Heinz-Walter Hoetter

Der Fall T-Bird (Teil 5)


 

Random & Shannon

Ermittlungsagentur NEW YORK

 


 


 


 


 

Der Fall T-Bird (Teil 5)



Mr. Lee Breedys riesiger Besitz befand sich außerhalb von Terrania Bay City auf einer breiten Landzunge mit einem eigenen Landeplatz für senkrecht startende Flugzeuge und einem gewaltigen Jachthafen. Schon vom leicht abfallenden Boulevard hatte man mit einem normalen Fernglas einen guten Blick darauf, obwohl das Anwesen weit weg lag.

 

Ehe ich mit meinem Schwebegleiter, den die Polizei dankenswerter Weise auf dem Hotelparkplatz abgestellt hatte, in die Privatstraße einschwenkte, die direkt zu dem Besitz führte, nahm ich den Gashebel zurück, um mir alles gut anzusehen.

 

Etwa eine Viertelstunde später erreichte ich eine der rot-weiß gestrichenen Schranken, die mich am Weiterfahren hinderten. Daneben stand ein kleines, weißes Wachhäuschen. Die Wachen waren keine Androiden, sondern Menschen.

 

Zwei Männer in weißen Hemden, eng anliegenden schwarzen Hosen, ebenso schwarzen Lederstiefeln und breiter Schirmmütze beobachteten mein Näherkommen. Beide sahen wie ehemalige Polizeibeamte aus, beide trugen eine moderne Laserpistole an ihrer Hüfte.

 

„Ich habe eine Verabredung mit Mr. Breedy“, sagte ich zum Fenster meines Gleiters heraus.

 

Einer der Wachleute kam zu mir heran. Seine Augen musterten mich argwöhnisch, und an seinem kurzen Nicken erkannte ich, dass weder mein eleganter Schwebegleiter noch ich bei ihm Zustimmung fanden.

 

„Name?“

 

„Mr. Random von Random & Shannon, Ermittlungsagentur New York“, sagte ich.

 

Er sah auf einer Liste nach, die er in der Hand hielt, winkte dann dem anderen Wächter zu, der die Schranke mit einem Knopfdruck nach oben fahren ließ.

 

„Fahren Sie geradeaus, biegen Sie an der Kreuzung links ab und parken Sie ihren Gleiter auf Platz Nr. 6, wo er automatisch angedockt und verriegelt wird.“

 

Ich nickte wortlos, legte vorsichtig den Gashebel nach vorne und schwebte langsam weiter. Die beiden Wachmänner starrten mich an, als wollten sie sich vergewissern, mich das nächste Mal wiederzuerkennen.

 

Nach einer halben Meile kam ich an ein massives Stahltor. Es war etwa fünf bis sechs Meter hoch, mit schweren Eisennieten beschlagen. Es bewegte sich auf einer Schiene surrend nach rechts. Dann erreichte ich eine sandbedeckte Privatstraße, fuhr an einen Hain und dann an kunstvollen, prächtig gestalteten, mit weiten Flächen kurzgeschorenen Rasens, Blumenbeeten, versenkten Rosengärten, reich verzierten Brunnen und spritzenden Wasserfontänen vorüber.

 

An der Kreuzung bog ich wie angewiesen nach links. Ich erreichte einen großen asphaltierten Platz, der durch weiße Linien in Parkstellen mit automatischen Andockvorrichtungen für Schwebegleiter ausgestattet war. An manchen Plätzen standen polierte Metallschilder mit Goldbuchstaben drauf.

 

Ich steuerte den Gleiter auf Platz Nr. 6, wo er automatisch angedockt und in einer geraden Parkstellung unverrückbar festgehalten wurde. Ich stieg aus und sah mir schnell ein paar Schilder an. Schild eins hieß: Mr. Breedy, Nummer zwei: Mrs. Breedy/Brand, Nummer drei: Mr. Hammersmith. Es waren noch viele andere Namen da, die mir allerdings nicht viel sagten.

 

„Sie sind beeindruckt, was?“ räusperte sich eine Stimme hinter mir. „Bedeutende Leute. Die nehmen sich so wichtig, dass sie noch daran krepieren werden.“

 

Ich drehte mich um.

 

Ein untersetzter Mann in einer weißen Wachuniform, die Mütze in den Nacken geschoben, grinste mich freundlich an. Sein Gesicht war von der Sonne braungebrannt und verschwitzt, und als er näher kam, roch er nach Alkohol.

