Julia

Meine Wanderung im Allgäu

Immer wenn der Frühling kommt, treibt mich die Lust zu wandern.

Wie gern bin ich früher gewandert. Allein, mit Familie, mit Freunden.
Wir hatten Proviant dabei und immer viel Spaß.

Wie selbstverständlich habe ich hingenommen, dass mir das Gehen leicht fiel und mir auch die 20 Kilometer nichts ausmachten, die wir in Etappen und mit fröhlichen Pausen unterwegs gut bewältigten.

Ja, das ist einige Zeit her.

Längere Spaziergänge, ja, die gehen noch mit Pausen, aber die Zeit der langen Wanderungen, wo nichts weh tat und der Körper und die Gelenke das taten,
was ich wollte, die ist vorbei.

Gern aber erinnere ich mich an eine Wanderung, meine letzte große, die ich machte, als ich nach schwerer überstandener Krankheit und Kur Urlaub in dem wunderschönen Sulzberg in Österreich machte.

Ich wohnte da am Hang in der freundlichen Familienpension Bilgeri und hatte mich für drei Wochen eingemietet, um mich so richtig zu erholen.

Aus meinem schönen Zimmer hatte ich von der blumengeschmückten Veranda aus einen herrlichen Blick über die Berge.

Leider gab es in den drei Wochen nur zwei schöne Tage, und ich lief immer in Regenjacke und festen Schuhen herum, mitten im Juli.

Ganz in der Nähe befindet sich die Post, und so fuhr ich fast jeden Tag mit dem Postbus, mit einem Umstieg, nach Bregenz hinunter und abends mit dem letzten Bus zurück nach Sulzberg.

Die Fahrt über die Serpentinen hinab war jedes Mal ein Erlebnis und ich genoss die Aussicht in vollen Zügen.

In Bregenz bestieg ich dann eines der Ausflugsschiffe, um mit der ermäßigten
Bodenseekarte über den Bodensee zu schippern; mal nach Lindau, Meersburg, Friedrichshafen oder Konstanz.

Die Insel Mainau reizte mich nicht so. Ich hatte sie einmal besucht, und als
Blumen-Nichtfachfrau störten mich die Touristenströme.
Für Blumenfreunde soll Mainau freilich eine Offenbarung sein.

Leider reichten meine Bodensee-Abstecher nicht bis in die Schweiz, weil ich abends das letzte Schiff zurück nach Bregenz nehmen musste, sonst hätte ich den letzten Bus verpasst und mir Sulzberg von unten ansehen können.

Bei den ausgiebigen Ausflügen durch den Bregenzerwald, die mich mit Bussen bis in die entlegensten Winkel und zu etlichen Seilbahnstationen führten, habe ich die perfekte Verkehrsplanung bewundert. Nie musste ich lange auf den jeweiligen Anschlussbus in den Orten warten, wenn ich ein bestimmtes Ziel anvisierte. Da können sich die Verkehrsplaner hier bei uns ein Beispiel nehmen. Da klappt es oft schon nicht mit den einfachen Anschlüssen von der Innenstadt in die Vororte.

Natürlich habe ich von der Möglichkeit, die Seilbahnen zu benutzen, ausgiebig
Gebrauch gemacht.

Aber ich will ja von meiner Wanderung erzählen.

Es war wieder ein trüber Tag.
Ausnahmsweise war es morgens noch trocken und sollte erst am Nachmittag regnen. Ich hatte große Lust eine Strecke zu wandern, fand aber niemanden, der sich mir angeschlossen hätte. Eine alte Dame war zu einem Spaziergang bereit:
„Ja, aber nicht zu weit vom Haus entfernen“.

Ich nahm mir die Wanderkarte vom Verkehrsamt vor und sah: gelb-weiße Markierung bedeutet leichte Strecke, weiß-rot-weiß mittelschwere Wanderung.
Na, die 6 km, die da laut Karte in anderthalb Stunden zurückzulegen waren,
würde ich doch wohl schaffen.

Frohgemut ging ich nach dem Frühstück um 8.30 Uhr los, im leichten Hosenanzug und mit festen Schuhen, die unentbehrliche Regenjacke über dem Arm.

Meine Pension war das letzte Haus oberhalb des Ortes und somit der ideale Ausgangspunkt für meine Wanderung, denn die angegebene Wanderstrecke begann fast vor der Haustür.

Der Weg war breit und kiesbestreut und schlängelte sich bequem und eben um die Hügel bis hinüber zum Wald.

