Bernhard Pappe

Der Zug oder Der Spiegel des Ich

Ich sitze hier und schreibe eine verrückte Geschichte auf. Ist die Geschichte wirklich so verrückt? Oder bin ich nur verrückt, weil ich hier sitze, um diese Geschichte aufzuschreiben, die gar nicht so verrückt ist?

Haarspalterei? Begegnen uns nicht täglich Dinge, passieren uns nicht Geschehnisse, die eigentlich verrückt sind? Der Verstand steckt sie in Schubladen, damit sie normaler werden und das Nachdenken darüber nachlässt oder besser gar nicht erst aufkommt. So schützt sich der Verstand vor Überhitzung und er muss kein Fieber niederdrücken.

 

To tong, to tong. Der Zug rollt über die Gleise. Räder und Schienen vereinigen sich zu einem Chor. To tong, to tong, immer das gleiche Lied, immer der gleiche Abstand der Töne. Ist der Zug ein riesiger Chronometer und Gott Chronos gar sein Lokführer? To tong, to tong – meine Gedanken haben keinen Einfluss darauf.

Mein Kopf lehnt an der Scheibe des Wagonfensters und sie kühlt meine Hitze. Mein linkes Auge vermag in die Nacht zu schauen, die sich im Außen breit macht. Sie ist ein Monolith aus ereignisloser Dunkelheit, die der Zug durchrollt. Keine erkennbare Landschaft, kein Licht, das sich in der Ferne abzeichnet. Ist hier Form? Ist hier Leben?

To tong, to tong, der Zug bändigt seine Fahrt nicht. Das Abteil ist nur spärlich beleuchtet. Mein rechtes Auge registriert, dass die Einrichtung altertümlich anmutet, aber komfortabel ist. Drei bequeme Sessel auf jeder Seite. Über den Sesseln eine eiserne Gepäckablage. Eine Schiebetür führt in den Gang. Ich bin allein im Abteil. Niemand kommt den Gang entlang. Bin ich allein im Wagon oder gar im Zug? Kein Schaffner in adretter Uniform wird durch die Schiebetür treten und mich nach meinem Billet fragen. Das ist ein Wissen, welches ich einfach besitze.

To tong, to tong, mein Kopf verbleibt an der Scheibe, die so herrlich kühl ist. Ist es die Hitze eines Sommers, die von der Scheibe aufgenommen wird? Ich bin leicht bekleidet, es mag Sommer sein. Die ereignislose Dunkelheit trägt die Antwort in ihren Molekülen und verbirgt sie darin. Einen kühlen Kopf bewahren, weil ich ihn an der Scheibe ruhen lasse? Heißgelaufen durch mein Denken, welches zyklisch wiederkehrt? Ich weiß, meine Gedanken verfangen sich im Gestrüpp der Bedingtheiten – mein Denken will wissen, will einordnen, will…- der Kopf  vermag heißzulaufen. Mein Kopf bleibt kühl, die Scheibe hingegen wird nicht warm. Ich nehme das zur Kenntnis und verschwende keinen weiteren Gedanken daran. Warum auch!

To tong, to tong, Chronos reitet durch die Nacht. Bei der Vorstellung steigt mein leises Lachen zur Decke des Abteils empor. Mein Atem kondensiert auf der Scheibe, bildet auf ihr eine eigene kleine Nebelwelt. Pünktchen, Pünktchen, Komma, Strich – fertig ist das Mondgesicht. Ein Kinderreim. Ich könnte meinen Finger in den kondensierten Atem eintauchen und so ein Mondgesicht in die kleine Nebelwelt einbringen. Eine neue Form wäre geschaffen. Warum eine neue Form schaffen? Es gibt so viele davon und alle haben keinen Bestand. Sicher habe ich früher vergängliche Figuren an solche Scheiben gezaubert. Warum erinnere ich mich nicht wirklich gut an meine Kindheit? Ein paar Bruchstücke, das ist alles. Du hast aber früher das und das gemacht. Du warst aber früher so und so. Gedächtnispuren, die bei mir verschüttet sind. Ich glaube nicht, dass ich sie getilgt habe. Sind sie eingelagert in meiner monolithischen Dunkelheit des Innern? Wie ich hier sitze, weiß ich nicht um mein Alter.