 

„Die Welt ist voll von dieser Sorte Mensch.“

 

„Da haben Sie schon recht, aber der ganze aufgeblähte Quatsch hier ist doch nur vergeudetes Geld.“ Er deutete mit der rechten Hand auf die Schilder. „Als ob es ihnen etwas ausmachen würde, wo sie ihre sündhaft teuren Nobelkarossen parken.“ Seine kleinen, wachsamen Augen glitten über mich. „Suchen Sie jemand bestimmten?“

 

„Schon…, Mr. Breedy“, antwortete ich.

 

„Wirklich? Den lass ich Ihnen gern. Ich persönlich habe genug von diesem Kerl. Heute ist nämlich mein letzter Arbeitstag hier, und ich bin froh darüber.“

 

Der alte Wachmann beugte sich vor und klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter.

 

„Ich habe es früher nicht verstanden und versteht es heute immer noch nicht, warum alles Geld immer bei den größten Lumpenpack landet. Dieser verrückte Breedy ist nie mit was zufrieden. Seine Schuhe glänzen ihm nicht genug, seine protzigen Schwebekarossen müssen mehr poliert sein als die anderen, seine Rosen sind ihm zu klein, sein Essen ist ihm entweder nicht heiß oder nicht kalt genug. Dieser Mann ist irgendwie krank im Kopf. Der kann nicht glücklich sein. Hätte ich nur einen Bruchteil seines Vermögens, wäre ich glücklich wie ein Schneekönig, aber diesem Breedy ist nie was recht.“

 

Ich warf einen raschen Blick auf meine Uhr. Es war kurz vor drei. Ich musste mich beeilen.

 

„So ist die Welt nun mal, mein Guter. Wir beide werden sie nicht ändern können“, antwortete ich.

 

„Mit Ihrer Feststellung liegen Sie bestimmt richtig. Die Welt bleibt wie sie ist. Da kann man nichts machen. Ich würde mich gern weiter mit Ihnen darüber unterhalten. – Wann müssen Sie bei Breedy sein?“ fragte der Wachmann mich plötzlich.

 

„Ich soll um drei Uhr bei ihm sein, und man hat mir gesagt, er nimmt es einem übel, wenn man zu spät kommt und ihn warten lässt.“

 

„Das stimmt schon, aber bilden Sie sich nicht ein, dass Sie ihn auch um die vereinbarte Zeit zu Gesicht bekommen. Ganz so sicher ist das nicht. Ich habe Leute gesehen, die mussten viele Stunden warten, ehe sie zu ihm kamen. – Ich heiße Sie trotzdem willkommen. Für meine Person kann ich aber nur sagen, dass ich lieber einen Aussätzigen treffen würde, als den steinreichen Mr. Breedy.“

 

Ich wollte schon gehen, als mir plötzlich etwas einfiel.

 

„Was machen Sie heute Abend? Haben Sie schon etwas vor? Könnten wir uns um sechs Uhr treffen?“

 

Der Wachmann lächelte fröhlich.

 

„Ich habe schon etwas zu tun. Heute Abend um sechs wird gefeiert. Hab’s jedenfalls vor. Wenngleich auch nur im allerkleinsten Kreis. Zwei Jahre habe ich bei dem alten Schuft gearbeitet. Ich muss eine Menge trinken, um alles zu vergessen, was ich in dieser Zeit an Negativem erlebt habe. Warum fragen Sie?“

 

Tja, ich habe selten einen Grund zum Feiern“, gab ich ihm zur Antwort. „Es wäre einfach schön, wenn wir es zusammen machen würden, wenn Sie nicht schon fest verabredet sind.“

 

Der Alte starrte mich an. „Nun ja. Fest ist bei mir nichts. – Trinken Sie denn richtig?“

 

„Was glauben Sie denn? Bei besonderen Gelegenheiten schon. Dies könnte in der Tat eine sein.“

 

Nun, warum eigentlich nicht? Meine Frau schätzt es sowieso nicht, wenn ich Zuhause einen trinke. Draußen bin ich meistens allein, aber mit Ihnen zusammen soll es mir recht sein. Ich muss nur wissen, wo und wann wir uns treffen sollen.“

 

„Sagen wir mal so um sieben? Kennen Sie eine gute Kneipe?“

 

„Ja. Sie heißt Jimmys Club. Die ist sehr bekannt. Jeder kann Ihnen sagen, wo sie ist. Ich heiße übrigens Fuller, mein Vorname ist Ralph. Und wie heißen Sie?“

 

„Lester Random. Also dann, bis heute Abend, Mr. Fuller.“

 

„Darauf können Sie sich verlassen.“

 

Ich verließ den alten Wachmann, ging schnellen Schrittes die Stufen hoch, wandte mich nach links und marschierte rüber zum Haupteingang.

