Manfred Sander

Jonathans schönstes Weihnachtsfest

Die Turmuhr der Kirche von Oberstdorf schlug dumpf zur Mitternacht und verkündete damit den

Beginn eines neuen Tages. Wiesen, Felder und Häuser waren mit einer dicken Schneeschicht

versehen, und noch immer schneite es ohne Unterlaß, als sollte Oberstdorf im Allgäu unter der

weißen Pracht verschwinden. Die Lichter in den Häusern waren schon fast alle erloschen und die

Menschen zu Bett gegangen. Sie träumten von dem bevorstehenden Weihnachtsfest und freuten

sich, im Kreis ihrer Familien einige besinnliche und friedvolle Tage zu verbringen. Nur in einem

nahe der Kirche gelegenen Haus brannten noch alle Lichter, und es hob sich mit seiner Helligkeit

von der dunklen Umgebung deutlich ab. Es war das Haus, in dem der siebenjährige Jonathan mit

seinen Eltern und Großeltern sowie seiner in der Silvesternacht des letzten Jahres geborenen

Schwester Silvestra wohnte. Vater und Mutter, Großvater und Großmutter standen um das Bett

seiner kleinen noch kein Jahr alten Schwester. Ein großer, hagerer Mann mit Nickelbrille hatte sich

über den Körper des kleinen Mädchens gebeugt und leuchtete mit einer Taschenlampe in ihre

Augen. Jonathan war leise aus seinem Bett aufgestanden und stand im Flur, von wo aus er durch

einen Türspalt das Geschehen in dem Zimmer seiner Schwester mitverfolgen konnte. „Sagen Sie

Herr Doktor,“ hörte er die zitternde und verzweifelte Stimme seiner Mutter, „wird meine Tochter

bald wieder gesund?“ „ Liebe Frau, ich muß Ihnen leider sagen, daß hier die ärztliche Kunst ihre

Grenzen findet,“ hörte Jonathan den Mann mit der Nickelbrille sagen. „Hier kann nur noch der

Liebe Gott persönlich helfen.“ Dann sah er, wie seine Mutter sich weinend über Silvestra beugte,

sie in die Arme nahm und an sich drückte. So jung Jonathan auch noch war, so konnte er sich

dennoch gut vorstellen, was in seiner Mutter vor sich ging. Auch ihm selbst ging es nicht anders.

Er spürte den Schmerz, der an ihm nagte, als er sich vorstellte, daß er bald seine kleine

Schwester wieder verlieren würde. Was hat der Arzt gesagt, ging es ihm durch den Kopf, „hier

kann nur der Liebe Gott persönlich helfen.“ Dann muß man sich eben an den Lieben Gott

wenden, um das Leben von Silvestra zu retten, sagte er sich und schlich sich ungehört und

ungesehen von den anderen wieder in sein Bett. An Schlaf war jedoch nicht zu denken. Wie

könnte man Kontakt mit dem Lieben Gott aufnehmen, fragte er sich immer wieder, ohne zu einem

Ergebnis zu kommen. Am nächsten morgen wachte Jonathan erst um 10 Uhr auf, da er bis weit in

die Nacht hinein wach geblieben war, denn er konnte seine Gedanken nicht von seiner totkranken

Schwester lösen und von der Frage, wie man mit dem Lieben Gott in Verbindung kommen könnte.

Eltern und Großeltern hatten schon Kaffee getrunken, als Jonathan sich noch ein wenig

verschlafen an den Frühstückstisch setzte und wie jeden morgen sein Honigbrötchen aß und

seinen von der Mutter zubereiteten schon etwas kalt gewordenen Becher Kakao ausschlürfte.

Niemand nahm von ihm Notiz. Alle waren im Silvestras Zimmer versammelt, um ihr in den letzten

Stunden ihres Lebens nahe zu sein. Der Arzt hatte gesagt, es könne sehr schnell gehen, aber es

sei auch durchaus möglich, daß es noch einige Tage dauert, bis Silvestra sich aus dieser Welt

verabschiede. Einer plötzlichen Idee folgend lief Jonathan zum Telefonschränkchen und entnahm

der Schublade das dicke, gelbe Telefonverzeichnis. Vielleicht kann ich hier eine Verbindung zum

Lieben Gott finden, dachte er, während er sich an den Küchentisch setzte und im Buch den Namen

