Claudia Savelsberg

Der Walzer seines Lebens

Gabriele freute sich auf den Besuch bei Robert, dem Vater ihrer besten Freundin Susanne. Der alte Herr, der in zwei Wochen seinen achtzigsten Geburtstag feierte, lebte schon seit neun Jahren in einer Seniorenresidenz. Er bewohnte ein geräumiges Zimmer, das er mit seinen eigenen Möbeln gemütlich eingerichtet hatte. Robert war belesen und gebildet, hatte tadellose Manieren, ein Kavalier der alten Schule. Auch in seinem Alter legte er noch viel Wert auf seine äußere Erscheinung.

Gabriele, die mit ihren 56 Jahren seine Tochter hätte sein können, hatte ihn ins Herz geschlossen und hörte gerne zu, wenn er über vergangene Zeiten sprach, weil er seine Erzählungen oft mit kleinen Anekdoten würzte. Bei den Bewohnern der Seniorenresidenz und beim Pflegepersonal war er beliebt, man schätzte seine Freundlichkeit und seinen Humor.

Roberts Frau Hildegard, die große Liebe seines Lebens, war vor neun Jahren gestorben. Nur wenige Tage nach der Goldenen Hochzeit. Damals stand Robert kurz vor einem Nervenzusammenbruch, ein Leben ohne seine Hildegard war für ihn unvorstellbar. Auf Anraten seiner Tochter Susanne und seines Enkels Christoph hatte er sein Haus verkauft und war in die Seniorenresidenz gezogen, wo er sich wohl fühlte. Körperlich war Robert noch fit, aber er wurde zunehmend vergesslich, eine beginnende Demenz. Es gab Tage, an denen er seine Tochter und seinen Enkel nicht erkannte, und manchmal verwechselte er Gabriele mit seiner verstorbenen Frau. Er hatte ihr Fotos von Hildegard gezeigt, und Gabriele erkannte tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit.

Robert erzählte Gabriele oft von seiner „Putzi“, wie er Hildegard immer genannt hatte. Gabriele kannte die Geschichten schon, aber sie hörte ihm immer wieder zu, weil er so lebendig erzählen konnte. Ein anderer junger Mann hatte sich in Hildegard verliebt und wollte sie zu einem Eis einladen. Als Robert davon erfuhr, schlitzte er den Vorderreifen am Fahrrad des Rivalen auf und verhinderte somit das Rendezvous. In der Erinnerung daran grinste er verschmitzt und wirkte dabei sehr jugendlich.

Am liebsten erzählte er Gabriele von seinem Heiratsantrag. Robert und Hildegard hatten sich in der Tanzstunde kennengelernt, es war Liebe auf den ersten Blick. Sie wussten, dass sie zusammen gehörten. Sie tanzten leidenschaftlich gerne, Walzer liebten sie besonders. Ein Jahr später gingen sie zusammen auf ihren ersten Ball. Robert war 20 Jahre alt, Hildegard 19 Jahre. Robert hatte eisern auf ein Paar Lackschuhe gespart, Hildegards Mutter nähte für ihre Tochter ein Kleid. Zu seinem blauen Anzug trug Robert ein weißes Hemd und eine blaue Fliege aus Satin. Hildegard trug ein veilchenblaues Kleid, dazu weiße Spitzenhandschuhe, am Ausschnitt hatte sie eine kleine weiße Seidenrose befestigt. Und sie duftete so gut nach Lavendel. Hildegard fand ihren Robert „fesch“, und er fand seine Putzi „wunderschön.“

Der alte Herr lächelte Gabriele versonnen an: „Wir waren so jung. Wir liebten uns. Ach, wir waren ein schönes Paar. Wir haben keinen Tanz ausgelassen.“ Dann kam ihr Lieblingstanz, der Walzer. Bei der Erinnerung geriet Robert ins Schwärmen. Seine Putzi sagte: „Damenwahl. Darf ich bitten?“ Er geleitete sie auf das Parkett und sie tanzten, vergaßen sie alles um sich herum. „Nach unserem Walzer habe ich sie gefragt, ob sie meine Frau werden will“, sagte Robert mit Rührung in der Stimme. Er erinnerte sich auch nach 60 Jahren an die Melodie des Walzers und summte die ersten Takte. Es war der Walzer aus einer bekannten Operette, geschrieben von einem österreichischen Komponisten, das wusste Robert, aber der Name des Walzers war ihm entfallen. Darüber ärgerte er sich. Gabriele nahm sich vor, im Internet zu recherchieren. Vielleicht konnte sie den Titel finden, das würde Robert freuen.

