Wolfgang Küssner

Die kleine russische Tiefebene

Wenn es denn stimmt, was da in einigen Büchern zu lesen ist, Papier kann bekanntlich sehr geduldig sein, so wurde Adam, also nicht der Mathematiker Adam Riese, nicht Adam Opel, der Gründer gleichnamiger Autofabrik und auch nicht Adam von Bremen, der als Chronist vor knapp 1000 Jahren Geschichte schrieb und aufschrieb, sondern der erste Mensch aus Staub einer Ackerscholle, also aus einer handvoll Erde erschaffen. Alternativen zu dieser Art von Zeugung, es müsste wohl besser Erzeugung heißen, sind in anbetracht der damaligen Bevölkerungssituation sehr schwer vorstellbar. Diese spezielle Art der Fortpflanzung ist allerdings seit vielen tausend Jahren aus der Mode gekommen bzw. in Vergessenheit geraten und heute total unüblich. Die Erde, soviel muss allerdings schon festgehalten werden, steht am Anfang und manchmal auch am Ende eines Lebens.

Russland ist das größte Land auf diesem Globus. Selbst ohne die Krim ist es mehr als 17 Millionen km² groß; knapp vier Millionen km² davon entfallen auf Europa, somit mehr als 13 Millionen km² auf den asiatischen Raum. Zum bescheidenen Vergleich: Deutschland hat eine Fläche von etwas mehr als 357 Tausend km² und liegt nicht in Asien, würde aber nach Adam Riese 48 Mal auf der Fläche Russlands Platz finden.

Russland ist ein gigantisches Land mit vielen natürlichen Höhen und Tiefen. Die politischen lassen wir hier mal außen vor. Das wäre eine andere Geschichte. Aus Kreuzworträtseln sind dem Leser vermutlich Ob und Ural, Don und Amur bekannt. Es gibt den Baikalsee, den größten und tiefsten See auf diesem Planeten. Da gibt es Sibirien und die Kasachische Steppe. Die für PKW´s und LKW´s zur Zeit noch nicht (!) nutzbare Beringstraße, die Russland und Alaska nur noch 85 Kilometer voneinander trennt. Es gibt eine Osteuropäische Ebene, ein Nordrussisches Tiefland, das Westsibirische Tiefland und folglich auch ein Ostsibirisches Tiefland, die Kolchische Ebene und vieles mehr. Mal gebirgig, mal wässrig, mal flächig. Manchmal verdammt kalt. Und nicht zu vergessen – es sei an den Titel dieser kurzen Geschichte erinnert – die kleine russische Tiefebene. Wie, nie davon gehört, gelesen? Moment. Das klären wir gleich.

Doch zunächst scheint der richtige Zeitpunkt gekommen zu sein, um auf ein paar Details aufmerksam zu machen. Ob nun Gebirge oder Ebene, es handelt sich um Erde. Ja, bis auf die Steine. Aber wo liegen die? Logisch, auf der Erde. Und da es in Russland teilweise recht kalt ist, gibt es dort etliche Regionen mit Permafrost. Allein bei dem Wort beginnt man vor Kälte zu bibbern, zu klappern, zu zittern. Nun hat die Erde sicherlich nicht nur bei den Russen eine besondere Bedeutung. Was würden ein Bauer, ein Landarbeiter ohne Erde anfangen?

Im großen Russland gab es zum Beispiel einen Schriftsteller namens Lew Nikolajewitsch Tolstoi und seine Erzählung „Wieviel Erde braucht der Mensch?“. Die gibt es übrigens heute noch. Da gab es den russischen Schriftsteller Michail Alexandrowitsch Scholochow und sein Werk „Neuland unterm Pflug“. Auch heute noch lesbar. Aus dem einstigen Mütterchen Russland ist zwar durch die Propaganda in der Sowjetunion Mutter Heimat geworden, doch an der guten alten Mutter Erde hat sich nichts geändert. Die Altgläubigen in Russland pflegen noch heute eine besondere Beziehung zur Erde. Doch das wäre jetzt wirklich eine andere Geschichte, vielleicht ein anderes Mal zu erzählen.