Gott suchte. Doch sein Bemühen war erfolglos. Zwar fand er Nummern von einem Clemens Gott

und einem Karel Gott, doch die Verbindung zum Lieben Gott konnte er nicht finden. In diesem

Augenblick kam Großvater in die Küche. „Mein Kind, was suchst Du denn in dem Telefonbuch,“

fragte er. „Ach, Großvater,“ antwortete Jonathan, „ich wollte nur einmal nachschauen, ob ich die

Telefonnummer vom Lieben Gott hier finde, denn er ist der Einzige, der Silvestra wieder gesund

machen kann.“ „Aber Jonathan,“ erwiderte Großvater, „der Liebe Gott wohnt doch dort droben im

Himmel und bis dahin reicht kein Telefon. Doch wenn Du mit ihm sprechen willst, kannst Du das

durch ein Gebet tun. Egal wo Du Dich auf der Erde befindest kannst Du den Lieben Gott mit einem

Gebet erreichen.“

Jonathan nahm sich vor noch heute mit dem Lieben Gott zu sprechen und als der Abend

gekommen war öffnete er zunächst leise die Tür zum Zimmer seiner Schwester. „Silvestra,“

flüsterte er, „ mach Dir keine Sorgen, ich werde den lieben Gott bitten, daß er Dich wieder gesund

macht.“ Doch Silvestra konnte ihn nicht hören, denn das hohe Fieber hatte ihr das Bewußtsein

genommen. Nur ein schwaches und unregelmäßiges Atmen zeugte davon, daß sie noch am

Leben war. So leise wie er gekommen war verließ Jonathan das Zimmer und begab sich zu Bett.

Doch bevor er einschlief faltete er die Hände und betete laut: „Lieber Gott, unser Doktor hat

gesagt, daß Du der Einzige bist, der meine Schwester wieder gesund machen kann. Ich möchte

Dich bitten, die Krankheit von Silvestra zu heilen, um meine Eltern, meine Großeltern und mich

wieder glücklich zu machen. Sei doch bitte so gut und mach, daß in unserem Haus wieder Freude

einkehrt.“ Es ist ja eigentlich gar nicht so schwer, mit dem Lieben Gott zu sprechen, dachte

Jonathan nach seinem Gebet, doch da der Himmel so weit weg ist, weiß ich nicht genau, ob er

mich auch wirklich hört. Am nächsten morgen war Jonathans erster Weg in Silvestras

Schlafzimmer. Seine Mutter war schon da und saß auf der Bettkante. Sie weinte und streichelte

sanft über das Haar ihrer kleinen Tochter. „Ich glaube Jonathan, Du mußt Dich bald von Deiner

Schwester verabschieden, sagte sie mit erstickter Stimme. Bei Jonathan machte sich eine

Enttäuschung breit. Entweder hat der Liebe Gott ihn nicht gehört oder er will nicht helfen.

Vielleicht mü.te er in die Kirche gehen, um zu beten. Die Erwachsenen gehen sonntags immer in

den Gottesdienst. Vielleicht kann Gott die Menschen von dort aus besser verstehen. Dieser

Gedanke ließ Jonathan nicht mehr los, und daher marschierte er nachmittags in die nahe

gelegene Kirche und setzte sich auf die erste Bank. Es war kein anderer in der Kirche, deswegen

wagte es Jonathan mit lauter Stimme zu beten: „Lieber Gott sei so gut und mache bitte meine

kranke Schwester wieder gesund.“ Diesen Satz wiederholte er mehrmals und jedesmal lauter in

der Hoffnung, daß er wenigstens einmal im Himmel gehört wird. Am nächsten morgen ging

Jonathan gleich nach dem Aufwachen in Silvestras Zimmer und sah, daß ihr Zustand immer noch

unverändert war. Er war verzweifelt und fragte sich, ob er vielleicht etwas falsch gemacht haben

könnte. Laut genug war sein Gebet ja gewesen, aber wahrscheinlich war die Entfernung doch zu

groß. Jonathan entschloß sich, heute nachmittag nochmals in die Kirche zu gehen. Doch dann

wollte er auf den Glockenturm klettern, um dadurch die Strecke zwischen Himmel und Erde etwas

zu reduzieren. Seinem Plan folgend begab sich Jonathan am nachmittag wieder in die Kirche. Die

