Claudia Savelsberg

Betrogen

Harald saß in seinem Büro und schaute auf die Uhr. Er gähnte verhalten, in einer Stunde könnte er Feierabend machen. Als sein Telefon klingelte, meldete er sich gewohnt professionell: „Concordia Versicherung. Mein Name ist Harald Jansen. Was kann ich für Sie tun?“ Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine Männerstimme: „Lassen Sie Christine in Ruhe. Sie ist meine Frau.“

Ungnädig antwortete Harald: „Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?“ Der Anrufer sagte: „Mein Name ist Martin Schraven, und ich bin der Mann von Christine. Ich weiß, dass Sie seit drei Monaten mit ihr zusammen sind. Dafür habe ich Beweise.“ Harald kannte Martin Schraven dem Namen nach; denn er hatte in der Stadt eine Zahnarztpraxis. Er war genervt. Was sollte das Ganze, was wollte der Mann von ihm? Es gab viele Frauen mit dem Namen Christine.

Harald wollte das Gespräch beenden, aber Martin Schraven bat eindringlich um eine persönliche Aussprache. Aus einen undefinierbaren Gefühl heraus sagte Harald zu. Sie wollten sich in einer Stunde im Bistro, das in der Nähe von Haralds Büro lag, treffen. Harald hatte sich bereits ein Bier bestellt, als Martin Schraven kam. Ein sympathischer Mann, den Harald auf Anfang Vierzig schätzte.

Sie begrüßten sich knapp und mit einer unterkühlten Höflichkeit. Martin Schraven sah Harald eindringlich an und begann zu erzählen: „Ich bin seit fünf Jahren mit Christine verheiratet. Ich liebe sie. Leider hatte ich immer wieder das Gefühl, dass sie mich betrügt. Irgendwie habe ich es gemerkt. Wenn sie spät nach hause kam, ging sie gleich ins Bad und dann sofort ins Bett. Sie wich mir aus, wollte keinen Sex. Sie trug ihr Handy immer bei sich, ließ es nie irgendwo liegen. So kam mir der Verdacht, dass sie fremd geht.“ Harald räusperte sich. Die Geschichte, die ihm Martin Schraven erzählte, ließ ihn nicht kalt. Kein Mann möchte betrogen werden.

Martin Schraven zündete sich eine Zigarette an, nahm einen tiefen Zug und fuhr fort: „Ich konnte die Ungewissheit nicht mehr aushalten und habe einen Privatdetektiv engagiert, damit er Christine folgt. Er sah Sie beide aus einem Restaurant kommen und notierte sich das Kennzeichen Ihres Autos, Herr Jansen. So habe ich Sie gefunden. Und dann war es leicht, die Adresse Ihres Arbeitgebers und Ihre Telefonnummer in Erfahrung zu bringen.“ Harald schwieg. Alles, was Martin Schraven sagte, schien ihm logisch.

Martin Schraven fuhr fort: „Christine war doch immer Montags, Mittwochs und Freitags bis spät nachts bei Ihnen, nicht wahr? Montags war immer ihr Sauna-Abend, mittwochs ging sie in ihren Kurs an der Volkshochschule, und der Freitag war für Treffen mit ihren Freundinnen reserviert. So hat sie es mir mit Überzeugung verkauft, und ich habe es geglaubt. Bis zu dem Tag, an dem ich den Detektiv auf sie ansetzte. Verstehen Sie mich?“

Harald war entsetzt. Das passte alles nicht in sein Weltbild. Christine hatte sie beide betrogen, und Harald fühlte plötzlich Mitleid mit ihrem Ehemann. Martin Schraven schaute ihn eindringlich an: „Ich liebe Christine. Ich habe mich für sie scheiden lassen. Ich verzeihe ihr alles. Bitte, lassen Sie meine Frau in Ruhe.“

Harald ging nachhause. Er war erschüttert und konnte nicht glauben, was er gehört hatte. Ein Privatdetektiv, der eine Frau im Auftrag ihres Ehemannes beschattet hatte. So etwas gab es nur in schlechten Filmen. Trotzdem wusste Harald, dass alles, was Martin Schraven ihm erzählt hatte, der Wahrheit entsprach. Harald war sechsundzwanzig Jahre alt, gelernter Versicherungskaufmann. Seine Arbeit machte ihm Spaß, er war ehrgeizig und wollte es zu etwas bringen. Irgendwann wollte er heiraten und Kinder haben. Er wäre ein sehr guter Vater, sagten alle, die ihn kannten. Harald war gradlinig, offen und ehrlich in seinen Gefühlen. Lügen und Unaufrichtigkeit waren seinem Wesen fremd.

