Kerstin Rachow

Die Rückkehr zur Vernunft

Sie sah sich pausenlos um auf ihrem Weg ins Nichts. Die Gewohnheit war hinter ihr her. Was ihr Jahre lang Halt und Geborgenheit gegeben hatte, fühlte sich nun an wie ein goldener Käfig, gefüllt mit bezahlten Werten. Sie konnte sich drehen und wenden, immer wieder schnappte das Schloss zu. Viele Träume waren gar nicht ihre. Wie im Entenmarsch watschelten ihre Emotionen dem Vorgesagten hinterher. Liebe schmeckte modrig, fast fremd. Solide nicht stark. Das Leben machte eine Pause um sie herum. Die immer gleichen Worte sangen das ewige Lied von gähnender Vertrautheit. Aber es fühlte sich auch gut an, so weich und wohlig im Nest zu sitzen. Falsche Geborgenheit log ihr ins Gesicht. Sie hatte Hobbys die sie nicht ausfüllten, oft gar nicht interessierten und redete mit fremden Freunden über Dinge die sie nicht fühlte. Sie wurde gelebt von der Gewohnheit. Eine Enge die sie nicht abschütteln konnte. Bis zu dem Zeitpunkt, als sie ihre eigenen Träume suchte. Getrieben von einer Sehnsucht die tief in ihr überlebte, sich als Schmerz in ihr Bewusstsein bohrte. Dann plagte sie ihr Gewissen. Sie wurde zum Verräter. Nestbeschmutzer. Doch es fühlte sich richtig an, seit langem ein gutes Gefühl. Ihre Seele hatte wieder einen Platz gefunden, dort wo zuvor Leere ein Völlegefühl verursachte. Sie stand im Regen, der die falsche Farbe langsam von ihr abwusch. Die Einsicht nur einmal zu leben trieb sie fortan unentwegt an. Sie grub Wünsche in sich aus, die sie gar nicht haben durfte. Doch die Vernunft hat zwei Gesichter und ihr Leben gehörte nur ihr. Ihr Weg ging in kleinen Schritten weg von der Gewohnheit zum Selbst. Ihr Lächeln kam nun aus ihrem Bauch. Es war echt. Es konnte Räume wieder füllen. Im Spiegel konnte sie langsam ein vertrautes Gesicht erkennen. Die Schritte wurden größer und ihre Träume füllten sie mit wieder gefundenem Leben. Unverstanden und ohne Mitgefühl stand sie in der Dun! kelheit, doch jetzt folgte sie ihrem Licht. Die alte Sicherheit streifte sich an Bäumen ab und machte nun endlich Platz für neue, bis dahin unerreichbare Gefahren. Die Steine die vor ihr lagen sammelten sich zu einem Berg vor dem Rückweg. Ihr Schritte wurden leichter, sie lernte zu tanzen. Ballast, auferlegte Sorgen, zuviel Rücksicht, zuwenig Selbst, ließ sie zurück wie einen Schrei im Wind. Ihre offenen Arme empfingen das Kribbeln im Bauch, den Wind in den Haaren und den Hunger nach Mut. Sie lernte zu laufen, nahm die Maske ab, streckte sich, richtete sich auf und stellte fest, dass sie sich liebt.

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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