Heiko Büchner

Dunkel

Ich bin am Boden meiner Seele angelangt. Ich habe versucht, tiefer zu kommen, doch hier ist das Ende. Definitiv. Was ich damit meine? Nun, alles was ich weiter unten finden würde, und auch schon einmal gefunden habe, sind meine Instinkte. Nur dachte ich damals, dass es noch weiter gehen würde. Doch da ist nichts. Ich kenne jetzt meine Gefühle. Die Frage lautet jetzt jedoch: Wie komme ich hier wieder weg. Es ist kein schöner Ort hier, keiner, an dem ich mich gern lange aufhalten möchte. Vielleicht könnte man meinen momentanen Zustand als depressiv bezeichnen. Aber bin ich das wirklich, depressiv? Ist es überhaupt wichtig zu wissen, wie man dieses Gefühl nennt. Nun ja, gibt man einer Sache einen Namen, so verliert sie an Unbestimmtheit, man kann sie besser umreißen, besser fassen. Dazu muss man das, was man benennt irgendwie einordnen. Das, was ich fühle, kann ich aber nicht anders beschreiben, als den Boden meiner Seele. Denn hier tummeln sich mehrere Gefühle. Es ist hier nicht monoton, dafür aber sehr dunkel. Zu dunkel, um sich gern hier aufhalten zu wollen. Denn vieles fehlt hier, was ich sehr vermisse. Es gibt hier keine tiefgehenden Gespräche, keinen Spaß, kaum Licht. Es ist wie ein tiefes Loch, in dem ab und zu kleine Lichter auftauchen, wie kleine fluoreszierende Köder von Tiefseefischen, um ihre Beute anzulocken. Mit dem Unterschied, dass diese Lichter wieder nach oben führen, da wo es mir besser geht, wo ich mehr sehen kann, wo aber auch ein wenig mehr Chaos herrscht als hier unten. Denn der Vorteil hier unten ist eindeutig die Ruhe. Die Ruhe vor dem tosenden Leben, vielleicht auch dem eingebildeten tosenden Leben. Denn ich kann es ja von hier aus nicht sehen. Möglicherweise tobt es gar nicht so sehr, wie ich es mir vorstelle. Ich sollte wirklich wieder langsam nach oben gehen. Meine Erinnerung sagt mir, dass es dort durchaus sehr schön sein kann. Ich bin schließlich nicht das erste mal hier unten,! viellei cht auch nicht das letzte Mal. Aber immer, wenn ich hier bin, weiß ich, dass es oben interessanter ist, lebendiger. Darum werde ich auch diesmal wieder zurück gehen. Manchmal muss ich einfach hier runter kommen. Einfach um zu sehen, ob es immer noch so dunkel und düster hier ist, ob sich etwas verändert hat. Aber möglicherweise kann es das gar nicht. Es ist ja schließlich der Boden. Vielleicht schaue ich auch bloß nach, ob die Fundamente noch in Ordnung sind, ob ich auf sie bauen kann. Nur ist es hier wirklich so dunkel, dass ich es nicht sehen kann. Ich kann es nur fühlen, wie mit einem Echolot, dass mir sagt, ob die Stützpfeiler neben mir noch da sind, oder ob sich irgendwo ein Riss gebildet hat. Doch es fühlt sich alles ganz solide an, kein Grund zur Klage. Doch irgendetwas oben muss mich dazu veranlasst haben, hier hinunter zu gehen. Etwas, das mir Sorgen gemacht hat. Mache ich mir vielleicht zu viele Sorgen? Wer weiß das schon? Wann war ich überhaupt das letzte mal hier? Schade, dass man hier unten so wenig sehen kann, sonst könnte ich meinen letzten Eintrag im Protokollheft nachsehen. Ja, schreiben kann man im Dunkeln, nur beim Lesen wird es schwierig, wenn es nicht gerade Blindenschrift ist. Hm, dann werde ich mal trotzdem meinen Eintrag machen, der Form halber. Wer weiß, eines Tages vielleicht gibt es hier unten Licht, und dann würde es sicher keinen guten Eindruck machen, wenn die Inspektionen nicht vermerkt worden sind. Ja, die Seele, merkwürdiges Ding. Irgendwann zerfällt sie ja doch, dann bleibt nur das, was ich in der Welt da oben getan und hinterlassen habe, das mich definiert und denen, die noch leben einen Eindruck von mir vermittelt. Dann zerfällt mein Körper in Moleküle und Atome. Alles geht über ins große Ganze der Flora und Fauna oder in die tote Natur aus Steinen und Gasen. Wenn man es genau betrachtet, wird man eigentlich niemals wieder geboren, aber mit Sicherheit wir! d es neu es Leben geben, dass von dem alten Leben hoffentlich etwas gelernt hat. Die Tatsache, dass es neues Leben geben wird, sollte eigentlich Grund genug sein, sich selbst entsprechend anständig zu verhalten. Denn Lebendiges kann leiden, egal ob es war, ist oder erst in Zukunft das Licht der Welt erblickt. Darum sollte man um des Lebens selbst Willen anderes Leben respektieren. Man sollte seine Zeit nicht dazu verschwenden, anderes Leben zu malträtieren oder auszunutzen, denn das Leben ist nur lebenswert, wenn es das für alle ist. Denn sonst ist es das für keinen, zumindest nicht für die, die Mitgefühl und ein Gewissen besitzen. Jetzt weiß ich auch wieder, wieso ich so gerne hier runter komme. Es vermittelt mir immer wieder aufs neue die Essenz und den Wert des Lebens und wieso ich mich nicht scheuen sollte, wieder nach oben ins Licht zu gehen. Vielleicht kann ich diesmal genug Weisheit mit nach oben nehmen, um das Leben dort ein wenig lebenswerter zu machen, für mich und alle anderen, die es nötig haben, sich wieder besser zu fühlen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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