Ali Yüce

Episode. Schicksal, nicht Absicht

   Sie verließen die Ebene wie jedes Jahr zum Winterende. Wie jedes Jahr freuten sich alle auf Sonne auf der Haut. Der kleine Soly war gestorben, die Kälte war stärker gewesen. Seine Mutter hatte keine Trauer gezeigt. Zwei von fünf Kindern hatte sie behalten dürfen. Es gab Frauen, die verloren alle ihre Kinder an den Winter.

   Byrrin, die Stammesführerin, erzählte ihnen abends am Feuer oft von den Städten. Sie sagte, eine Geburt sei dort immer feierlich und festlich, Kinder starben nicht so häufig wie in den Ebenen. Sie lebten in warmen Räumen, die der Winter nicht betreten dürfe. In den Ebenen wurde die Geburt erst gefeiert, wenn das Kind alt genug wurde, dass kein Zweifel mehr daran bestand, dass es überleben würde. Es wurden Ziegen geschlachtet und unter den Nachbarstämmen verteilt. Niemand beklagte sich darüber, dass das Hirtenvolk nicht ebenfalls in den Städten lebte. Denn Arkin erzählte auch von anderen Dingen, die nicht gut waren. Außer warmen Räumen schien es in den Städten sogar gar nichts zu geben, was gut war. Sie erzählte so, als ob sie eine unserer Geschichten vortrug, und wenn sie verstummte schaute sie allen einzeln ins Gesicht, als erwartete sie Beifall oder Gelächter, wie es bei ihren selbsterfundenen Geschichten immer der Fall war. Aber es kamen nur Fragen. Warum töten Menschen andere Menschen? Was ist eine Prinzessin? Wieso stehlen die Menschen, wenn es dort alles gibt?

   Diebstahl war ein Wort, das sie nur in Verbindung mit Byrrins Geschichten benutzten. Wen jemand etwas brauchte, dann bekam er es. Jemandem vorzuenthalten, was er benötigte, war ihnen unvorstellbar. Soly war gestorben, obwohl sie ihn mit allem versorgt hatten, was sie hatten. Es hatte nicht gereicht, ihn von dem Husten zu befreien, und am Ende war ihm nicht mal genug Kraft zum Weinen geblieben. Jemandem etwas zu verweigern, war bei ihnen unendlich schlimmer als stehlen. Der Winter in den Ebenen und der Wind in den Bergen war tödlich genug. Und nichts würde sie mehr beschämen, als dass etwas verschwand und nicht wieder auftauchte. Es war keine Sache von Ehre oder Stolz, es war eine Sache von Selbstverständlichkeit und Notwendigkeit.

   Byrrin war nie in den Städten gewesen. Sie sagte, die Geschichten habe ihr früher Großmutter Sorya erzählt. Was davon der Wahrheit entsprach, habe nicht einmal Sorya gewusst. Aber immerhin zeigten diese Geschichten, ob wahr oder nicht, worauf die Menschen in den Städten Wert legten, was sie nicht mochten und wofür sie zu töten bereit waren. Wie wenig sie tatsächlich von den Stadtmenschen wussten, wurde ihnen erst bewusst, als jemand eine Tagesreise vor dem Gebirge ihren Weg kreuzte.

 

   Es passierte nicht oft, dass die Hirten einzelne Reisende trafen. Noch seltener handelte es sich dabei um Menschen, die von außerhalb der Ebenen stammten. Für viele aus Byrrins Stamm war dieser großgewachsene Mensch, der auf einem braunen Pferd auf sie zugeritten kam, der erste Fremde, den sie in ihrem leben sahen. Dementsprechend unangemessen, war die Begrüßung, mit der er empfangen wurde, was Byrrin später die Zähne knirschen ließ und daran erinnerte, wie nachsichtig sie in der Vergangenheit mit manchen Dingen gewesen war. Dass der Fremde nicht aus der Ebene stammte, war sofort jedem klar, denn er trug mehr Metall an seinem Körper und auf seinem Pferd, als es in der gesamten Steppe gab. Ängstlich blieben fast alle stehen und schwiegen, nur die Kinder verkündetet lauthals, dass dort jemand kam. Dass jeder es sehen konnte, hielt sie nicht davon ab, sie waren zu aufgeregt, um still zu sein. Bevor Byrrin etwas tun oder sagen konnte, bewegte sich jemand zielstrebig und gelassen auf den Fremden zu, als dieser vielleicht dreihundert Schritt entfernt war.

