Angela Pokolm

Das Regenbogenkind

Marjanna stand am Fenster und schaute traurig in das eintönige Grau hinaus. Es regnete schon die ganze Woche und wollte und wollte nicht aufhören. Wie gerne wären der Vater und sie in den Wald gegangen. Der stille Fußweg in der Natur, inmitten der großen Bäume, hätte Vater und Tochter ein bisschen von dem großen Kummer abgelenkt, der auf ihrer beider Herzen lag.

Marjannas Mutter war sehr krank, und wie der Vater ihr berichtet hatte, war gerade jetzt die Zeit der Krisis, da es sich entscheiden würde, ob die Mutter wieder ganz gesund werden konnte - oder nicht.
Heute am frühen Nachmittag war sie mit dem Vater im Krankenhaus gewesen. Die Mutter lag nach ihrem schweren Unfall auf der Intensivstation, und es war für Marjanna und ihren Vater schwer gewesen, die reglose Gestalt im Krankenbett liegen zu sehen, die so voller Leben, das Zentrum der Familie, gewesen war. Der dick bandagierte Kopf mit den vielen Schläuchen und Apparaten, die leise vor sich hinpiepten. Und das so klein und fast fremd gewordene Gesicht der Mutter ...
Marjanna musste ein paar mal schlucken und brauchte ihren ganzen Mut, als sie vorsichtig die Hand ihrer Mutter berührte, die wie ein müder kleiner Vogel, wie hingeweht auf der Bettdecke lag. Und auch der Vater hatte so merkwürdige Augen gehabt und sich einige Male geräuspert, als er liebevoll zur Mutter sprach. Und als Marjanna nach der Hand ihres Vaters tastete, spürte sie, wie eiskalt sie war.

Mit einem traurigen Seufzer wandte sich Marjanna vom Fenster ab und griff wahllos nach einem der Bücher, die sie auf ihrem Nachttisch liegen hatte. Ob sie versuchen sollte, ein bisschen zu lesen?

Auf einmal war ihr, als wäre es in dem düsteren Zimmer irgendwie heller geworden. Sie hob den Kopf – und traute ihren Augen kaum, als sie zum Fenster blickte. Das trostlose Grau in Grau und die so tief hängenden Wolken, dass Marjanna schon fast gedacht hatte, sie könnte sie mit der Hand berühren, waren verschwunden. Sie sprang auf und rannte zum Fenster. Tatsächlich - die Sonne schien! Alles wirkte wie frisch gewaschen und glitzerte im Sonnenlicht. In den Pfützen auf der Straße spiegelte sich ein Stückchen blauer Himmel und weiße Wolken schwammen darin.
Marjanna staunte und konnte sich nicht satt sehen an dem veränderten, bunten Bild vor ihren Augen. Sie wohnte mit ihren Eltern im dreizehnten Stock eines Hochhauses und konnte über die Dächer der ganzen Stadt schauen. So öffnete sie weit den Fensterflügel, um zu erkennen wie der Himmel auf der anderen Seite des Hauses nun aussehen mochte. Dort stand am Horizont noch eine dunkle Wolkenwand - geradezu schwarzblau sah sie aus und - sie machte fast einen Luftsprung: dort stand auch ein wunderschöner Regenbogen! Farbenprächtig wölbte er sich vor der schwarzen Wolkenwand hoch in den Himmel und schien mit seinen Enden die Häuser zu berühren.

Das war nun etwas ganz Besonderes! Nicht nur, weil der Regenbogen so schön aussah, sondern weil Marjanna sich in dem Moment auch an eine Geschichte erinnerte, die ihr die Großmutter einmal erzählt hatte.
In der Geschichte war es um einen kleinen Hirtenjungen gegangen, der ein Ziegenjunges aus seiner Herde verloren hatte. Die Mutter des kleinen Tieres war schon ganz aufgeregt und suchte unentwegt nach ihrem Kind. Und als sich nach einem Gewitter ein Regenbogen am Himmel zeigte, hatte sich der Junge ganz still auf einen Baumstumpf gesetzt, mit dem Gesicht zum Regenbogen und die Augen geschlossen. Dann dachte er ganz fest an das verlorene Zicklein und wie sehr er sich wünschen würde, das kleine Tier wieder zu finden. So saß der Hirtenjunge eine ganze Weile, bis der Regenbogen verblasste. Als er dann die Augen wieder geöffnet hatte, hörte er auf einmal ein feines Meckern. Er ging dem Rufen nach - und fand tatsächlich die kleine Ziege wieder! Und so war ihm sein Wunsch durch den Regenbogen in Erfüllung gegangen.

