Janna Ney

B......


„Jetzt warte ich doch wieder auf ihn“, durchbrachen meine Worte die Stille. Alle lachten, obwohl dies nicht der Ort war, an dem Lachen an der Tagesordnung sein sollte. Dann wurden sie ernst und sahen zu, wie ein dunkel gekleideter Mann dich, oder besser gesagt, deine Überreste, in einer bordeauxroten Urne zum offenen Grab trug.
Ich stand genau in der Mitte der beiden Gruppen, die sich eingefunden hatten. Ich gehörte zu keiner, weder zu der, die auf dem Papier deine Familie war, noch zu der, die du zeitweise als deine Familie angesehen hast: deine Freunde. Letztere durften sich nur verabschieden, weil ich ihnen Datum und Uhrzeit der Beerdigung verriet. Deine Familie wollte sie nicht dabei haben. Der stechende Blick deiner Stiefmutter tackerte sich durch meine dünne Haut hindurch und verfing sich in meiner Gleichgültigkeit. Deine Tante glaubte mir sagen zu müssen, dein Tod sei nicht nötig gewesen. Einem bestimmten jungen Mann hing das Sakko fast bis zum Knie, du weißt schon, der mit dem eingefrorenen Grinsen; er sah auch jetzt so aus, als grinse er. Ich bin sicher, dass du auch gegrinst hättest, wenn du diese illustre Gesellschaft gesehen hättest. 
Mit der Handvoll Erde warf ich auch meine Verbindung zu deiner Familie ins Grab; ich hatte von deinem Tod durch eine Bekannte im Discount erfahren, niemand von deiner Familie hatte es für nötig befunden, mich zu informieren. Als ich nach endlosen Stunden und Tagen deine Stiefmutter erreichte, war es zu spät für einen Abschied. Man hatte dich bereits zur Obduktion gebracht.
Sie lud mich zum Leichenschmaus, aber ich zog es vor, mit den jungen Leuten, die deine Clique gewesen war, in ein einfaches Lokal zu gehen, wo wir eine Weile zusammen saßen, Bier und Schnaps tranken, qualmten und von dir redeten. Die rauen Kerle, vor denen man angeblich Angst haben musste, waren so weichgespült wie meine schwarze Seidenbluse. Selbst P., der den wildesten Ruf hatte, ließ es sich nicht nehmen, mich zu umarmen und zu trösten. Der Schreck und die Trauer standen jedem ins Gesicht geschrieben; einzig M. tat das, was er dauernd tat: Er rastete aus und zwar in der Kirche. Er trat mehrmals gegen das schwere Eichenholzportal und schrie:
„Warum B., warum ausgerechnet B.?“
Ich sah unauffällig in das Gesicht deiner Stiefmutter und konnte einen leichten Anflug von Schadenfreude nicht unterdrücken.
Bei Einbruch der Dämmerung besuchten wir dich noch einmal. Der riesige Kranz deiner Familie bedeckte das halbe Doppelgrab, daneben mehrere kleinere und meiner aus Zweigen und Moos mit zweiunddreißig Rosen. Achtundzwanzig weiße für jedes Jahr deines Lebens und vier rote für unsere gemeinsamen Jahre. Dazu ein kleiner, silberner Rahmen mit einem Songtext von BO von M., der dein bester Freund gewesen war. Er hat übrigens bis heute den Absprung von den Drogen nicht geschafft.
Acht Jahre sind vergangen seit damals. Es passiert immer noch, dass ich plötzlich traurig werde, weil ich ein Lied höre, einen Duft oder Klang vernehme, der mir unsere Zeit zurück bringt. Und der Hund erinnert mich täglich. Ja, er lebt immer noch. Er hat ein schneeweißes Gesicht bekommen und trägt hellgraue Schuhe. Seine Zeit ist fast abgelaufen und er wird dir bald folgen.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Janna Ney).
Der Beitrag wurde von Janna Ney auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Zeit der Angst von Beate Puls



Die dreißig jährige Erzieherin Julia Walken führt ein ganz normales ruhiges Leben. Sie erwartet nicht sonderlich viel vom Leben. Sie wünscht sich Liebe, Geborgenheit und einen Partner an ihrer Seite.
Doch in der Gewalt eines Verbrechers geht es nur noch um das nackte Überleben. Kevin Walter, ein psychisch kranker Mensch, Vergewaltiger und Mörder stellt ihr nach. Nach wenigen Tagen wird ein Verdächtiger verhaftet. Doch ist er wirklich der gesuchte Täter?
Ist die Zeit der Angst vorüber, oder war das erst der Anfang?

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Lebensgeschichten & Schicksale" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Janna Ney

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Worüber man nicht spricht von Janna Ney (Gesellschaftskritisches)
Ganz ohne Chance!? von Christina Wolf (Lebensgeschichten & Schicksale)
Navis von Norbert Wittke (Wahre Geschichten)