Thomas Klein

Eskja

 

Eskja

 

Eben hatte die Islandstute noch gegrast, dann legte sie sich nur kurz hin, als wollte sie sich wälzen und schon war Eskja geboren.

 

Sie blickte bereits munter in die Welt, als ihr noch das Fruchtwasser in einem langen, dünnen Faden aus den Nüstern lief und ihre Mutter sie kundig trocken leckte.

Die Löwenzähnchen schienen sich ihr neugierig entgegen zu strecken und die Vögel vergaßen vor Staunen für einen Augenblick ihr Lied.

 

Gleich machte sie ihre ersten Stehversuche und Gletta stand geduldig, damit sie ihre Milch trinken konnte.

 

Täglich wurde Eskja sicherer auf ihren langen Beinen. Sie verkörperte die pure Lust am Laufen und bald berührten ihre Hufe kaum noch den Boden.

 

Auch unser Araberwallach Cäsar hatte von Anfang an alles mitbekommen und wollte den kleinen Neuankömmling zu gern begrüßen, doch Gletta drängte ihn stets energisch ab. Immer hielt sie ihn auf Abstand und wachte argwöhnisch über ihr Fohlen.

 

Nur einmal in der größten Mittagshitze gönnte sie sich im kühlen Schatten des Offenstalles eine Auszeit.

 

Da fand Eskja Cäsar an der Tränke. Sanft berührten sich ihre Nüstern und er fand wohl, Eskja sei das bezauberndste Geschöpf auf Erden und sie fand, er sei der Stärkste und Schnellste im Universum, das von hier bis zu den Nachbarhäusern reichte.

Als die Stute beide so still beieinander sah, gab sie ihren Widerstand endlich auf.

 

Dann wechselte Gletta den Besitzer und Cäsar hatte Eskja nun ganz für sich.

Sie wollte den ganzen Tag laufen und er machte für sie alles mit. Als Araber hängte er die Kleine trotz seines Alters noch mühelos ab, wofür sie ihn grenzenlos bewunderte.

 

Nun bekam Eskja aber zur Gesellschaft ein gleichaltriges Islandfohlen.

Sie hatte ein blaues Auge, weshalb wir sie „Blue“ nannten. Blue hatte ein wenig Angst vor Cäsar, weshalb sie nur mit Eskja zu tun haben wollte.

 

So war der alte Herr erst mal abgeschrieben, was ihn sichtlich schmerzte.

Auch wenn Eskja ihn noch mal zum Laufen aufforderte, reagierte er nicht mehr darauf, sondern schmollte lieber.

 

 

 

Eines Tages wollten Eskja und Blue zur Tränke, aber es gab ein Problem.

Es mußte eine Engstelle passiert werden, bei der Forstleute arbeiteten.

Ihre Kettensägen fraßen sich rücksichtslos mit infernalischem Gebrüll durch einen großen Stapel Holz, daß die Späne nur so über den ganzen Weg flogen.

 

Die Ponys trauten sich trotz ihres Durstes nicht an dem zähnefletschenden Trupp vorbei.

 

Erst als Cäsar unerschrocken vorweg ging, nahmen sie seinen männlichen Schutz dankbar in Anspruch und trippelten vertrauensvoll hinterher.

 

Schließlich standen alle zusammen an der Tränke. Die Sägen schwiegen und die Oktobersonne tauchte die kleine Gruppe in ein goldenes Licht.

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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