Diese Geschichte kam jetzt Marjanna in den Sinn, als sie auf den schönen Regenbogen vor ihrem Fenster blickte. Ob es wohl wirklich so war, dass einem durch einen Regenbogen ein Wunsch erfüllt wurde? überlegte sie. Und ob sie es auch einmal versuchen sollte?

Marjanna schob einen Stuhl zum weit geöffneten Fenster und setzte sich so, dass sie den Regenbogen direkt sehen konnte. Dann schloß sie die Augen und konzentrierte sich auf ihren Wunsch, nämlich dass ihre Mutter wieder gesund werden würde! Ganz fest dachte Marjanna an ihre Mutter, an die zarte, hilflose Gestalt, die sie im Krankenhausbett hatte liegen sehen und an die Lebendigkeit, Güte und Herzenswärme, die sie in gesunden Tagen immer ausgestrahlt hatte. Traurigkeit und Schmerz wollten in Marjannas Herzen hochsteigen bei diesen Gedanken, als sie auf einmal das Gefühl hatte, als schaue sie jemand an.

Sie öffnete vorsichtig die Augen – und schaute direkt in das lächelnde Gesicht eines Jungen etwa in ihrem Alter. Er hatte einen schwarzen ungebändigten Haarschopf und dunkle Knopfaugen, die sie verschmitzt blinzelnd anlächelten. Er streckte seine Hand zum Fenster hinein und sagte:

„Hi, Marjanna, fein, dich kennenzulernen! Ich bin Jenno.“

Und als wenn es das Selbstverständlichste von der Welt wäre, stand Marjanna auf und ergriff Jennos Hand zur Begrüßung. „Hi, Jenno, komm doch herein!“

Sie hatte sich so auf ihren innigen Wunsch und die Geschichte ihrer Großmutter konzentriert, dass sie sich nicht einmal darüber wunderte, dass vor dem Fenster ihres Zimmers im dreizehnten Stock plötzlich ein fremder Junge auftauchte, der sie auch noch beim Namen kannte. Irgendwie schien dies alles zu Großmutters Geschichte und zum Regenbogen zu gehören. Es fiel ihr nur auf, dass von Jennos Hand eine seltsame, wohltuende Wärme ausging. Und dass sie sich irgendwie freute, dass er gekommen war.

Leicht wie eine Feder schwang sich Jenno auf das Fensterbrett und stand gleich darauf mitten in ihrem Zimmer.
“Übrigens,“ meinte Marjanna und schaute ihren Besucher von der Seite lächelnd an, „du kannst Janna zu mir sagen, so nennen mich meine Eltern und Freunde!“

„Weiß ich doch,“ nickte Jenno, und auch darüber wunderte sich Marjanna nicht im geringsten. Alles war für sie irgendwie so selbstverständlich, so normal, als wäre es immer schon so gewesen.

„Ich bin gekommen, um dich abzuholen,“ erklärte Jenno und deutete mit der Hand aus dem Fenster hinaus in Richtung des Regenbogens. „Wir müssen uns beeilen, sonst verblasst der Regenbogen! Gib mir deine Hand!“ fügte er hinzu und streckte seine Rechte aus, die Marjanna auch gleich ergriff.

Und leicht wie ein Hauch standen sie auf einmal beide auf dem Fensterbrett.

Marjanna schaute hinunter und sah winzig klein, wie aus dem Spielzeugland, tief unter sich den Gehweg und die Straße, die Autos und Menschen. Nun wurde ihr doch etwas mulmig zumute und ein schwaches Gefühl stieg in ihrem Magen auf.