Nach einer Stunde Wanderung gabelte sich der Weg mit der gelb-weißen und rot-weißen Markierung und führte in einem großen Bogen zurück nach Sulzberg.

Ich fühlte mich gut in Form und beschloss, die etwas schwierigere Strecke in Angriff zu nehmen. Da sollte man die 10 km in dreieinhalb Stunden bewältigen können.
Ich war zwar schon etwas aus der Übung, aber das traute ich mir zu.
Also los.

Der Weg führte über Wiesen sanft abwärts, und dichter Nebel kam auf.
Als ich den Waldrand erreichte und kaum noch die Hand vor Augen sehen konnte, verteilte ich meine Wertsachen, die ich ja immer mitnehme, am Körper, in der Tasche und in der Jacke.

Ein lächerliches Unterfangen, denn im Ernstfall wären die Sachen sowieso weg gewesen. Aber ich fühlte mich dadurch sicherer.

Kein Mensch war außer mir unterwegs.

Es war so still. Kein Vogel sang; die Bäume waren im Nebel verschwunden.
Nur der Weg ein paar Schritte vor mir war zu erkennen.

Nach einer weiteren halben Stunde lichtete sich der Wald und ich gelangte ins Freie.
Bis dahin war mir kein Mensch begegnet.

Es war mittlerweile 10 Uhr; der Nebel hatte sich inzwischen verzogen, und der Blick über die Berge war atemberaubend schön. Es war auch sehr schwül geworden.

Links und rechts auf den eingezäunten Weiden (alle Grasflächen sind eingezäunt, mit und ohne Rindviechern), bimmelten Kühe und glotzten mich verwundert an.

Ich war die einzige menschliche Gestalt weit und breit.

Der Plan bezeichnete ein abgelegenes Gehöft und sollte dort bergabwärts führen.
Ich kam an dem Hof vorbei. Sonntägliche Stille. Nichts regte sich. Schliefen sie noch alle oder waren in der Kirche?

An der Scheune war ein Schäferhund angekettet und bellte mir entgegen, wedelte dabei aber mit dem Schwanz. Das schien nicht unfreundlich zu sein, aber ich war doch froh, dass er an der Kette lag.

Da kam um die Ecke ein zweiter gesprungen, wesentlich jünger, begrüßte seinen Artgenossen und kam auf mich zugelaufen, hechelte und sprang seitwärts vor mich, wie Hunde es voller Erwartung tun, wenn Stöckchen geworfen werden.

Ich mag Hunde zwar, aber ich machte dass ich schnell vorbei kam und drehte mich nicht um, mit einem komischen Gefühl im Nacken.

Der Weg führte nun sanft bergab; links und rechts weideten Kühe.
Ich rief ihnen ein fröhliches „Grüß Gott“ entgegen.
Da kamen zwei junge Rinder über die Weide auf mich zugelaufen und blieben an der Einzäunung, die für meine Begriffe viel zu niedrig war, stehen.

Ich ging weiter und die Rinder liefen innerhalb der Umzäunung neben mir her.
Angsthase, sagte ich zu mir.

Dann beschrieb der Zaun ein Dreieck und der Weg führte zum Glück weiter geradeaus. Waren das jetzt Jungstiere oder nicht?
Ich war jedenfalls dankbar, dass meine Regenjacke lila und nicht rot ist.

Der Weg gabelte sich wieder. Der breitere führte geradeaus weiter auf einen entfernten Bauernhof zu.

Der rot-weiße Pfeil zeigte eindeutig nach rechts unten, wo eine schmale, matschige Rinne in den Wald lief, die unmöglich ein Weg sein konnte. Zwar hatte ich meine festen Schuhe an, aber das konnte doch niemals der Weg sein.

Ich ging also eine halbe Stunde weiter bis zu dem Bauernhof und siehe da, der schöne breite Weg war zu Ende. Ringsum nur dichtes, undurchdringliches Gehölz.

Auch hier war kein Mensch zu sehen, den ich hätte fragen können.

Frustriert machte ich mich auf den Rückweg bis zu der rot-weißen Markierung und der Matschrinne. Dort stand eine Bank. Ich parkte erst einmal und studierte das Blatt mit den markierten Strecken. Kein Zweifel, der Pfeil zeigte bergab.

Ich überlegte. Als Alternative hätte ich zurück gemusst, an den beiden Jungrindern und den zwei Hunden vorbei. Keine Macht der Welt hätte mich dazu bringen können.

