Alina Eickhoff

Zweifel

Es war ein warmer, sonniger Frühlingstag. Sie lag auf einer Decke auf einer Wiese im Park und ließ ihre Gedanken schweifen. Noch vor einigen Tagen war es kalt und regnerisch gewesen und sie wäre am liebsten den ganzen Tag im Haus geblieben, doch das konnte sie nicht, denn schließlich musste sie Arbeiten. Die Arbeit. Früher hatte sie immer gedacht, sie würde später mal in einem Job arbeiten, der ihr Spaß machte und sie inspirierte. Sie hatte gedacht, sie könnte sich Zeit nehmen für ihre Musik und daraus etwas mache, davon Leben. Sie hatte die Menschen belächelt, die sich jeden Tag im Büro quälten. Sie war fest davon ausgegangen, dass sie etwas aufregenderes machen würde, als im Büro zu sitzen oder zu Kellnern. Wir dumm und naiv sie damals gewesen war. Ihr war nicht klar gewesen, welche Art von kosten es alles gab, die sie bewältigen musste. Ihr war nicht klar gewesen, wie schnell das Geld aus sein konnte und kaum noch etwas für die nächste Mahlzeit übrig war. Andererseits hatte sie das alles nicht wissen können. Sie hatte das nie in der Schule oder sonst wo gelernt, sich nie darüber Gedanken machen müssen. Ihre Eltern hatten genug Geld. Als Kind hatte sie alles bekommen, was sie wollte und oft mehr als ihr guttat. 

Sie dachte an den Tag zurück, als sie es ihren Eltern gesagt hatte. Es war kurz nach der letzten Abiturprüfung. Sie hatten gefeiert und ihre Eltern waren so stolz auf sie gewesen. Ihr Vater hatte wieder damit angefangen, dass sie bald Jura studieren würde und die beste Anwältin aller Zeiten werden würde. Sie hatte es nicht mehr ausgehalten es ihren Eltern zu verschweigen. Sie musste es einfach sagen. Sie hatte ihren Vater unterbrochen und ihm gesagt, dass sie nicht studieren wollte. Oder zumindest nicht Jura. Ihr Vater hatte gelacht und gesagt, dass sie ja auch Medizin oder BWL studieren könne. Da hatte sie es ihm gesagt. Sie hatte ihm gesagt, dass sie sich um die Band kümmern wollte, mit ihrer Musik Karriere machen wollte. Das lächeln ihres Vaters war eingefroren und er hatte ihre Geschwister aus dem Raum geschickt. Er hielt ihr einen langen Vortrag darüber, was sie als Musikern seiner Meinung nach erwarten würde. Dass sie vermutlich keinen Erfolg haben würde und wenn doch, dass sie dann wahrscheinlich drogenabhängig werden würde oder irgendetwas dummes machen würde. Er hatte ihr gesagt, wenn sie sich für die Musik entscheiden würde, könne sie kein Geld mehr von ihm erwarten und sofort ausziehen. Er hatte ihr gesagt, sie hätte einen Tag Zeit um darüber nachzudenken. Aber sie hatte sich sofort entschieden. Jetzt, da sie wusste, was ihr Vater von ihren Plänen hielt und wie er reagierte, wollte sie keinen Moment länger in diesem Haus verbringen. Sie sagte ihm, dass sie sich gegen das Studium und für die Musik entschieden hatte. Der Blick ihrs Vaters war noch kälter geworden und er sagte ihr, sie solle sofort verschwinden und sich nicht mehr blicken lassen. Ihre Mutter hatte nur daneben gesessen und zugehört. Sie hatte nichts zu alle dem gesagt, aber sie wusste, dass ihre Mutter ihre Musik mochte und ihr zutraute damit Karriere zu machen. Aber ihre Mutter war stumm geblieben, denn sie hätte das niemals laut ausgesprochen, solange ihr Ehemann in der Nähe war. Also hatte sie das nötigste zusammengepackt, einen Brief für ihre Geschwister geschrieben und war gegangen.

Das war nun fünf Jahre her und es war nicht einfach gewesen. Sie war bei ihren Bandkollegen eingezogen und es irgendwie geschafft sich finanziell über Wasser zu halten. Sie hatte angefangen zu kellnern, um die größten Kosten zu decken. Aber hauptsächlich hatte sie sich um die Musik gekümmert. Und sie war stolz, dass sie es geschafft hatte.

Eine laute Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Sie öffnete die Augen und sah ihren besten Freund, den Drummer der Band, neben sich stehen. „Wollen wir los? Die werden mit der Preisverleihung nicht ewig auf uns warten“, sagte er mit einem Grinsen im Gesicht. Also ging sie los, um ihren Preis entgegenzunehmen. Einen Preis für ihre Musik und sie konnte es immer noch nicht fassen, dass sie es trotz aller Steine, die ihr in den Weg gelegt worden waren, trotz aller Zweifel und obwohl sie immer noch viel Zeit mit kellnern verbrachte so weit geschafft hatte.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.03.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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