Tür zum Glockenturm war unverschlossen. Mühsam kletterte er die enge Wendeltreppe empor

und kam schließlich schwer atmend auf dem Podest direkt neben der schweren Glocke an. Hier

ist wohl der richtige Ort, um mit Gott zu sprechen, dachte er sich. Die Glocke ruft jeden Sonntag

die Gläubigen zur Heiligen Messe und ich kann von hier bestimmt mit meinem Gebet Kontakt zum

Lieben Gott aufnehmen. Während ihm diese Gedanken durch den Kopf gingen, fing Jonathan an

zu beten. Aber diesmal schrie er sein Begehren hinaus, als wollte er der Glocke Konkurrenz

machen. „Oh, Lieber Gott, so hör mich doch und mache bitte meine kleine Schwester wieder

gesund.“ Diesmal wird es wohl geklappt haben, dachte er sich, während er die Treppen wieder

hinunterstieg und sich auf den Heimweg machte. Doch am nächsten morgen war seine

Enttäuschung um so größer, als er Silvestra in unverändertem Zustand in ihrem Bettchen liegen

sah. Was sollte er nur noch machen, damit im Himmel sein Wunsch erhört wird? Doch da kam

ihm plötzlich ein Gedanke, der ihn nicht wieder losließ. In der Nähe ihres Hauses war die

Talstation der Seilbahn zum Nebelhorn. Wenn er dort oben auf dem Berg für die Gesundheit seiner

Schwester beten würde, käme sein Wunsch bestimmt bei dem Lieben Gott an. Er mü.te heute

noch zum Nebelhorn gelangen, denn morgen ist Heilig Abend, und da sollte die gesamte Familie

wieder gesund und fröhlich zusammensein. Am Nachmittag zog sich Jonathan seine warme

Felljacke an, denn er wußte, daß es dort droben auf dem Berg eisig kalt war. Ohne jemanden von

seinem Plan zu erzählen machte er sich auf den Weg zur Seilbahnstation. Die großen, geräumigen

Gondeln fuhren jede halbe Stunde zum Gipfel und konnten fünfzig und mehr Menschen auf

einmal befördern. Dennoch war es eine lange Schlange von Menschen in die sich Jonathan

einordnen mußte. Als er nach etwa einer Stunde Schlange stehen vor der einstiegsbereiten

Gondel stand, sah er, wie ein uniformierter Seilbahnbeschäftigter auf ihn zukam. Jetzt mußt du

schnell handeln, dachte Jonathan, denn er hatte weder eine Karte gelöst noch durfte er als

siebenjähriger alleine mit der Seilbahn fahren. Er zupfte einer neben ihm stehenden älteren Frau

an den Mantel, blickte an ihr hoch und sagte vernehmlich laut: „Nicht wahr, Mama, wir brauchen

doch keine Angst in der Gondel haben.“ Der uniformierte Mann schien auf einmal das Interesse

an Jonathan verloren zu haben, nicht jedoch die ältere Dame. „Aber mein Junge,“

sagte sie, „ich bin doch nicht Deine Mama.“ Sie waren aber bereits in der Gondel und Jonathan

hatte sein Ziel erreicht, darum entschuldigte er sich höflich und sagte, er habe sie nur mit seiner

Mutter verwechselt. An der Bergstation angekommen verließ Jonathan die Gondel und begab sich

direkt zum Gipfelkreuz des Nebelhorns. Es standen viele Menschen um ihn herum und es war ihm

peinlich, hier mit lauter Stimme zu beten. Doch da er nun so hoch auf dem Berg war, glaubte er,

daß ein geflüstertes Gebet auch ausreichen würde, um vom Lieben Gott gehört zu werden. So

flüsterte er sein Anliegen und hoffte, daß man ihn im Himmel hörte.

