Jakob Kappert

Klarblick einer Fahrgemeinschaftsspur

 

/Heruntergebrochen finden sich auf den unzähligen Straßen, die als wirres, gleichwohl koordiniertes Tattoo unsere Erdkruste schraffieren, zwei Arten von Fahrstreifen. Die Majorität führt ein triviales, durch Bestimmungslosigkeit entlastetes Dasein und unterliegt gemeinhin dem Irrglauben, alleine der Zweck tagtäglich befahren zu werden, gelte bereits als Bestimmung - gilt er aber nicht. Befahren zu werden ist die Daseinsvoraussetzung jedes Fahrstreifens, das Fundament auf das er gegossen wird, eine Bestimmung erhält er erst dann, wenn er über dieses Fundament hinaus wächst, immer höher und höher, bis er selbst zu höherem berufen ist/

Dies waren die fundamentalistischen Überzeugungen einer Fahrgemeinschaftsspur, die sich (wie es Fahrgemeinschaftsspuren pflegen) längs einer gewöhnlichen, in diesem Fall kilometerweit gestauten Spur hinzog. Sie war dort aus dem hohen und durchaus auch noblen Grund platziert, den CO2-Ausstoß ihres Nachbarn durch das Bilden von Fahrgemeinschaften zu regulieren, was sie – so fand sie – gegenüber dieser in höchste Gefälligkeit lüftete.

Und dennoch, wenn sie wie jetzt ungenutzt dalag, nur hin und wieder einen Vierräder über sich hinwegtragend, vorbei an der endlos wachsenden Schlange Artgleicher, deren Motoren beim Warten geradezu spöttisch weitertuckerten, da musste sie sich eingestehen, dass sie ihre Bestimmung verfehlt hatte. Sie kam nicht umher, ihren niederen Nachbarn seiner Sorglosigkeit wegen zu beneiden. Zutiefst desillusioniert eröffnete sie ihm:

Du bist so angestaut mit zerstörerischer Unbestimmtheit, dass ich dich dahinter kaum mehr erkennen kann. Lass einen Teil davon zu mir überfließen, und ich verspreche dir, ich werde ihm Bestimmung verleihen.“

Ob ich nun mit dir teile oder nicht, solange wir beide grundsätzlich befahren werden, zerstören wir die Umwelt so oder so, einer eben mehr als der andere, also sei nicht so fadenscheinig, zu denken, deine Bestimmung läge darin, meine Zerstörung durch deine Zerstörung zu mildern, schließlich ist es doch meine Zerstörung allein, der du dein Dasein verdankst. Fokussiere dich darauf, mich durch deine Präsenz besser aussehen zu lassen, darin liegt deine Bestimmung.

Siehst du nicht, dass sich unser beider Sein im Bestehen des jeweils anderen begründet?“

Die Fahrgemeinschaftsspur sah es. So wie der Nachbar geendet hatte, war es glasklar, dass sie ihre Bestimmung überhaupt nicht verfehlt, sondern verkannt hatte. Dieser Umstand machte sie außerordentlich zufrieden. Wohlverdient lehnte sie sich zurück in die behütende Sorglosigkeit einer Selbstverwirklichung.



 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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