Apropos: Kleine russische Tiefebene – also zurück zum Titel. Viele Leser haben nie zuvor von dieser Ebene gehört bzw. gelesen; selbst Wikipedia und Google helfen nicht weiter. Das will etwas heißen. Und es gibt sie doch. Geografisch ist diese kleine russische Tiefebene zugegebenermaßen nicht einfach zu lokalisieren. Doch sie existiert. Und das nicht nur einmal. Mehrfach. In Varianten sogar. Eigentlich gibt es sie überall dort, wo russische Urlauber sich in – verständlicherweise – warmen Regionen dieses Globus aufhalten. Die Datscha ist natürlich der beliebteste Urlaubsort des Russen. Verständlich: Auf Mutter Erde gebaut. Die wärmere Schwarzmeerküste erfreut sich großer Beliebheit und was eine Reise ins Ausland betrifft, so stehen Thailand, China, Spanien und Griechenland in der Beliebheit ganz vorn. Erdverbunden, wie die Russen nun in ihrer großen Mehrheit sind, ignorieren sie meistens das vor Ort unterbreitete Angebot bequemer Sonnenstühle, schützender Sonnenschirme. Sie suchen die Natur, die reine Natur, die Natur pur, das Erlebnis Erde.

Böse Zungen behaupten immer wieder, die Russen würden keine Liegen oder Schirme anmieten, weil sie das somit gesparte Geld in Wodka oder Bier oder andere Flüssignahrung investieren könnten. Diese Schwätzer kennen die russische Seele nicht, haben nichts von Mütterchen Russland, von Mamuschka verstanden. Trink Brüderchen! Nastrovje! Auf Permafrostböden ist einfach extrem schlecht zu liegen. Zweifler mögen im nächsten Kühlhaus um einen Test anfragen. Warme Sandstrände aber, da werden Träume wahr, beginnt eine lang gehegte Sehnsucht Gestalt anzunehmen, Realität zu werden. Das ist Balsam für die russische Seele. Das wird genossen und natürlich auf der Erde begossen. Den Boden, die Mutter Erde am eigenen Körper zu spüren, das ist nahezu orgiastisch. Unschuldige Palmen werfen Schatten auf die nackten, am Boden liegenden, sich im Sand wälzenden Körper. Oh! Äh! Jetzt geht die Fantasie wohl mit mir durch? Entschuldigung.

Jedenfalls haben die russischen Urlauber durch ihre kulturell bedingte Bodennähe Kosten für anderes Strand-Utensil gespart. Ob sie es nun verflüssigen oder verpuffen – nicht so, wie der Leser jetzt meint – geht uns auch nichts an.

Als Autor muss man versuchen, immer ein guter Beobachter zu sein. Die schönsten Geschichten schreibt bekanntlich das Leben. Übrigens haben Menschen, die in Tiefebenen leben, und als gebürtiger Norddeutscher weiß der Schreiber, wovon er spricht, den gewaltigen Vorteil, am Montag schon sehen zu können, wer am Samstag zu Besuch kommen wird. Menschen in Tiefebenen haben außerdem den enormen Vorteil, sich ohne Smartphone, einfach durch Aufrichten und Zeichengeben, über Distanzen verständigen zu können. Der Leser möge russische Urlauber und ihr Verhalten in der Sonne mal beobachten. Es muss ja nicht gleich eine Geschichte daraus werden.

Und warum wurden nun diese Zeilen geschrieben? Der Autor wollte einer Erscheinung auf den Grund gehen, suchte eine Erklärung, warum gerade die Russen die Bodennähe bevorzugen. Harte Recherche. Wissenschaftliche Studien waren nicht zu finden. Weder aus der Zeit des Adam von Bremen noch eines zeitgenössischen Adam´s. Doch der Leser hat vermutlich auch so die Erkenntnis gewonnen, nicht nur hier auf Phuket, wie vom Verfasser erlebt, gesehen; zu dieser Geschichte inspiriert, sondern überall auf Welt gibt es – wenn auch manchmal nur temporär - diese kleinen russischen Tiefebenen.

Januar 2019

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