Ich war immer noch weit und breit die einzige Person. Auf dem Hof in der Ferne
regte sich immer noch nichts.

Innerlich fluchend zog ich die Hosenbeine hoch soweit es ging und begab mich
in den Matsch.

Teils rutschend, mich mit Händen abstützend, ging es durch den Wald abwärts über Stock und Stein. Den harten Steinbrocken war ich nicht böse. Meine Fußsohlen waren durch die überstandene Chemotherapie sowieso taub, und das Gehen und Rutschen über die Steine betrachtete ich als Fußgymnastik.

Außerdem mussten meine Schuhe das aushalten. Schließlich waren sie ja teuer genug gewesen.

Mittlerweile war die Schwüle sehr drückend geworden.

Wenn ich stehen blieb, wedelte ich hektisch mit dem Schal, den ich vorsichtshalber mitgenommen hatte, um mir die Stechfliegen vom Leib zu halten.
Die kenne ich von den Besuchen im Hessischen her. Lange schwarze Biester, die sich auf Haut und Kleidung festsetzen und nicht zu verscheuchen sind, bis sie entweder gestochen haben oder erschlagen worden sind.

Wenn mich jemand aus der Ferne beobachtet hätte, musste er annehmen, dass ich ständig SOS funke bzw. wedele, und so fühlte ich mich auch.

Blieb ich allerdings mal stehen, um Luft zu holen, entschädigte mich der Blick zwischen den Bäumen hindurch in das wunderschöne Tal.

Ich stieg jetzt besonders vorsichtig über das Geröll, da ich einen Sturz unbedingt vermeiden musste.

Als ich aus dem Wald herauskam, führte der Weg in Windungen über die Wiesen
bergab und weit unten um einen Hof herum.

Ich folgte dem Weg, und als ich den Hof erreicht hatte, zeigte der rot-weiße Pfeil
nicht zum Weg, sondern wieder schräg einen Steilhang hinab.

Da war aber nur ein breites Rasenstück, links und rechts eingezäunt.
War das wohl eine Abkürzung?

Ich rutschte, mich abstützend, die Wiese hinab und dachte beklommen, dass alles, was ich jetzt hinab rutschte, ja auch wieder mal erklettert sein musste, zumal ich nicht wusste, wie und wann ich wieder eine Verkehrsanbindung erreichen würde.

Als ich unten am Hang angekommen war, sah ich, dass rechts hinter der Umzäunung ein schmales Törchen war. Dahinter ging es über einen Abhang hinunter zu einem Haus. Dort führte ein breiter Weg herum abwärts ins Tal. Also war das wohl doch eine Abkürzung.

Das war ja schön und gut, aber das Törchen war auf der rechten Seite der Umzäunung, ich auf der linken.

Ich gab mir alle möglichen Schmeichelnamen und kletterte buchstäblich auf allen Vieren wieder den Hang hinauf, schämte mich auch vor der Frau, die jetzt aus einem Fenster lehnte.

Auf meine Frage antwortete sie, den Hang hinab müsse ich schon. Das sei der richtige Weg; alle Wanderer gingen dort hinunter.

Ich machte also kehrt und rutschte wieder bergab und ging, jetzt auf der richtigen Seite, durch das kleine Tor.

Unten aus dem Haus kam mir laut kläffend ein Rauhaardackel entgegen.
Der war aber schlecht gelaunt.
Er rannte seitlich am Hang an mir vorbei und setzte sich hinter mich.
Wenn ich nach vorn schaute. rannte er hinter mir her und hätte mich sicher in die Waden gezwickt. Wenn ich mich umschaute, blieb er stehen.

So ging das 10 Minuten. Der Dackel trieb mich regelrecht vor sich her.
Zwei Schritte vorwärts, dann Rückschau.
Ich rief ein paar mal “Hallo“, aber kein Mensch zeigte sich am Fenster.
Als ich beim Haus angekommen war, trat eine alte Frau aus der Tür und nahm den Dackel auf den Arm, der sofort still war, und schimpfte mit ihm.

Na, an Lautstärke und Wachsamkeit konnte er es gut mit einem Schäferhund aufnehmen.Merkwürdig war sein Verhalten aber schon. Ob er das mit jedem Wanderer machte?

Nun hatte ich einen schönen Weg vor mir, der in sanften Windungen hinab in den Wald führte. Die Schwüle hatte immer noch zugenommen und am Himmel zeigten sich dunkle Wolken.
Katzen liefen über den Weg; manche kamen auch zutraulich auf Anruf heran und ließen sich streicheln.

