Manfred Bieschke-Behm

Besucherstress oder Lügen haben kurze Beine

Lange genug wusste Marie-Helene, dass sie am 25. dieses Monats Besuch bekommen wird. Jetzt, einen Tag davor geriet sie in Panik. ‚Noch so viel ist zu erledigen und wo anfangen, wo aufhören.Genau wie bei meinen Eltern damals’, dachte sie. ‚Immer alles in der letzten Minute.’

Hatte sich bei ihren Eltern Besuch angemeldet, wurde fast die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt. Wurde zum Beispiel Tante Monika erwartet wurde sogar der Hamster gebürstet. Die, noch bevor sie ihre Garderobe ablegte lief, ohne sich die Erlaubnis dafür einzuholen, zielstrebig zum Hamsterkäfig. Wehe, wenn Hamster Fridolin nicht in ihrem Sinne geputzt und gestriegelt war. War dem so erhielt Marie-Helene nicht nur einen strafenden Blick, sondern auch keine 50 Pfennige für ihre Sparbüchse. Onkel Klaus-Dieter, der Mann von Tante Monika, hatte auch seine Eigenarten. Eine davon war die immer gleich klingende Frage an ihren Vater: „Ist genug Bier im Haus?“ Erst wenn diese Frage zu seiner Zufriedenheit geklärt war und seinem prüfenden Blick Stand hielt, war er bereit, es sich im Sessel bequem zu machen.

Marie–Helene, überlegte, ob sie mindestens im Wohnzimmer die Fester putzen sollte. Sie wollte nicht wieder von Tante Beate gemaßregelt werden, so wie es ihr beim vorletzten Besuch passierte. Tante Beate war ans Fenster gegangen hatte die Gardine etwas zu Seite geschoben und gesagt: „Wenn wir im Internat die Fenster nicht ordnungsgemäß geputzt hatten, gab es Ausgangssperre.“

,‚Gut’,dachte Marie-Helene, ‚eine Ausgangssperre könnte Tante Beate mir gegenüber nicht verhängen, aber ...’ Marie-Helene verfolgte diesen sperrigen Gedanken nicht weiter. Sie lenkte ihr Augenmerk auf die Glasvitrine. Ein Blick reichte aus um festzustellen, dass, bis auf zwei Gläser die in der ersten Reihe standen, die restlichen Gläser eine Staubschicht besaßen. Siedend heiß fiel ihr eine Begebenheit ein, die sie als sehr unangenehm in Erinnerung behalten hatte: Die gleichen Gäste die am 25. kommen waren bei ihr zu Besuch als sie ihren Cousin Marvin bat zwei Weingläser aus dem Gläserfach zu nehmen. Anstatt der sich zwei Gläser aus der ersten Reihe nimmt, angelte der sich Gläser aus der hintersten Reihe, die besonders staubbelastet waren. Er hielt beide Gläser demonstrativ gegen das Licht und bewies allen Gästen und ihr dass sie nicht zu der Gruppe der perfekten Hausfrauen gehört. Weil sie ein gleiches oder ähnliches Schauspiel nicht noch einmal erleben wollte, sammelte sie, obwohl sie nur sechs Gäste erwartete, alle fünfzehn Weingläser ein, um sie allesamt zu spülen. Sie wollte auf Nummer sichern gehen. Man kann ja nicht wissen, ein Fehlgriff und ...

Beim Spülen und polieren der Weingläser fiel ihr ein, das kein Wein im Haus ist. Sie überlegt: ‚Weißwein oder Rotwein? Trocken? Halbtrocken? Lieblich?’

„Ich kann doch nicht von jeder Sorte eine Flasche kaufen“, beklagte sie sich bei dem Glas, dass sie gerade zum Polieren in der Hand hielt.

Am meisten Sorge bereitete ihr, dass sie das Geld, das sie anlässlich ihres Geburtstages von ihren Verwandten geschenkt bekam, nicht für das geplante Paris-Wochenende ausgegeben hatte, sondern für zwei paar Schuhe. Sie hört noch, wie Onkel Kurt bei der Übergabe des Geldes zu ihr sagte: „Endlich mal raus aus den eigenen vier Wänden. Genieße dein Leben, solange du noch jung bist. Bist du erst so alt wie ich, überlegst du es dir drei Mal zu verreisen.“ Dass er sie anschließend gefragt hatte, ob er sie nach Paris begleiten dürfe, hatte seiner Frau überhaupt nicht gefallen. Ihr strafender Blick war nicht zu übersehen. Für Wochen soll der Haussegen schief gehangen haben.

Was soll ich sagen, wenn mich jemand fragt, wie es in Paris gewesen ist?’, überlegte sie. ‚Die Wahrheit sagen oder lügen?’Die Wahrheit sagen wäre ihr peinlich gewesen. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als zu lügen.

Vielleicht fragt auch niemand“,tröstete sie sich und versuchte nicht länger über Wahrheit und Lüge nachzudenken.

Bis zur letzten Minute hatte Marie-Helene damit zu tun ihre Wohnung auf Vordermann zu bringen. Staubwischen, eine Beschäftigung, die sie besonders hasste, nahm die meiste Zeit in Anspruch. Aber auch Staubsaugen und alles Mögliche was herum lag wegzuräumen, beanspruchte Zeit, die sie hätte anders verbringen wollen.