Es war schon dunkel als Jonathan wieder an der Seilbahn stand, um ins Tal zurückzufahren. Als

der Gondelführer ihn mit erstaunten Augen anschaute sagte Jonathan schnell:“ Ich habe meine

Mutter verloren und ich glaube, sie ist schon mit der vorigen Bahn zu Tal gefahren.“ Außer

Jonathan war nur noch ein alter Mann in der Gondel, der ihn eindringlich musterte. „Was machst

Du denn hier auf dem Berg so ganz allein,“ fragte er nach einiger Zeit und Jonathan hatte das

Gefühl, daß er dem alten Mann alles von seiner kranken Schwester und seinem Versuch ihr durch

ein Gebet zu helfen, erzählen konnte. Als die Seilbahn wieder in der Talstation ankam, hatte er

sich all seinen Kummer von der Seele geredet und fühlte sich sichtbar erleichtert. „Ich werde Dich

nach Hause begleiten,“ sagte der alte Mann, es ist schon dunkel und Deine Eltern werden sich

sicher Sorgen machen. So führte der alte Mann Jonathan nach Hause, und dieser wunderte sich,

daß er keinmal nach dem Weg fragte. So standen sie nach wenigen Minuten vor der Haustür und

Jonathan klingelte. Eilige Schritte näherten sich und die Tür wurde aufgerissen. „Gott sei Dank,

Junge, wo bist Du nur gewesen. Wir haben uns ja solche Sorgen gemacht.“ Es war Jonathans

Mutter, die erleichtert und froh im Türrahmen stand. Dann fiel ihr Blick auf den alten Mann. „Ich

habe Ihren Sohn unterwegs getroffen und ihn wegen der Dunkelheit nach Hause gebracht. Ihr

Sohn hat mir auf dem Weg von Ihrer kranken Tochter erzählt. Erlauben Sie mir, daß ich sie mir mal

ansehe.“ „Selbstverständlich, lieber Mann, haben Sie Dank dafür, daß Sie mir meinen Sohn

wiedergebracht haben, und kommen Sie rein, ich werde Sie zu meinem kranken Kind führen.“ Sie

gingen alle in Silvestras Zimmer und auch Jonathans Vater und die Großeltern gesellten sich dazu.

Der alte Mann beugte sich über Silvestra und legte ihr eine Hand auf die Stirn. Dann wendete er

sich wieder, um zu gehen. „So bleiben Sie doch bitte noch zum Essen,“ bot Jonathans Mutter an,

doch der alte Mann sagte: „Ich kann leider nicht länger bleiben. Ich habe noch einen weiten Weg

und morgen will ich mit meiner Familie meinen Geburtstag feiern.“ So verabschiedete sich der alte

Mann und verschwand in der Dunkelheit.

Am nächsten morgen war Jonathan als erster auf. Er ging in Silvestras Zimmer und konnte seinen

Augen nicht trauen. Silvestra saß aufrecht im Bett und hatte ihre Puppe in den Armen. Sie war

munter und fidel und quietschte vergnügt vor sich hin. „Mami, Papi, Omi, Opi,“ schrie Jonathan

vor Begeisterung. Jonathans Mutter war die erste, die das Zimmer erreichte. Sie konnte das nicht

glauben, was sie sah. Sie eilte auf das Bett zu, nahm Silvestra in ihre Arme und brachte vor lauter

Glück keinen Ton heraus. Auch die anderen lagen sich in den Armen und sprachen von einem

Wunder. Jonathans Großvater erinnerte noch an die Worte des alten Mannes -ich hab noch einen

weiten Weg, und will morgen mit meiner Familie meinen Geburtstag feiern-. „Wißt ihr wer das

war,“ sagte er, „es war der Sohn Gottes, der gestern in unserem Hause war. Er hat dieses Wunder

vollbracht.“

Jonathan aber wußte, daß seine Gebete es waren, die der Liebe Gott erhört und ihm dadurch das

schönste Weihnachtsfest seines Lebens beschert hatte.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Manfred Sander).
Der Beitrag wurde von Manfred Sander auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

ESSENZEN von Manfred Wrobel



Mit ihrer Lyrik-Edition "Essenzen" bringen die Autoren ein Buch heraus, deren Texte die Kernaussage ihres Schaffens in Schriftform belegen.

Konzentrierte Auszüge ihrer Textvarianten, die zeitgenössische Gegenwartslyrik darstellen und zum größten Teil noch nicht veröffentlicht wurden.

Diese Präsentation ihrer Werke soll viele Menschen ansprechen und sie hoffen, gerade mit dieser ganz speziell zusammengetragenen Lyrik einen Einblick in ihre „Welten“ zu vermitteln.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Weihnachten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Manfred Sander

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Der Klapperstorch von Manfred Sander (Kinder- und Jugendliteratur)
Noch vier Stunden... von Luki K (Weihnachten)
Mittags-Titten von Klaus-D. Heid (Fragen)