Nun musste ich bald an den im Wanderplan bezeichneten Wasserfällen sein.
Da hörte und sah ich sie auch schon. Das Wasser lief in Kaskaden über große Felsbrocken in eine kleine Schlucht.

Ich folgte seitlich dem Weg und war froh, wieder in den Wald zu kommen, denn die Schwüle war fast unerträglich geworden.

Der Wald öffnete sich bald rechts in die weite Landschaft.
Da waren endlich noch andere Leute unterwegs außer mir, denn ich sah beim Blick von dem schattigen Waldweg aus über die Wiesen eine Wandergruppe auf mich zukommen, etliche Erwachsene und Kinder. Sie zogen sich Schuhe und Strümpfe aus und schrieen fröhlich und planschten im Wasserbecken, in dem sich das herabfallende Wasser sammelte, das dann über Geröll weiter bergabwärts floss.

Ich beobachtete das muntere Treiben eine Weile.

Ich fühlte mich noch fit und unternehmungslustig und hatte mich inzwischen entschlossen, meine Wanderung auszudehnen bis nach Oberstaufen.
So weit konnte es doch nicht mehr sein. Das müsste ich schaffen können.

Aber vorher wollte ich mich erfrischen und mir ein kühles Bier gönnen in der Gaststätte, die ich zwischen den Bäumen sah.

Ich wandte der Gruppe den Rücken zu und wollte über einen nahe gelegenen schmalen Holzsteg gehen, der auf der anderen Seite ein Schild trug:
„Bundesrepublik Deutschland“.

Links und rechts waren Gebäude, davor wusch ein Mann seinen Pkw.

Über die Brücke kam ich aber nicht, weil von der anderen Seite ein Schäferhund
bis zur Mitte der Brücke gelaufen kam und mir den Weg versperrte.
Er knurrte und fletschte dabei die Zähne.

Ich war nicht mutig und wollte lieber auf die Wandergruppe warten, die hoffentlich den gleichen Weg hatte. Aber da rief der Wagenwäscher den Hund zurück und bedeutete mir, ich könne jetzt unbesorgt den Steg benutzen.

Nichts wie die Landesgrenze überquert und links ein paar Stufen hinauf und hinein in die Gaststube, wo ich auch bald meinen Durst stillen konnte.

Die Wirtsleute traten ab und zu auf die Freitreppe und schauten nach der Wandergruppe aus, die sich hier wohl zum Essen angemeldet hatte.

Ich hatte mich also gestärkt und war zu neuen Taten bereit.

Die Wirtin bestätigte mir, dass ich auf dem Weg, der an der Gaststätte bergan führte, nach Oberstaufen käme.

Unentschlossen betrachtete ich den steilen Weg. Ach was solls.

Es ging also eine endlose halbe Stunde nur bergauf. Dann gabelte sich der Weg.
Ich suchte eine Kennzeichnung, fand sie aber nicht. Das Blatt mit den bezeichneten Wanderstrecken galt auch nur für Österreich.

Ein schmaler Weg ging geradeaus um einen Felsen, der andere, breitere, führte nach rechts aus dem Wald.

Ich wählte also den sympathischeren Weg und stieg rechts den Berg hinaus ins Freie. Der Weg war bequem zu gehen, mit leichtem Anstieg, und ich war
gut drauf.

Nach geraumer Zeit, links und rechts wie bisher von Rindern begleitet, mündete er in einen Wiesenweg, ging jenseits einer Schranke weiter und verschwand um eine Biegung.

Jetzt wusste ich, dass ich mich verirrt haben musste.

Ich überlegte und fand, dass der Weg voran auch nicht länger sein konnte als der Rückweg.

Die Elektroschranke, die quer über den Weg ging und nur einen schmalen Spalt frei ließ, hatte die Beschriftung: „Achtung, nicht hindurch fahren, nicht berühren“.
Ein anderes Schild zeigte rechts steil bergauf und trug die Beschriftung
„Alpen-Käsesennerei“ oder so ungefähr.

Ich quetschte mich mühsam an der Schranke vorbei (Leichtsinn lass nach) und
ging weiter.

Um die Kurve biegend sah ich, dass vor mir ein tief ausgefahrener breiter Weg durch eine Senke hinauf auf die Höhe führte.