 

Das weitläufige Gebäude war sehr massiv und über drei Stockwerke hoch. Es hatte große Fenster, ein weinrotes Ziegeldach und die Wände waren mit weißer Farbe gestrichen. Im hinteren Teil, direkt an den Klippen, befand sich die Terrasse, die ringsherum von blühenden Schlingpflanzen gesäumt wurde. Von dort aus musste man einen prachtvollen Ausblick aufs Meer haben.

 

Ich hatte noch genau eine Minute Zeit, als ich auf den messingfarbenen Knopf an der Marmorwand für die Glocke drückte. Ein hagerer Zwei-Meter-Mann, im traditionellen Butler Anzug öffnete mir die Tür.

 

„Mr. Random?“

 

„Jawohl!“ sagte ich.

 

„Wenn Sie mir bitte folgen würden.“

 

Ich wurde durch die Halle in den Sonnenschein hinausgeführte, dann durch französische Türen und einen Gang zu einem Zimmer gebracht, das mit mindestens fünfzehn oder zwanzig tiefe Polstersessel und einem langen Edelholztisch ausgestattet war. An den Wänden hingen Gemälde weltberühmter Maler.

 

Sechs erschöpft aussehende Geschäftsleute mit flachen Aktentaschen in den Händen starrten mich mit benommener Gleichgültigkeit an. Sie mussten hier wohl schon lange warten, sodass sie offenbar das Gefühl für die Zeit schon gänzlich verloren hatten.

 

„Mr. Breedy wird Sie baldmöglichst empfangen“, sagte der Butler und verschwand so leise und glatt davon, als rollte er auf Rädern.

 

Ich nahm auf einen der Sessel platz und schaute mich interessiert im Zimmer um.

 

Keine fünf Minuten später wurde plötzlich die Tür aufgestoßen, und ein jugendlich wirkender, ziemlich schlanker, recht hagerer Mann, mit einem dieser Kinne, wie sie hochgestellte Wirtschaftsführer haben, kurz geschnittenem Haar und einer schwarzen Lederjacke, betrat den Raum.

 

„Das muss Hammersmith sein“, dachte ich halblaut vor mich hin

 

Die sechs Geschäftsleute standen stramm wie Zinnsoldaten, packten ihre Aktenkoffer noch energischer und reckten die Nase vor, wie Windhunde ihre Schnauze, wenn sie das Wild stellen.

 

Seine kalten, unfreundlichen Augen liefen über sie hinweg und blieben schließlich an mir hängen.

 

„Mr. Breedy ist bereit, Sie zu empfangen, Mr. Random.“

 

Als ich aufstand, sagte einer der wartenden Geschäftsleute: „Mr. Hammersmith, Sie werden entschuldigen, aber ich warte jetzt schon seit mehr als drei Stunden. Sie sagten vorhin, ich sei der nächste, den Mr. Breedy empfängt.“

 

Hammersmith schaute den Mann mit finsterem Blick an. „So, sagte ich das? Mr. Breedy bestimmt die Reihenfolge, nicht ich. – Hier bitte entlang, Mr. Random“, fuhr er zu mir gewandt fort. Er führte mich durch einen Gang in einen kleineren Vorraum, durch zwei Türen, die beide gepolstert waren, zu einer anderen, sehr massiven, aus solidem Eichenholz.

 

Hammersmith klopfte an, öffnete sie vorsichtig und sah hinein und sagte mit gedämpfter Stimme: „Mr. Random ist hier, Sir.“

 

Dann trat er einen Schritt zur Seite und winkte mir mit der rechten Hand zu und bat mich einzutreten.