„Schau nicht hinunter!“ rief Jenno, „schau immer nur gerade aus und halte dich fest an meiner Hand!“

Er machte mit der Hand eine leichte schwebende Geste, und plötzlich erschien vor dem Fensterbrett eine schimmernde Brücke in den Farben des Regenbogens. Ihr Ende verlor sich irgendwo zwischen den Häusern.

„Auf drei machen wir den ersten Schritt,“ meinte Jenno und „eins, zwei, drei,“ zählte er, packte noch fester Marjannas Hand – und sie standen auf der schimmernden Brücke, die erstaunlicherweise so stabil war, als wäre sie aus Beton und Asphalt gemacht.

Schritt für Schritt setzten die beiden Kinder und entfernten sich immer mehr von dem Haus, in dem Marjanna wohnte. Hatte sie anfangs die Augen zugemacht, um nicht in Versuchung zu geraten, nach unten zu schauen und wieder bange zu werden, so fühlte sie sich nun mit jedem Schritt immer sicherer und wollte nun alles sehen, was um sie herum war.

Der schimmernde Boden der Brücke war fast durchsichtig; Marjanna konnte durch die schillernden Farben ganz tief unten die Häuser und Straßen erkennen! Und trotzdem fühlte es sich so an, als wären kleine Stufen in den Brückenboden eingelassen, damit man einen sicheren Halt hatte. Ein Geländer gab es nicht. Aber Marianna war nicht schwindelig. Sie hatte auch gar keine Zeit dazu. So fasziniert war sie von dieser Wanderung mit Jenno hoch über der Stadt, von den ständig wechselnden Farben der Brücke, dem Spielzeugland unter ihr und dem immer mehr anwachsenden Gefühl einer unglaublichen Freiheit. Marjanna kam sich beinahe vor wie ein Vogel, so leicht und luftig, fast als würde sie gleich losfliegen können.

Von Zeit zu Zeit drehte Jenno sich um und lachte seine Begleiterin fröhlich an. Und Marjanna, die kurz zuvor noch so trauriger und wehmütiger Stimmung gewesen war, gab sein Lachen ganz unbeschwert zurück. Wie weggeweht waren ihr Kummer und Schmerz. Und merkwürdig, die bedrückenden Gedanken und die Angst um ihre kranke Mutter schienen auf einmal etwas weniger schwer. Als hätte das Lachen ihres neuen Freundes ihr ein bisschen von dem Kummer genommen.

Sie begann sich schon zu wünschen, die fröhliche Wanderung über den Häusern würde gar nicht mehr aufhören. Doch viel zu schnell kamen sie dem Regenbogen näher, der immer durchscheinender zu werden schien. Kaum hatte Marjanna diese Beobachtung gemacht, als die luftige Brücke in einem sanften Bogen nach unten führte. Die Stufen waren nun ganz deutlich richtige Treppenstufen geworden. Immer näher kam wieder die Stadt, die Straßen, Häuser, Autos und Menschen – nur nicht der Lärm! Es war seltsamerweise still. Und je weiter Jenno und Marjanna nach unten stiegen, desto mehr wirkte das sonst so laute Stadtleben auf Marjanna wie eine Pantomime.

Und schon war die Brücke zu Ende, mitten auf dem Gehweg. Marjanna schaute und war ganz aufgeregt. Dieses Stadtviertel kannte sie doch!

„Hier war ich mit den Eltern zum Einkaufen!“ erklärte sie Jenno. „Und dort ist ja unser Kino!“

„Gisela!“ rief Marjanna plötzlich ganz aus dem Häuschen. „Hallo! Hi, Gisela!“ und rannte auf ihre Freundin zu, die eben mit ihrer Mutter um die Straßenecke biegen wollte.

„Janna! Lass!“ ließ sich Jenno vernehmen.

Doch Marjanna war viel zu aufgeregt, hier ihre Freundin zu treffen, als dass sie Jennos Einwände hörte. Sie rannte auf Gisela zu. Doch etwas Merkwürdiges geschah. Obwohl Marjanna laut rief und winkte und ihrer Freundin dabei immer näher kam, schaute doch weder sie noch ihre Mutter auch nur mit einem Blick in Richtung der wild gestikulierenden Marjanna. Die konnte sich das nicht erklären, fasste ihre Freundin an der Schulter – und griff ins Nichts. Gisela und ihre Mutter glitten einfach vorbei, wie Schatten.