Ich bemerkte auf der linken Seite oben ein Gehöft, eingezäunt mit einem Bretterzaun, und auf einer Schaukel zwei Kinder.
Na prima, da wohnten Leute, die konnten mir eine Wegbeschreibung geben.

Jetzt sah ich, dass die Viehweiden links und rechts des Weges nicht mehr eingezäunt waren. Die Kühe schienen sich zu sammeln und auf dem Weg der Höhe zuzustreben.

Ich gab mir innerlich einen kräftigen Schubs und rief mir ins Gedächtnis, dass ich ja schließlich auf dem Land aufgewachsen war. Das wäre ja lächerlich, vor Kühen Angst zu haben!

So ging ich also los, vor mir Kühe auf dem Weg, hinter mir, rechts und links, bimmelte und muhte es. Vielleicht betrachteten sie mich ja als ihresgleichen, so verwundert wie sie mich anguckten. Ich konnte es ihnen nicht mal verdenken,
so kopflos, wie ich mich in dieses Abenteuer gestürzt hatte; ohne Vorbereitung und ohne jemandem ein Wort zu sagen.

Aber die Wanderung hatte ich so ja auch nicht geplant. Es hatte sich nach und nach einfach so ergeben.

Zwischen all den Rindern stand in ein paar Metern Entfernung ein Stier, unbeweglich,während alle anderen vorwärts drängten, und sah herüber.

Mir wurde himmelangst. Ich büßte alle meine Sünden, verdammte meine Sorglosigkeit und schwor mir, nie mehr allein loszuziehen.

Menschen schüchtern mich nicht so schnell ein, aber die Rindviecher machten mir jetzt zu schaffen.

Ich vergaß meine körperlichen Einschränkungen und rannte fast den Berg hinauf, soweit meine vierbeinige Gesellschaft dies zuließ, und öffnete, ohne mich umzusehen, oben am Gehöft schnell die Tür im Bretterzaun, schleppte mich zu der Hausbank und fühlte mich in Sicherheit.

So mulmig ist mir lange nicht zumute gewesen.

Zwei kleine Mädchen waren auf der Schaukel. Das eine sprang herab, lief ins Haus und kam mit einer jungen Frau zurück, wohl die Mutter der beiden Mädchen.

Ich erklärte ihr, dass ich eigentlich nach Oberstaufen wollte und mich verlaufen hätte.
Sie deutete den Berg hinauf zum Wald und meinte, wenn ich nicht zurück wolle, käme ich auch auf diesem Weg an mein Ziel. Eine Dreiviertelstunde durch den Wald und dann noch eine Strecke die Fahrstraße entlang.

Ich gestand ihr, dass auch das Vieh mich ein wenig geängstigt habe und der junge Stier. Sie meinte, der täte nichts, und die Kühe würden jetzt auf die andere Weide wechseln.

Ich bemerkte in der Garage einen alten Pkw und fragte, ob es keine Möglichkeit gäbe, mich mit dem Auto zurückzubringen, gegen Bezahlung. Sie verneinte,
das sei nicht möglich.

Auf meine Frage, ob ich bei ihr auch Bergkäse kaufen könne, bestätigte sie das, sagte aber, er müsse noch nachreifen. Ich kaufte ihr ein großes Stück ab, das aber natürlich nicht lange überlebte und, so frisch von der Herstellung, sehr gut geschmeckt hat.

So saß ich nun ganz vergnügt, geschützt durch den Zaun, und beobachtete die Rinder, die tatsächlich allmählich den Weg heraufkamen und hinter dem Haus auf die andere Weide wechselten.

Derweil unterhielten mich die beiden Mädchen, ungefähr vier und sechs Jahre alt. Sie schleppten ein kleines Ziegenböckchen an, das mit der Kleinen Fangen spielte, dann auf die Bank neben mich sprang und mich freundlich anstupste.

Ich lernte die Katze Jacky und ihre zwei niedlichen Katzenkinder kennen und machte Bekanntschaft mit einer alten Pony-Dame, die Sarah hieß.

All die Zwei- und Vierbeiner sprangen vergnügt im Hof umher.

Es war zwar trübe und drückend, aber es regnete noch nicht.
Es war jetzt nach 13 Uhr und ich hatte eigentlich gar keine Lust, weiter zu wandern. Ein Mittagsschlaf hätte jetzt gut getan.

