Claudia Savelsberg

Der "Kleine Bruder", das unbekannte Wesen

Wozu und warum, bitteschön, braucht man einen kleinen Bruder? Ich weiß es nicht. Es existieren zu dieser Kernfrage bis heute noch keine soziologischen und psychologischen Untersuchungen, und es gibt bis heute auch keine moral-theologische Dissertation zum Thema „Sinn und Unsinn des Kleinen Bruders.“

Irgendwann ist er einfach da. Man hat ihn sich nicht ausdrücklich gewünscht, man hat ihn nicht aus dem Katalog bestellt. Er ist einfach da, liegt auf dem Wickeltisch und kräht glücklich vor sich hin - und man wird plötzlich und unerwartet in den Status der „großen Schwester“ erhoben, als Kind nicht ahnend, dass dies eine lebenslängliche Aufgabe sein wird.

Eltern und Großeltern beugen sich über das Bettchen, die Gesichter in schierem Entzücken verzerrt: „Die kleine Nase, das flaumige Haar, die Augen - mein Gott, wie süß, wie niedlich.“ Niedlich?

Der Kleine plärrt und quäkt und sabbert, macht in die Windeln und spukt den Brei auf den schönen hellen Pullover von Mutti. Laufen kann er nicht, sprechen kann er nicht, mit ihm spielen kann man auch nicht. Eigentlich kann er garnichts. „Und das soll mein kleiner Bruder sein?“, denkt die große Schwester, die ein bisschen mehr erwartet hatte. Irgendwann kann der kleine Bruder sprechen und laufen und entwickelt sich zu einer kleinen Pestwurz. Die große Schwester lädt ihre Freundinnen zum Spielen ein, der Kleine will unbedingt dabei sein und zieht grimassierend die Aufmerksamkeit auf sich.

Wenn die Mädchen sich Spiele ausdenken, will er immer der Prinz sein oder der Ritter sein. „Ach, wie süß“, sagen die Freundinnen der großen Schwester. „Wie hübsch ihr mit dem Kleinen spielt“, sagt die Mutter. Aber in der Schwester keimen Mordgedanken, und das im Kindesalter. Der Kleine nervt - ach, wie niedlich.

Doch dann kommt die Zeit der Revanche: die Schwester wird eingeschult, lernt Lesen und Schreiben. Herrlich, sie ist ihm überlegen - jetzt ist die die „große“ Schwester. Doch der Kleine hängt an ihrem Rockzipfel, lächelt sie aus seinen großen blauen Augen an und will das können, was sie jetzt kann. Sie buchstabiert für ihn den Namen eines Mineralwassers auf dem Flaschenetikett und ist geduldig, wenn er fragt: „Und was heißt das?“

Seine Kinder-Bilderbücher will er auch nicht mehr anschauen, seine schönen blonden Locken schüttelnd, verlangt er, dass sie ihm Geschichten vorliest. Wenn sie eine Passage überspringt, weil sie selbst schon müde ist, grinst er selig: „Nee, das war nicht richtig. Du musst nochmal anfangen.“ Die Mutter ist gerührt angesichts der geschwisterlichen Idylls, sie muss ja auch nicht vorlesen.

Dann kommt Phase „Rot“: die große Schwester ist mittlerweile vierzehn Jahre alt und fühlt sich sehr erwachsen, der kleine Bruder ist gerade mal elf Jahre alt und für sie noch ein Kind. Und das Kind ist eine reine Nerven-Ketten-Säge, tituliert seine Schwester mit „Dicke“. Die große Schwester, mit pubertären Pfunden kämpfend und die Akne-Pickel mit Clerasil traktierend, brüllt aus dem Badezimmer: „Mutti, der Blödmann soll endlich die Klappe halten.“

Die Schwester fragt sich, welches Kostüm sie für Karneval aussuchen soll, und der zauberhafte kleine Bruder grinst: „Dicke, geh doch als Monster, da brauchst du keine Maske.“ Umbringen wäre zu einfach - am besten vierteilen und dann teeren und federn oder sonst was. Die Phantasie einer großen Schwester kennt da keine Grenzen.

Sie wird von einem Freund auf dem Moped nach Hause gebracht, und er verabschiedet sich vor der Haustür mit einem Kuss auf die Wange. Der „Kleine“ hat durch die Wohnzimmergardine gelugt und überfällt seine große Schwester noch im Hausflur: „Entweder du gibst mir was von deinem Taschengeld oder ich sage Mutti, dass ihr euch geküsst habt.“ Diese kleine Ratte sollte man am besten sofort den hungrigen Löwen vorwerfen, basta.