Ratlos blieb Marjanna stehen und schaute sich nach Jenno um, der atemlos herbeigerannt kam. „Was war das?“ rief sie ihrem Freund ganz außer sich zu, „was ist hier los?“

„Janna,“ japste der, als er schließlich neben ihr stand. „Paß auf ...,“ begann er und suchte wieder zu Atem zu kommen.
„Janna, weißt du, die Menschen um uns herum können uns weder sehen noch hören. Wir existieren nur in ihren Gedanken. Auch die ganze Umgebung hier sind nur die Gedanken all der Menschen, die du siehst. Du musst dir das so vorstellen, wie wenn man träumt.“

Marjanna überlegte, dann fragte sie:“ Und die Brücke, auf der wir vorhin gegangen sind, woraus besteht die? Ist sie auch ein Traum?“.

„Nicht ganz,“ antwortete Jenno, „sieh her!“ und machte dabei wieder die leichte, schwebende Bewegung mit der Hand. Wie ein Hauch verschwand die schimmernde Brücke und unmittelbar vor den beiden Kindern wölbte sich der Regenbogen! Marjanna hielt den Atem an und staunte. Hoch stieg er zwischen den Häusern in den Himmel hinauf. So hoch, dass sie seinem Lauf mit den Augen gar nicht folgen konnte, so sehr sie auch den Kopf in den Nacken legte und fast taumelte bei dem Versuch, nach oben zu schauen.

Und die Farben erst! Alle Augenblicke wechselten sie, verschlangen sich ineinander, verschwammen und zerflossen, um gleich darauf wieder schimmernde Linien zu bilden, die sich zu einem glitzernden Geflecht verwoben! Fast scheu stand Marjanna vor diesem faszinierend-schönen Gebilde, das aus Licht und Luft zu bestehen schien.

„Wie schön er ist,“ sagte sie beinahe andächtig.

Jenno bestätigte lächelnd: „Das stimmt, er ist wunderschön. Und doch hat sein Ursprung eigentlich einen ganz ernsthaften, ja sogar traurigen Hintergrund,“ fügte er nachdenklich hinzu und erklärte ihr dann:

„Ich bin ein Regenbogenkind, Janna, ein Hüter des Regenbogens. Mit noch vielen anderen Regenbogenkindern zusammen habe ich eine besondere Aufgabe: Du weißt, wie viele traurige Kinder und Menschen es gibt,“ sagte er ernst und sah seiner Freundin in die Augen. „Aus ihren Tränen und Gedanken bauen wir den Regenbogen – und die schimmernde Brücke,“ fügte er noch hinzu. „Wir wandeln die Tränen und die traurigen Gedanken der Menschen um in Licht und Farben.“

„Wie geht denn das?“ wollte Marjanna wissen. „das kann ich mir gar nicht vorstellen!“

„Schau!“ Jenno fasste mit einer schwebenden Bewegung in die Luft und schien nach etwas zu greifen. Dann öffnete er seine Hand – und Marjanna sah zu ihrer Verblüffung einige silbrig schimmernde Fäden auf seiner Handfläche liegen.

„Was ist das?“ fragte sie.

„Das sind Gedanken von traurigen Menschen,“ erklärte er, „und ich füge sie nun in das Gewebe des Regenbogens ein.“

Ganz gebannt verfolgte Marjanna, wie ihr Freund mit federleichten und geschickten Bewegungen seiner schlanken Finger aus den silbrigen Fadensträngen ein wundervoll farbenprächtiges Gebilde formte, das er mit einer sanften Gebärde an den Regenbogen anknüpfte.

