Manfred Bieschke-Behm

Ostern, wir und Goethe

 


Kannst du dich erinnern an Ostern 1969? Was hatten wir uns gefreut auf unseren ersten gemeinsamen Urlaub. Wir hatten uns vorgenommen, den Bergen ganz nah zu kommen. Vielleicht sogar einen Gipfel zu erklimmen. Ausschlafen, gutes Essen, gesunde Luft wandern, das war das, worauf wir uns freuten. Das Wichtigste für uns aber war, Tag und Nacht zusammen zu sein. Freunde hatten uns berichtet, wie schön es gerade um Ostern herum in den Bergen sein kann. Wenn ihr Glück habt, so erzählten uns Freunde blühen im Tal die Wiesen und von oben grüßen euch schneebedeckte Berggipfel. Unsere Vorfreude kannte keine Grenzen.
Endlich, nach nicht enden wollender Bahnfahrt standen wir auf dem kleinen verträumten Bahnhof unseres Urlaubortes. Wir schauten uns an, setzten unsere Koffer ab, nahmen uns in die Arme und küssten uns. Der Lokführer machte sich einen Spaß, indem er uns mit einem schrillen Pfiff aus seiner Dampflok, aufschreckte. Blitzartig ließen wir voneinander ab. Wir schnappten die Koffer und liefen zielstrebig dem Feriendomizil entgegen.
Am nächsten Morgen wachten wir ausgeschlafen und gut gelaunt auf. Wie Königskinder, denen die ganze Welt gehört, freuten wir uns. Nachdem wir uns gereckt und gestreckt hatten, bist du zum Fenster gegangen hast die Fensterläden nach außen gekippt und gerufen: „Komm nur her. Sieh dir das an und genieße mit mir den schönen Ausblick.“
Gemeinsam blickten wir auf eine breite und lang gestreckte Wiese, durch die mittendurch ein schmal zu nennender Bach plätscherte. An wenigen Seitenrändern hielten sich Reste von gefrorenem Wasser. Der Winter hatte Spuren hinterlassen und sich noch nicht ganz verabschiedet. Die Morgensonne erreichte, dass kleine Eisfelder wie glänzende Spiegel funkelten. An einer Stelle entdeckten wir unter einer dünnen Eiskruste Schutz suchende gelb blühende Blumen. Vogelgezwitscher und die frische Luft waren genau die Mischung, die uns ein Gefühl für Urlaub spüren ließen. Ich erinnere mich, dass du plötzlich einen Freudenschrei ausriefst und ich entgeistert zusammen fuhr. Aus der Ferne grüßten uns schneebedeckte Berggipfel. „Da wollen wir hin“, hattest du gesagt und auf die Schneekuppen, die jetzt in der Morgensonne ganz besonders hell erstrahlten, gezeigt. Wir lehnten uns aneinander, stießen leicht mit den Köpfen zusammen, erschraken dabei und fingen an zu lachen, so wie gestern auf dem Bahnhof nach dem Pfiff der Lokomotive.
Am darauffolgenden Morgen, wir saßen bei offenem Fenster am Frühstückstisch, hatte ich dich gefragt ob wir in die Kirche gehen wollen, um dem Ostergottesdienst beizuwohnen. Du schautest mich irritiert an. “ In die Kirche?“, hattest du mich gefragt.„Was wollen wir in der Kirche. Wir sind doch nicht gläubig oder bist du gläubig, und ich weiß es nur nicht?“
„Muss man gläubig sein, um in eine Kirche gehen zu dürfen“,
hatte ich dich gefragt und dir gesagt, das die Kirchen für alle offen ist, egal ob gläubig oder nicht, egal welcher Konfession jemand angehört.“ Ob ich an Gott glaube“, hattest du mich gefragt. Ich gab dir zur Antwort: „Glaubt nicht ein jeder an irgendwas und irgendjemanden?“ Und ich fügte hinzu: „Die Christen feiern an Ostern die Auferstehung des Herrn, genau, wie sie Weihnachten die Geburt Christi feiern. Meinst du, das alle die an diesen besonderen Feiertagen Kirchen besuchen Gläubige sind?“ Kleinlaut hattest du mir eingestanden, dass dem wohl nicht so ist, und dass auch du an Weihnachten ganz gerne in die Kirche gehen würdest. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, das wir, ohne ein Wort zu wechseln den Feldweg entlang gegangen waren und aufpassen mussten nicht in einer steif gefrorenen Furche ins Straucheln zu geraten. Rechts und links befanden sich kahle Feldflächen nur hier und da zeigte sich frühlingshaftes Grün. Wir genossen den weiten Blick über die Äcker und vermissten die Möglichkeit zur Einkehr, um einen heißen Tee trinken zu können.
Bevor wir das Gotteshaus betraten, sahen wir aus allen Richtungen Einheimische festlich geschmückt daherkommen. Viele Frauen hielten Gesangbuch oder Bibel in gefalteten Händen. „Hier ist des Volkes wahrer Himmel“, hattest du gesagt und mich damit in Erstaunen versetzt. Auf meine Frage, woraus der Spruch stammen würde, erklärtes du mir, dass es sich um ein Zitat aus Goethes Osterspaziergang Faust I. Teil handelt.
„Ich wusste gar nicht, dass du dich bei Goethe so gut auskennst.“
Du weiß noch vieles nicht von mir“, erfuhr ich, während du mich verliebt angesehen hattest.

