Claudia Savelsberg

Spanisch für Anfänger

Als Marina und Michael nach ihrem dreiwöchigen Urlaub in Andalusien nachhause kamen, schrieb Marina sich sofort an der VHS für einen Spanisch-Kurs ein. Marina war sichtlich angetan von der Zeit in Andalusien, jetzt wollte sie wirklich Spanisch lernen: „Man muss die Sprache eines Landes berherrschen, um Kultur und Mentalität verstehen zu können.“ Michael war von der Ausdrucksweise seiner Freundin beeindruckt, es gab Menschen, die ihr nachsagten, dass sie noch nicht einmal ihre Muttersprache beherrschte. Aber das war bösartig, wie Michael fand.

Den VHS-Kurs „Spanisch für Anfänger“ besuchte Marina regelmäßig, obwohl Disziplin und Durchhaltevermögen nicht gerade zu ihren herausragendsten Charaktereigenschaften gehörten. Es machte ihr Spaß, und sie lernte zuhause täglich Vokabeln. Michael war überrascht. Dann meldete Marina sich in einer Tanzschule an, weil sie Flamenco lernen wollte. Das war auch eher untypisch für sie, denn sie hatte bisher alles gemieden, was irgendwie mit Tanzen zu tun hatte. Aber vom Flamenco war sie offensichtlich begeistert und übte jeden Tag mit Hingabe die komplizierten Schritte. Michael wunderte sich.

Dann schleppte Marina ein spanisches Kochbuch an, dem sie sich mit Hingabe widmete. Eine „Tortilla de patatas“ (Katoffelomelett) wurde serviert, ein „Pollo de ajillo“ (Hähnchen mit Knoblauch) kam auf den Tisch, als Beilage „Pipirrana“ (Sommersalat). Dazu gab es stilgerecht einen „Vino tinto“ und ein „Cerveza“. Für den stimmungsvollen musikalischen Hintergrund sorgten spanische Gitarrenklänge. Nach einigen dieser Abende flüchtete Michael in einen Imbiss, weil er sich nach Currywurst mit Pommes sehnte.

Er wusste, dass Marina sich schnell für etwas begeistern konnte und dann zur Übertreibung neigte. Leider langweilte sie sich schnell, und ihre Begeisterung erlosch wie ein Strohfeuer. Die Seidenmalerei hatte sie nach drei Monaten aufgegeben, Yoga nach sechs Wochen, den Gitarrenunterricht nach der dritten Stunde.

Jetzt galt ihre Begeisterung der spanischen Kultur, und Marina übertrieb es wieder. Poster mit Stierkampf-Motiven schmückten die Wohnküche. Sie wollte mit Michael in Programmkinos gehen, wenn dort spanische Filme mit deutschen Untertiteln liefen, suchte im Internet nach spanischen Designern und Parfums. Michael war leicht angekekst.

Aus ihrem Kurs „Spanisch für Anfänger“ hatte sich Marina ein Alltagsvokabular zusammengestellt, mit dem sie ihre Umwelt beglückte. Ihre Freunde begrüßte sie nicht mehr mit einem „Hallo, wie geht’s?“, es musste ein ¿Hola, qué tal? sein. Das ordinäre „O.K.“ wurde durch ein elegantes „Vale“ ersetzt. Außerdem pflegte sie oft und gerne ein lautstarkes ¡Vamos! zu rufen, meist in vollkommen unpassenden Situationen. Michael war zunehmend genervt.

Marinas Spanischkenntnisse machten auch vor der Schlafzimmertüre nicht halt. Zärtlich flüsterte sie Michael ein „Te quiero“ ins Ohr, sie nannte ihn auch nicht mehr Liebling, sondern „cariño“. Langsam kam Michael alles spanisch vor, wahrscheinlich würde sie ihn bald Miguel nennen. Es ging ihm einfach auf den Wecker.

Sie wollten zusammen Fußball-Bundesliga schauen, Michaels Lieblingsverein spielte. Marina stellt ihm sein „Cerveza“ hin und schenkte sich ein Glas „Vino tinto“ ein. Das Spiel war langweilig und zähflüssig, Michael war unzufrieden. In der Halbzeitpause wollte Marina auf einen anderen Sport-Sender umschalten. Dort spielte nämlich gerade „Real Madrid“. Eifrig erklärte sie Michael, dass „real“ königlich bedeutete. Treue Fans nannten die Madrider deshalb einfach „Die Königlichen“.

Jetzt war es genug - bastante! Michael goß den Rest seines „Cerveza“ runter, ging ins Schlafzimmer und packte eine Reisetasche. Völlig fassungslos fragte Marina: „Liebling, was machst du?“ Er antwortete nur: „Adiós cariña, me voy.“ Spanisch für Anfänger, aber in dieser Situation vollkommen ausreichend.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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