To tong, to tong, Chronos ist ein Meister der Gleichmäßigkeit. Gibt die Dunkelheit Schatten preis oder ist das nur meine Einbildung? Ich schließe meine Augen und konzentriere mich auf den Gesang der Schienen und Räder. Menschen sitzen unter Bodhi-Bäumen und warten auf Erleuchtung. Es ist eine selbstgewählte Dunkelheit, in der sie sitzen. Da ist keine Erleuchtung, die so einfach von Zweigen und Blättern tropft, um in die Menschen einzusickern, wie nährendes Wasser. Karma-Fäden hängen von den Zweigen, biegen sich im Wind, greifen nach den Menschen…

To tong, to tong. Was ist Fantasie, was ist Einbildung, was ist Wirklichkeit? Ich löse meinen Kopf von der Scheibe. Alles ist Einbildung und zugleich Wirklichkeit. Eine Klarheit, die anders und heller ist als jedes Licht.

To tong, to tong, der Zug des Chronos fährt ohne Mühe durch den Spiegel meines Ichs…

 

Der Alarm ist laut und schrill. Er füllt den Gang aus. Schwester Francesca ruft mit schriller Stimme nach dem Stationsarzt.

„Doktor Ishikawa, kommen sie schnell. Der Patient in Zimmer vier zeigt keine Lebenszeichen mehr. Ich hole den Notfallwagen.“

Der Doktor rennt in das Zimmer mit der Nummer vier und hält nach dem Eintreten inne. Schwester Francesca muss mit dem Notfallwagen stark abbremsen, um nicht mit Doktor Ishikawa zusammenzustoßen, der dem Patienten gerade den Puls fühlt.

„Dario hat seine Ruhe gefunden. Es wäre eine Frevel, diesen Körper jetzt zu maltretieren.“

Schwester Francesca tritt dicht neben Doktor Ishikawa, um auf den Patienten Dario zu blicken.

„Diese Friedfertigkeit seines Gesichts, sein Lächeln… Ich würde es überirdisch nennen. Nichts ist mehr geblieben von den Fieberkrämpfen der vergangenen Tage. Alle Unruhe ist wie weggeblasen.“

„Auch unsere Unruhe, unsere Zweifel, ob die Medikamente anschlagen und heilen würden“ ergänzt der Arzt sanft.

Schwester Francesca nickt zur Bestätigung.

„Ich bringe den Notfallwagen zurück.“

Doktor Ishikawa hält sie am Arm fest.

„Nicht jetzt. Francesca, schauen sie noch einmal in dieses friedvolle Gesicht. Dario hat den Spiegel des Selbsterkennens durchschritten. Der Vorhang des Samsara ist zerrissen. Es gibt keine Zweifel mehr, nur noch Klarheit und Freiheit. Dieses Gesicht ist voller Energie, die wir aufnehmen sollten. Der Körper ist eine Hülle, die Dario nicht mehr benötigt.

„Das haben sie schön gesagt, Doktor. Woher wissen sie…“

Doktor Ishikawa lächelt.

„Später, Francesca. Zerstören wir den Augenblick nicht mit Fragen.“ Das Parinirvana ist für uns alle erreichbar“ fügt er knapp hinzu.

Die Hülle des Dario wird abholt. Man hat einen Sterbefall abzuwickeln. Zimmer vier wird desinfiziert und für einen neuen Patienten aufbereitet. Das Leben schreitet voran, es fordert seinen Tribut. Schwester Francesca betritt das Zimmer mit der Nummer vier, ein neuer Patient bedarf der Zuwendung. Sie fühlt, dass das Lächeln des Dario noch in diesem Raum weilt. Irgendwo schreit ein Neugeborenes und wer genau jenen Tönen lauscht, der wird das Wort Samsara herausfiltern…

© BPa / 03-2019

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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