Aylin

Vorübergehend

Vorübergehend

 

Vorübergehend sind die Menschen, die Tage, selbst die Jahreszeiten. Menschen gehen aneinander vorüber und Anna fragte sich, weshalb das so sein musste.

Dort, wo sie bisher gelebt hatte, hatten die Menschen das nicht getan. Immer ein freundliches Wie isset, ein kleines Gespräch auf den Lippen. Hundebesitzer gingen gemeinsam, wenn sie denselben Weg hatten, auch, wenn man sich gar nicht kannte. Man redete, lachte und schaute den Hunden beim Spielen zu.

Hier liefen die Leute irgendwie voreinander fort. Hunde schnüffelten und jeder ging seiner Wege, wortlos oftmals. Dann spazierte man hintereinander her und Anna fragte sich, weshalb das so sein musste.

Heute wischt sie den Hausflur und die netten Nachbarn von oben drüber, mit denen Anna und ihr Mann sich gegenseitig zum Kaffee geladen hatten, ebenso. Es war gemütlich und nett gewesen, ein schön gedeckter Tisch, ein frischer Kuchen. Mit Lachen und Umarmung hatte man sich verabschiedet. Ab und zu war die Frau mit in Annas Wohnung gekommen und hatte die neueste Deko gelobt. Ein Umgang miteinander, den Anna mit ihren alten Nachbarn in Köln dreißig Jahre lang so gepflegt hatte. Nie hatte es Streit oder richtigen Ärger gegeben.

 

Kölsch spricht hier niemand, obwohl die Gegend auch zum Rheinland gehört und Anna scherzt nun, während sie den Wischkappen schwenkt, nach oben: Wie isset? Ihre Frau kütt jar ni mi Deko schauen, ist sie krank?

Da schnauzt der Mann, der letzte Woche noch den Kuchen lobte, den sie hinaufgebracht hatte, sie aufgebracht an: Wir wollen das nicht! Guten Tag, guten Weg, das wars!

Anna schaut ihn schockiert an und schweigt, während sie sich bückt, um den Wischlappen auszuspülen. Er ist braun, undefinierbar schmutzig, obwohl es im Flur gar nicht so schmutzig ausgesehen hat. Sie fühlt sich, als habe man ihr ins Gesicht geschlagen. Und sie fragt sich, weshalb tut der Mann das?

Ja, Anna hat sich vorher freundlich mit denen unterhalten, die der Nachbar von oben nicht mag. Sie haben wohl Streit. Aber in Köln war das so, man redete mit jedem und weshalb auch nicht. Anna hat hier keinen Streit. Es geht sie nichts an, was die beiden haben.

Sie hätte zurückbrüllen können, sie kann das durchaus. Aber sie bekommt kein Wort heraus.

So dreht sie sich herum und beginnt die Haustüre abzuwaschen, was vor ihrem Einzug hier niemand getan hat. Anna putzt, obwohl die Scheibe längst sauber ist und in ihrem Kopf überschlagen sich die Gedanken: Komm, Mädschen, jeder Jeck is anders, saajt mer in Kölle. Was hast du erwartet? In diesen alten Leuten deine liebenswerten Nachbarn wieder zu finden, mit denen du seit Jahren befreundet bist? Oder vielleicht klappt das ja auch einfach nicht mit Düsseldorf in Köln, scherzen die Karnevalisten ja seit jeher drüber… Wenn sie keinen engeren Kontakt wollen, ok, aber nee: Anbrüllen lassen, muss ich mich nicht!

Und plötzlich kommt der Nachbar die Treppe herunter und fragt, als wäre nichts gewesen: Ist der Müller wieder im Krankenhaus? Anna mag keinen Tratsch. Noch nie mochte sie das. Und jetzt hat der die Chuzpe, sie wieder anzuschleimen?

Anna wirft ihren Lappen in den Eimer, zu fest vielleicht und das dunkle Wischwasser spritzt hoch. Sie antwortet unfreundlich: Keine Ahnung und sieht ihn dabei nicht an.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Aylin).
Der Beitrag wurde von Aylin auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

ESSENZEN von Manfred Wrobel



Mit ihrer Lyrik-Edition "Essenzen" bringen die Autoren ein Buch heraus, deren Texte die Kernaussage ihres Schaffens in Schriftform belegen.

Konzentrierte Auszüge ihrer Textvarianten, die zeitgenössische Gegenwartslyrik darstellen und zum größten Teil noch nicht veröffentlicht wurden.

Diese Präsentation ihrer Werke soll viele Menschen ansprechen und sie hoffen, gerade mit dieser ganz speziell zusammengetragenen Lyrik einen Einblick in ihre „Welten“ zu vermitteln.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (2)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Mensch kontra Mensch" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Aylin

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Hashtag Me not(Kommentar) von Aylin . (Gesellschaftskritisches)
Kollektive Einsamkeit? von Christa Astl (Mensch kontra Mensch)
für ein paar Pfund im Monat... von Rüdiger Nazar (Lebensgeschichten & Schicksale)