spürte Deine Liebe, Aufrichtigkeit und Deinen wundervollen Charakter und wusste, dass wir eine gemeinsame Zukunft haben werden. Von daher bin ich ihr dankbar, dass sie Dich so achtlos entsorgt hat.

Er: Ja entsorgt ist das richtige Wort. Dann wurde noch am Versuch der totalen Zerstörung von mir gearbeitet und der Umgang mit dem gemeinsamen Jungen vehement verhindert. Mit begrenztem Erfolg. Die Richterin machte damals deutlich, dass der Junge auch beim Vater aufwachsen könne, zumal wir uns schon dazu entschlossen hatten,eine gemeinsame Zukunft aufzubauen. Aber das ist zu egoistisch. Kinder kann man nicht besitzen. Auch Sie liebte ich damals wirklich.

Sie: Ja das wahre Gesicht zeigt sich bei der Trennung oder in schwierigen Situationen. Ob sie Dich liebte, daran habe ich meine Zweifel. Auf jeden Fall hat sie einen wunderbaren Menschen verprellt.

Er: Wenn ich Dich verließe, würdest Du mir den Umgang zu den Kindern verweigern und mit fadenscheinigen Lügen verhindern?.

Sie: Bist Du des Wahnsinns fette Beute! Ich würde zusehen, dass Du für die Kinder da bist und dafür sorgen, dass Du Dich um Deinen Nachwuchs, den ich für Dich zur Welt brachte zu kümmern hast! Kinder entstanden durch die Zuneigung zweier Personen und brauchen beide Eltern! So oberflächlich und egoistisch zu denken, dass Kinder einem allein gehören.

Er: Und ich verlasse Dich nicht, weil Du die richtige Denkweise für ein dauerhaftes Zusammenleben hast. Meinem Jungen wollte und würde ich auch mehr bieten. Wenn allerdings Päckchen zurückkommen, Einladungen für ein paar Wochen beim Vater in den Ferien gar nicht ausgehändigt werden und dann der unwahre Vorwurf kommt, warum ich vor der Schule auftauchen würde und den Jungen gefühlsmäßig durcheinanderbringen würde, dann hat man irgendwann keinen Bock mehr sich mit solchen Personen sachlich auseinanderzusetzen.

Sie: Der Brief mit dieser Behauptung war wirklich gut Papa. Natürlich fährst Du mal einfach 1600 Kilometer, um 10 Minuten Stunk zu machen. Gerade Du hast das nötig. Natürlich zu einer Zeit, zu der du arbeiten warst und ich von alledem nichts wusste.

Er: Ich habe es halt drauf. Oder?

Sie: Empfindest Du Hass für das Verhalten von ihr?

Er: Weißt Du mein Engel, Hass ist eines der stärksten Gefühle überhaupt. Hass bindet und kostet Kraft. Wieso sollte ich jemanden hassen, der sich durch Selbsthass selbst im Wege steht?

Sie: Und was sie Dir mit Jungen antut?

Er: Er weiß, das er einen Vater hat. Einen Vater der ihn als Gravur in seinem Herzen trägt, wie ich alle meine Kinder im Herzen trage, weil er aus Liebe entstand, wovon ich einen Teil lieferte. Somit ist er nicht nur oberflächlich für mich existent. Ein Vater, der seine Kinder nach der Geburt auf dem Arm hielt und diese auch umsorgte, hat diese Gefühle in sich. Ein Band, was ein Leben lang hält. Ja, ich denke täglich an ihn. Diese wahre Liebe ist tief genug, um zu verhindern, zwecklose, teure und nervenaufreibende Gerichtsprozesse zu beginnen, welche den Jungen noch tiefer spalten würden.

Sie: Bist Du der Ansicht, dass sie Dir etwas vormachen und mit ihrem Verhalten Stärke und Macht zeigen will?

Er: Ich behaupte ja. Tief in ihr wird es anders aussehen.

Sie: Ob sie glücklich ist oder wird?

Er: SO richtig bestimmt nicht, aber ich würde es ihr wünschen.

