Jürgen Wagner

Gilgamesch: der die Unsterblichkeit suchte und das Leben fand

Es war zu der Zeit, als die Götter noch mit den Menschen verkehrten. Da gebar die Göttin Ninsunna einen Sohn und gab ihm den Namen Gilgamesch. Sein Vater war ein König und auch der Sohn wurde schon früh Herrscher über die prächtige Stadt Uruk im Zweistromland. Mehr Gott als Mensch herrschte er so selbstsüchtig und willkürlich, dass die Menschen verzweifelt die Götter anriefen. Die schufen einen wilden Kerl mit Namen Enkidu, auf dass er mit ihm kämpfe und ihm die Grenzen aufzeige. Eine Tempeldienerin kleidete ihn und weihte ihn ein in die Liebe und in die Bräuche der Menschen.

Als Enkidu Gilgamesch trifft und ihn zum Kampf herausfordert, sind beide gleich stark. Sie schauen sich an, einer lobt den anderen. Sie bekommen Tränen in die Augen und umarmen sich. So werden sie Freunde. Sie beschliessen, miteinander ein Abenteuer zu unternehmen, nämlich die herrlichen Zedern aus dem Libanon in die Stadt zu bringen, damit man etwas bauen kann. Das ist nicht so einfach, denn der Wald wird von einem furchtbaren Geist bewacht, den noch keiner besiegt hat. Der Sonnengott Schamasch, der die beiden Gefährten unter seinen Schutz genommen hatte, verspricht zu helfen. So lassen sie sich Beile und Schwerter anfertigen und ziehen in den Libanon. Als sie auf den Waldwächter treffen, wird es ein schwerer Kampf, aber sie töten ihn, fällen seine Zedern und bringen sie auf dem Fluss heimwärts.

Als Gilgamesch wieder in Uruk ist und ein Bad nimmt, erblickt die Göttin der Stadt den schönen und großgewachsenen Helden. Ischtar macht ihm ein Liebes- und Heiratsangebot, aber er lehnt schroff ab. Er fordert sie auf, doch auf den Straßen der Stadt nach einem Mann zu suchen, wenn sie dessen bedürftig ist. Tief gekränkt und weinend geht Ischtar zum Göttervater und drängt ihn, ihr den Himmelsstier zu geben, um Gilgamesch zu töten. Der Göttervater will so weit nicht gehen, aber sie droht, den Erdboden zu spalten und die Totengeister heraufzuholen und über die Lebenden zu bringen, wenn er ihr diesen Wunsch nicht erfüllt. Wider Willen lässt er sich darauf ein und sie führt den Stier an der Leine hinab nach Uruk. Aber Enkidu und Gilgamesch töten den Stier gemeinsam, als er in die Stadt kommt. Da verflucht Ischtar Gilgamesch, doch die Freunde feiern mit einem Festgelage ihren Sieg. Der Fluch jedoch sollte bald zu wirken beginnen.

Den Göttern war es nun doch zu viel, dass die beiden erst mal aus Abenteuerlust den Waldwächter umbrachten und dann auch noch den geflügelten Himmelsstier erledigten. So schicken sie Enkidu eine Krankheit, an der er stirbt. Gilgamesch kann den Tod seines Freundes gar nicht fassen und irrt vor Trauer und Angst in der Steppe umher. Er begreift zum ersten Mal, dass auch er selbst sterblich ist. Er bestattet seinen Freund feierlich und verlässt zum zweiten Mal die ihm anvertraute Stadt Uruk. Er will zu Uta-napischti, der als einziger mit seiner Familie die Sintflut überlebt hat und von den Göttern in die Unsterblichkeit aufgenommen wurde. Von ihm will er erfahren, wie auch er selbst in den Genuss des ewigen Lebens kommen kann.

Als Gilgamesch im östlichen Gebirge auf Löwen trifft, die ihm den Weg versperren, erwacht seine Kampfbereitschaft aufs neue. Er erlegt die Raubtiere. So kommt er endlich zum Zwillingsberg, auf dessen Gipfeln der Himmel ruht. Hier geht die Sonne jeden Morgen aus und kehrt am Abend wieder ein. Das Tor zu diesem Berg wird von einem Paar Skorpionmenschen bewacht, die Gilgamesch aber durchlassen, als er ihnen sein Vorhaben erklärt. Er geht durch das Tor und betritt den bezaubernden Edelsteingarten in der jenseitigen Welt. Er kommt an ein Wirtshaus, wo ihn die Wirtin, in der sich Ischtar verbirgt, empfängt. Er stellt sich ihr vor und erzählt von seinen Heldentaten, aber sie fragt ihn nur, warum er dann so heruntergekommen und abgerissen vor ihr stehe. Da gesteht Gilgamesch, dass es die Trauer um seinen Freund und die Todesfurcht sind, die ihn auf diese Reise gebracht haben. Er bittet sie, ihm den Weg zu Uta-napischti zu zeigen. Sie macht ihm unmissverständlich deutlich, dass er das Leben nicht finden wird, das er sucht. Besser wäre es, das Leben zu genießen und seinen Pflichten nachzukommen. Aber er lässt sich nicht abbringen und so zeigt sie ihm schließlich doch den Weg.

