Claudia Savelsberg

Das böse Herz

Anke lernte Holger auf der Geburtstagsfeier einer Freundin kennen. Sie waren sich auf Anhieb sympathisch und plauderten den ganzen Abend angeregt. Holger war humorvoll und erzählte Anekdoten aus seinem Leben, aber er konnte auch gut zuhören. Sie trafen sich dann noch einige Male und stellten plötzlich fest, dass sie sich verliebt hatten. Ob sich daraus Liebe entwickeln könnte, danach fragten sie nicht. Sie waren ein Paar und fühlten sich wohl.

Holger erzählte Anke, dass seine Frau vor einem Jahr abgehauen war. Sie hatte die gemeinsamen Konten abgeräumt und war über Nacht einfach verschwunden. Niemand wusste, wo sie war. Anke hielt diese Geschichte für eine seiner berühmten Anekdoten: „Wahrscheinlich sitzt sie jetzt mit ihrem Lover irgendwo am Palmenstrand und bringt dein Geld durch. Mein armer Schatz!“ Holger grinste schäbig: „Die Alte ist für mich gestorben.“

Einige Zeit später wollte Anke ihrer Freundin Silvia den neuen Freund vorstellen und lud sie mit ihrer Tochter Lilly zum Grillen ein. Das Mädchen war Ankes Patenkind, sie hing sehr an der Kleinen. Und Lilly liebte ihre Patentante. Es war ein schöner Nachmittag. Sie hatten viel Spaß, Holger grillte und erzählte aus seinem Leben. Anke und Silvia lachten, Lilly blieb schweigsam, verhielt sich Holger gegenüber ablehnend. Wahrscheinlich musste sich das Kind erst an den fremden Mann gewöhnen.

Am nächsten Tag trank Anke mit der Freundin Kaffee. Silvia fand Holger sympathisch, wie sie sagte. Ein netter Mann. Lilly, die mit ihrem Teddy spielte, sah pötzlich auf: „Der Mann hat ein böses Herz.“ Silvia fragte: „Welcher Mann, wen meinst du, Schatz?“ Lilly antwortete heftig: „Der Holger hat ein böses Herz.“ Silvia und Anke schauten sich fragend an und zuckten die Schultern.

Als Lilly außer Hörweite war, sagte Silvia: „Das Kind ist im Moment etwas schwierig. Sie erzählt mir, dass sie Elfen und Gnome sieht, und dass sie Dinge weiß, die andere Menschen nicht wissen. Was soll ich machen?“ Anke wusste keinen Rat. Wahrscheinlich war Lilly nur eifersüchtig auf Holger. Vielleicht hatte sie das Gefühl, dass sie ihre Patentante mit diesem Mann teilen musste. Silvia seufzte. Ja, das wäre eine logische Erklärung.

Holger wohnte in einer Bauernkate, die er gemütlich eingerichtet hatte. Anke fühlte sich sofort wohl, das kleine Anwesen erinnerte sie an ein Hexen-Haus. Neugierig blickte sie sich um. Im Flur entdeckte sie eine Bodenluke, vermutlich führte darunter eine Treppe in den Keller. Sie grinste Holger an: „Lass uns mal runtergehen, vielleicht finden wir einen Schatz in dem alten Gemäuer.“ Er reagierte barsch: „Mein Haus geht dich nichts an.“ Anke wunderte sich.

Sie war jetzt sechs Monate mit Holger zusammen, aber Lilly reagierte immer noch abweisend auf ihn. Wenn sie alleine waren, sagte sie immer wieder: „Der Mann hat ein böses Herz.“ Lilly hatte offensichtlich Angst vor Holger. Aber wieso? Anke war wirklich beunruhigt. Hatte Holger vielleicht …? Sie wollte den Gedanken nicht zuende denken.

