Jakob Kappert

Zwei Zyklopen

 

„Wie hoffentlich alle sehen, kämpfen die beiden Zyklopen am Grund diese Kraters auf Leben und Tot; einer ohne Arme, der andere ohne Beine, beide vom Wuchs eines kleinen Berges. Warum sie einander bekämpfen, weiß keiner so genau, aber es wird allgemein hin angenommen, die beiden unterlägen ihrem jeweiligen Irrglauben, aufgrund ihrer Körperlichkeit der Überlegene zu sein. Sollten die fehlenden Gliedmaßen jedoch die Bilanz ihres brutalen Kampfstils sein, fällt diese Option wohl getrost weg.

Da es sich bei diesen Zweien um die beiden letzten Exemplare ihrer Art handelt, wird ebenfalls erwogen, dass ihr ohnehin ausgeprägtes Konkurrenzverhalten sich sosehr steigerte, dass es ihren biologisch diktierten Drang zur Arterhaltung überschattet. Wie gesagt, alles nur Spekulationen. Wenn Sie mich fragen, wissen die beiden selber nicht, warum sie kämpfen.

Aufgrund der hohen Lebenserwartung von Zyklopen lässt sich der Beginn ihres gewalttätigen Disputs – sofern er denn einer ist – nicht exakt zurückdatieren. Die einzige Erkenntnis, die sich anhand von Protokollierungen lokaler Historiker oder anderer, weniger ambitionierter Zeitzeugen gewinnen lässt, ist jene, dass der Krater, den unsere Raufbolde als Kolosseum nutzen, früher noch nicht existierte. Damals, so heißt es, wuchs hier ein prächtiger Wald, dessen eindrucksvolle Fauna und Flora die wundersamsten Gewächse und Fabelwesen in sich collagiert haben soll. Heute, naja; im Krater wachsen ein paar Disteln. Während der Äonen der Kampfeswut und der damit einhergehenden ... wie soll ich sagen ... 'zyklopischen Erosion' trug sich Schicht um Schicht des florierenden Untergrundes ab, wurde zerstört, eingestampft, bis sich irgendwann - na wer errät es? - ein Krater bildete.

So und nun liebe Zyklopenfreunde können Sie sich selbst ein Bild des Geschehens machen - sofern Sie eine Kamera mitführen. Ha. Ha. Ach ja, sollten ein paar von Ihnen das Bedürfnis nach einer kleinen Stärkung verspüren, die Fischbrötchen von Freds Fischbrötchenstand sind wärmsten zu empfehlen!“

Während ich mich vom wieder wiederholtem Rekapitulieren der Pseudozyklopeninfos genervt an die Seitenwand von Freds lehne und dessen perverse, zu einem Zyklopenauge arrangierte Spezialität hinunterwürge, schweift mein Blick über die ununterbrochen frequentierenden Touristenscharen, welche sich, angeführt von ebenso dynamischeren Fremdenführern wie mir, in kleinen Gruppen Schulter an Schulter am Kraterrand drängen und ihre schmalen Giraffenhälse so weit über das Geländer recken, wie es die Giraffenanatomie zulässt.

Plötzlich geht ein Raunen durch die Reihen der Schaulustigen. Eine Gruppe schelmisch aussehender Jungen reißt triumphierend die Fäuste hoch. Sie jubeln? Alle jubeln! Ich schmeiße den Rest der Fischbrötchenscheußlichkeit über die Schulter, wische die fettigen Hände an der Jeans ab und bahne mich durch die nun regelrecht applaudierende Menge.

Am Geländer angekommen offenbart sich mir ein selbst unter den gegebenen Umständen einzigartiger Anblick und ich stimme in den Jubel ein. Grund ist nicht weniger als die Aussicht auf die noch heutige Siegeskrönung des wohl epischsten Schaukampfes der Geschichte.

Sollte schon ein Trinkgeld wert sein!

Alle Blicke fokussieren dasselbe: Das unablässig von den Fäusten des einen bearbeitete Gesicht des anderen Zyklopen. Unkoordiniert nach Luft tretend, liegt der andere am Boden, unfähig den einen, der auf ihm steht, so von sich herunterzubekommen. In der Höhle, in der zuvor sein kostbares Auge saß, schwappt blutiger Kollagenbrei im Takt der Schläge hin und her und über das Gesicht. Endlich ist es soweit. Der andere ist tot.

Frenetischer Applaus!

Die Touris sind außer Rand und Band, pfeifen, springen in die Luft, umarmen sich, einige tauschen Geldbeträge aus, irgendwer wirft eine Erdnusstüte in Richtung des Siegers und last but not least, fotografieren alle wie die Bekloppten. Vom ausschweifendem Gegröle seiner Groupies und dem Blitzlicht geködert, schaut der Zyklop auf eine unangenehme Weise, die mehr Aufmerksamkeit voraussetzt, als mir lieb ist, zu uns herüber. Blitzschnell springt er von der Leiche und prescht, das Gesicht von ungebrochener Siegesmanie erfüllt, die Zähne gefletscht, auf uns zu. Er ist schnell, verdammt schnell. Auf seinen kleinbusformatigen Händen legt er pro Satz etwa hundert Meter zurück. Rückwärts drücke ich mich vom Geländer weg, stoße jedoch auf eine lückenlose Wand aus Leibern.

„Eh, Leute … “ beginne ich, doch beenden tut das ernüchternde Gekreische einer Frau:

„ER KOMMT DIREKT AUF UNS ZUUU!“

Die Freudenschreie metamorphosieren zu Angstschreien. Die Wand bröckelt; panisch stürmen ihre Bestandteile durch- und übereinander, schubsen beiseite, was langsamer ist als sie. So auch mich. Ich stolpere und falle das Gesicht voran in den aufwirbelnden Staub. Wer auch immer meinen Sturz zu verantworten hat, trampelt rücksichtslos über mich hinweg. Durch das Beingeäst der darauffolgenden Trampler sehe ich, wie sich am Kraterrand vier meterlange Finger erheben, auf das robuste Stahlgeländer legen und dieses zerdrücken, als wäre es nur ein Streichholzkonstrukt. Als die zweite Hand und das gewaltlüsterne Gesicht des Zyklopen dazukommen, stehe ich wieder und remple alles und jeden beiseite. Furcht sticht Courage; war schon immer so.

Hinter mir ertönt ein erstes ohrenbetäubendes WUMS, gefolgt von einem Erdbeben Stärke 4 und einem Massenstolpern. Ich trudel, bleibe aufrecht. Ohne mich umzudrehen, renne ich weiter. Der Boden ist erschreckend weich an manchen Stellen. Dann schallt ein zweites, weniger intensives, nicht weniger beängstigendes WUMS und direkt darauf ein drittes und viertes und fünftes; allesamt sekundiert von einer Reihe Schmerzensschreie.

WUMS

WUMS

WUMS

WUMS

Ich brauche meine Augen nicht, um die Bedeutung dieser Steigerung zu realisieren. Durchs Adrenalin zu Höchstleistungen angespornt, breche ich sämtliche Athletenrekorde. Mein Körper fliegt geradezu über die

WUMS

Der letzte Wums ist so heftig, dass es mich glatt von den Beinen reißt. Ich rolle ein paar Meter und verharre regungslos: Nagerinstinkte: Tot stellen!

Ein gigantischer Schatten schiebt sich zwischen mich und die Sonne.

Eine Handfläche.

WUMS

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.04.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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