Heinz-Walter Hoetter

Die Geschichte von Gott und den Menschen

Wer kennt sie nicht, jene Geschichte, die so beginnt: "Am Anfang war das Wort."

Am Anfang war das Wort und im Verlauf der Geschichte wurden es immer mehr Wörter, bis hin zu einem Buch.

Aber bleiben wir erst einmal beim Anfang.

Als Gott seine Geschichte sah, die sich bereits fertig in seinem gigantischen Gedächtnis-Speicher befand, gefiel sie ihm nicht gut, sondern sehr gut. Er stand ja einzig und allein im Mittelpunkt seiner Selbstdarstellungen, was ihm besonders gefiel.

Allerdings fand Gott, dass er seine bravouröse Schöpfungsgeschichte jemanden zum Lesen geben sollte, denn er kannte sie ja mittlerweile in- und auswendig, ja bisweilen war sie für ihn schon mehr als nur langweilig geworden. Deshalb wollte er sie in Zukunft nicht für sich allein behalten.

Schon bald hatte Gott eine großartige Idee, denn sein Wissen und Können waren so gut wie grenzenlos. Alles konnte er zwar auch nicht, aber das, was er konnte, machte er dann auch und zwar in höchster, handwerklicher Vollendung.

Er begab sich also auf die Suche nach einem geeigneten Planeten im Universum. Er scannte persönlich unendlich viele Himmelskörper in allen möglichen Galaxien und wurde schließlich sogar fündig, nämlich in einer Galaxie, die von den Menschen später "Milchstraße" genannt werden sollte.

Nun, der Planet, den Gott fand, war zwar nicht der größte, aber auch nicht der kleinste in dem betreffenden Sonnensystem. Er war der dritte Himmelskörper in dieser Konstellation und kreiste in einer elliptischen Bahn um eine helle Sonne, die offenbar noch recht jung war. Auch der Planet war noch in einem recht frühen Stadium seiner Entwicklung.

"Das scheint mir genau der richtige Planet für meine Geschichte zu sein", dachte Gott laut vor sich hin, war unglaublich begeistert und fing auch gleich mit seiner schöpferischen Arbeit an, die heiße, brodelnde Oberfläche des planetarischen Körpers mit gewaltigen Asteroiden zu bombardieren, die gigantische Mengen an gefrorener Ur-Materie in Form von Eis mit sich trugen.

Für Gott gibt es keine Zeit, weil er nur die Ewigkeit kannte. Uhren waren ihm daher unbekannt. Er arbeitete unermüdlich und ausdauernd vor sich hin. Irgendwann kühlte der Planet schließlich ab und überall bedeckte plötzlich Wasser die Oberfläche. Trotzdem war Gott noch nicht zufrieden.

"Das muss anders werden! Ich bin noch nicht fertig!" rief Gott mit lauter Stimme in die vor ihm einsam und wie verloren da liegende Urlandschaft, die zum größten Teil eben nur aus Wasser bestand. Dann schwieg er wieder und dachte darüber nach, was er als nächstes tun sollte. Er und seine Gedanken schwebten dabei allein über das weite, unendlich erscheinende Meer hinweg.

Da kam Gott abermals ein fantastische Idee.

Er wollte eine Kreatur erschaffen, die seine Geschichte auch lesen konnte, denn er brauchte ja Leserinnen und Leser oder Zuhörer für das, was er eigentlich ursprünglich nur für sich selbst geschrieben hatte.

Gott machte sich also gleich vor Ort wieder an seine komplexe Arbeit (in Wirklichkeit machte er ja nicht selbst, sondern ließ machen, eben durch seine überall gültigen kosmischen Gesetze). In seinen unendlich vielen Versuchen kreierte er alsbald eine Unmenge an Lebewesen, bis er plötzlich tatsächlich die richtige genetische Mixtur zusammen gestellt hatte, die es ihm ermöglichte, ein humanes Wesen werden zu lassen, genau nach seinem Ebenbilde, sprich Vorstellungen.

Und siehe da, Gott hatte endlich nach vielen gescheiterten Versuchen den Menschen erschaffen, mitsamt allen möglichen Eigenschaften und Fähigkeiten, damit dieses Lebewesen später sein erdachtes Werk auch entsprechend zu würdigen versteht (den Affen überließ er den zweiten Platz, denn dieser war überraschender Weise mit seinem vormenschlichen Zustand trotz allem zufrieden gewesen).

