Norman Dunfield

Stringwood Castle - Die Wiege des Wahnsinns

Einige Menschen leben mehrere Jahrhunderte.
Sie müssen lediglich darauf achten, dass sie
jeweils rechtzeitig den Körper wechseln.
Einer solchen Person wird der Leser in der
nachfolgenden Geschichte begegnen.

Anfang Oktober 1962 machte sich der junge schottische Lokalreporter
Jason Grint auf den Weg zu einem Seminar, welches in Edinburgh
stattfinden sollte. Er war in seinem Beruf sehr erfolgreich und wollte
sich durch die Vortragsreihe "Der Umgang mit neuen Medien" weiterbilden.
Von seiner Heimatstadt Inverness nach Edinburgh gab es damals allerdings
noch keine vernünftigen Verkehrsverbindungen. Er musste mit seinem Auto
die beschwerliche Fahrt durch die Highlands antreten. Sicherheitshalber
fuhr er einen Tag früher los, um auf jeden Fall pünktlich in Edinburgh
anzukommen.

Es hatte seit Tagen ununterbrochen geregnet und es schüttete weiterhin
unaufhörlich. Die Fahrt war sehr ungemütlich, denn die kurvenreichen
kleinen Straßen durch die Einsamkeit der Berge und Wälder waren nicht
nur nass, sondern teilweise auch mit schlammiger Erde bedeckt, welche
sich aus den Böschungen herausgelöst hatte. Nach fast einem Tag hatte
Jason Grint nur etwa die Hälfte der Gesamtstrecke zurücklegen können;
und dann kam auch noch ein Umleitungsschild wegen einer unterspülten
Brücke. Dieser Umleitung folgend kam er nach einigen Meilen an eine
Gabelung. Hier fehlte jedoch die weitere Beschilderung. Er entschloss
sich, nach rechts abzubiegen, weil ihm dieser Weg im Bezug auf seine
eigentliche Richtung logisch erschien. Jedoch wurde die Straße immer
schlechter, und auch die Dunkelheit war nicht mehr fern. Der Regen
prasselte weiter auf sein Autodach. Die Scheibenwischer konnten die
Wassermassen kaum noch bewältigen.

Zu später Stunde sah er vor sich ein dunkles Gemäuer, offenbar ein
altes Schloss oder so etwas ähnliches. Zu seiner Freude brannte hinter
einigen Fenstern jedoch Licht. Er fuhr dicht an das Eingangstor heran,
sprang aus dem Wagen und war nach wenigen Sekunden völlig durchnässt.
Er betätigte mehrmals den uralten Messing-Türklopfer und hoffte auf
Einlass. Kurze Zeit später öffnete sich knarrend die alte Eichentür und ein
blasser alter Mann mit schütterem weißen Haar stand vor ihm. Er trug
dunkle Kleidung, und besonders auffallend war ein großer Rubinring an
seiner linken Hand.

"Sie wünschen?", fragte der alte Mann. Jason Grint trug sein Problem vor
und fragte nach der Möglichkeit einer Übernachtung. Der alte Mann
stellte sich daraufhin mit dem Namen McAllan vor und sagte:
"Die Herrschaften sind leider nicht zugegen, aber es wird sicherlich eine
Möglichkeit geben, Ihnen ein Nachtquartier herzurichten."
Daraufhin betraten beide die Eingangshalle, die mit Vitrinen überladen
war. Auf einem Tisch stand ein alter Leuchter, in dem lediglich eine einzige
Kerze brannte. Jason Grint wunderte sich, zumal die Beleuchtung von
außen viel heller gewirkt hatte. Zunächst wollte er sich jedoch möglichst
schnell seiner nassen Kleidung entledigen.