Fasziniert beobachtete sie, wie unglaublich konzentriert Jenno dabei war, wie seine Augen von innen heraus leuchteten, sein Gesicht, ja seine ganze Gestalt während der wenigen Augenblicke von einem Strahlenkranz umgeben schien. Und noch größer wurde ihr Staunen, als sie sah, dass auf einmal auch ihr Freund aus diesem feinen Regenbogengeflecht zu bestehen schien. Einen Moment sah er aus wie ein zwölfjähriger Junge, um gleich darauf fast im Licht zu verschwimmen.

So beeindruckt von all dem Wunderbaren, das sie vor sich sah, war Marjanna, dass sie gar keine Fragen stellen, nur ihren Kameraden unverwandt mit großen Augen anblicken konnte.

Jenno schien ihre Empfindungen zu spüren, denn er wandte sich sogleich seiner Freundin zu: „Das Licht und die Farben,“ sprach er, „entstehen durch die Liebe. Wenn Menschen ihre traurigen Gedanken aussenden und ich sie auffange, wie du gesehen hast, dann öffne ich mein Herz ganz weit und schicke ihnen viele gute Gedanken voller Liebe und Mitgefühl, die sie trösten und ihnen Mut machen sollen. So wandeln sich die grausilbernen Gedankenfäden von Herzeleid und Traurigkeit um zu Träumen aus Licht und Farben: den Regenbogen, den du hier siehst ...“

Da war mit einemmal Marjannas frohe Stimmung wie weggeblasen. Ihr Herz wurde plötzlich so schwer, und sie musste an ihre kranke Mutter denken ... Ganz leise fragte sie:
“Sind meine Gedanken auch dabei?“

Da lächelte Jenno sie liebevoll an und ergriff ihre Hand: „Auch dein Herzeleid ist Teil des Regenbogens. Deshalb habe ich dich ja auch abgeholt! Schau, ich will dir etwas zeigen,“ setzte er hinzu.
Mit der behutsamen Geste, die Marjanna nun schon kannte, glitt er mit der Hand an ihren Augen vorbei – und Marjanna konnte einen Ausruf des Erstaunens nicht unterdrücken:

„Oh, so viele Kinder!“ rief sie.
Tatsächlich, um sie und Jenno herum wimmelte es von Kindern. Einige schauten voll Staunen auf den Regenbogen, andere schienen einem Kameraden zuzuhören, wieder andere machten weitausholende Gesten, wie sie es bei Jenno gesehen hatte. Und alle hatten frohe Gesichter! Manche winkten Marjanna und Jenno zu und lachten dabei, und Marjanna winkte und lachte zurück. So leicht war ihr auf einmal geworden! Und, ihr Herz machte fast einen Luftsprung, da war doch ein Junge, den sie kannte! Das war doch der Peter aus ihrer Klasse! Marjanna wusste, dass Peters Vater vor kurzem verstorben war und dass ihr ehemals fröhlicher Klassenkamerad seitdem sehr traurig und verschlossen geworden war. Und hier lachte er und hatte ganz helle, frohe Augen!

Und Marjanna spürte, wie die heitere Stimmung der anderen Kinder sie ansteckte.

Und sie fragte: “Wo kommen all diese Kinder hierher? Auch der Peter aus meiner Klasse ist da!“

„Sie haben alle ein großes Herzeleid, so wie du,“ erklärte ihr Freund. „Wir Hüter des Regenbogens, verwandeln nicht nur traurige Gedanken in Licht und Farbe. Wir holen auch die traurigen Menschen zu uns, um ihr Herz froh zu machen. Dann, wenn sie am traurigsten sind. So wie ich dich abgeholt habe.“

„Aber,“ meinte Marjanna nachdenklich, „es gibt doch auch traurige Erwachsene,“ und dachte dabei an ihren Vater.

Jenno nickte: „Sehr viele sogar. Aber die meisten Erwachsenen haben es verlernt, mit den Augen des Herzens zu sehen. So sehen sie uns nicht, auch wenn wir kommen, um sie zu holen. Nur die Kinder und ganz wenige Erwachsene können noch mit dem Herzen schauen,“ meinte er.

Und da erkannte Marjanna nun doch auch einige wenige Erwachsene, die sie zuvor in der ganzen Schar übersehen hatte. Auch sie hatten so frohe, glückliche Gesichter, wie sie es nur ganz, ganz selten bei Erwachsenen gesehen hatte ...