Harald schenkte sich einen Cognac ein und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Er ließ die Erinnerungen an die letzten drei Monate mit Christine an sich vorbeiziehen. Sie hatten sich durch einen dummen Zufall kennengelernt. Christine hatte ihm die Vorfahrt geschnitten und war auf sein Auto geprallt, nur ein kleiner Blechschaden, die nötigen Formalitäten konnten ohne Polizei sofort geregelt werden. Sie tauschten ihre Telefonummern aus und Harald lud sie zu einem Kaffee ein.

Christine war vierunddreißig Jahre, also acht Jahre älter als Harald. Ein sportlicher Typ mit Kurzhaarfrisur. Im eigentlichen Sinn keine schöne Frau, aber sehr apart. Christine war quirlig und sie redete gern. Sie erzählte Harald mit Begeisterung, dass sie Schriftstellerin wäre. Nein, keine wirklich berühmte, aber sie hätte schon zwei Bände mit Geschichten veröffentlicht und einmal eine Lesung in der örtlichen Buchhandlung gehabt.

Leben könnte sie von der Schriftstellerei nicht, deshalb arbeitete sie halbtags als Arzthelferin in einer Zahnarztpraxis. Jedes ihrer Worte unterstrich Christine mit einer lebhaften Geste. Harald war nachhaltig beeindruckt. Er las wenig und wenn, dann hauptsächlich Fachzeitschriften. Christine war Schriftstellerin, etwas Besonders. Harald war fasziniert.

Am nächsten Tag rief er sie unter dem Vorwand an, dass die Versicherung zur Klärung des Schadenfalls noch weitere Daten brauchte. Sie verabredeten sich für den Abend in einem Restaurant. Christine erzählte wieder von der Schriftstellerei. Sie arbeitete gerade an einem Roman, es ginge darin um reine Fantasy. Der Roman sollte „Die Töchter der Elemente“ heißen, die ersten dreihundert Seiten wären bereits geschrieben.

Harald nickte interessiert, konnte sich aber nicht wirklich vorstellen, woher Christine ihre Ideen nahm. Für ihn war das etwas Geheimnisvolles und Aufregendes. Nicht vergleichbar mit den nüchternen Versicherungstarifen, mit denen sich Harald Tag für Tag beschäftige. Christine faszinierte ihn immer mehr.

Er hatte bemerkt, dass sie ihr Tablet mit ins Restaurant genommen hatte. Sie schleppe dieses Ding immer mit sich rum, erklärte sie. Wenn ihr plötzlich eine neue Idee für ihren Roman käme, könnte sie das sofort aufschreiben. Und mit einem Lächeln, das Harald ins Herz traf, fügte sie hinzu: “Na ja, manchmal bin ich auch etwas schusselig. Ich vergesse immer, eine Sicherheitskopie zu machen.“ Harald hatte es plötzlich eilig und bat um die Rechnung. An diesem Abend schliefen sie zum ersten Mal miteinander.

Die darauf folgenden Wochen zogen schemenhaft in Haralds Erinnerung vorbei. Sie sahen sich regelmäßig, und wenn Christine ihn besuchte, dann kochte er für sie und zauberte Köstlichkeiten der internationalen Küche. Kochen war Haralds Hobby. Lange nicht so aufregend wie die Schriftstellerei, wie er fand. Wenn er mit Christine etwas unternehmen wollte, dann lehnte sie mit dem Hinweis ab, dass es bei ihm zu Hause so schön und gemütlich wäre.

Sie lud ihn nie zu sich ein, und sie blieb auch nie über Nacht, obwohl Harald sich das sehr wünschte. Sie erklärte ihm, dass sie ihre Freiheit brauchte. Harald sagte sich, dass eine Schriftstellerin wohl nach ihren eigenen Regeln leben müsste. Sie war eine Künstlerin!

Harald wollte Christine heiraten. Sie war die Frau seines Lebens, mit ihr wollte er eine Familie gründen. Er stellte seinen Eltern Christine als seine zukünftige Frau vor. Sie reagierten reserviert. Christine schien ihnen zu alt für ihren Sohn, und sie hielten Haralds Entscheidung für überstürzt. Nur Haralds Schwester war begeistert und gratulierte aufrichtig. Mit dem Entwurf zu ihrem Roman hatte Christine das Herz ihrer zukünftigen Schwägerin im Sturm erobert. Als Harald seinem besten Freund Bernd erzählte, dass er Christine heiraten wollte, schlug der ihm auf die Schulter: „Glückwunsch, Alter! Aber dann gibt’s vorher noch einen geilen Junggesellenabschied.“

Harald fuhr mit Christine für ein Wochenende an die See, er hatte ein schönes Romantikhotel gebucht. Erst hatte sie abgewehrt: sie hätte viel zu tun, weil in der Zahnarztpraxis die Quartalsabrechnungen anstünden, eine Freundin wäre krank und sie hätte einfach keine Zeit. Harald wunderte sich, es klang nicht überzeugend. Aber schließlich kam sie doch mit. Die Zeit am Meer war für Harald so etwas wie eine vorgezogene Hochzeitsreise, er war überglücklich mit Christine. Wenn ihr Handy klingelte, ging sie ins Badezimmer, um den Anruf entgegen zu nehmen, SMS löschte sie kommentarlos. Harald dachte sich nichts dabei. Das waren Sachen, die ihn nichts angingen, redete er sich ein.