McAllan ging mit ihm eine alte hölzerne Treppe hinauf und brachte ihn
in ein Zimmer, in dem sicherlich seit vielen hundert Jahren keine einzige
Fliege mehr gehustet hatte. Alles ging etwas langsam, denn der alte
Mann hinkte ein wenig.
"Machen Sie es sich bequem. Ich bringe Ihnen gleich noch einen kleinen
Imbiss", sagte McAllan. Einige Minuten später klopfte der verstaubte
Hausdiener tatsächlich an die Tür und brachte Jason Grint einen Teller
mit Brot, Schinken und Obst sowie eine Karaffe Wein und ein schnörkeliges
Glas. Dann verabschiedete er sich und wünschte mit einem breiten Grinsen
im Gesicht eine geruhsame Nacht.

Jason Grint konnte nicht einschlafen. Er war von den Strapazen des Tages
zwar hinreichend müde, machte sich jedoch Gedanken über den Rest der
Strecke. Würde er es noch rechtzeitig schaffen? Er wusste zu diesem
Zeitpunkt noch nicht, dass er niemals in Edinburgh ankommen würde.

Gerade in dem Moment, als sich seine Augenlider endlich schlossen,
vernahm er ein zeterndes Geräusch. Bald darauf folgte ein Knarren und
ein Klopfen. Ein Luftzug wehte unter der Tür hindurch, dass die Vorhänge
sich bewegten und den Kerzenstumpf, den ihm McAllan als einzige
Lichtquelle gegeben hatte, vom Tisch wischten. Alles schien aus dem Flur
vor seinem Zimmer zu kommen. Er war beunruhigt und zog sich bltzschnell

seine noch immer recht klamme Kleidung an, um der Sache auf den Grund
zu gehen. Als er die Tür öffnete, gab es zwar noch den Flur, aber die
hölzerne Treppe war nicht mehr da. Stattdessen führten an dieser Stelle
jetzt uralte Steinstufen in eine Art Keller. Jason Grint war verwirrt und
tastete sich im staubigen Dämmerlicht langsam vor. Es schauderte ihn,
jedoch als Reporter ist man schließlich von Natur aus neugierig.
Er stieg die Stufen hinunter und musste sich dabei ständig Spinnweben
aus dem Gesicht wischen. Unten gelangte er an eine verrostete
Metalltür, deren Schloss er jedoch mit einiger Mühe öffnen konnte.
Hinter der Tür betrat er einen stockfinsteren Raum, an dessen Ende
einige unerklärliche Irrlichter blitzten. Ein moderiger Gestank warf seine
Nase in Falten. Plötzlich hörte er einen undefinierbaren Singsang.
Auch das Knarren und Klopfen war auf einmal wieder da. Seine Neugier
wurde erst in dem Moment gebrochen, als er die Metalltür hinter sich
zufallen hörte und zugleich einen kalten Gegenstand in seinem Nacken
spürte.

Jason Grint lief, so schnell er konnte. Der Raum schien endlos zu sein.
Dann stolperte er über die Steine einer eingestürzten Wand, stellte
daraufhin jedoch fest, dass man dahinter ins Freie gelangt.
In unmittelbarer Nähe stand sein Auto. Vom Schock gezeichnet öffnete
er die Tür, startete den Motor und fuhr los, ohne sich noch einmal
umzugucken. Sein ganzer Körper zitterte, und auch der Regen hatte
noch immer nicht aufgehört. Er sagte sich: "Egal wohin. Hauptsache
weg von hier." In diesem Moment legten sich zwei kalte Hände um
seinen Hals und ein großer Rubinring kratzte an seinem Kehlkopf.
Im Rückspiegel erblickte er den alten McAllan, der auf der Rückbank
seines Autos saß und mit verzerrtem Gesicht lächelte. Jason Grint
verriss das Lenkrad und fuhr einen Abhang hinunter. Als er wieder
zu sich kam, steckte der Wagen in einer schlammigen Kuhle fest.
Von McAllan war nichts mehr zu sehen, jedoch ließen sich Fenster
und Türen nicht mehr öffnen.

