Angie Pfeiffer

Scherben

Scherben

„Dann müssen wir eben konsequent sein.“ Er lehnte sich scheinbar entspannt zurück und musterte sie kalt.
Sie erwiderte seinen Blick, versuchte ebenso kühl zu sein. „Wie soll deiner Meinung nach die Konsequenz aussehen?“
Er lächelte ironisch, zog eine Augenbraue hoch.
„O Gott, ich hasse diesen Gesichtsausdruck“, dachte sie. „Du selbstgefälliger …“
Er fiel ihr ins Wort: „Bitte!“ Wie sanft er sein konnte und wie schnell er in der Lage war einfach umzuschalten, so als ob er nur einen Schalter betätigte.
Unwillkürlich schossen ihr die Tränen in die Augen, sie zwinkerte hilflos. „Jetzt bloß nicht heulen!“ Doch die Tränenflut ließ sich nicht mehr aufhalten, wurde von einem unkontrollierten Zittern begleitet. Plötzlich war ihr klar, was sie so lange versucht hatte zu ignorieren, schönzureden. Es gab nichts mehr zwischen ihnen außer einer unglaublichen Vertrautheit, dem Gefühl den Anderen genau zu kennen, zu wissen, was er bei welcher Gelegenheit tun oder sagen würde. Doch war nicht auch das eine Illusion? Kannte sie ihn denn überhaupt noch? Er war schon lange nicht mehr der Mann, in den sie sich verliebt hatte, der ihr Leben ausmachte und auf den sie sich bedingungslos stützen konnte. Der ihr einmal die Sterne versprach und all seine Versprechung gehalten hatte. Aber auch sie hatte sich verändert, sah ihn schon lange nicht mehr verliebt an, war bei jeder Gelegenheit gereizt, von seinen kleinen Marotten genervt. Kleinigkeiten, die sie einmal entzückt hatten, konnte sie plötzlich nicht mehr ausstehen. Sicherlich ging es ihm genauso. Jetzt standen sie beide vor einem Scherbenhaufen, hatten so viel zerschlagen, sich gegenseitig verletzt. Zuweilen aus Unachtsamkeit, doch immer öfter wissentlich, mit der Absicht dem Anderen wehzutun, noch einmal nachzutreten.

Er saß ganz ruhig da, hatte die Hände ineinander verschränkt, versuchte nicht sie zu trösten. Wartete einfach ab. Sie putzte sich die Tränen am Blusenärmel ab, fuhr damit über ihre Nase. „Egal“, dachte sie. „Alles ist jetzt egal, denn das ist wohl das Ende.“ Diesen Satz sagte sie laut, musste es in Worte fassen. Dann straffte sie sich. „Ja, dann müssen wir überlegen, wie es weiter gehen soll.“
Er sah plötzlich ganz hilflos aus. „Das müssen wir, aber bitte nicht mehr heute Nacht. Ich kann nicht mehr.“

Ein sanftes Streicheln weckte sie aus ihrem unruhigen Schlaf. Er war zu ihr ins Bett gekommen, nahm sie in den Arm. Vielleicht aus Gewohnheit, das war ihr egal.
Sie kuschelte sich an ihn. „Bitte“, jetzt war sie es, die ihn bat.
Sie liebten sich; sanft, tastend, fast so, als ob es das erste Mal gewesen wäre.

Nachher lag sie ganz ruhig neben ihm lauschte seinen regelmäßigen Atemzügen. Die Augen brannten, hatten keine Tränenflüssigkeit mehr. Während die Dämmerung langsam heraufzog, versuchte sie das Unfassbare zu begreifen. Ihr Leben ging weiter, auch ohne ihn. Sie würde die Scherben aufheben und versuchen alles so gut wie möglich zu kitten. Doch es würde nur Stückwerk sein, das wusste sie nur all zu genau.

© by Angie

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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