Unter der Brotschneidemaschine, die sie anhob, um darunter eventuelle Krümel zu entfernen, fand sie eine Sprichwortkarte, von der sie nicht wusste, wie sie dahin gelangen konnte. Sie erinnert sich, dass sie vor Wochen mit ein paar Freunden in der Küche saß und sie „Sprichwörter deuten“ gespielt hatten. Dabei muss es passiert sein. Auf der gefundenen Karte stand „Lügen haben kurze Beine“ Marie-Helene las das Sprichwort mehrmals. Zum Schluss sogar laut. Irgendwie fiel es ihr schwer sich von dem Sprichwort, emotional zu trennen. ‚Sollte das Auffinden gerade dieser Spruchkarte ein Fingerzeig sein’, überlegte sie, während sie welke Blätter aus den Kräutertöpfen zupfte, die vor dem Küchenfester standen und, wenn sie sprechen könnten, um Wasser bitter würden.

Pünktlich um achtzehn Uhr klingelte es an ihrer Wohnungstür. Wie sooft war Cousin Marvin, das ist der mit den Gläsern aus der hinteren Reihe, der Erste ihrer Gäste. Wie immer hielt er einen eher bescheidenen Blumenstrauß aus dem Supermarkt, an dessen Plastikverpackung noch das Preisschild klebte, in der Hand und umschloss sie mit beiden Armen. Er presste sie so fest an sich, dass ihr das Durchzuatmen schwer fiel. Noch schlimmer war das, was nach dem Klammern folgte: Er griff mit beiden Händen, wobei er mit der einen Hand krampfhaft den Blumenstrauß festhielt, nach ihrem Gesicht und fing an, es abzuküssen. Ihren Mund lies er aus. Marvin hatte einmal versucht sie auf den Mund zu küssen und war gescheitert, weil Marie-Helene sich dem wiedersetzte. Ansonsten verschonten seine feuchten Lippen keine Stelle ihres Gesichtes. Schon längst wollte sie ihm gesagt haben, dass sie derartig stürmische Begrüßungen nicht mag. Auch diesmal hatte sie nicht den Mut das Thema anzusprechen, und darüber ärgerte sie sich.

Du zerdrückst die wunderschönen Blumen, Marvin“, sagte sie stattdessen wenig überzeugend und war froh, als er ihr Gesicht und den Rest ihres Körpers freigab.

Nach und nach trafen die anderen Gäste ein. Sie hatten sich allesamt eine längere Zeit nicht gesehen und deshalb viel zu erzählen. Die Gastgeberin war froh, dass das Thema Paris kein Thema war. Gegen einundzwanzig Uhr passierte das, wovor Marie. Helene die ganze Zeit über Angst hatte.

Sag mal Marie-Helene, wie war es eigentlich in Paris? Du hast uns noch gar nichts davon erzählt. Warst du auf dem Eiffelturm, in tolle Bars und Restaurants und elegante Geschäfte, erkundigte sich Tante Gisela.„In Paris soll es doch ganz tolle Schuhgeschäfte geben.“

„In Paris?“, wiederholte die Angesprochene etwas verlegen. „Eigentlichmöchte ich gar nicht darüber sprechen.“

„Warum denn nicht“, wollte Onkel Simon wissen.

„Ach wisst ihr“, lügt sie, „ ich habe überhaupt keine guten Erinnerungen an Paris.“

„Was ist passiert?“, wollten wohl alle wissen.

„Ich habe das ganze Wochenende fast nur im Bett verbracht.“

„Alleine?“, fragte Cousin Marvin, und erntete dafür einen strafenden Blick einer Großtante.

„Natürlich alleine. Wo denkst du denn hin“, empörte sich Marie-Helene. „Ich lag mit Durchfall und Schüttelfrost im Bett. Von Paris habe ich nicht mehr als den Flughafen, das Hotel mein Hotelzimmer gesehen.“

„Das tut mir aber leid“, bekundete Cousine Beate. „Und ich dachte, als ich zwei Paar neue Schuhe in der Diele habe stehen gesehen, dass du sie dir aus Paris mitgebracht hast.“

Marie-Helene merkte, dass sie Schwierigkeiten bekam, ihr Lügengerüst halten zu können. Bevor die Seifenblase zu platzen drohte schlug sie vor, das Sprichwörterdeutungsspiel zu spielen. Die Begeisterung dafür hielt sich in Grenzen. Dennoch schaffte sie es alle darauf einzustimmen. Sie holte die Schachtel mit den Sprichwörtern und bat jeden Gast zunächst eine Spruchkarte „blind“ zu ziehen und anschließen zu erzählen, was der Text für eine Wirkung zeigt.

„Wer möchte als Erster seinen Spruch vorlesen“,hatte Marie-Helene gefragt.

Keiner wollte den Anfang machen.

„Fang du doch an“,forderte Cousin Marvin, sie auf.

Auf ihrer Karte stand „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht“.

Sie hatte es bereut, dass Sprichwörterdeutungs-Spiel vorgeschlagen zu haben.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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