Als der Morgen dämmerte, kam ein Bauer mit seinem Traktor vorbei.
Er zog das Auto mitsamt seinem Insassen aus dem Schlamm.
Merkwürdigerweise funktionierten die Fenster und Türen jetzt wieder
einwandfrei. Nur der Motor streikte. Der Bauer fuhr Jason Grint
daraufhin zur Polizeistation im nächsten Ort. Dort erzählte er sein
unfreiwilliges und zugleich unglaubliches Abenteuer, wurde jedoch von
allen Seiten  nur belächelt. Ihm wurde außerdem gesagt, dass er mit
der Reparatur seines Autos keinesfalls kurzfristig rechnen könne,
weil es am Ort keine Werkstatt gäbe.

Jason Grint suchte verzweifelt nach einer Erklärung für die seltsamen
Geschehnisse und blieb hartnäckig. Er konnte die Polizei schließlich
dazu überreden, mit ihm noch einmal zu dem schauderigen Ort zu
fahren. Man sagte ihm allerdings, dass sich an der von ihm
beschriebenen Stelle lediglich eine alte Ruine mit dem Namen
Stringwood Castle befinden würde. Der letzte Besitzer, Ronald McAllan,
sei vor etwa 400 Jahren gestorben. Im Verlauf der Zeit sei das Anwesen
dann verfallen und würde heute nur noch von Touristen als Foto-Kulisse
benutzt.

Egal. Jason Grint wollte dort hin, um sich selbst zu überzeugen. Jetzt
hatte er Zeit, denn von Edinburgh konnte schließlich keine Rede mehr
sein. Auch der Regen hatte nun endlich aufgehört und die Sonne war
herausgekommen. Der Polizeiwagen setzte sich in Bewegung und nach
etwa einer halben Stunde stand Jason Grint genau an der Stelle, an
der er am Abend zuvor sein Auto abgestellt hatte. Vor sich sah er eine
zerfallene Ruine ohne Türen und Fenster. Auch die Reste der
Innenräume waren völlig herutergekommen. Kein Hinweis auf
Holztreppen, Vitrinen oder sonstige Möbelstücke. Lediglich die leeren
Getränkeverpackungen der Foto-Touristen lagen überall herum.
Für all dies hatte Jason Grint keine Erklärung, denn der erlebte
Horror war schließlich kein Traum gewesen.

Er mietete sich für einige Tage in einer kleinen Pension ein, vermied
während dieser Zeit jedoch sämtliche Kontakte zur Außenwelt. Dann
war sein Auto wieder funktionstüchtig und er trat sofort die Heimreise
an. Jedoch auch dort sollte alles niemals mehr so sein, wie es war.
Wochenlang wurde er von Albträumen gepeinigt. Die grausamen
Erlebnisse ließen ihn nicht mehr los. Auch seinen Job hatte er
inzwischen verloren. Er magerte völlig ab und war dem Wahnsinn nahe.
Irgendwann blieb seinen Angehörigen nichts anderes mehr übrig, als
ihn in eine psychiatrische Klinik einzuweisen. Dort nebelte er dann
nach kurzer Zeit völlig ein und sprach ständig nur noch von einem
hinkenden blassen alten Mann mit schütterem weißen Haar und
einem großen Rubinring an der linken Hand. Sein geistiger und
körperlicher Zustand verschlechterte sich von Jahr zu Jahr.

Heute ist Jason Grint 81 Jahre alt. Er befindet sich noch immer in der
psychiatrischen Klinik. Er ist recht blass und hat inzwischen
schütteres weißes Haar. Außerdem hinkt er ein wenig. Seit einiger
Zeit trägt er an seiner linken Hand einen großen Rubinring. Niemand
weiß, woher er ihn hat. Auffällig ist lediglich, dass er inzwischen nur
noch von sich selbst spricht. Ab und zu sieht man ihn im Garten der
Klinik. Im Schatten der hohen Bäume ist er in seiner dunklen Kleidung
fast unsichtbar. Manchmal trifft er sich dort mit einem jungen Mann.
Plant Jason vielleicht gerade den Schritt in seine weitere Zukunft?


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.04.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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