Janna Ney

Glaube versetzt

Es war einmal ein kleines Drachenmädchen, das mit seinen Eltern und Geschwistern glücklich zusammenlebte.

Die Mutter war eine leidenschaftliche Köchin, die ihre stets hungrige Familie gerne mit Bergen von Pizza, Pasta, Gemüseaufläufen, Flammkuchen und riesigen Pfannkuchen verwöhnte. Mehrmals am Tag entzündete sie deshalb vor der Höhle den Berg Holz, den der Drachenpapa immer wieder neu aufschichtete. Sie stieß dazu eine Stichflamme aus, die sie in beliebiger Länge erzeugen konnte.

Für Drachenfrauen war es wichtig, dass sie Feuer spucken konnten, denn wie sollte sonst eine ordentliche Mahlzeit zubereitet werden, wenn die Drachenmänner unterwegs waren? Außerdem lockte der Duft des leckeren Essens die Gatten nach Hause, was die Drachenfrauen dazu veranlasste, mehrmals am Tag zu braten und zu grillen.

In der Schule war Feuerspucken ein Hauptfach, es kam gleich nach der Flugübungsstunde.

Rubina, so hieß das Mädchen, war eine fleißige Schülerin und sogar im Besitz des kleinen Nessischeins, weil sie im Schwimmen und Tauchen mit Abstand die Klassenbeste war.

Im Fach „Feuerspucken“ wollte ihr kein Erfolg gelingen, obwohl sie es immer wieder versuchte. So tief sie auch Luft holte, so heftig sie auch schnaubte und blies, es kam nichts als ein lauwarmes Lüftchen aus ihrem Hals. Auf dem letzten Zeugnis dann die Hiobsbotschaft:

Rubinas Versetzung in die Oberstufe ist gefährdet, da ihre Leistungen im Spuckbereich nicht den Anforderungen entsprechen.“

Mit gesenktem Kopf und hängendem Schwanz kam sie von der Schule nach Hause. Die Drachenmama jedoch verzog keine Miene, als sie das Zeugnis sah und sagte nur:

Du wirst es schon schaffen. Setz dich und iss!“

Am nächsten Tag ging die Mama in den Garten, um zu ernten. Sie baute seit einiger Zeit die schärfste Chilisorte der Welt an. Sie zerstampfte die Schoten und mischte eine Prise davon in jedes Essen ihrer Tochter und erklärte ihr, dies sei eine Medizin, die das Feuerspucken fördern würde.

Rubina spürte bisweilen ein Kratzen im Hals und ein Kribbeln im Bauch und schob das auf die Arznei. Langsam begann sie wieder daran zu glauben, dass auch sie das Spiel mit dem Feuer eines Tages beherrschen würde. So vergingen einige Wochen.

An einem Donnerstag, als sie nach der Flugübung zum Feuerspucken auf den Drachenschulhof gingen, hatte Rubina das Gefühl, ihr Hals brenne wie Feuer. Die Oberdrachenlehrerin hatte kleine Häufchen mit trockenen Holzspänen verteilt und die Kinder sollten nun versuchen, diese in Brand zu setzen. Es klappte bei allen und endlich war Rubina an der Reihe.

Sie holte tief Luft und spürte zu ihrem Erstaunen, wie es in ihrem Hals sehr warm wurde. Und dann schoss ein Feuerstrahl aus ihrem Mund, wie die Klasse noch keinen gesehen hatte und züngelte in den Holzspänen, die auf der Stelle wie Zunder brannten.

So glücklich war Rubina schon lange nicht mehr nach Hause gehüpft.

Während des ganzen Heimwegs schnaubte sie und ließ kleine Flammen aus ihrem Mund züngeln. Die Mutter war gerade damit beschäftigt, in einem großen Topf Gemüse zu verrühren, als draußen plötzlich der Holzhaufen qualmte, den Rubina entzündet hatte. Die Drachenmama stürzte hinaus und tanzte vor Freude mit ihrer Tochter um das Feuer, bis der Papa kam.

Im Sommer wurde Rubina in die Oberstufe versetzt und ihr Vater schenkte ihr als Anerkennung einen heißen Stein, auf dem sie sich Eier braten und Pfannkuchen backen konnte. Immer wenn sie Lust bekam, erhitzte sie den Stein mit ihrem persönlichen Anzünder. Manchmal, wenn sie im Winter fror, wärmte sie sich damit die Füße.

Das Geheimnis mit der Medizin, die keine war, behielt die Drachenmama für sich. Niemand erfuhr davon.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann spucken sie noch Feuer.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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