Wilhelm Westerkamp

Die Unmöglichkeit in den Spiegel zu lächeln

Er schaute jetzt grimmig in seinen luxuriösen Badezimmerspiegel, weil es ihm nicht gelang, auch nur ein kurzes Lächeln dort hinein zu projizieren. Außerdem war er splitternackt, weil er zuvor ausgiebig geduscht hatte, da es aber indem Badezimmer sehr kalt war (und er vergessen hatte, die Heizung anzustellen, denn es war ja schließlich Winter), fror er nun, nackt vor seinem Spiegel stehend, so dass ihm die Zähne vor Kälte klapperten, was ähnlich ein Geräusch fabrizierte, wie es die Klapperschlange tut, wenn sie angegriffen wird.
Aber dieser Mann vergaß darüber gänzlich doch die Heizung im Badezimmer  anzustellen und fror deshalb weiter, weil ihm die Kälte, die aus einer Luke an der Decke des Badezimmers hineintrömte, ihm in seinen Eingeweiden zwickte, so dass er sein nun schmerzverzerrtes Gesicht im Spiegel sah und erschrak! So war er nun durch die Kälte ganz blass im Gesicht geworden – so als hätte er sich Puder darauf geträufelt – und so war es wohl auch diese unangenehme, fröstelnde Atmosphäre in dem Badezimmer, die ihn so erbärmlich aussehen ließ. So kam ihm aber immer noch nicht die Idee, doch nun endlich einmal die Heizung dort anzustellen, denn dann würde es ihm vermutlich bald ein wenig wärmer am Körper werden.
Der Mann schaute nun wieder und wieder in den großen Spiegel im Badezimmer und zwang sich geradezu ein besonders herzliches Lächeln aufzusetzen. Doch der Zauber wollte sich nicht einstellen und statt einem Lächeln auf dem Lippen, blieben sie fest geschlossen, wie ein bitteraussehender dünner Strich. Das ihm ein Lächeln in seinem Badezimmer einfach nicht gelang, stimmte ihn jedoch ein wenig traurig.Und bei diesem Gedanken weinte er plötzlich wie ein kleines Kind und er fühlte sich auch dementsprechend und ihm war es nun auch egal, was die Leute dazu sagen würden, denn die wussten ohnehin nicht, was mit ihm wirklich los ist.
Ja, in der Öffentlichkeit, da spielte er den “starken Mann”, der keine persönlichen Probleme kennt und immer fröhlich und gut gelaunt zu sein scheint. So war es für ihn nunmehr ein “Glücksfall”, das er es doch manchmal  schaffte, weinerlich in seinen Spiegel im Badezimmer zu schauen. Dennoch versuchte er verzweifelt ein letztes Mal dort hinein zu lächeln, doch es war kein echtes, authentisches Lächeln, was sich dort im Spiegel zeigte; sondern es war nur gekünstelt. Doch er verlangte garnicht mehr so viel diesbezüglich und er schämte sich seiner Tränen auch nicht mehr so wie in früheren Jahren. Und sein in der Öffentlichkeit zur Schau getragenes Lächeln, nimmt er nur noch zur Kenntnis und nicht mehr.
So schaltete er dann das Licht im Badezimmer wieder aus und lächelte dabei kurz, welches aber so kurz war, das er es wohl nicht so recht bemerkt haben wird.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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