Vom Wald her sah ich über den Hügel, den ich nachher erklimmen sollte, einen Mann mit Schlapphut und Bergstiefeln herab zielstrebig auf den Hof zu kommen.
Er öffnete das Tor und kam schnurstracks auf mich zu.

Ich erklärte ihm, dass ich nur darauf warte, bis das Vieh vorbei sei, und dann weiter nach Oberstaufen wolle.

Er deutete auf das Pony und fragte, ob ich denn da nicht ängstlich sei.
Angst vor Sarah? Welche Frage.

Nach einiger Zeit setzte ich mich wieder in Bewegung. Ich musste, ob ich wollte
oder nicht. Ich wollte nicht.

Ich marschierte also los, um eine Menge Energie ärmer und bereichert um ein großes Stück Bergkäse, ca. 1,5 kg schwer.

Oben am Waldrand angekommen sah ich mich um.
Die Leute standen in der Hoftür und sahen mir nach. Ich konnte mir so ungefähr zusammenreimen, was sie dachten, aber das half mir jetzt auch nichts.

Im Wald fand ich keinen begehbaren Pfad. Hier gab es tief ausgefahrene Rillen, die zeigten, dass hier höchstens Fuhrwerke fuhren. Nebenher ließen tiefe, mit Wasser gefüllte Löcher darauf schließen, dass hier jemand mit Gummistiefeln entlang gestapft war.
Da es tagelang geregnet hatte, war der Morast sehr tief.

Ich setzte meine Füße in die vorgegebenen Löcher und kam nur mühsam voran.
Die schmale Schneise, durch die ich meinen Weg suchte, war sehr glitschig.

Die dichten Baumwipfel ließen kaum Sonne in diesen Teil des Waldes. Der wollte und wollte kein Ende nehmen, und das dichte Unterholz zu beiden Seiten meines „Weges“ machten das Vorankommen sehr schwer.

Auf einmal packte mich die Angst. Mir wurde siedend heiß und mein Herz klopfte heftig. Immer wenn ein Zweig knackte, sah ich mich jetzt hektisch um und versuchte noch schneller zu gehen.

Was hatte ich mir bloß dabei gedacht! Hier kam bestimmt tagelang kein Mensch vorbei.
Keiner würde mich hier finden, wenn ich einen Schwächeanfall hätte oder mir sonst etwas passierte.

Totenstill war es und ich stapfte, äußerlich notgedrungen langsam, innerlich panisch, durch den Matsch. Meine Hose war dreckbespritzt und das Wasser quietschte in den Schuhen. Die konnte ich wohl wegwerfen, wenn dieses Abenteuer vorbei war.

Endlich, endlich!!! kam ich wieder ins Freie und sah, dass sich die tiefen Reifenspuren über die Wiesen steil in Kurven bergauf zogen.

Vor einer Weile hatte es leise und beharrlich angefangen zu regnen; ein feiner Regen, der sofort durch die Kleidung ging und bis auf die Haut durchnässte.

Ich zog meine Regenjacke nicht an, da ich total durchgeschwitzt war.

Laut stöhnend (es hörte mich ja niemand)I stieg ich den Weg bergauf. Links und rechts hatte ich jetzt wieder eingezäunte Viehweiden mit Kühen. Ach wie ich sie beneidete!
Die hatten es gut, lagen da friedlich wiederkäuend im nassen Gras.

Wie gerne hätte ich mich auch platt auf die Erde geworfen, platsch, und mich erst mal eine ganze Weile nicht gerührt. Aber das ging ja nicht! Steiler Weg, keine Bank in Sicht. Nicht einmal hinsetzen konnte ich mich, da Wiesen und Weg klitschenaß waren.

Das war ein Moment, wo mein innerer Schweinehund fast die Oberhand gekriegt hätte. Am liebsten hätte ich laut losgeheult, aber rings um mich herum keine Seele, die mich hätte bemitleiden können. Also musste ich mich mit meinem Selbstmitleid begnügen und mit meiner inneren Stimme, die mich piesackte: Du wolltest es so haben, jetzt hast du es!

Das war wirklich eine harte halbe Stunde, die ich nicht noch mal wiederholen möchte.

Oben angekommen öffnete ich mit letzter Kraft eine breite niedrige Holzschranke, die den Weg beendete. Endlich befand ich mich wieder in der Zivilisation.

Da stand unter einem Baum, zwischen zwei Häusern, tatsächlich eine Bank.

Ich ließ mich nieder und bedachte meine Lage.

Schlagartig kehrten auch meine Lebensgeister wieder.

