Ali Yüce

Episode. yuyukoc

„Die Welt ist jung, mein Yuyukoc“, antwortete Byrinn immer, wenn ich sie nach dem Winter fragte. „Sie hat noch nicht viel, und was sie hat, reicht nicht für alle. Sei nachsichtig mit ihr, sie hat dich gern.“

 

„Ganz bestimmt, Mamynja?“

 

„Ganz bestimmt, mein Yuyukoc.“

 

„Hatte sie Kylinn nicht gern, Mamynja?“ Kylinn war in dem eisigen Winter der Ebenen gestorben, das Husten war zu schlimm gewesen. Am Ende hatte sie nicht einmal mehr weinen können. Sie war erst vier.

 

„Doch natürlich, du Schaf! Was denkst du denn? Zerbrich dir nicht zu sehr den Kopf darüber, hörst du? Sei lieber dankbar, dass alle anderen noch am Leben sind.“ Als Byrinn das sagte, breitete sich eine Tiefe wärme in meiner Brust aus und mir war nach Weinen. Ich schaute in ihr Gesicht - die roten Pausbacken, die unzähligen Fältchen, die großen, schwarzen Augen, das Muttermal unter ihrem schmalen Mund... „Was denkst du, mein Yuyukoc?“ Ihre Stimme war ganz sanft geworden.

 

„Ich bin dankbar, Mamynja. Sogar sehr.“

 

Ganz traurig schaute sie nun und schüttelte langsam den Kopf. „Ach, mein Yuyukoc, mein armer Yuyukoc...“ Sie nahm mich in die Arme, und als sie anfing, zu schluchzen, musste ich auch weinen. „Wir sterben alle. Aber heute stirbt niemand. Glaubst du mir das?“ Meine Kehle war wie zugeschnürt.

 

Noch im selben Frühling, bevor wir die Berge erreichten, hatte ich den Entschluss gefasst, zu erfahren, wie es war. Wie was war? Die Welt zu sein. Die Welt ist jung, hatte Byrinn gemeint. Ich war auch jung. Zu jung, um es besser zu wissen. Die Welt nahm Leben, und ich wollte wissen, ob sie das aus Absicht tat und ob es ihr gefiel. Und wenn es ihr gefiel... Soweit hatte ich noch nicht nachgedacht.

 

Der letzte Tag in den Ebenen war immer ein Feiertag zum Abschied des Winters. Am nächsten Morgen würden wir die ersten Ausläufer der Levya erreichen und das Leben würde wieder leichter werden. Alles was wir noch an Wintervorrat hatten, verzehrten wir, alles was übrig blieb, wurde zurückgelassen. Der Weg nach oben war beschwerlich und jeder Ballast zu viel.

 

Byrinn durchschaute mich sofort. Sie schrie und zerrte an mir, verfluchte die Männer, die meinten, es wäre für mich nun endlich an der Zeit, und dass ich selber darauf gekommen war, war für sie Zeichen genug, dass ich mehr als bereit war, die ersten Schritte zum Erwachsenwerden zu wagen. „Nein!“ brüllte Byrinn. „Nein, mein Yuyukoc! Es ist nicht so, wie du denkst! Hast du mir denn nicht zugehört?“ Sie tobte, bis sie keine Kraft mehr hatte, dann weinte sie leise. Niemand schien begreifen zu können, was sie hatte. Alle hielten sie für verrückt. „Ach, ihr dummen Schafe“, jammerte Byrinn. „Ihr hab doch keine Ahnung, was ihr ihm antut.“

 

Niemand tat mir etwas an. Ich hatte oft genug zugesehen und wusste was passieren würde. Ich war mir sicher, dass ich es konnte, Byrinn wusste es auch, denn sie hatte meine Schnitzereien gesehen. Meine Hände waren stark und geschickt genug, um ein Messer zu benutzen. Ich konnte Byrinn auch nicht verstehen. Was wäre denn so anders daran, wenn ich es tat und nicht ein Erwachsener? Das Truthuhn musste heute geschlachtet werden, und ich würde es töten.

