Gherkin

Die Kulturberichterstattung, Teil 3

12 Rezensionen, aus der Musikzeitschrift „Mucke“, aus den Jahren 2012 - 2019

JEDE WOCHE EINE DIESER ARBEITEN, IMMER SONNTAGS

HEUTE TEIL 3 - ZYBYLLYUM




„Mucke“ stellt vor - die wie aus dem Nichts plötzlich entstandene Elektronik-Mystery-Combo „Zybyllyum“ aus Wilhelmshaven. Die Zukunft hat mit dieser Formation längst schon Einzug gehalten in die moderne Musik-Industrie-Maschine. Diese drei äußerst kreativen Köpfe plus Robot-Drummer (wirklich höchst erstaunlich!) erinnern an die Experimental-Zeit von Kraftwerk. Die Musiker, sie selbst nennen sich gern Techniker, Programmierer oder Musik-Arbeiter, treten in Masken auf. Das ist wirklich nicht sehr innovativ, mag sein, aber es sind ganz besondere Masken. Die von Vogelmenschen.

Es gibt mehrere Bezüge. Da ist zum einen die Osterinsel, dann die Anunnaki, auch wird die Akasha-Chronik häufig erwähnt, schließlich aber auch Atlantis (Mondo Orbis Alia) und die Sumerer; es gibt einen Bezug zu Babylon und zu Kathara. Zybyllyum stützt sich auf die Erkenntnisse und Lehren des russischen  Autors Zecharia Sitchin, der vielen sehr suspekt ist. Ihre Masken sind furchterregend - und genau DAS sollen sie auch sein. Diese Musiker wollen verstören, erschrecken, auf grausame Art und Weise an dieses Jahrtausend der Zwietracht erinnern: „Ändert Euch oder es passiert etwas...“.

Bei allen Live Auftritten im Hintergrund, die blutrote Fahne mit schwarzer Aufschrift: CHANGE - or else... Es ist das Markenzeichen von Zybyllyum geworden. Dabei ist die Attitüde der 3 1/2 Musiker eigentlich gar keine so hasserfüllte, kriegerische und boshafte. Es sind friedfertige „Music worker“, zivil recht nett und sympathisch. So sie aber diese unglaublichen Masken tragen, mit den sehr langen, scharfen Schnäbeln,  und den grimmig dreinblickenden Augen, gleiten sie quasi sofort in eine völlig andere Wesenheit hinein, sie werden zu Anunnaki, den Vogelmenschen.   

Nur dieser fantastische Robo-Drummer ist unmaskiert. Die 3 Männer nennen sich ZIMA, ZAKI und ZULO, auch der Roboter trägt ein Namensschild: ZAMORA. Viele glauben, dass da ein ziemlich guter Schlagwerker in einem Robo-Kostüm seine „Arbeit“ verrichtet. Doch wir wissen, denn wir durften bei einer Wartung anwesend sein: Es ist ein echter, japanischer Roboter, und zwar der neuesten Generation!

An zuvor nur wenigen bekannten Locations spielen sie ihre wirklich spektakulären Live Acts. Das Album (Label: Zebulon), mit fast 1 Stunde Material, ist betitelt mit „AROMA Z“. Ein Anagramm, von hinten gelesen ergibt sich der Name des spektakulären Robo-Drummers, dem man offensichtlich größten Respekt entgegenzubringen scheint. Nicht nur ein festes Mitglied der Gruppe, sondern auch ein ernstzunehmender, mit Achtung und echter Reverenz zu behandelnder Kollege. Man ist offenbar sehr stolz auf ihn. Kein menschlicher Drummer wäre wohl in der Lage, diese Fußarbeit zu bringen. Nimmt man einen Joey Jordison (Ex-Slipknot, jetzt: Vicim) mal 10, dann kommt es, so in etwa, hin. Oder einen frühen Igor Cavalera (damals Sepultura) und multipliziert sein Können mit 10, dann reicht das durchaus knapp an Zamoras Trommel-Kunst heran. Hier kann man schlecht von Talent sprechen, er ist ganz einfach enorm gut programmiert. Ein Meilenstein der Robotik. Mit immanent menschlichen Zügen.

Dieser Roboter mit Namen ZAMORA entstammt der jüngsten Generation des jap. Genies Dr. Dr. Hazen H. Huaorani aus der Gemeinde Nachi-katsuura im Landkreis Higashimuro der Präfektur Wakayama. In einem riesigen, versteckten, unterirdischen Laboratorium entstehen diese wundervollen Androiden. Und sie kosten Unsummen. Man munkelt, dass für Zamora 360.000 Euro hingeblättert werden mussten.