Aber dann kommt die „kleine Ratte“ in die Pubertät, leidet an sich selbst und am unattraktiven Stimmbruch. Mädchen (Frauen) interessieren ihn (noch) nicht. Die „dicke“ Schwester ist ja sowieso keine Frau, sondern ein Neutrum. Wenn sie überhaupt was kann - Frühstück machen, Bratkartoffeln mit Spiegelei braten, alte Bettlaken in Streifen schneiden, damit der kleine Bruder sein Mofa polieren kann. Ja nee, iss klar ….

Einmal kommt der kleine Bruder (mittlerweile auch schon achtzehn Jahre alt) nach Hause, gießt sich einen Cognac ein, lässt sich entnervt auf das Sofa fallen: „Du Dicke, ich glaub, ich muss heiraten - die Gerti ist schwanger.“ Die große Schwester funkt SOS: „Pass auf, wenn Gerti sich nicht traut, geh ich in die Apotheke und hole einen B-Test oder ich geh mit ihr zum Frauenarzt. Nur keine Panik.“ Der kleine Bruder steht auf und küsst die große Schwester auf die Wange: „Gute Nacht, Dicke, du bist wirklich klasse.“ Dass sie das noch erleben darf ...

Nur die blöden Sprüche, die kann er nicht lassen. Die Schwester hat ihr Grundstudium abgeschlossen, die Freunde des Bruders fragen, was sie denn eigentlich studiert. Lapidare Antwort: „Irgendwas mit Literaturwissenschaft oder so. Ihr kennt doch meine Schwester. Sie mag auch Ballett. Und mit der Frau muss ich leben ….“ Wird der Kerl denn nie erwachsen?

Irgendwann stellt der kleine Bruder der Familie seine zukünftige Ehefrau vor. „Was, er will mit Mitte zwanzig schon heiraten", denkt die große Schwester und beäugt die zukünftige Schwägerin mit Argusaugen. Blödsinn, er ist zwar mein kleiner Bruder, aber ein erwachsener Mann, der die Frau seiner Wahl heiraten kann. Schiete, große Schwester, bist Du etwa eifersüchtig?!? Er liegt doch nicht mehr quäkend auf dem Wickeltisch, du brauchst ihm nicht mehr den Popo zu pudern, du musst ihm keine Geschichten mehr vorlesen. Er ist ein erwachsener und gut aussehender Mann. Trotzdem ist der kleine Bruder für die große Schwester irgendwie „geschlechtsneutral“ - er ist einfach da, er ist ein Mensch, den man liebt. Warum auch immer.

Als der kleine Bruder Vater einer Tochter wird, ist er unendlich stolz und glücklich, und die große Schwester, endlich Tante, ist gerührt und bewegt. Die Kleine fängt an zu sprechen und nuschelt irgendwann: „Fewawi“ (heißt Ferrari, die Lieblingsmarke des kleinen Bruders). „Das ist meine Tochter“, röhrt er der großen Schwester ins Telefon.

Einige Jahre später will das kleine Mädchen Unterricht im klassischen Ballett nehmen. „Das ist meine Nichte“, triumphiert die Tante in die Leitung. „Ach, nee, Dicke, eine Verrückte reicht in der Familie.“ Sowas nennt sich Familienvater - der Mensch wird ja wohl nie erwachsen.

Die große Schwester ist mal wieder genervt, zumindest tut sie so: „Lass die dummen Sprüche, sonst gebe ich dich zur Adoption frei.“ Der kleine Bruder grinst frech: „Meine liebe Schwester, das geht nicht. Ich hab mich erkundigt. Die Frist für eine Adoption ist abgelaufen. Du musst mich behalten.“ Er hat sie doch tatsächlich „liebe Schwester“ genannt. Was ist los mit dem Kerl, muss sie sich Sorgen machen? Na ja, dann behält sie ihn eben. Er hat ja auch seine guten Seiten.

Große Schwester“ und „Kleiner Bruder“ sind jetzt jenseits der Vierzig. Sie haben ihre eigene Familie, führen ihr eigenes Leben, sind berufstätig, haben ihren eigenen Freundeskreis. Der Kontakt ist nicht mehr so eng wie früher, aber das Band der inneren Verbundenheit ist immer da und wird auch nie abreißen.

Wozu und warum, bitteschön, braucht man einen kleinen Bruder? Ich weiß es nicht, ganz ehrlich. Ich werde es vielleicht nie wissen - und ich will (!!) es auch nicht wissen. Ich habe nur einen von der Sorte - und das reicht für ein ganzes Leben. Und ich liebe ihn als meinen kleinen Bruder. Aber das muss der Kerl ja nicht wissen, sonst wird er wieder üppig.

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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