Das für die spärlich bebaute Umgebung verhältnismäßig große Gotteshaus war an jenem Morgen sehr gut besucht. Punkt zehn Uhr intonierte die Orgel „Lasset uns den Herren preisen“, ein Kirchenlied, das uns unbekannt war. Nur weil ich zufällig hörte wie eine Kirchgängerin ihrer Nachbarin den Titel des Liedes und die Seite im Gesangbuch nannte waren wir informiert.
Wir hatten unseren Platz in der vorletzten Reihe gefunden und hörten dem österlichen Geschehen zu, während wir uns die ganze Zeit fest bei den Händen hielten. Nach dem Schlussgebet hattest du mir zugeflüstert: „Ich glaube, wir bleiben für immer zusammen.“Ich erinnere mich, dass ich kurz davor war weinen zu müssen, mich aber gerade noch beherrschen konnte.
Der Gottesdienstbesuch für alle wurde beendet, indem uns Glockenklang hinausbegleitete. Der Pfarrer, der in der Eingangspforte stand, verabschiedete seine Gäste mit einem warmen Handschlag und wünschte „Frohe Ostern.“
Jeder Kirchgänger ging seinen Weg. Vermutlich gingen die meisten den Weg zurück, den sie gekommen waren. Wir taten es ihnen nicht gleich. Wir wollten noch nicht zurück zu unserer Ferienwohnung. Das Wetter war einfach zu verlockend und die Neugierde groß, Neues zu entdecken. Deshalb schlugen wir die entgegengesetzte Richtung ein. Er sollte uns zum Flusslauf bringen, der vor unserm Haus noch als Bachlauf erkennbar war. Ein in die Jahre gekommener Kahn, der vermutlich hier überwintert hatte, ließ sich vom leichten Wellenschlag hin und her schaukeln. Wir sahen dem Geschehen zu, umfassten unsere Hüften und träumten vor uns hin. „Venedig, ich verspreche es dir“, hatte ich dir zu geflüstert.„Eines Tages fahren wir nach Venedig. Vielleicht im nächsten Jahr zu Ostern.“
„Lass uns das hier und jetzt genießen und nicht an nächstes Jahr denken“,
bekam ich zur Antwort.
Während wir vor uns hinträumten, und flüsternd unterhielten war es uns entgangen, dass wir uns, am Rand der Osterfestwiese befanden auf der junge Burschen dabei waren lange Tischreihen und Bänke zusammenzutragen. „Hier bin ich Mensch, hier darf ich´s sein“, hörte ich dich sagen und dachte, bestimmt noch so ein Zitat aus Goethes Osterspaziergang. Insgesamt wurde es ein feuchtfröhlicher Nachmittag, der so ganz in unserem Sinne verlief.

Jetzt, 2019 steht wieder Ostern vor der Tür. Längst waren wir in Venedig und anderswo auf der Welt gewesen. Für Ostern dieses Jahr haben wir uns vorgenommen noch einmal dahin zu fahren, wo wir Goethes Osterspaziergang nachempfanden und die Liebe für uns entdeckten. Vielleicht schaffen wir es auf einen der schneebedeckten Berggipfel zu gelangen, und vor einem Gipfelkreuz stehend ins Tal zu sehen. Wir werden nicht hochklettern, das geht nicht mehr, aber wir werden uns mit einer Gondel ganz nach oben fahren lassen, um dem Himmel ein Stückchen näher zu sein. Vielleicht erspähen wir von oben die Kirche, in der wir uns vor fast fünfzig Jahre, ewige Liebe versprochen und, dass wir für immer zusammenzubleiben wollen und vielleicht gelingt es mir, dich mit einem Zitat aus Goethes Nachlass zu überraschen:

„Man kann niemand lieben, als den, dessen Gegenwart man sicher ist, wenn man seiner Bedarf.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.04.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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