Nicht nur Millionen, nein etliche Milliarden Jahre später der biologischen Evolution konnte dieses von Gott ins Leben gerufene Wesen, welches sich nunmehr in eigener Sache als "Homo sapiens sapiens" bezeichnete, endlich seine Schöpfungsgeschichte lesen, weil es ein ausgereiftes Bewusstsein, Verstand und Intelligenz besaß. Es glaubte an sich und seine alles überragenden Fähigkeiten, die tatsächlich göttlicher Natur waren (was ja der Wahrheit entsprach).

Gott war wirklich echt froh darüber gewesen, dass er seine eigene Geschichte nun endlich nach so langer Zeit der Schöpfung schließlich mit einer anderen Kreatur teilen konnte, die genug Verstand und Wissen besaß, ihn zu verstehen. Es war ja auch seine ganz spezielle Kreation.

Das Buch, das sie dazu benutzten, nannten seine Geschöpfe auf dem Planeten Erde alsbald das Buch der Bücher oder "Die Bibel".

Für über zwei Milliarden Menschen war es schlichtweg ein "Heiliges Buch", obwohl es unter ihnen bald immer mehr Zweifler gab, die die darin enthaltene Geschichte genauso langweilig fanden, wie Gott seinerzeit eben auch.

Und in der Tat. Es gab sogar bald eine stetig wachsende Zahl von Individuen, die sich über das, was Gott so alles für sich und über sich geschrieben hatte, eigentlich mehr als Humbug betrachteten, es sogar lustig fanden und einfach nicht mehr dran glauben konnten oder wollten.

Wie auch immer.

Gott war darüber gar nicht erfreut. Nein, er war in seiner göttlichen Eitelkeit echt tief getroffen, weil die Menschen über seine doch über alles erhabene Geschichte jetzt auf einmal lachten und sie inhaltlich einfach nicht mehr für ernst nahmen, wobei er doch dachte, dass sie mehr als gut gelungen war. Er, der einzigartige Gott, war mehr als nur beleidigt. Sein Ego war zerstört.

Eines schönen Tages besuchte Gott in Gestalt eines Menschen die Erde und fand sehr schnell heraus, dass seine eigene Schöpfungsgeschichte einfach nicht mehr von den meisten Menschen gelesen wurde, denn mittlerweile hatte sich ihr Geist, ihr Verstand und ihr Wissen verselbständigt und unglaublich erweitert.

Als Gott das sah, bekam er Panik, denn sein eigenes Geschöpf war dabei, so wie er zu sein. Sie waren auf dem besten Wege dazu, selbst göttlich zu werden. Früher oder später würden sie bestimmt auch seinen Platz im Universum streitig machen. Dann würde er abtreten und sich ein neues Universum suchen müssen. Das war ein universelles Gesetz und auch für einen Gott unumgänglich.

Betrübt, total fertig und völlig verzweifelt verließ Gott die Menschen des Planeten Erde wieder. Er dachte schon an Selbstmord, ließ diesen schrulligen Gedanken aber schnell wieder fallen, denn es war eines Gottes nicht würdig, sich wegen seiner eigenen Geschöpfe selbst zu opfern. Das überließ er später lieber einem seiner Stellvertreter, mehr bekannt unter dem Namen Jesus Christus.

Aber das war nur eine Finte. Gott wollte sich nur heimlich und unbemerkt aus dem Staub machen, weiter nichts. Er hatte die Schnauze voll von seiner eigenen Schöpfung. Er konnte ja nicht wissen, dass sie der Keim eines neuen Gottes werden würden. Das hatte er in seinem göttlichen Schöpfungseifer schlichtweg übersehen.

Seit der Zeit hat man Gott nie wieder gesehen. Auch sein Stellvertreter, der legendäre Wassergeher, Wein- und Brotkrümelvermehrer, genannt Jesus Christus, blieb später, nach seinem fragwürdigen Opfertod, verschwunden und ist bis heute nicht mehr aufgetaucht.


 

Da der Mensch nun selbst Gott war, dachte er darüber nach, sich eine eigene Schöpfungsgeschichte zu geben, um damit seine Existenz erklären zu können. Da er aber nicht schreiben wollte: „Am Anfang war Gott bzw. der Mensch“, schrieb er einfach: „Am Anfang war das Wort“ und guckte sich den übrigen Text kurzerhand von seinem alten Gott ab, den er auf diese Art und Weise wieder zu neuem Leben erweckte. Der Mensch wollte eben nicht allein im Universum sein, das ihm zu kalt und lebensfeindlich vorkam.


 


 

ENDE


 

(c)Heinz-Walter Hoetter

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.04.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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