Sie: Dann muss sie sich aber gewaltig ändern.

Er: Sie wird es versuchen. Allerdings nur oberflächlich. Damit meine Aussehen und Stil. Das ist aber nicht das wahre innere ich beziehungsweise der Charakter. Aussehen zieht an und der Charakter verbindet nun mal.

Sie: Genau wie bei uns. Wir akzeptieren uns als eigenständige Personen und versuchen uns gegenseitig nicht zu Gunsten des anderen zu verbiegen.

Er: Genau. Ich bin das Arschloch, das sagt, wo es langgeht…

Sie: Und du oller Sturkopf hörst auf mich!

Er: So muss das sein. Fest verbundene Partner halten sich gegenseitig den Rücken frei. Auch wenn ich wenig Zeit habe, hast Du mir noch nie an den Kopf geworfen, dass ich ein schlechter Vater sei.

Sie: Das ist bei Oma und Opa sicherlich auch nie passiert. Streit gab es bestimmt auch in den 60 Jahren der Gemeinsamkeit.

Sie: Wovon Du ausgehen kannst. Den hatten wir auch schon. Allerdings in 9 Jahren unseres Zusammenlebens kann ich dies an der Hand abzählen und wir haben dann immer einen sachlichen Konsens gefunden.

Er: Bei vernünftigen Leuten sollte das so sein. Und haben wir viel erreicht und sind glücklich miteinander.

Sie: Wenn die Charaktereigenschaften beider stimmen und die heutzutage sehr einfach gemachte Trennung nicht zum Ausleben versteckter Machtansprüche führen würde, würde vielen Kindern viel Leid erspart. Gut, heutzutage sind Patchworkfamilien häufig anzutreffen. Ich glaube, dass das an der Oberflächlichkeit und Schnelllebigkeit unserer Zeit liegt. Im Umkehrschluss müsste keiner mehr alleinerziehend sein. Kannst Du Dich an die zugeschickten Fotos erinnern?

Er: Sicher. Das Rezept: „Man nehme ein paar gute Freunde und stelle das Bild einer glücklichen Familie.“. Zuerst belügt man andere und dann sich selbst. Irgendwie fühle ich so etwas.

Sie: So etwas nennt man Empathie. Diese Charaktereigenschaft, sich in andere hineinzuversetzen, liebe ich an Dir. Das ist alles andere als oberflächlich und eine wichtige Voraussetzung für gemeinsames Glück. Allerdings kannst Du auch sehr direkt sein.

Er: Dito. Und von manchen Personen wird direkte Deutlichkeit als Angriff oder Aggression gewertet.

Sie: Wie oberflächlich, in einer Krise nicht für einen Mann, der gesunde Vorstellungen hat, mit beiden Beinen im Leben steht und noch liebevoller Ernährer der Familie ist, zu kämpfen. Wobei 14 Tage Bedenkzeit mehr als ausreichend sind. Ich hätte nicht lange überlegen müssen. Übrigens Du warst auch keine Liebe auf den ersten Blick für mich. Das ist jugendliche Schwärmerei.

Er: Das muss zusammenwachsen. Dann hat eine Beziehung auch Bestand. Oberflächliche Beziehungen sind leider zum Scheitern verurteilt. Mit einem oberflächlichen Mindset in Sachen Beziehung, wirst Du früher oder später zum Alleingang verdammt sein.

Sie: Ich denke sie wird auch damit zu kämpfen haben.

Er: Jede Wette ja. Bodenständige Männer in meinem Alter werden von ebenso bodenständigen Partnern nicht mehr hergegeben. Es gibt den „Festivaltypen“ für eine Nacht und letztendlich die Kerle, die auf Grund der familienrechtlichen Bedingungen hierzulande keine Familie gründen wollen, weil sie durchaus zu Recht, Angst haben bis zu aufs Hemd ausgezogen und zerstört zu werden. Du siehst doch, seitens der holden Dame werden Behauptungen aufgestellt, die geeignet scheinen, dass der entsorgte Partner alles verlieren kann. Übrigens auch einer der Gründe, warum ich auf unnütze Geld vernichtende Umgangsprozesse verzichte.