Anke befand sich in einem Zwiespalt. Sie wollte ihrem Freund nichts unterstellen, aber sie fühlte sich verantwortlich für ihr Patenkind. Anke beoachtete Holger, konnte aber in seinem Verhalten Lilly gegenüber nichts entdecken, was auf ein „spezielles“ Interesse an dem Mädchen hingewiesen hätte. Anke war erleichtert, aber sie wollte die Ursache für Lillys Angst finden.

Einige Tage später war Lilly wieder zu Besuch. Anke holte Papier und Stifte, Lilly schaute sie neugierig an. Anke nahm die Kleine in den Arm: „Heute machen wir beide mal etwas ganz Besonderes. Wir malen ein Herz. Ich weiß nicht, was ein böses Herz ist. Vielleicht kannst du es für mich aufmalen, ja?“ Die Idee gefiel Lilly, sie legte gleich los. Anke entging nicht, dass die Kleine etwas angespannt war.

Das Bild war fertig, Anke erkannte ein kleines Haus, das ganz in Schwarz gemalt war. Lilly stützte die Ellenbogen auf den Tisch: „Das ist das Haus von dem Mann mit dem bösen Herz. Wenn man da rein geht, dann ist da eine Klappe, wo man in den Keller gehen kann. Da ist alles böse.“ Dann schob sie das Bild zur Seite und schwieg. Anke fragte auch nicht nach. Sie hatte Silvia erzählt, dass Holger in einer Bauernkate lebte. Das hatte Lilly bestimmt mitbekommen. Aber sie hatte die Bodenluke mit Sicherheit nie erwähnt. Lilly konnte nichts davon wissen. Anke war ein nüchterner Typ, sie glaubte nur an Fakten. Jetzt war sie irritiert.

Anke war müde und hatte Kopfschmerzen, sie nahm eine Tablette und ging ins Bett. Morgen würde sie mit Silvia über Lilly und das Bild reden, irgendetwas hatte sie beunruhigt. Der Vollmond schien ins Schlafzimmer, Anke stand auf, um die Jalousien zu schließen. Plötzlich stand Lilly vor ihr und forderte sie auf, sofort mitzukommen.

Sie fuhren zu der Bauernkate, die im Licht des Vollmondes unheimlich wirkte. Die Tür war nur angelehnt, und sie gingen in den Flur, der von einer dicken Staubschicht überzogen war. Lilly öffnete die Bodenluke, die mit Mäusekot bedeckt war, und leuchtete mit ihrer Taschenlampe auf die schmale Stiege, die hinab in den Keller führte. Es roch muffig, ein bisschen nach Verwesung. Lilly ging immer weiter und winkte Anke, ihr zu folgen. Vor einer Wand blieb sie stehen und deutete auf einen hellen Mörtelfleck, dann hob sie einen Vorschlaghammer auf, den sie Anke reichte: „Da oben mußt du schlagen. Zweimal ganz fest.“ Nach dem zweiten Schlag sahen sie durch das Loch in der Wand das mumifizierte Gesicht einer Frau.

Anke schreckte aus dem Bett hoch und schaute auf den Wecker, es war gerade sieben Uhr. Sie zog sich an, trank schnell eine Tasse Kaffee, dann fuhr sie los. Auf dem Polizeirevier schaute der Beamte sie zunächst skeptisch an, schickte aber einen Einsatzwagen zur Kate. Die Tür war angelehnt, Flur und Bodenluke peinlich sauber. Als die Beamten im Keller die Wand mit dem hellen Mörtelfleck aufschlugen, fanden sie dahinter die Frauenleiche. Holger wurde verhaftet und gestand den Mord an seiner Frau. Als sie ihm gesagt hatte, dass sie ihn verlassen wollte, hatte er sie erschlagen und eingemauert.

Zwei Tage später waren Silvia und Lilly bei Anke zu Besuch, sie saßen gemütlich im Garten. Lilly strahlte ihre Patentante an: „Der Mann mit dem bösen Herz kommt nicht wieder, das weiß ich.“ Anke drückte sie an sich: „Nein, Schatz, er kommt nie wieder.“

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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