   So ein Narr, dachte Byrrin, als sie erkannte, wer da vergessen hatte, dass es ihre Aufgabe war, Gäste zu begrüßen. Der junge Silvan blieb auf halber Strecke stehen und stellte sich dem fremden in den Weg. Byrrin seufzte enttäuscht über diese Unhöflichkeit und lief mit gerafftem Rock dem Jungen hinterher. Zu ihrer Erleichterung erreichte sie Silvan rechtzeitig genug, um ihn mit einem Klaps auf den Hinterkopf von törichten Worten abzuhalten. Erschrocken fuhr er zu ihr herum. Anstatt auch nur die geringste Spur von Schuldbewusstsein zu zeigen, schaute er sie nur verständnislos an. „Er ist ein Gast“, sagte sie. „Wenn du ihn beleidigst, ziehe ich dir die Ohren lang.“

   „Ich wollte ihn nicht beleidigen“, erwiderte er empört.

   „Still jetzt.“

   Der Reiter kam wenige Schritte vor ihnen zum Stehen. Er lächelte.

   „Sei gegrüßt, Hirtin.“

   „Sei gegrüßt, Reisender“, antwortete Byrrin, wie es der Brauch vorschrieb. „Ist diese Begegnung Schicksal oder Absicht?“

   „Schicksal, Hirtin.“

   „Und was willst du hier?“ fragte ihn Silvan aufmüpfig.

   Byrrin warf dem Jungen einen finsteren Blick zu, aber zu ihrer Überraschung schien der Fremde nicht erbost zu sein über die Unterbrechung des Protokolls. Er lächelte sogar, amüsiert aber freundlich. Anstatt sich wieder an Byrrin zu wenden, antwortete er Silvan.

   „Ich hoffe nur auf Gastfreundschaft, Hirte. Gewährst du sie mir?“

Silvan sah ihn eine Weile abschätzend an und nickte schließlich. Als Byrrin ihm darauf wieder einen Klaps verpasste, lachte der Fremde schallend.

 

   Es war viel zu früh am Tage für eine Rast, und niemand traf Anstalten, das Lager aufzuschlagen. Durch Silvans unbedachte Worte, fühlten sie sich zwar verpflichtet, den fremden angemessen zu versorgen, doch das war nicht Grund genug, um den Tagesablauf ganz zu verwerfen. Schnell entfachten zwei junge Frauen ein Feuer und kochten eine Suppe aus gegorenem Wildgemüsemehl. Die anfängliche Aufregung ebbte soweit ab, dass die Leute inzwischen gelassen tuschelten, während sie mit neugierigen Gesichtern beobachteten, wie sich Byrrin mit dem Fremden unterhielt. Einige Männer und Frauen kümmerten sich um die Ziegen und Schafe und vertrieben sich mit anderen kleinen Arbeiten die Zeit, doch niemand ließ den Fremden ganz aus dem Auge.

2007Ali Yüce, Anmerkung zur Geschichte

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Ali Yüce).
Der Beitrag wurde von Ali Yüce auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Die Heilerin: Das Licht von Paul Riedel



Heilkunde ist eine menschliche Bestrebung seit es Menschen gibt. Das Unbekannte in den Menschen in eine Mischung aus Interessenskonflikten und Idealen, wo die eigene Begabung, nicht mehr relevant ist.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Sonstige" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Ali Yüce

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Einkehr von Ali Yüce (Unheimliche Geschichten)
Mama ...Lupus...autobiographisch... von Rüdiger Nazar (Sonstige)
Die zärtlichen Worte eines Streithahnes von Michael Reißig (Humor)