Sollte ich irgendwo anschellen und bitten mir ein Taxi zu rufen oder bis zur Fahrstraße laufen, die ich von weitem sah und auf der in größeren Abständen
Fahrzeuge fuhren?

Ach was, sagte ich mir, den Rest schaffe ich auch noch.

Da war auch eine überdachte Bushaltestelle, wie ich von hier aus bemerkte.
Wenn kein Bus fuhr, würde ich eben versuchen, per Anhalter nach Oberstaufen zu kommen. Das hatte ich zwar noch nie gemacht, aber das passte zu meiner Situation.
Und so weit konnte es ja wohl nicht mehr sein. Und von dort fuhren Busse bis Sulzberg.

Ich verbrachte lange Zeit auf der Bank. Die zehn Minuten nachher bis zur Haltestelle gingen flott.

Ich wartete sehr lange, aber kein Bus kam; nur einer auf der anderen Straßenseite fuhr in Richtung Lindau und hielt nicht, da an der gegenüberliegenden Haltestelle kein Fahrgast wartete. Es war ja Sonntag und da fuhren die Busse wohl seltener.

Der Regen war jetzt heftig geworden und trommelte auf das Dach des Wartehäuschens, unter das ich mich geflüchtet hatte. Meine Versuche als Anhalterin waren erfolglos, was mich nicht wunderte; triefend nass wie eine Katze und nicht jung genug, um jemand zum Anhalten zu bewegen.

Ich fror und war schon drauf und dran zurück zu laufen, um ein Taxi zu rufen.

Mitten in meine Überlegungen hinein hielt tatsächlich ein Auto: ein Taxi!
Ich hatte Glück.
Der Fahrer hatte mich dort stehen sehen und da er wohl wusste, dass kein Bus mehr vorbeikommen würde, der in diese Richtung fuhr, hielt er.

Der genannte Preis bis Sulzberg war mir aber zu hoch.
Nein, dann würde ich eben mit ihm nach Oberstaufen fahren und dort in den Bus steigen, der über Oberreute nach Sulzberg fuhr, nicht die andere Strecke über die Serpentinen.

Auf dem Vorplatz in Oberstaufen studierte ich die Fahrzeiten der Busse.
Der letzte Bus, der noch da stand, fuhr bis Oberreute, nicht weiter nach Sulzberg. Das war an diesem Tag die letzte Fahrgelegenheit, aber die nützte
mir nichts.

Von Oberreute aus wäre es zu einer anderen Zeit eine schöne Wanderung nach Sulzberg gewesen, aber nicht unter diesen Umständen.

Die einzige Taxe, die auf dem Vorplatz stand war die, mit der ich nach Oberstaufen gekommen war. Der Taxifahrer saß in seiner Taxe und las in der Zeitung. Er kannte die Fahrpläne besser als ich und wusste, er würde sein Opfer kriegen.

Widerstrebend bat ich ihn, mich nach Sulzberg zu fahren. Ich hatte keine andere Wahl. Der genannte Preis war aber fair in Anbetracht der langen Strecke, die wir jetzt zurücklegten.

Irgendwie war mein Ehrgeiz angeknackst.

Ich hätte diese Wanderung, so unbedacht ich sie auch unternommen hatte, zu gerne aus eigener Kraft zu Ende gebracht, doch es sollte wohl nicht sein.

Auch hätte ich das Geld gern gespart, betrachtete es aber als Lehrgeld und war froh, als ich endlich wieder in meiner Pension war. Nichts wie raus aus den nassen Kleidern und unter die heiße Dusche, danach sofort ins Bett.
Na das würde einen Muskelkater geben.

Ich schlief ohne Unterbrechung durch bis zum anderen Tag und es war schon fast Mittag, als ich wach wurde. Der Muskelkater hielt sich merkwürdigerweise in Grenzen und auch die nasse Kleidung hatte nicht geschadet.
Die Schuhe konnte ich allerdings wegwerfen.

Ich ließ den vergangenen Tag Revue passieren und tadelte mich selbst, in meinem Alter noch so unbesonnen gehandelt zu haben.

Aber es ist gut gegangen. Und es hat Spaß gemacht.

Ja, das war also meine letzte große Wanderung, die bei Einhaltung der richtigen Wegstrecke gewiss nicht ungefähr siebeneinhalb Stunden gedauert hätte.

