Manfred Bieschke-Behm

Ostereier im Katzennest

Mein Name ist Hans Schneider-Kranzglut. Ich wohne in der Kleinkreuzfeldstraße Haus Nr. 16 in der dritten Etage. Meine Wohnung hat, wie alle Wohnungen einen Balkon. Eigentlich passiert nicht viel in der Kleinkreuzfeldstraße. Es gibt zwei lang gestreckte Häuserzeilen, vor denen sich Hecken befinden. Davor Bürgersteige und dazwischen eine befahrbare Straße. Die Mieter, die hier wohnen, sind teils Alteingesessene, teils neu hinzugezogene. Eine bunte Mischung wie woanders auch. Mehr gibt es über die Straße eigentlich nicht zu berichten.
Plagt mich die Langeweile, stelle ich mich auf den Balkon und beobachtet alles, was sich beobachten lässt. Die Tage machte ich eine Beobachtung, die mich am Ende irritierte. Zunächst schien alles, wie schon tausendmal beobachtet. Das ältere Ehepaar aus dem Haus Nr. 7 ging langsam die Straße entlang in Richtung Heilstraße. Der Mann, der sich nur mithilfe seines Stockes so einigermaßen vorwärts bewegen kann, lief neben seiner Frau, die aufpasste, dass ihm nichts im Wege lag. Plötzlich blieben beide stehen. Ich konnte beobachteten, wie der Mann mit seinem Stock vorsichtig im Gebüsch herumstocherte und seine Frau ihm dabei zusah. Als Frau Weinhaupt, die junge Mutter aus Hausnummer 21 mit ihrem Kinderwagen vorbei fuhr, unterbrach der alte Mann seine Aktivität. Er wollte nicht, so schien es mir, dass Frau Weinhaupt seine Handlung eventuell hinterfragen würde. Gleich, nachdem Frau Weinhaupt das Ehepaar Thierfeldt freundlich gegrüßt hatte und mit ihrem Kinderwagen vorbei gefahren war, nahm Herr Thierfeldt seine Aktivität wieder auf. Bevor sich seine Frau hinunterbückte, schaute sie sich leicht verunsichert zu beiden Seiten um, um sich zu vergewissern, nicht beobachtet zu werden. Sie nahm einen Gegenstand aus ihrem Einkaufsbeutel und legte ihn unter dem Gebüsch ab. Anschließend nahm sie ihre gewohnte Haltung wieder ein. Auch Herr Thierfeldt sah keinen Grund länger zu verweilen und folgte seiner Frau. Ich fragte mich natürlich, was das Ganze zu bedeuten hat, fand aber keine Antwort.

Am nächsten Tag stand ich auf dem Balkon und dachte über meine Beobachtung vom Vortag nach, als mich mein Wohnungsnachbar Herr Wölki ansprach. Unsere Balkone grenzen aneinander, sodass es vorkommt, dass jeder auf seinem Balkon steht, wir miteinander reden, gemeinsam beobachten und mitunter auch eine Flasche Bier trinken. Ich erzählte ihm von meiner ungewöhnlichen Wahrnehmung und erfuhr, dass auch er Seltsames beobachtet hätte. Ich, ungeduldig, wie ich nun einmal bin, bat mir von seiner Beobachtung zu berichten. Anstatt auf den Punkt zu kommen, erzählte er mir lauter Dinge, die mich im Moment nicht wirklich interessierten. Als es mir zu viel wurde, erinnerte ich ihn daran, dass er mir seine ungewöhnlichen Beobachtungen mitteilen wollte.
Da fragt er mich doch tatsächlich: "Was für Beobachtungen?"
"Na die Beobachtungen, die Sie auf der Straße gemacht haben",erinnerte ich ihn.
Endlich kam er auf den Punkt. Ich erfuhr, dass er gestern so gegen Mittag beobachtet hat, dass Nick, der Junge aus der Nr. 17 unseren Streifenpolizisten Herr Steinweich, der gelegentlich auch in unserer Straße nach Recht und Ordnung sieht, aufgeregt angesprochen hatte.
"Und",fragte ich meinen Bier trinkenden Nachbarn, "worüber haben die sich unterhalten?
Herr Wölki erklärte mir, dass er aufgrund der Entfernung natürlich nicht mitbekommen konnte, worüber die beiden sprachen, was leichten Unmut in mir ausgelöst hatte.

