Chiara Fabiano

Befriedigend plus

Lange Zeit war es keinem aufgefallen. Sie stand auf, wie immer, kam nach Hause, wie jeden Tag und ging zu Bett, wie sonst auch. Sicher, sie sprach nicht viel, auch machte sie nicht oft Anstalten etwas von sich zu berichten. Aber war das nicht normal in ihrem Alter? Benahmen sich nicht die meisten jungen Leute so? Dieses gekünstelte Desinteresse, bloß keinen wissen lassen, dass es einen doch kümmerte und diese gespielte gelangweilte Haltung, welche vorgaukeln sollte man sei emotional zu kalt oder zu cool, um sich die Dinge zu Herzen zu nehmen. Es war nun mal eben kein Vorurteil, bei den Meisten traf dieses Verhaltensmuster zu. Auch bei ihr hatten lange Zeit alle gedacht ihr Verhalten sei nur ein Produkt ihres Alters, eine Konsequenz der sich wandelnden Hormone. Wie hätte jemand die Wahrheit ahnen können? Dann eines Tages kam sie nicht herunter. Man schrie ihren Namen, man ärgerte sich über ihre Verspätung, das Essen stand auf dem Tisch, es könnte abkühlen. Überall rollten die Augen, Seufzer entkamen aus sämtlichen Mündern. Nach einer gefühlten Ewigkeit hörte man schwerfällige Schritte die hölzernen Treppenstufen herunter gehen. Überall hörte man entnervtes Aufatmen und als jeder über das Essen herfiel bemerkte kaum ein jemand die Schatten unter ihren Augen, den leidenden Gesichtsausdruck, die ausgemergelten Wangenknochen. Sie war blass, eine Erscheinung, kaum noch vorhanden. Man schob es auf die Erschöpfung, schließlich hatte sie seit Tagen keine Freizeit mehr gehabt, war bis spät Nachmittags in der Schule gewesen und auch sonst hatte man sie kaum gesehen. Und doch musste es gravierend gewesen sein, denn so sehr man es auch auf die Erschöpfung schob, ihr äußerer Zustand zog Aufmerksamkeit auf sich. Man merkte  etwas stimmte nicht. Trotzdem spielte man es herunter, machte Scherze und merkte kaum, dass sie nicht lachte. Es fielen Beschuldigungen „Du Sensibelchen“, „Komm erst einmal im wirklichen Leben an, da weißt du was Arbeit bedeutet“. Sie ertrug, sie schwieg, sie atmete tief. Innerhalb von wenigen Sekunden nahmen ihre Augenringe ein größeres Ausmaß an, ihre Wangen fielen ein bisschen mehr ein. Man sah sie schlucken. „Iss etwas!“, sagte man ihr, „Du hast immer so gerne gegessen. Ich habe deinen Lieblingsnachtisch gemacht“. Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe Bauchschmerzen“, sagte sie leise, „Ich werde wohl krank“. Man tat es mit einem Schulterzucken ab. Befand sie sich halt in einer erneuten Diätphase, das war ganz normal für ihr Alter. Jedes Mädchen verhielt sich so, jeder durchlief diese Phase. Und nun? Man sollte sie in Ruhe lassen, sie braucht jetzt keinen, sie brauchte nur Ruhe. Also stand sie auf, nahm ihren Teller und knallte ihn auf die Küchenspüle. Völlig normal in ihrem Alter. Man hörte sie genau so schwerfällig die Treppen hinaufgehen, wie sie sie heruntergegangen war. Die Zimmertür knallte ins Schloss. Man stöhnte genervt und sehnte sich das Ende der Pubertät herbei. Am nächsten Morgen verließ sie das Haus, wie sie es immer tat. Sie sagte nicht auf Wiedersehen, was zwar untypisch für sie war, aber immerhin befand sie sich in einer anstrengenden Zeit, in einem Umbruch. Als die Wäsche fertig war, brachte man sie ihr ins Zimmer. Man hatte es schon langer nicht mehr gesehen, da sie selten abends herauskam, oder die Tür offen ließ. An den Wänden hingen Zettelweise Notizen, dessen Inhalt man bloß schwer Verstand und man fragte sich, ob man selbst solch kompliziertes Zeug in der Schule gemacht hatte. Es sah unordentlich aus, chaotisch, der Mülleimer quellte über. Einzig und allein der Schreibtisch war fein säuberlich hinterlassen worden. Ärgerlich über die Unordnung nahm man den Inhalt des Mülleimers und wollte ihn hinunter in die Mülltonne bringen, da sah man sich ihn näher an. Rote Schrift auf weißem Papier, darunter Anordnungen, Apelle, Anweisungen. Zuletzt die Worte „Gut minus“, „Gut plus“ oder auch „Sehr gut minus“. Das Papier war zerknüllt, die Arbeiten zerrissen. Die Apelle waren bloß schwer leserlich, häufig mit Formulierungen versehen wie „Arbeite noch daran…“ oder „Verbessere deine…“ nicht minder häufig „Achte mehr auf deine…“. Man fragte sich weshalb sie solch gute Ergebnisse wegwarf, verstand jedoch die überkritischen Aussagen darunter genauso wenig. Man fand alles sehr suspekt. Schließlich landeten die Zettel und die Vorwürfe in der Mülltonne.

Am Nachmittag fand man sie im Feld, um sie herum ein unwirklich scheinender, roter Untergrund. Das Rot überflutete die Arme. Neben ihr fand man einen Zettel. „Befriedigend plus“. Den Rest hatte sie wuterfüllt zerrissen. Man hat es nicht gemerkt.  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.04.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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