Kopflos war ich und unvernünftig, aber es hatte gut getan, nach der vorangegangenen schweren Zeit einmal bis an die Grenze meiner körperlichen Belastbarkeit zu gehen. Das war eine wichtige Erfahrung für mich, die ich nicht missen möchte und über die wir später herzhaft gelacht haben.

Nur meine Wirtin hat mich arg gescholten wegen meiner Unvernunft,
und recht hat sie gehabt.

Im nächsten Urlaub werde ich vielleicht wieder wandern.
Bestimmt eine kürzere Strecke, dann aber mit wetterfester Kleidung und Wanderschuhen, natürlich mit Regenjacke, mit der genauen Wanderroute im Kopf und in der Hand; hoffentlich mit netten Leuten, und vor allem mit aufgeladenem eingeschalteten Handy.

Anmerkung:

Meine (unfreiwillig lange) Wanderung fand kurz vor Einführung des Euro statt. Damals habe ich noch in Schilling bezahlt.

 Handys waren noch kein Thema, zumindest für mich nicht.
 

Fazit

Das Wandern ist zwar eine Lust,

Doch macht es ab und zu auch Frust.

Schön ist es, im Gebirg zu wandern.

Allein oder auch mal mit andern.

Oh Wanderer, bedenk es recht:

Hier hat das Rindvieh Heimatrecht.
 

Du wanderst, eingezäunt von Weiden.

Das Vieh und du, ihr mögt euch leiden.

Und je nach Sicht, wie du erkennst

Seid ihr ja beide eingegrenzt.

Doch manchmal fehlt der Zaun. Sei helle

Und trag nicht Rot, für alle Fälle.

Falls doch, dann überlege dir:

Steht da 'ne Kuh oder ein Stier?

Von weitem kannst du´s nicht erkennen.

Das heißt, du musst schon vorher rennen.

Da kommt das Vieh ja. Das ist schön.

Es möchte dich von nahem sehn.

Jetzt kommt´s mit Schmackes angerannt.

Nimm deine Beine in die Hand!

Was nützt der Mut, den du besitzt

Wenn dir das Vieh im Nacken sitzt?


Lieber ein Feigling sein in der Not

Statt ein Held, zwar mutig, aber tot!

 

Geh ganz getrost, wenn du erkennst

Dass du dich selbst ein Rindvieh nennst.

Als Rindvieh unter deinesgleichen

Wirst du bestimmt dein Ziel erreichen.
 

Sei nicht so dumm wie ich es war.

Denn eines ist doch sonnenklar:

Sag vorher, wohin du dich wendest.

Damit du nicht als Leiche endest.

Denn was ist, wenn man dich vermisst

Und keiner weiß, wo du jetzt bist?

Man sucht vielleicht am falschen Ort.

Man denkt an Unfall oder Mord!

Gerüchte machen dann die Runde.

Dein Name ist in aller Munde.

Die Kripo sucht auf ihre Weise

Im Freundes- und Familienkreise

Auch in der Nachbarschaft nach Gründen

Für dieses plötzliche Verschwinden.

Man prüft deine Vergangenheit

Und sucht dich schließlich bundesweit.

Ja, du wirst seelisch ganz entkleidet.

Niemand, der dich darum beneidet.

Die Zeitung zeigt dein Bild und dann

Reist noch die ganze Sippe an.

 

Dabei bist du in der Natur

Auf einer selbst geplanten Tour.

Und hast dich nur, etwas verwirrt

Verschätzt und hoffnungslos verirrt.

Da stehst du nun erschöpft und dumm

Verloren in der Gegend rum.

Kein Handy, nirgends Telefon!

Nur Wald und Wiesen und Ozon.

Und Rinder rings um dich herum.

Sehr interessiert zwar, aber stumm.

Da hilft dir auch kein Rufen, Schrein.

Wie kann man nur so dämlich sein!

Du gibst dir Namen vehement

Die auch Brehms Tierleben nicht kennt.

Vergeblich. Nutze den Verstand!

Du bist ja nicht im fremden Land.

Und dazu fällt dir dann noch ein:

Wo Vieh ist, müssen Menschen sein.

Trab einfach los. Es kommt die Wende.

ein jeder Weg ist mal zu Ende

Und irgendwann landest du schon

In der Zivilisation.

 

Und da ist alles ganz normal.

Man suchte dich noch nicht einmal.

Die wilden Horrorbilder weichen.

Zum Glück bist du ja zu erreichen.

 

Und auf den Schreck und dir zum Trost

Gönnst du dir etwas Gutes. PROST!



 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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