Er muss dazu die 'Wasser des Todes' überqueren. Am Ufer liegt ein Schiff, das von einem Fährmann gesteuert und von steinernen Wesen begleitet wird, denen der Tod nichts anhaben kann. Gilgamesch will das Schiff mit Gewalt an sich bringen und tötet zuerst die Steinernen. Da bedroht ihn der Fährmann mit erhobener Axt. Da setzt in Gilgamesch eine Wandlung ein. Zum ersten Mal verzichtet er auf Kampf und Gewalt. Das bewegt den Fährmann, ihn zu verschonen und überzusetzen. Da die Steinernen und ihre Kraft fehlen, kommen sie nur an, weil Gilgamesch das Gewand des Fährmanns in den Wind hebt und so das Segel erfindet. 

Kaum sind sie ans Ufer gelangt und treffen den berühmten Uta-napischti, bestürmt Gilgamesch ihn schon mit Fragen über die Sintflut und die Unsterblichkeit. Doch dieser versteht nicht, warum dieser von den Göttern reich bedachte, von der Selbstsucht getriebene König ständig der Trübsal hinterherjagt statt seine Gaben für die einzusetzen, die seine Schutzbefohlenen sind. Gilgamesch solle für die Menschen da sein und dafür sorgen, dass die seit der Sintflut vergessenen Kult- und Opferregeln wieder eingeführt werden, so dass das Verhältnis zwischen Göttern und Menschen wieder harmonisch wird. Er lehrt ihn, dass alles seine Zeit hat – und uns dann der Tod unweigerlich dahinnimmt.

Gilgamesch aber dringt weiter in ihn und will wissen, wie er es denn geschafft habe, unter die Unsterblichen aufgenommen zu werden. Uta-napischti erzählt ihm die ganze Geschichte von der Sintflut und wie er überlebt hat. Die Götter, die es schon bereut hatten, den Menschen überhaupt geschaffen zu haben, mussten sich darüber klar werden, warum sie dann trotzdem einen retteten und das Menschengeschlecht von neuem zum Leben verhalfen. So nahmen sie ihn unter sich auf. Aber das Menschlein Gilgamesch, das von selbstsüchtiger Angst getrieben wird, würden sie nie in die himmlische Ratsversammlung führen. Wenn er dennoch glaube, dies erreichen zu wollen, dann möge er doch zuerst mal den kleinen Bruder des Todes, den Schlaf besiegen! 

Uta-napischti gibt Gilgamesch diese Prüfung: er solle einfach mal sieben Tage und Nächte versuchen zu wachen. Der nimmt sie an, schläft aber bei erster Gelegenheit ein. Als er wieder erwacht, erkennt er sein Versagen. Uta-napischti tröstet ihn mit dem Hinweis auf die Pflanze der Unsterblichkeit, mit der er immerhin seine Jugend wiedergewinnen könne, wenn er sie fände.

Ohne zu zögern gräbt Gilgamesch einen Schacht und lässt sich in die Tiefen des Urgrundes und der Urwasser hinab. Er findet das Lebenskraut, reißt es aus, treibt nach oben und die Wasser spülen ihn wieder an die Ufer seiner eigenen Welt. So hat er doch immerhin eine Pflanze von seiner langen Reise mitgenommen, mit deren Hilfe ein alter Mensch jung werden und seine Lebenskraft wieder erlangen kann. Gilgamesch will nun zurück in seine Stadt und die Pflanze an sich und an den Menschen erproben. Als er unterwegs einen kühlen Teich findet, macht er Rast und badet darin. Eine Schlange riecht den Duft des kostbaren Krautes, raubt und frisst es. Schon auf dem Rückweg in ihr Versteck wirft sie ihre alte Haut ab und erneuert sich. Als Gilgamesch aus dem Wasser kommt, sieht er, was geschehen ist und ist untröstlich. Nun war doch alles umsonst, vergebens hat er gekämpft und gelitten.

Als alles verloren ist, wird Gilgamesch frei. Als er die Mauern seiner Stadt wiedersieht, die er erbauen ließ, versteht er die Lehren, die ihm unterwegs mitgegeben wurden. Er kehrt als König zurück, führt die alten Ordnungen wieder ein, bringt nach dem Weltgericht Götter und Menschen wieder zueinander und wird der ‚gute Hirte‘ seines Volkes, der seine Aufgaben wahrnimmt. Erst hierdurch wird er sich 'ewigen' Ruhm erwerben, so dass Generationen nach ihm noch seine Geschichte erzählt wird.

 

Anmerkung: Die erste und älteste große erzählende Dichtung der Weltliteratur stammt aus Mesopotamien. Sie ist etwa 4000 Jahre alt und berichtet vom Leben des legendären Königs von Uruk, Gilgamesch, den es historisch wohl gegeben hat. Es beinhaltet eine starke Freundschaft, weissagende Träume, eine Jenseitsreise zum babylonischen Noah, der als einziger die Sintflut überlebte, das Kraut der Unsterblichkeit, den Waldgeist des Libanon, eine verliebte Göttin, eine Tempeldienerin, die einen Wildmenschen zähmt u.a. m. ‚Verglichen mit den Reiseerlebnissen des Gilgamesch waren die Irrfahrten des Odysseus „Clubschiff Aida“‘ (Nicole Leurpendeur). Teile der Bibel fußen auf ihm, einige Motive finden wir im Homer wieder. Es wurden in den letzten Jahren neue Textteile gefunden, so dass mit nunmehr 2/3 des alten Textbestandes jetzt eine durchgehende Handlung rekonstruierbar ist. Ich habe hier mal versucht, das Epos in eine überschaubare, gekürzte Erzählfassung zu bringen.

Literarischer Bezug: Eine gut lesbare Fassung des immer noch fragmentarischen Werkes bietet Stefan M. Maul, Das Gilgamesch-Epos neu übersetzt und kommentiert, 2005.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.04.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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