Thomas Klein

Prinz Brian

Prinz Brian

 

Der Wecker klingelte. Das hätte er nicht tun brauchen, denn Horst war schon lange wach.

Er wälzte sich schon seit Stunden herum und ärgerte sich über den Tag, der ihm wieder bevorstand und über die Sachbearbeiterin vom Jobcenter, die ihm das eingebrockt hatte.

Er wusste nicht, wie lange er das noch durchhalten würde.

Er oder ich, das dachte er jetzt immer öfter.

Vierzig Jahre hatte er auf dem Bau geschuftet, bei jedem Wetter und nie klein beigegeben. Gegen ehrliche Arbeit hatte er nichts. Unter harten Bedingungen etwas zu leisten, machte ihn stolz. Aber das war jetzt etwas anderes.

Jetzt sollte er auf einen ungezogenen Jungen aufpassen. „Ich bin Außendienstmann und kein Kindermädchen“ wandte er auf den Vermittlungsvorschlag ein. Doch es half nichts, er musste es machen.

In der Jugendhilfeeinrichtung erklärte man ihm den Fall: Brian hätte eine psychosoziale Behinderung und bräuchte ein männliches Vorbild, der ihm auch seine Grenzen aufzeigen kann. Im Klartext: Der Junge rastet gelegentlich aus und müsste dann daran gehindert werden, sich und andere Heimbewohner zu gefährden.

Als er Brian vorgestellt wurde, ahnte er, warum die Betschwestern in dieser christlichen Einrichtung überfordert waren. Ein Bursche mit dem Hirn eines Sechsjährigen und dem Körper eines Profibasketballers. Dabei immer zu Späßen aufgelegt, solange er nicht arbeiten musste.

Aber das war das pädagogische Ziel: Brian sollte lernen, das jeder für seinen Unterhalt eine Gegenleistung erbringen muss.

 

Die nächsten Tage sollten damit zugebracht werden, einen Holzzaun zu streichen. Es käme nicht darauf an, es möglichst schnell zu erledigen, sondern Brian überhaupt bei der Stange zu halten.

Brian hatte aber nach einer halben Stunde keine Lust mehr und fand es viel interessanter, zu schauen, was die anderen Mitarbeiter so machten. Horst verbrachte eigentlich die meiste Zeit damit, Brian wiederzufinden um ihn zurück an seine Arbeit zu bringen.

Wenn es darum ging, Horst abzuhängen, war Brian überaus erfinderisch. Mal fiel ihm der Farbeimer um, dann war der Pinsel weg oder er hätte angeblich noch einen anderen Termin.

Wenn Horst versuchte sich durchzusetzen, wurde Brian frech und förderte eine für einen Behinderten erstaunliche Vielfalt an Beleidigungen zutage.

Seine Lieblingsbeschäftigung war es, alle möglichen Leute anzurufen, um irgendwelche Termine zu vereinbaren oder abzusagen.

Horst fand keine Handhabe, um ihn zur Arbeit zu motivieren. Brian hatte aufgrund seiner Behinderung eine Narrenfreiheit, die er voll auskostete. Er fraß für drei ohne etwas zu leisten, weshalb er eben auch Prinz Brian genannt wurde.

Horst hatte für seinen Lebensunterhalt immer schwer arbeiten müssen und er sah nur, das hier ein Rotzbengel in die Lage versetzt wurde, ihn jeden Tag zum Kasper zu machen.

 

Das Spiel ging so wochenlang. In Horst wuchs eine ungeheure Wut.

Eines Tages fand Brian, daß es ihm zu warm zum Arbeiten sei. Er ginge lieber baden. Düster folgte ihm Horst zum Teich. Fröhlich planschte Brian im Wasser herum.

Horst dachte an gar nichts, als er Brian im Genick packte und unter Wasser drückte.

Er fühlte nur, was sich da in ihm aufgestaut hatte und das ließ seinen Griff eisenhart werden.

 

 

Brian strampelte unter Wasser und trat um sich. Horst merkte davon nichts. Die vierzig Jahre auf dem Bau hatten seinen Körper unempfindlich gemacht. Brian war im Vollbesitz seiner jugendlichen Kräfte, doch gegen die arbeitserprobten Muskeln von Horst konnte er nichts ausrichten. So sehr er sich auch aufbäumte und kämpfte, Horst hielt stand, das Gesicht wie aus Stein.

Allmählich ließen Brians Befreiungsversuche nach, um dann ganz aufzuhören.

Horst wußte nicht, wie lange er ihn noch festgehalten hatte. Erst allmählich wurde er sich und des leblosen Körpers unter sich bewußt. Das Leben kehrte in ihn zurück und er spürte die Kälte des Wassers. Er fühlte kein Bedauern diesen Parasiten zur Strecke gebracht zu haben.

 

Diese Befriedigung wurde allerdings jäh vom Klingeln des Weckers zerstört, und er wusste:

 

Prinz Brian wartet auch heute wieder auf ihn...

 

 

Brian wusste, daß er mit seiner Masche immer durchkommen würde. Die Gesetze ließen den Betreuern kaum Mittel, um erzieherische Ziele durchzusetzen.

Horst fing an zu resignieren. Tagsüber ließ er sich von Brian schikanieren. Abends griff er zur Schnapsflasche. So verging der Sommer und der Herbst. Horst verfiel körperlich und seelisch.

 

Im Winter sollte er mit Brian Holz aus dem Forst holen. Er wusste, daß er die Arbeit alleine machen musste und versuchte auch nicht mehr, ihn zum Holzaufladen zu bewegen.

In seinem Zustand fiel es ihm schwer, die Meterstücke ranzuschleppen.

Brian machte sich einen Spaß daraus, ihn anzutreiben. Er höhnte: „los Du alter Gaul, schneller, schneller“ oder „mach nicht schlapp, Du alter Esel“

Horst fiel das Atmen schwer und er fühlte einen unerträglichen Schmerz in der Brust. Es drehte sich alles um ihn. Nur dicht vor seinem Gesicht Brians Fratze, der ihm irgendetwas zurief ...

 

Nach einigen Tagen erwachte er auf der Intensivstation.

 

Der Arzt meinte: „Wir haben eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie.

Die Gute: Weil Ihr junger Freund sofort mit ihrem Handy den Notarzt herbeigerufen hat, konnten wir Sie trotz eines Herzinfarkts retten.

Die schlechte Nachricht: Sie werden wohl nicht mehr ins Berufsleben zurückkehren.

Wir haben für Sie die Frührente beantragt.

 

Horst wartete auf das grausame Klingeln des Weckers, doch er hörte nur das gleichmäßige Piepsen seines Pulses am Monitor. Beruhigt schlief er ein. Auf dem Gesicht hatte er ein zufriedenes Lächeln.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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