 

Ich setzte mich in Bewegung und fand mich wenige Augenblicke später in einem Raum wieder, der mich an irgendwie an ein Museum erinnerte. Er war bestimmt an die zwanzig Meter lang, wenn nicht noch länger. Die hohe Decke war mit Stuckornamenten überzogen. Überall hingen sündteure Ölgemälde herum, vor denen Büsten berühmter Männer und Frauen auf kleinen Säulenfragmenten thronten. Am anderen Ende stand zwischen zwei großen Fenstern, die einen schönen Ausblick auf die Neptun Bay boten, ein altertümlicher Schreibtisch, der bestimmt so groß wie drei Billardtische war. Davor standen zwei tiefe Sessel. Links und rechts in den Ecken neben den Fenstern befanden sich jeweils zwei mittelalterliche Rüstungen mit geschlossenem Visier. Jeder Blechritter umklammerte mit seiner matt glänzenden Eisenfaust einen langen Speer.

 

Hinter dem mächtigen Schreibtisch saß ein kleiner, gebrechlich wirkender Mann, die klobige Brille, die wie ein nachgemachter Uhu aussah, nach oben auf die Stirn geschoben. Seine Haare waren schütter und grau. Sein Gesicht war schmal und sah knochig aus. Das kantige Kinn passte nicht ganz dazu. Die Gesichtszüge waren fein, der Mund wirkte zusammengepresst. Erst als ich der vollen Kraft begegnete, die in seinem Blick lag, erkannte ich, dass ich wirklich vor einem großen Mann stand.

 

Er fixierte mich mit einem eiskalten Röntgenblick, ließ mich durch den ganzen Raum kommen und hielt den Scheinwerfer seines durchdringenden Blickes auf mich gerichtet. Auf meiner Stirn bildete sich feiner Schweiß, als ich endlich seinen riesenhaften Schreibtisch erreichte.

 

Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und schaute mich in jener Weise an, wie man eine Schmeißfliege betrachtet, die einem in die Suppe geraten ist.

 

Er sagte nichts und zog die Pause absichtlich in die Länge. Dann sagte er in einer seltsam weichen, fast fraulich anmutenden Stimme: „Was wollen Sie von mir, Mr. Random?“

 

Inzwischen musste ich seinen Überlegungen zufolge völlig unterwürfig und Knie beugend geworden sein, dass ich vor ihm auf Händen und Füßen kriechen würde. Na ja, ich gebe zu, ich hatte ein flaues Gefühl im Magen, aber lange nicht so, wie er sich das wohl wünschte.

 

„Mr. Breedy, wie Sie bereits wissen bin ich von der Random & Shannon Ermittlungsagentur in New York. Vor weniger als einer Woche haben Sie meinen Partner Mark Shannon engagiert.“

 

Das schmale, knochige Gesicht vor mir blieb nichtssagend und kühl.

 

„Was bringt Sie auf die Idee, dass ich das getan hätte?“ fragte er.

 

Ich erkannte an seiner Frage, dass er sich nicht sicher war und dass er erst das Gelände erkunden wollte, ehe er seine schweren Geschütze auffährt.

 

„Wir führen eine Liste all unserer Auftraggeber, Mr. Breedy“, entgegnete ich ihm wahrheitswidrig. „Ehe mein Partner Shannon unser Büro verließ, hat er in einer Aktennotiz festgehalten, dass Sie ihn engagiert haben.“

 

Er legte seine Ellenbogen auf seinen Schreibtisch und seine Fingerspitzen gegeneinander. Auf diesen Bogen stützte er sein kantiges Kinn.

 

„Wissen Sie Mr. Random, ich muss jede Woche ein Menge Leute engagieren, um wichtige Arbeiten für mich verrichten zu lassen“, sagte er. „Ich erinnere mich nicht an einen Mark Shannon. Was soll das alles?“

 

„Mr. Shannon wurde kurz nach meiner Ankunft in Terrania Bay City ermordet aufgefunden“, antwortete ich und hielt seinem harten, durchdringenden Blick stand. „Ich nehme mal an, Sie wünschen, dass ich die Arbeit beende, die er für Sie übernommen hat.“

 

Er fasste sich mit der rechten Hand ans Kinn und klopfte mit dem Zeigefinger darauf.

 

„Und was denken Sie, was das für eine Arbeit sein soll?“

 

Ich ärgerte mich. Da war sie wieder, die verdammte Sackgasse. Ich wusste, dass ich früher oder später in sie hineingeraten würde. Aber ich hatte gehofft, ich könnte ihn durch einen Bluff aus seiner Deckung herauslocken. Hatte anscheinend nicht geklappt. Ich behielt trotzdem die Ruhe.