Harald nahm noch einen Schluck Cognac. Alle Puzzleteile fügten sich zusammen und ergaben einen Sinn. Christine hatte ihn eiskalt belogen und betrogen. Wahrscheinlich saß sie jetzt bei ihrem Ehemann zuhause auf dem Sofa und ließ sich von ihm verwöhnen. Den armen Kerl hatte sie ja auch hintergangen. Harald fühlte plötzlich so etwas wie Solidarität mit Martin Schraven. Aus seiner Enttäuschung wurde Wut. Er wollte sich an diesem Miststück rächen. Es musste etwas geben, womit er sie treffen konnte, so wie sie ihn mit ihren Lügen getroffen hatte. Es war spät geworden, Harald trank seinen Cognac aus und ging ins Schlafzimmer. Auf dem Nachttisch sah er Christines Tablet, das sie bei ihrem letzten Besuch wohl vergessen hatte.

Am nächsten Vormittag bekam Harald im Büro einen Anruf von Martin Schraven, der sich erkundigen wollte, wie Harald seine Eröffnungen aufgenommen hatte und wie er sich entschieden hätte. Harald sagte ihm klipp und klar, dass er Christine nicht wiedersehen wollte, aber das Seufzen am anderen Ende der Leitung klang irgendwie nicht erleichtert.

Dann rief Harald seinen Freund Bernd an und bat ihn für den Abend zu sich. Außerdem schickte er Christine eine SMS, dass er sich wahnsinnig auf sie freute. Es war ein Mittwoch, der Tag, an dem sie angeblich zu ihrem VHS-Kurs ging - sie würde am Abend zu ihm kommen. Bernd kam pünktlich, und die beiden Männer machten sich ein Bier auf. Harald erzählte die ganze Geschichte, Bernd klopfte ihm ermutigend auf die Schulter: „Alter, das musst du dir nicht gefallen lassen. Setz' diese Bitch vor die Tür.“

Harald war froh, dass sein Freund als moralische Unterstützung bei ihm war. Er ging ins Schlafzimmer und holte Christines Tablet. Mit einem Gefühl des Triumphes rief er das Manuskript zu ihrem Roman auf und klickte auf den Befehl „Datei löschen.“ Als Christine wenig später kam, fertigte er sie in der Wohnungstür ab: „Dein Mann hat mir alles erzählt. Hier, nimm dein Tablet, und hau ab. Ich will dich nicht mehr sehen.“ Bevor sie etwas sagen konnte, schlug er die Tür zu. Dann trank er mit Bernd gemütlich noch ein Bier.

Bevor Harald zu Bett ging, sah er, dass jemand eine Nachricht auf seine Mailbox gesprochen hatte. Es war Christine, die ihm heulend und fluchend zugleich sagte, dass ihr Manuskript gelöscht wäre und ihn wüst beschimpfte. In den nächsten Wochen rief sie ihn immer wieder an, und er drückte die Anrufe weg. Sie schrieb ihm viele SMS, wollte sich mit ihm treffen. Man könnte doch über alles nochmal reden, sie vermisste ihn, ob er ihr noch eine Chance geben würde. Harald löschte die Nachrichten.

Eines Tages traf Harald Christine zufällig in einem Baumarkt und bemerkte, dass ihr Einkaufwagen mit Umzugskartons vollgestopft war. Sie war kaum geschminkt und wirkte niedergeschlagen: „Harald, mein Mann hat mich rausgeworfen. Er will die Scheidung einreichen.“ Christines Blick wurde flehend, und sie tat Harald fast schon leid. Dann kamen seine Erinnerungen wieder hoch. Diese Frau hatte ihn übel betrogen. Das würde er ihr nie verzeihen.

Weißt Du was, meine Liebe? Schriftsteller suchen doch immer nach neuen Themen, oder? Schreib doch einfach mal deine ganze verlogene Geschichte auf. Das wird bestimmt ein Bestseller. Und einen Titel hätte ich auch schon – BETROGEN!“ Mit diesen Worten ließ er die sprachlose Christine stehen.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.04.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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