Domo Arigato, Zamora! Solch einen humanoiden Androiden sah man sicher in ganz Deutschland noch nie zuvor. Oder in Europa. Das ist Henn na (japanisch: verrückt), das reißt dich vom Hocker, das ist extrem extraordinär! Du kannst es kaum glauben. Leider werden auf den Live Events immer wieder Fotos von ihm aufgenommen, es blitzt während der Konzerte tausendfach, im Minutentakt. Obschon die Musiker immer und immer wieder rufen: NO PICS! Aber die Menge versteht "NO PIGS!" (Keine Polizei!) - und fotografiert noch mehr. Angeblich sollen die Blitze die sensiblen Sensoren in der Elektronik des Drummers stören.

Am Ende eines Gigs ist der mit erstaunlicher Gabe ausgestattete Drummer (Gestik, Mimik und Body Language sind sehr ausgefeilt; er zeigt durchaus „echte“ Gefühle), der auch komplizierteste Schlagfolgen auszuführen vermag - großartige Fuß-Arbeit - in der Lage, seine Drumsticks (wie im echten Drummer-Leben) in die tosende Menge zu schleudern. Danach verneigt er sich artig, in Reih und Glied mit den anderen, und verschwindet hinter dem Vorhang. Netter Gag am Rande: Ihm wird ein Handtuch von einem der Roadies oder Stagehands zugeworfen. Und damit wischt jener sich doch tatsächlich den imaginären Schweiß von der Stirn. Ein running gag.

Der Bonustrack, LIVE, bringt uns ZUZI ZAZA, feine 12 Minuten lang. Klingt japanisch, ist aber aus den jeweils ersten beiden Buchstaben der Namen der Mitglieder dieser  Ausnahme-Combo gebildet worden. Der Bonustrack ist ein wahrer Klangexzess, ein Ohrenschmaus der ganz besonderen Art. Ab in die Stratosphäre... Ohne jedes Rauschmittel.

Alles ist sehr geheimnisvoll und es dringt kaum eine Information über diese Gruppe nach außen. Vor allem Track 4 ist so bizarr und schräg, dass man ihn wirklich rein gar nicht zu kommunizieren vermag. 6:30 min. lang, kein Stück ist unter 5 Minuten, verstörender Text, extreme Noise-Kulisse, unterlegt mit warmen, fast wunderschön bemessenen Tonfolgen. Exzellent am Multi-Keyboard: ZIMA!


Hier sind die 10 Titel des Albums:

1.    Gunung Padang Mystery
2.    Der Kontinent Mu
3.    Der Sonderbedarfsträger
4.    Die vermutlich mutwillige Selbstbekotung exorbitant teurer Seidenunterwäsche durch durchweg mental instabile Persönlichkeitsstrukturen
5.    Subterrane Energieströme
6.    Die kategorische Negation verborgener antiker Pyramiden auf diesem Planeten
7.    Kritikaster-Konferenz-Krise
8.    Der Grid Point Atlas
9.    Ball Fondlers Ball
10.  Ode an Hazen H. Huaorani (Eine sehr tiefe Verbeugung!)


Produzent und Label-Boss ist ein gewisser Dr. ZOHAR. Die echten Namen aller hier aufgeführten Protagonisten sind nicht bekannt. Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass ZIMA bürgerlich Moss Spiegelhalter heiße, aber bestätigt wurde dies nie. Hoch interessant sind die Tracks 1, 5 und 8. Auch textlich, obschon gerade mit Text doch sehr spärlich umgegangen wird. Instrumental: Track 2, 10 und natürlich Bonustrack Zuzi Zaza. Die Hommage an den Zamora-Erbauer ist ein wahres Meisterwerk. So schön, dass es kaum noch als Pop durchgehen kann. Dies ist ein komplexes Klang-Konstrukt edelster Machart!

Eine EP, so ZIMA, wird gegen Frühjahr 2020 erscheinen. Sie so früh anzukündigen, kann nur marktstrategische Gründe haben. Denn, so genial sie alle als Musiker sind, so unglaublich effektiv sind sie auch, was die Vermarktung des Gesamt-Kunstwerks ZYBYLLYUM betrifft. Eine Marke, eine Institution, ein Riesengeschäft: Zybyllyum. Die EP wird übrigens „The citizen hearing on disclosure“ heißen und 4 Titel umfassen. Wer nicht so lange warten will, nehme sich „Aroma Z“ vor. Knapp eine Stunde lang entfesselte Sound-Strukturen, für alle Elektro-Fans ein Muss, ein Klangteppich, auf dem sich wohlig räkeln lässt. Mix: phänomenal, Produktion, Feinabstimmung, Ton, Cover, Booklet, Arrangements und Musik/Text: außergewöhnlich, ein Kunstwerk aus Wilhelmshaven, das sich selbst Schlicktown nennt. Dort, am Ölhafendamm, ist das Tonstudio von Zybyllyum. Hier entstehen diese genialen Werke, von denen wir nun erneut eines bewundern, hören und bestaunen dürfen. Wir vergeben eine glatte 9!





 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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