Kerstin Rachow

Flugstunden

 

Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii.

Schwere Reiseführer lassen das antik gebeizte Bücherregal des schwedischen Möbelhauses in meinem Wohnzimmer fast schnauben. Seine rustikale, stabile Optik täuscht.

Ich gehöre nicht wirklich dazu, wenn Arbeitskollegen und Freunde ihren Jahresurlaub planen und Fernreisen buchen. Schließlich bin ich noch nie geflogen. Aber ich kenne mich aus. Jeden meiner Reiseführer habe ich studiert. Kultur, Politik, Geschichte und sogar ein paar Sprachbrocken meiner Bilderbuchländer kenne ich.

Heute habe ich im Heftchen der ansässigen Volkshochschule einen interessanten Kurs entdeckt. Flugstunden! Eifrig fülle ich die Anmeldung aus und bringe sie zur Post. Nun ist der Anfang gemacht, der Außenseiter hat einen Fuß in die Tür gestellt.

Zum Kurzbeginn bekomme ich eine schnuckelige kleine Karte mit einer freundlichen Einladung. Sofort überweise ich den fälligen Betrag und stehe in den Startlöchern.

Heute ist es soweit, ich fahr mit Udo Jürgens im CD-Fach zur Volkshochschule. Heimlich, versteht sich. Ich werde lernen wie sich ein Tourist fühlt und bin froh, dass ich nicht allein bin mit meiner Unerfahrenheit. Wir sitzen brav an Tischen und lauschen den Anweisungen der Kursleiterin. Eine merkwürdige Person, die im Winter mit Lederbadeschuhen ohne Socken bekleidet ist, übertrieben viel gestikuliert und bei jedem Satz mit den Armen wild fuchtelt. Fast erinnert sie mich an die Moderatoren von QVC. Bisher verstehe ich nur Bahnhof. Lasse mir aber nichts anmerken. Nun sollen wir alle Tische und Stühle bei Seite räumen und uns in der Mitte es Raumes verteilen. Beide Hände auf die Brust und tief einatmen. Das soll beruhigen und uns den Start einfacher machen. Ich bin voller Euphorie. Sie spricht immer wehrend von den verschiedenen Stationen, die sie schon besucht hat. Stationen?, ich will nach New York und Hawaii. Die Frau neben wir berichtet von ihrer letzten Reise. Aha, also doch nicht alle Anfänger. Sie war auf dem Mond! Ups, eine Irre gibt es bekanntlich in jeder Gruppe. Nun ist es soweit, verkündet die Fluglehrerin mit Nachdruck. Sie breitet ihre Arme aus und fängt mit ihnen gleichmäßig zu flattern. Die Falten auf meiner Stirn sind deutlich zu spüren. Ich wollte für den Flug bezahlen und nicht auf einem Galeren-Jet anheuern. Alle tun es ihr gleich, ich auch. Die Vorhänge sind zugezogen und niemand weis das ich hier bin, was nun besser auch so bleibt. Wir stellen uns hintereinander in einer Reihe auf, es erinnert stark an einen Pollonese ohne anfassen des Vorderen. Flatternd durchqueren wir den Raum. Ziehen Kreise und stehen schließlich auf der Stelle. Von so etwas hat mir bisher noch keiner meiner so tollen Freunde erzählt. Aber wer nach New York und Hawaii will muss da wohl durch. Wir durchqueren wieder den Raum, sieben Entlein und ein Schwan. Ohne zu schnattern. Sechs Entlein spüren es schon, dem Schwan schwant nichts. Nun stellen wir die Stühle im Kreis auf und halten uns an den Händen. Ein Fallschirmsprung, denke ich. Die Kursleiterin hebt die Theatralik durch ruckartige Bewegungen ihrer Hände, womit sie alle anderen in die gleiche unruhige Bewegung bringt. Wir schließen die Augen und ziehen hektisch links und rechts an den Händen der Kameraden. Jetzt! Alle schmeißen sich in die Tiefe auf die vorbereitete Matte. Es fühlt sich an wie in eine Schlucht zu fallen. Fast habe ich Angst an den Rändern anzuschlagen. Wir liegen alle vor den Stühlen auf dem Boden, einige Schreien laut. Die Fallschirmjägerin nimmt alle nacheinander in die Arme und tröstet die Abgestürzten. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, welches aber durch einen stechenden Blick der Mondlanderin abgeschnürt wird. Der Wolf und die sieben Geißlein stehen wieder auf. Ich denke nicht, dass wir einen Absturz aus der Höhe eines Flugzeuges auf diese Weise überleben. Egal, schließlich will ich den Flugschein. Wieder auf den Stühlen halten wir uns erneut bei den Händen. Wir atmen tief ein und aus. Die Barfüßige erinnert an wichtige Stationen tief in jedem von uns und der bevorstehenden Reise ins Gewesene. Alle nicken zufrieden, nur ich will nicht dort hin, wo soll das auch sein, ich will nach New York und Hawaii. Wir seien nun vorbeireitet alles zu durchlaufen. Was ist mit der Gepäckaufgabe, will ich wissen? Die Lasten müssen abgeworfen werden, bekomme ich zur Antwort. In New York soll man ja günstig shoppen können, da lass ich meine Last doch besser daheim. Die Kursleiterin setzt sich vor mich, nimmt meine Hände in ihre und sieht mir tief in die Augen. Sie blättert in meinen Erinnerungen und Sehnsüchten, wortlos. Schließlich beendet sie ihr Tun mit einem Augenaufschlag und meint, ich hätte eine alte Seele und sei gut gerüstet für meine Reise. Sie gibt mir noch mit, dass ich nur reale Wege nutzen darf und mich von falschen Pfaden fern halten soll. Ich werde ankommen!

Der Schwan, in Jeans und Pulli, bedankt sich brav und blickt noch einmal in die Runde der Enten, die mit Jogginghosen bekleidet sind und hält stolz den Flugschein in den Händen.

Vielleicht hätte ich mal das Kleingedruckte lesen sollen....

Ein Vierteljahr später bin ich dabei! Ich sitze neben Freunden im Flugzeug auf dem Weg nach Hawaii. Sie nehmen Notfalltropfen und ich einen Sekt.

 

 

 

 

 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Kerstin Rachow).
Der Beitrag wurde von Kerstin Rachow auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Morgendämmerung - Gedichte und kurze Geschichten von Andrea C. Heyer



Gedichte und kurze Geschichten.
Ein Halt mit einem Lauschen an manchen Stationen. Folgen Sie den Spuren der Dichterin und Sie werden dem Alltäglichen neu begegnen, versprochen, das auch auf ganz andere Art gesehen werden kann...

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Humor" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Kerstin Rachow

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Rückkehr zur Vernunft von Kerstin Rachow (Lebensgeschichten & Schicksale)
Aufsatz vom Karli über verschiedene Tiere von Margit Kvarda (Humor)
Oberschwester von der Schwarzwaldklinik Büttenrede von Margit Kvarda (Humor)