„Und jetzt,“ sagte Jenno und fasste seine Freundin an beiden Händen und sah ihr ernsthaft ins Gesicht, „jetzt müssen wir beide etwas dafür tun, dass du wieder mit einem frohen Herzen von hier nach Hause gehen kannst.“
Marjanna blickte ihn fragend an, und ihr Kamerad fuhr fort: “Du darfst dir etwas wünschen – nein, einen Moment noch!“ wehrte er ab, als er sah, wie Marjanna schon den Mund öffnete, um etwas zu sagen.

„Zuvor musst du beweisen, dass dein Wunsch dir wirklich wichtig ist und dass es auch das Richtige ist, das du dir wünschst!“

Ganz langsam und mit Nachdruck hatte Jenno gesprochen, und er konnte beobachten, wie seine Worte in Marjannas Herz hineinfielen. Sie zog die Stirne kraus und dachte angestrengt nach. Dann nickte sie und fragte: „ Was muß ich tun?“

„Pass auf,“ begann Jenno, „es ist eine Mutprobe, die du zu bestehen hast. Wenn du an dein Herz und an deinen Wunsch glaubst, zu dir selbst Vertrauen hast, wird alles ganz leicht gehen. Du musst nur dein Herz ganz weit öffnen und dich ganz fest auf deinen Wunsch konzentrieren,“ betonte er.

Marjanna nickte. Das kannte sie. Es war wie in der Geschichte ihrer Großmutter vom Hirtenjungen.

„Du wirst den Regenbogen hochklettern, bis ganz oben, wo er am höchsten ist,“ erklärte Jenno weiter. „Wenn du die höchste Stelle erreicht hast, darfst du dir etwas wünschen! Aber vergiss niemals, an dein Herz und an deinen Wunsch zu denken!“ mahnte er noch.

Nun erschrak Marjanna aber doch. Der Regenbogen stieg so unendlich hoch in den Himmel hinauf! Ihr würde schwindelig werden! Und am Ende würde sie hinunterfallen und ...
„Janna!“ riss der Freund sie aus ihren ängstlichen Gedanken. „Denke nur an dein Herz und an deinen Wunsch!“

Sie nickte tapfer und dachte an ihre kranke Mutter und wie lieb sie sie hatte.

Und nun sah sie auch, wie alle die vielen Kinder zum Anfang des Regenbogens strömten und sich ordentlich in einer Reihe anstellten.

Jenno und sie reihten sich ebenfalls ein, und Marjanna überlegte schon, wie lange sie wohl warten müsste bei den vielen Kindern ...

Doch kaum hatte sie darüber nachgedacht, als sie auch schon an der Reihe war.

Marjanna holte tief Luft als sie unmittelbar vor dem hoch sich aufwölbenden Band des Regenbogens stand und dachte fest an ihre Mutter; sie hob den Fuß - und spürte kleine feste Stufen, die wie eine Treppe nach oben führten. Wie bei der schimmernden Brücke!

Und Marjanna kletterte und kletterte. Sie spürte gar nicht, wie Jenno hinter ihr kletterte und hörte nicht, wie er von Zeit zu Zeit ihr etwas zurief. So sehr konzentrierte sie sich auf jeden Schritt.

Zu Beginn hatte sie weder nach oben noch nach unten geschaut, nur auf die Stufen direkt vor ihr. Dann aber, als sie sich sicherer fühlte, begann sie um sich zu blicken, sah die Stadt unter sich. Immer kleiner wurde die Häuser und Straßen unter ihr, lösten sich schließlich auf in den schimmernden Tönen des Regenbogens.
Die letzten Stufen noch – und Marjanna hatte die höchste Stelle des Regenbogens erreicht. Seine leuchtenden Farben erfassten die ganze Umgebung, waren überall. Alles schien auf einmal Regenbogen zu sein, aus federleichten, glitzernden Fäden zu bestehen. Vorsichtig berührte Marjanna einen der schimmernden Stränge. Eine wohltuende Wärme durchdrang ihre Hand, erfüllte ihr Herz. Und Marjanna dachte, dass es so vielleicht im Himmel sein müsste ...

