Margit Farwig

Ein schlechter Esser

 

Und wieder hing die Frage „Was willst du essen?“ in der Luft, wie jeden Mittag. Die Auswahl war nicht groß, eher bescheiden. Genauer gesagt: Es gab keine Auswahl. Isst er heute dasselbe wie gestern, wie vorgestern oder wie vorvorgestern? Vielleicht nimmt er heute mal zur Abwechslung Pfannekuchen, Mehlpfannekuchen, die er davor tagelang gegessen hatte? Und natürlich auch häufiger abends. Meistens entschied er sich für eines von beiden. Dann war es gut.

Nun kam es ja auch immer öfter vor, dass er erst einmal gar keinen Hunger hatte. Das konnte sich bis weit über den Mittag hinausziehen. Der Junge war, wie der Volksmund sagt, ein schlechter Esser.

Die Schwester war bald zwei Jahre älter, insgesamt also sieben Jahre alt, schlank und zart von Kopf bis Fuß. Sie aß, auch hier zitiere ich wieder den Volksmund, alles, was auf den Tisch kam und mochte das eine mal mehr und das andere mal noch mehr. Der Teller strahlte stets Leere aus und die Eltern Zufriedenheit. Also, kein Grund für irgendwelche Klagen.

Nun ergab es sich aber, dass die Schwester Carola Bemessungen an sich anstellte. Es ging dabei um den Umfang ihrer Handgelenke und ein bisschen höher. Sie meinte zu ihrem Bruder: „Guck mal, ich kann mit meinen Fingern um den Arm fassen, und es ist noch ganz viel Platz dazwischen!“

Mit einem Blick erkannte er die Möglichkeit, mit nur einem Satz das Ansehen bzw. die Last eines schlechten Essers auf seine Schwester abzuwälzen und sei es auch nur für eine kurze Zeit. Fachmännisch musterte er den dargebotenen Arm und stellte fest: „Du isst zu wenig!

Das Maß war aber noch nicht voll, er drohte sogar, es seiner Oma und seiner Kusine, die auswärts wohnen, zu sagen.

Wegen der Kusine, das wäre gar nicht so tragisch gewesen. Aber der Oma das zu sagen, das wäre eine Gemeinheit. Carola hatte bereits erfasst, dass alle Omas dieser Welt ihre Enkelkinder grundsätzlich zu verstärktem Zugreifen bei Tisch ermuntern und diese Ermunterung mit Sätzen schmücken wie: Dann hast du etwas zuzusetzen; sieh zu, dass du was auf die Rippen kriegst! Oder: Ein paar Pfund drauf können nie schaden!

Und davor hatte sie wohl doch Angst, sie war sehr verschreckt.

 

© Margit Farwig 1993

Aus dem Buch „Eins mit der Natur“ Gedichte und Geschichten

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