Sven Eisenberger

Eine Weihnachtsgeschichte

Wer vermag schon zu sagen, ob die meisten Gottesbeweise nicht schlicht aus der Langeweile klösterlicher Kontemplation entstanden oder aber nobelst aus einer sich asketischer Anstrengung verdankenden Reduktion auf den einzig wesentlichen Gedanken hervorgegangen sind? So bestechend manche Beweisführung auch daherkommen mochte, so beharrlich verfolgt mich doch schon seit langem jene eine Frage: Wussten die großen Theo-Logiker eigentlich, was sie da taten? Schließlich entzieht der Beweis der Existenz Gottes dem Glauben doch jegliche Existenzgrundlage: Wer bereits weiß, muss Nicht Mehr Glauben!
Sofern es nicht gerade um den Unbewegten Beweger geht, glaube ich höchstselbst grundsätzlich erst einmal alles, denn woher sollte sich sonst das Material für all die absurden Geschichten be- und erschaffen lassen. Und schließlich: Welches Wesen könnte sich überhaupt dem Glauben an sich in höherem Maße öffnen als der Erzähler? Auch wenn der Glauben nicht nur des gläubigen Lesers durch die nachfolgende Geschichte auf eine ernste Probe gestellt werden könnte, lohnte doch allein eine mögliche Lesegefährdung bereits den Schreibakt.


Die Geburt des Kapitalismus aus dem Geist des Protestantismus – Max Webers alte These von einer dem kapitalistischen Erwerbsstreben spezifisch förderlichen protestantischen Ethik. Ausgerechnet diese musste an jenem Weihnachtstag in einer ostwestfälischen Stadtkirche menetekelig in meine Erinnerung treten: Gottesdienste im Stundentakt, liturgischer Schichtbetrieb, selbst die Gesangsblätter sollten von der vorhergehenden Besucherschar mitgenommen werden, um die Massenabfertigung etwas zu kaschieren. Möglichst vielen Gläubigen am 24.Dezember den Zugang zur Kirche zu ermöglichen, ist nichts Geringeres als ein Akt der Nächstenliebe. Wer könnte da nur im Entferntesten auf den blasphemisch-nüchternen Gedanken eines Geschäftsmodells kommen? Wahrscheinlich nur ein Glaubensferner, der leichtfertig zugesagt hatte, dem Chorauftritt seiner Tochter beizuwohnen.
Dass auf diese Weise auch das Spendenaufkommen um ein Vielfaches höher ausfällt – jeweils eine Kollekte für jede neue Besuchergruppe –, ist vielleicht nur ein gleichermaßen zufälliger wie nicht unwillkommener Nebeneffekt, möglicherweise aber auch ein erneuter Nachweis für den im Schoße der protestantisch nüchternen Gottesanbetung wohlbewahrt lebendigen “Geist” des Kapitalismus. Oder erlebte ich hier gar als teilnehmender Beobachter die Wiedergeburt der protestantischen Kirche aus dem Geiste des Kapitalismus? Zum Vergleich: die diasporische katholische Nachbargemeinde hatte nur eine einzige Vespermesse im Angebot – um 22.00 Uhr war die winterliche Finsternis schon wieder eingezogen im Hause des amtspäpstlich gepriesenen Herrn.
Als Geistes- oder Humanwissenschaftler hatte sich der gute Weber einst an einer Genealogie des Kapitalismus versucht. Von beißender Kirchenkritik keine Spur, denn die institutionelle Vertretung Gottes auf Erden interessierte ihn primär nur in ihrer Funktion als Ethiklieferant. Und doch schleicht sich der unheilvolle Verdacht ein, dass seine religionssoziologischen Aufsätze das oberste Wesen nicht eben erfreuten, denn schon im 35.Lebensjahr wurde ihm ein Nervenleiden attestiert, das ihn nur wenige Jahre später zur Aufgabe seines Heidelberger Lehrstuhls zwang. Ob er schlichtweg unter der Arbeitslast der frühen Jahre zerbrach oder aber nicht doch ein göttlicher Racheplan am Werke war, bleibt ungewiss. Er wäre schließlich nicht der erste gewesen, der für den kräftigen Biss in den Apfel der Erkenntnis einen nicht weniger kräftigen Tritt in den Allerwertesten erhalten hätte! Letztlich würde der Protestantismus ja auch für die Entstehung eines massenhaften Proletariats, den sog. “Manchesterkapitalismus” und sämtliche Untaten des Finanzkapitals bis in das 21.Jahrhundert hinein gerade stehen müssen. Zweifelsohne ist die reine Erkenntnis nicht in jedem Falle gottgefällig!
Das dachte ich zumindest an jenem Weihnachtstag, an dem mir der Heilige Max die Augen öffnete und Eingang in die Trinitas fand. Ich hatte zwar ausgangs pflichtgetreu meine Kollekte entrichtet, doch zuvor sowohl das inbrünstige Mitsingen christlicher Weihnachtslieder als auch das Mitsprechen des Vaterunsers verweigert - weil mir einfach nicht danach war. Gott hatte mich im abgelaufenen Jahre 2018 mit dem unvermutet plötzlichen Tode meiner Mutter, acht Monaten harter körperlicher Arbeit, einer ungewollten Erbschaftsfehde und dem Exodus lieber Freunde überreich beschenkt. Nun, zum Jahresende seine “Herrlichkeit in Ewigkeit” zu beschwören, wollte mir einfach nicht gelingen inmitten dieser sangesfreudigen und erwartungsfrohen Schar von ausgehungerten Gänsebraten-mit-Klößen-und-Rotkohl-essern. Da war sie wieder, jene alte Totalverweigerer-Attitüde, die mir stets nur Scherereien eingebracht hatte!!
Heimgekehrt erwartete mich sodann anstelle eines brennenden Dornbusches eine erloschene Gasheizung, deren entwichener Flammengeist nur noch rätselhafte Symbole auf dem Bedienungsdisplay zurückgelassen hatte: Ein Schibboleth für den Laien, das der Handwerkskundige jedoch leichtäugig als opferheischenden Vers aus dem Levitikus zu übersetzen wusste: “Er lege seine Hand auf den Kopf des Heizbrenners, damit dieser für ihn angenommen werde, um ihn zu entsühnen.” Da Gott nicht würfelt, … ist er offenbar kein Zocker, und wer kein Zocker ist, hat leider nie gelernt, selbst mit den kleinsten, wenn auch von großen Menschenkindern verantworteten Enttäuschungen gelassen umzugehen …
Welch ein Glück, dass die Temperaturen noch vergleichsweise mild waren. Wie groß würde das gefühlte Unglück erst bei 10 Grad Minus gewesen sein! Ist es am Ende nicht ein Trost, dass DU selbst in der größten Not nicht vergessen bist und ER stets weiß, wie die wahre Größe eines Menschen zu ermessen ist? Je mehr dir zugemutet wird, ohne dass du zerbrichst, um so stärker hebt sich ein gleißender Hoffnungsglaube, eine wärmestrahlende Zuversicht in die nahe Ankunft des rettenden Augenblicks. Aus dem lippischen Morgenland schickte mir der Herr eine unerschrockene Waldfee, die auf dem Dachgepäckträger ihres schlittengleichen Opel Astra einen Roll-Radiator (aus alten DDR-Beständen) einflog und obendrein eine Flasche edlen schottischen Getreidedestillats im Gepäck hatte. Mein ganz persönlicher Weihnachtsengel hielt glücklicherweise auch in den Folgetagen seine Hand schützend über mich.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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