Janna Ney

Worüber man nicht spricht


Nina sah fasziniert auf den Monitor. Ihr Gynäkologe deutete auf das eher schemenhafte Wesen:
„Das ist der Kopf!“ Ihr kleiner Sohn Kay sah den Arzt stirnrunzelnd an:
„Ist es ein Mädchen?“ Nina lachte:
„Damit du die Kleine immer ärgern kannst?“
Die Herztöne des Babys erfüllten den Raum und vibrierten in den Ohren.
„Ihr Baby ist jetzt 12 cm groß und 100 g schwer!“ Der kleine Junge lachte:
„Ein Würstchen, Mama!“ Er konnte seine Augen nicht vom Bildschirm lösen, obwohl nicht viel zu erkennen war.
Der Arzt lachte ebenfalls:
„Wir waren alle solche Würstchen, du auch, junger Freund!“ Er reichte Nina die Hand:
„Alles ist wunderbar. Wir sehen uns in vier Wochen!“

Auf dem Heimweg erstanden sie einen himmelblauen Strampler und Kay legte sein Taschengeld in
winzigen Babyschuhen aus blau-weißgestreiftem Nickyplüsch an.
Der nächste Tag war der 1.November, ein Tag, den sie noch nie gemocht hatte. Sie grübelte über einen
Namen nach und beschloss dann, ein heißes Bad zu nehmen.
Das warme Wasser tat ihr gut, sie spürte, wie ihr Körper sich entspannte und döste ein Weilchen unter dem
Schaumberg. Ihre Hände strichen zärtlich über den leicht gewölbten Leib. Nach einer Weile wurde ihr das
Wasser zu kühl. Sie hatte sich noch nicht richtig aufgerichtet, als sie spürte, wie in ihrem Bauch etwas in
Bewegung geriet. Innerhalb von Sekunden färbte sich das Badewasser rot. Sie war so entsetzt, dass sie
einige Momente lang wie gelähmt unter sich starrte. Kleine Gewebeteile und fleischige Klumpen sammelten
sich im Abfluss ihrer Wanne.
Sie wickelte sich in ihr Badetuch und stolperte aus dem Bad. Kay drängte sich an ihr vorbei und kam sofort
mit schneeweißem Gesicht wieder heraus.
„Mama, was ist passiert?“ Sie nahm seine schmale Bubenhand in die ihre.
„Ich brauche ein Taxi. Rufst du mir eins?“ Flüchtig dachte sie daran, dass sie, wie fast immer, alleine war. Ihr
Mann Dirk war unterwegs und sie wusste nicht einmal, wo.
Fünfzehn Minuten später lag sie auf dem Untersuchungsstuhl. Das freundliche Gesicht ihres Gynäkologen
wirkte sehr ernst. Sie wusste es schon, bevor er es aussprach:
„Da hängt ja schon die Nabelschnur heraus. Ich kann leider nichts mehr tun.“
Er bestellte ihr ein Taxi, das sie direkt in die Klinik brachte.

Nina befand sich in einem Schockzustand. Sie funktionierte weiter in einer Art Vakuum, das nichts an sie
heran ließ und nichts heraus. Bevor sie sich auf der Station meldete, rief sie Anne an und bat sie, sich um
Kay zu kümmern. Anschließend rief sie Kay an und erklärte ihm, dass sie für ein paar Tage in der Klinik bleiben
müsse.
Die Ärztin, die sie behandelte, erläuterte ihr, dass man bis zum nächsten Tag abwarten würde und, falls der Fötus
bis dahin nicht von selbst käme, einen Wehentropf anlegen würde. Sie schluckte gehorsam die Schlaf – und
Beruhigungsmittel, die die Nachtschwester ihr reichte und fiel in einen halbwegs ruhigen Schlaf.
Der Damm brach am nächsten Morgen. Sie konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Sie weinte unablässig,
ignorierte alle Fragen und zeigte sich wenig kooperativ. Die Hebamme, eine resolute Frau in den 50ern,
zeigte wenig Verständnis, als sie sie zusammen mit einem jungen Assistenzarzt aufsuchte:
„Ich sage den jungen Frauen immer, seid doch froh, wenn ihr dieses Gesudel los seid!“
Nina sah, wie sich das Gesicht des Arztes verfärbte:
„Mein Gott, merken Sie denn nicht, dass die Frau psychisch vollkommen fertig ist?“
Nina lächelte ihn an, er nahm ihre Hand einen Moment lang in seine, was ihren Tränenfluss noch verstärkte.

Man brachte sie gegen 11 Uhr in den Kreißsaal und hing ihr den Tropf an. Dann überließ man sie weitgehend
sich selbst. Um 15 Uhr, als sie schon die Hoffnung begraben hatte, dass das grausame Szenario an diesem
Tag enden würde, spürte sie, wie das Baby kam. Es glitt ohne Probleme aus ihr heraus und sie hob den Kopf,
um es anzusehen. Ein durchscheinender, winziger Mensch mit grazilen Gliedmaßen lag zwischen ihren
Beinen. Die Stimme der Ärztin durchschnitt die Stille:
„Nicht hinsehen!“ Sie nahm den Fötus auf und trug ihn zum Untersuchungstisch.
„Sieht aus, als ob es behindert sei!“ Nina drehte den Kopf zur Wand.
Nachdem man sie einer Kürettage unterzogen hatte, kam sie auf ein Zimmer mit älteren Frauen.
„Wir legen Sie sie nicht zu den Frauen, die gerade geboren haben,“ erklärte die Schwester mit gönnerhaftem
Blick.
Am Abend rief sie ihren Mann an und teilte ihm mit, dass sie das Baby verloren hatte.
„Ist es jetzt weg?“ war eine Frage, mit der sie nichts anfangen konnte. Er besuchte sie am darauf folgenden
Tag und ihr wurde das erste Mal klar, dass sie den falschen Mann geheiratet hatte. Etwas an seinem
Verhalten reizte sie so, dass sie ihn bat, zu gehen. Danach erbrach sie sich.
Zwei Tage später kam eine junge Mutter zu ihr aufs Zimmer. Nina betrachtete sie verstohlen, als sie ihren
rosigen Buben das erste Mal an die Brust legte. Die Stimme der älteren Bettnachbarin ließ sie zusammen
fahren:
„Sie sind doch nicht etwa neidisch?“
Eine Woche später durfte sie die Klinik endlich verlassen.

Sie hatte ihre Sachen noch nicht richtig ausgepackt, als ihr Telefon klingelte:
„Hallo Nina, hier ist Anne. Sag mal, du brauchst doch die Schwangerschaftsklamotten jetzt nicht mehr.
Vielleicht kannst du sie mir günstig verkaufen? Ich bin schwanger!“
Einen Moment lang war sie versucht, das Telefon mitsamt Stecker aus der Verankerung zu reißen und durch
die geschlossene Glastür zu werfen, aber sie nahm sich zusammen.
Stattdessen legte sie den Hörer auf und untersuchte das Barfach ihres Schrankes.

Drei Jahrzehnte später schrieb sie das Erlebte auf in Gedenken an ein winziges Menschenkind, das im April
dieses Jahres dreißig Jahre alt geworden wäre.

Ich kann nur hoffen, dass es heute, 40 Jahre später,
nicht mehr tabuisiert wird, wenn eine Frau ihr Baby
verliert.
Janna Ney, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.04.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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