Jenno stand neben ihr und nickte ihr zu.
Da wusste sie, dass der Augenblick gekommen war für ihren Herzenswunsch.

Und ihr Herz öffnete sich ganz weit, hob seine Flügel und war im Nu am Krankenbett ihrer Mutter. Marjanna sah sie reglos liegen und spürte die düstere Stille des Krankenzimmers fast körperlich, nur unterbrochen von den leisen Tönen der Geräte ... Ein Gefühl von Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit wollte ihr Herz überfluten. Vergessen war der leuchtende Regenbogen, vergessen war Jenno, die Mutprobe und ihr Wunsch. Marjanna begann zu weinen, wurde überwältigt von einem Gefühl der Verlassenheit ...

Da spürte sie, wie eine Hand die ihre ergriff und schrak auf. Sah in die dunklen Augen von Jenno.

„Denke an dein Herz und an deinen Wunsch!“ mahnte er und sah sie eindringlich an. Und Marjanna erinnerte sich wieder an die Geschichte ihrer Großmutter von dem kleinen Hirtenjungen.
Sie schloss ihre Augen und dachte ganz fest daran, wie sehr sie ihre Mutter liebte und wie innig sie sich wünschte, dass sie wieder ganz gesund werden würde. Sie sah ihr liebes Gesicht, wie sie es aus gesunden Tagen kannte. Und da lächelte die Mutter sie liebevoll an.

Auf einmal fühlte Marjanna eine Freude in ihrem Herzen hochsteigen, sie meinte, leicht wie eine Feder zu sein, fliegen zu können. Ihr Herz begann vor Freude und Glück zu leuchten.

Und sie sah die schimmernden Farben des Regenbogens wieder, sah Jennos lachende Augen, und mit einem Mal saß sie mitten in den leuchtenden Farben und spürte, wie sie sanft nach unten glitt. Immer schneller ging es hinab, immer sausender wurde der Wirbel der Farben um sie herum.

Plötzlich hörte sie Jenno rufen: „Janna, Janna!“ Er fasste sie von hinten an den Schultern, begann sie zu schütteln, zuerst leicht, dann immer heftiger, so dass sie sich schließlich fast unwillig umdrehte –

und schaute in das aufgeregte Gesicht ihres Vaters!

Er stand vor Marjannas Bett und versuchte sie zu wecken, rüttelte sie an der Schulter, rief ihren Namen.

„Janna, wach auf!“ rief er, „die Mutter wird wieder gesund!“

Marjanna wusste für den Moment gar nicht wo sie war. Sie rieb sich die Augen, noch ganz gefangen in ihren Erlebnissen mit Jenno und dem Regenbogen.

„Janna, der Mutter geht es besser!“ hörte sie wieder ihren Vater.

Mit einem Ruck setzte sich Marjanna auf. Der Mutter geht es besser! Wie sehr sie sich das gewünscht hatte!

Und der Vater erklärte ihr, dass er soeben vom Krankenhaus einen Anruf bekommen hatte. Die Mutter hätte die Augen geöffnet und sei auch sonst ansprechbar.

„Die Krisis ist überstanden! Und es ist sehr gute Aussicht, dass sie wieder gesund wird!“ Voller Freude war die Stimme des Vaters, als er seiner Tochter das alles erzählte. Und er hatte ganz helle, frohe Augen.

Nun war Marjanna ganz wach. So schnell hatte sie sich noch nie gewaschen und angezogen, und im Handumdrehen waren Vater und Tochter unterwegs zum Krankenhaus.

Als Marjanna dann vor dem Bett ihrer Mutter stand und in ihre lächelnden Augen blickte, da spürte sie wieder, wie ihr Herz ganz weit wurde und vor Freude und Glück zu leuchten begann.

Auf dem Heimweg vom Krankenhaus kam ihnen eine Gruppe von Kindern entgegen. Einer der Jungs blinzelte Marjanna fröhlich zu.
Hatte er nicht dunkle Knopfaugen und einen ungebändigten schwarzen Haarschopf gehabt?
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.04.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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