 

Es war außer den Ziegen das einzige Tier, das den Winter mit uns überstanden hatte. Wir hatten es durchgefüttert und am Leben erhalten, und Kylinn lag irgendwo weit draußen begraben. Dieses unansehnliche Federvieh hatte das vollbracht, was ihr nicht gelungen war. Ich redete mir ein, die Antwort auf alle Fragen, die mich quälten, würden mit einem Messerschnitt beantwortet werden. Ganz ruhig war meine Hand und was ich fühlte war bitter, auch wenn ich nicht wusste, was es denn genau für ein Gefühl war. Ich sehe heute diese Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit in den Blicken von Kindern, die so alt sind, wie ich damals war, und stelle mir vor, ob sie ähnlich empfinden und Ähnliches durchmachen? Meistens kommen mir die Tränen dabei. Dann sehe ich Gesichter. Byrinn. Selal und Manda, wie sie mit verschränkten Armen grimmig herabblicken. Der kleine Bada, der mir leise ins Ohr flüstert: „Hast du keine Angst?“

 

Ich hatte keine Angst. Als Selal mir das Messer reichte, liefen Tränen über Byrinns weichen, roten Wangen, die ich immer so gerne küsste, wenn sie nicht aufpasste. „Ach, was macht du wieder für Unsinn, mein Yuyukoc“, sagte sie dann gespielt vorwurfsvoll. Nun sah ich zum ersten Mal echten Vorwurf in ihren Augen. Vor Scham senkte ich den Blick und meine Ohren wurden ganz heiß.

 

Mit den Knien drückte ich die Flügel gegen den Boden, trotzdem wehrte es sich nicht so stark, wie ich vermutet hatte. Der Winter hatte wohl doch an ihm genagt. Mit der linken Hand packte ich den Hals und mit der rechten führte ich das Messer. Scheinbar machte ich etwas falsch, denn die Gurgel schien sich unter dem Druck der Klinge einfach auszudehnen, so dass ich sie immer weiter strecken und gegen den Boden drücken musste, damit ich richtig ansetzen konnte. Je mehr ich an dem Hals zog, desto länger wurde er, und ich erkannte, dass mein Arm zu kurz war. Ich packte weiter unten an und schnitt.

 

Es zappelte und machte Geräusche, die ich nie zuvor gehört hatte und auch danach nie wieder hörte.

 

„Was ist los?“ fragte Selal aufgeregt, und Byrinn rief: “Helft ihm doch! Seht ihr denn nicht?“

 

„Das Messer ist stumpf! Es ist stumpf!“ Jetzt hatte ich Angst, und je stärker ich versuchte, schnell alles hinter mich zu bringen, desto mehr erfüllte sie mich. Ich schrammte mit der Klinge über die Kehle des armen Tieres, aber es bewirkte fast nichts, ich drückte, drückte mit aller Kraft, unter der Klinge knirschte es, aber es reichte nicht.

 

Vielleicht redete jemand auf mich ein, ich erinnere mich nicht daran. Alles woran ich mich erinnere, sind die gequälten Augen des Truthuhns, sein Zappeln und Quietschen. Meine Furcht, meine Verzweiflung, meine Scham. Ich hob das Messer mit beiden Händen und stieß es dem Tier in blinder Panik in alle Körperteile, die ich mit der Klinge erreichen konnte. Als Byrinn mich an sich klammerte, zitterte ich blutüberströmt in ihren Armen. Bestürzt starrten mich alle an und schwiegen. Nur Byrinn flüsterte wie im Gebet: „Alles wird gut. Alles wird gut...“

 

Ich weiß nicht, ob ich die Welt danach besser verstehen konnte, aber ich habe es aufgegeben, böse auf sie zu sein.

 

2007Ali Yüce, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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