Gabriele fragte, was Robert sich zum Geburtstag wünschte. Der alte Herr antwortete: „Ich möchte, dass Susanne und Christoph kommen.“ In der letzten Zeit hatte es zwischen Robert und seiner Familie Unstimmigkeiten gegeben. Die 58jährige Susanne lebte nach ihrer Scheidung mit einem fünfzehn Jahre jüngeren Mann zusammen. Sein 30jähriger Enkel Christoph hatte seinen sicheren Arbeitsplatz aufgegeben und spielte jetzt als Saxophonist in einer Jazz-Band. Da er das Verhalten von Tochter und Enkel nicht billigte, hatte Robert ihnen gehörig die Meinung gesagt. Daraufhin hatten sie ihn einige Zeit nicht mehr besucht. Gabriele verstand den alten Herren. Er gehörte zu einer anderen Generation mit ihren eigenen Wertvorstellungen Es tat Robert leid, dass er so heftig reagiert hatte, er war traurig. Gabriele versprach ihm, mit Susanne und Christoph zu reden.

Dann kam der Geburtstag. Robert freute sich, heute wollte er sich richtig schick machen. Er zog seinen blauen Anzug an, dazu ein weißes Hemd und eine blaue Fliege aus Satin. Susanne und Christoph waren gekommen, was den alten Herrn mit Freunde erfüllte, er war ganz aufgeregt. Bevor er mit Tochter und Enkel das Zimmer verließ, warf er noch einen Blick in den Badezimmerspiegel. „Ich bin ich immer noch ein fescher Kerl“, dachte er mit einem Schmunzeln. Seinen Humor hatte er nie verloren.

Die Caféteria war hübsch geschmückt, auf den Tischen standen Blumen. Bewohner und Pflegepersonal gratulierten, der Leiter der Seniorenresidenz hielt eine kleine Rede, überreichte ein Blumenbukett und ein Präsent. Robert war gerührt und ruckelte an seiner Fliege, er schaute sich fragend um: „Susanne, wo ist Gabriele?“ Die Tochter beruhigte ihn: „Vati, sie kommt gleich. Vermutlich steht sie im Stau.“ Dann wurde die Geburtstagstorte an den Tisch gebracht. Robert blies alle Kerzen aus, er freute sich wie ein Kind.

Plötzlich erklang Musik, die ersten Takte eines Walzers, der ihn an seine geliebte Hildegard und den Heiratsantrag erinnerte. Robert war glücklich, pötzlich fiel ihm der Titel wieder ein: „Wiener Blut“. Es war ihr gemeinsamer Walzer, auch nach sechzig Jahren. Robert war einfach nur glücklich.

Eine Dame betrat den Raum. Sie trug ein veilchenblaues Kleid, dazu weiße Spitzenhandschuhe. Am Ausschnitt des Kleides hatte sie eine kleine weiße Seidenrose befestigt. Robert schaute sie verzückt und fassungslos an, er glaubte zu träumen. War das seine Hildegard? Die Dame kam langsam auf Robert zu, machte einen Knicks: „Damenwahl. Mein Herr, darf ich um diesen Tanz bitten?“ Robert stand auf und verbeugte sich höflich: „Sehr gerne, mein Fäulein.“ Als der alte Herr die Dame im Arm hielt, spürte er den Duft von Lavendel. Er glaubte zu träumen. Sie tanzten, sie schwebten durch einen Ballsaal. Robert war immer noch ein guter Tänzer, er hielt die Dame sicher und elegant, und sie beendeten den Walzer in einer großen Pose. Bewohner und Pflegepersonal applaudierten, Susanne wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel, selbst Christoph war gerührt. Die Dame geleitete Robert zu seinem Platz, dann verschwand sie. Der alte Herr war erschöpft, er wollte auf sein Zimmer. Er setzte sich in seinen Ohrensessel und träumte mit offenen Augen, leise summte er „Wiener Blut.“

Gabriele kam herein, küßte Robert auf die Wange und gratulierte ihm. Er erschien ihr abwesend, ganz in seinem Traum gefangen. Dann sah er sie mit einem unergründlichen Lächeln an: „Kind, das veilchenblaue Kleid steht dir gut. Du hast mir ein wunderbares Geschenk gemacht … der Walzer, den wir getanzt haben.“ Gabriele schaute ihn liebevoll an. Mit einem verschmitzten Lächeln fuhr der alte Herr fort: „Du warst fast so schön wie meine Putzi … aber nur fast. Und meine Putzi tanzte auch besser als du.“ Dabei grinst er verschmitzt. Gabriel lachte ihn an: „Robert, dann müssen wir eben bis zu deinem 90. Geburtstag noch etwas üben.“ Sie reichte ihm ein kleines Präsent, eine Spieluhr. Wenn man sie aufzog, dann erklang „Wiener Blut“ - der Walzer seines Lebens.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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