 

„Darüber wissen Sie mehr als ich.“

 

Er lehnte sich wieder in seinen Sessel zurück. Sein Gesicht war nach wie vor ausdruckslos, aber ich konnte sehen, dass seine Gedanken arbeiteten. Dann streckte er einen knochigen Finger aus und drückte auf einen Knopf.

 

Schlagartig ging rechts von seinem Schreibtisch eine Tür auf, und Hammersmith erschien so schnell, als habe er darauf gewartet, herbeigerufen zu werden.

 

„Holen Sie mir T-Bird!“ befahl Breedy, ohne seinen Blick zu heben.

 

„Natürlich. Sofort, Sir“, antwortete Hammersmith und verschwand.

 

Ohne ein Wort zu sagen warteten wir vielleicht dreißig Sekunden, dann klopfte jemand an die Tür. Sie öffnete sich und ein schlanker Androide kam herein. Ich erkannte diese Dinger sofort an ihrem seltsam fließenden Gang. Seine Augen waren klein, und in ihnen lag das wilde Glimmen, das man vielleicht in den Augen eines gereizten und bösartigen Orang-Utans finden kann. Seine künstlichen schwarzen Haare ragten über seinen Kragen hinaus. Er trug einen eng anliegenden Lederanzug, der an den Armgelenken eine wulstige Verdickung aufwies.

 

„Sehen Sie sich diesen Mann genau an, T-Bird“, sagte er. „Ich wünsche, dass Sie ihn nicht vergessen. Es kann ganz gut sein, dass Sie sich seiner irgendwann annehmen müssen. Es ist unwahrscheinlich, aber vielleicht ist er dümmer, als er aussieht. Speichern Sie seine Physiognomie ab, damit Sie ihn zweifelsfrei wiedererkennen.“

 

Der Androide T-Bird drehte sich mir zu und starrte mich an. Seine grausamen kleinen Augen glitten über mein Gesicht.

 

„Den kenne ich jederzeit wieder, Chef“, sagte der Maschinenmensch leise und rau. Breedy winkte ihn danach fort. T-Bird verließ unverzüglich den Raum.

 

Es folgte wieder eine kleine Pause, dann fragte ich: „Und was soll er mit mir tun? Soll er Hackfleisch aus mir machen?“

 

Breedy nahm seine klobig Brille von der Stirn und legte sie auf den Schreibtisch. Dabei schaute er mich durchdringend an.

 

„Um ganz ehrlich zu sein, Mr. Random, habe ich für Ermittlungsagenten nicht das Geringste übrig“, sagte er. „In meinen Augen sind Sie nur ein kleiner schäbiger Versager, der eine Neigung dazu hat, Erpresser zu werden. Ich habe Ihren Mr. Mark Shannon nicht engagiert, und es wäre mir auch nie in den Sinn gekommen. Ich würde Ihnen raten, sofort aus dieser Stadt zu verschwinden. Ein reicher Mann wie ich wird häufig von Typen ihrer Art belästigt. Es spart Zeit und Missverständnisse, Sie mit T-Bird noch näher bekannt zu machen. Er ist ein bemerkenswerter Androide. Eine Sonderanfertigung aus meiner neuesten Produktion…, sozusagen ein Einzelstück. Absolut treu ergeben und zuverlässig auf mich programmiert. Wenn ich zu ihm sage, dass mir ein Mann lästig wird, dann macht er es zu seiner Aufgabe, den Mann zu überreden, mir nicht lästig zu fallen. Ich habe nie nachgeforscht, wie er es tut, aber mir ist kein Fall bekannt, dass es ihm bisher misslungen wäre. So ist die Lage, Mr. Random. Ich hege auch nicht die Absicht, mit Ihnen etwas zu tun zu haben. Wenn Sie nicht glauben, dass Sie mir noch etwas von Bedeutung zu sagen hätten, können Sie jetzt gehen.“

 

Ich lächelte ein wenig über seine aufgeblasenen Worte. Sein durchdringender Röntgenblick, die Größe des Raumes mit all den Kostbarkeiten darin und die Respekt bietende Atmosphäre machten jetzt keinen Eindruck mehr auf mich. Wut kochte in mir hoch. Und das bedeutete eine ganze Menge, wenn ich mal so weit war.

 

„Doch, ich habe noch etwas zu sagen, Mr. Breedy“, antwortete ich ihm. Ich stützte meine Hände auf seinen Schreibtisch und starrt ihn ebenfalls ins Gesicht.