Sie: Mit so einem Ego-Trip würdest Du auch uns belasten. Genau, dass was sie mit der Umgangsverweigerung macht. Das wäre dasselbe Niveau. Und Du hast Dir nichts vorzuwerfen, denn Du bist ein guter Vater und hervorragender Ehemann und hast es nicht notwendig auf dieses Niveau herabzulassen!

Er: Habe ich nicht vor. Den Geduldigen gehört die Welt und alles braucht nun mal seine Zeit. Schade für den Jungen. Einen Zweig seiner Identität bekommt er damit wohl abgeschnitten.

Sie: Ich sage ja, ich würde Dich zum Umgang prügeln. Ist es wirklich so schwierig, dies zu erkennen?

Er: Um zu erkennen, muss man sich selbst reflektieren. Damit haben sich schon intelligente Leute beschäftigt. Bei der Reflexionen um eigene Kompetenzen handelt sich um einen Effekt, der nach Dunning - Kruger benannt ist. Wenn man dies kann, ist man auch in der Lage sich eigene Fehler einzugestehen.

Sie: Genau das. Für Personen, die so etwas nicht können, sind immer die anderen die Schuldigen. Erinnerst Du Dich, als sie noch halbwegs mit Dir kommunizierte und ihren Freund verloren hatte?

Er: Ja, ich sollte irgendetwas erzählt haben. Leuten, welche ich nicht mal kenne. Den Schuh muss ich mir nicht anziehen.

Sie: Wäre auch schlimm wenn Du das tun würdest. Eine Methode, um Schuldgefühle bei Dir hervorzurufen. Frei nach dem Motto, nachdem man in den Dreck gefallen ist: „Seht, meine Weste ist schmutzig und der da hat mit Dreck geschmissen!“.

Er: Mangelnde Selbstreflexion und die permanente Suche der Schuld bei anderen ist auch ein Beziehungskiller. Das habe ich bei Oma und Opa nie erlebt.

Sie: Und bei uns beiden kam so etwas auch noch nie vor.

Er: Vertrauen, Ehrlichkeit, Offenheit und Aufrichtigkeit sind die Basis jeder glücklichen Beziehung. Stell Dir vor, mit den gegenseitig ausgestellten Vollmachten für den Ernstfall würde einer von uns Schindluder betreiben. Du würdest ohne mein Wissen Eigentum veräußern, alles an Dich reißen und mich bis aufs letzte Hemd ausziehen, um Dich selbst verwirklichen zu wollen.

Sie: Und was habe ich davon? Vielleicht kurzfristig etwas Geld und dann? Geht gar nicht. Auf solche Ideen sind in 60 Jahren Ehe weder Oma noch Opa gekommen!

Er: So sieht es aus.

Sie: Ich bin überzeugt, dass wir bis an unser Lebensende glücklich zusammen sind.

Er: Ich auch. Unser Vorhang wird sich nach 50 Jahren Ehe, wir beide über 80, gemeinsam beim letzten Akt schließen.

Sie: Sag mal Papa. Dein spitzer Humor.

Er: Wieso. Oder denkst Du, dass der letzte Auftritt besser aussehen würde, wenn ich Dir in diesem Alter in den Allerwertesten beiße, einen Hexenschuss bekomme, meine Dritten an Dir kleben bleiben, wir beide aus dem Bett rollen und schließlich auf dem Rücken liegen bleiben, wie Käfer, die sich nicht mehr bewegen können.

Sie: Dann würde die Pflegekraft, die uns so findet wohl sagen: „Na ihr beiden, habt ihr wieder Eure jungen Jahre aufleben lassen wollen?“.

Er: Beste Voraussetzungen, um gemeinsam alt zu werden mein Engel. Wenn wir das weiterhin unseren Kindern vorleben, wie es uns unsere Großeltern und Eltern vorlebten ist die glückliche Zukunft gewiß.

Sie: So ist es...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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