 

„Erstens hielt ich Sie zunächst für klüger, als Sie sind. Anfangs war ich mir nicht sicher, dass Sie meinen Partner Shannon engagiert hatten. Jetzt bin ich sogar davon überzeugt. Zufällig kritzelte Shannon Ihren Namen auf seine Schreibunterlage. Das war für mich der einzige Hinweis, den ich besaß. Ich hatte es für möglich gehalten, dass jemand ihm gegenüber Ihren Namen erwähnte und dass er während dieser Unterhaltung den Namen hinkritzelte. Ich kenne meinen Partner sehr gut. Es war so seine Art alte Marotte von ihm. Er tat es schon fast zwanghaft. Als ich Sie heute Mittag anrief, war ich fest davon überzeugt, dass Sie mich nicht empfangen würden. Ein Mann mit Ihrem Vermögen empfängt nicht irgendeinen kleinen Ermittlungsagenten, es sei denn, dass seine Absichten andere waren. Vielleicht wollten Sie mich mit einem Auftrag betrauen oder Ihnen geht was im Kopf herum, dass Sie nachts nicht schlafen lässt. Als Sie mir vor sechs bedeutend aussehenden Geschäftsleuten, von denen manche schon Stunden vor mir warteten, den Vorzug gaben, verriet das mir, dass in Ihrem Kopf Dinge herumgehen, die Sie nachts nicht nur wach halten, sondern Sie im höchsten Maße beunruhigen. Offenbar konnten Sie nicht länger warten. Sie wollten hören, wie viel ich wirklich wusste. Als Sie allerdings feststellten, wie wenig das war, riefen Sie Ihren Gorilla-Androiden und hielten ihn mir ein wenig unter die Nase. Sie dachten wohl, mich damit so einzuschüchtern, dass ich in mein Hotel zurückrasen, meine Koffer packen und wie ein geölter Blitz aus Terrania Bay City verschwinden würde. Tja, Mr. Breedy, das war nicht geschickt. Sie sollten doch inzwischen gelernt haben, dass manche Leute nicht leicht einzuschüchtern sind. Rein zufällig gehöre ich auch dazu.“

 

„Sonst noch was, Mr. Random?“ fragte Breedy trocken.

 

„Ja. Da ist noch was. Ich bin sicher, dass Sie Mark Shannon engagierten. Während er für Sie arbeitete, fand er offensichtlich etwas heraus, was irgend jemand nicht gefiel. Darum wurde er umgebracht. Meiner Überzeugung nach besitzen Sie den Schlüssel, der die Polizei zu seinem Mörder führen könnte. Ihrer Stellung entsprechend wünschen Sie aber nicht, in einen schäbigen Mordfall verwickelt zu werden. Denn wenn Sie darin verwickelt würden, müsste auch der Grund bekannt werden, weshalb Sie meinen Partner holten. Ich habe die Erfahrung gemacht; wenn ein reicher Mann, und Sie sind vielfacher Multimilliardär, sich soweit herablässt, jemanden wie Shannon zu engagieren, der extra aus dem weit entfernten New York anreisen muss, dass dieser Mann wohl eine ziemlich stinkige Geschichte anfassen sollte, von der niemand, der in Ihrer Stadt lebt, was erfahren soll. Nun, Shannon ist tot. Er war nicht nur mein Partner, sondern auch ein sehr guter Freund, trotz mancher Schwächen. Er hat eine Frau mit Familie, Mr. Breedy. Wenn die Polizei seinen Mörder nicht finden kann, dann kann ich es vielleicht. Niemand wird mich aufhalten, weder Sie noch Ihr Gorilla-Androide T-Bird.“

 

Ich stand auf und stieß mich vom Schreibtisch zurück.

 

„Das ist alles. Sie brauchen Ihren Lakai nicht zu bemühen, ich finde hier allein raus.“

 

Noch während der Butler versuchte, mich zum Ausgang zu führen, den ich selbst energisch anstrebte, sagte mir Breedy mit seiner weichen, weiblichen Stimme hinterher: „Behaupten Sie nicht, dass ich Sie nicht gewarnt hätte, Mr. Random.“

 

Seine letzten Worte klangen wie schwach klappernde Pingpongbälle, die auf der Tennisplatte an Schwung verloren.


 

***


 

Fortsetzung folgt irgendwann!

Teil 5

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.04.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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