„Aber“,fuhr Herr Wölki fort, „merkwürdigwar, dass der Junge mit dem Polizisten, noch während beide miteinander sprachen, schnellen Schrittes in Richtung der Hecke vor dem Haus mit der Nummer 21 liefen.“
Das ist ja genau die Stelle, an der das alte Ehepaar gestern besonders aktiv war’, dachte ich, sprach den Gedanken aber nicht aus. "Ja und dann?",fragte ich stattdessen. Was passierte dann?"
"Ja und dann", wiederholte mein Nachbar, "dann zeigte der kleine Junge dem Polizisten ganz aufgeregt unter der Hecke ein Nest, in dem sich eine Katze mit ihren drei Jungen befand und zusätzlich ein bunt bemaltes Osterei.“
Ich schaute meinen Nachbarn ungläubig an und fragte: "Ein Osterei in einem Katzennest?"
„Ja, wenn ich es Ihnen doch sage",antwortete der etwas ungehalten und fragte mich anschließend: "Können Sie mir erklären, wie ein Osterei in ein Katzennest kommt?"
Ich reagierte mit: "Keine Ahnung" obwohl ich eine Vermutung hatte. Schließlich wollte ich wissen, ob sonst noch etwas passiert sei.
„Ja, es ist noch was passiert!"
"Ja, was denn?"

"Der Polizist nahm das Osterei, kontrollierte es und überließ es anschließend dem kleinen Jungen. Der bedankte sich und lief beglückt mit dem Geschenk Richtung Spielplatz. Der Polizist kratzte sich seine linke Schläfe, wodurch seine Dienstmütze eine Schieflage bekam.

Heute Vormittag nun traf ich den Polizisten. Ich erzählte ihm von meiner Beobachtung. Der Polizist fing herzhaft an zu lachen und erzählte mir, dass die Geschichte noch weiter geht. Ich erfuhr, dass er tags darauf bewusst zum Fundort ging, um nachzusehen, ob sich etwas verändert hätte.
„Tatsächlich“, erklärt er mir, „es lag erneut ein Osterei im Katzennest und zusätzlich ein handgeschriebener Zettel.“
„Und was stand auf dem Zettel?“,
fragte ich, neugierig, wie ich bin.
„Auf dem Zettel stand ACHTUNG: In diesem Jahr legt nicht der Osterhase die Eier, sondern die Katze.“
„Was für eine Geschichte“,
und sehe, dass sich uns das Ehepaar Thierfeldt nähert.
„Guten Tag die Herren“, sagt erst Frau Thierfeldt und Herr Thierfeldt wiederholt.
Beide kommen vom Einkauf und ziehen einen vollgepackten Einkaufswagen hinter sich her.
Haben Sie schon von dem Katzennest in dem eine Katzenmutter, ihren Jungen und ein Osterei liegen gehört?“, fragt der Polizist und ergänzt: „Ich möchte wissen, wer sich das ausgedacht hat. Ich meine das mit dem Ei und dem Hinweisschild.“
Das Ehepaar schaut sich wie abgesprochen achselzuckend an und sagt kein Wort. Ich beobachte indes wie sich Frau Thierfeldt bemüht Ostereier, gerade solche, die im Katzennest gefunden wurden, die ganz oben auf ihrem Einkaufswagen liegen, so unauffällig wie möglich mit einer leeren Papiertüte abzudecken. Ihr scheint daran gelegen zu sein, dass kein Verdacht geschöpft wird. Natürlich hat auch der Polizist gesehen, was Frau Thierfeldt zu verbergen versucht. Er spricht das Thema nicht an, lächelt nur.
„Heutzutage ist doch alles möglich“,sagt Frau Thierfeldt und ihr Mann ergänzt: „Warum müssen immer nur die Osterhasen die Eier bringen.“
Der Polizist und ich sehen dem Ehepaar hinterher.
Beide haben wir uns vorgenommen, so oft es möglich ist, nach dem Nest zu sehen. Wir hoffen, dass nicht nur die Eier ein neues Zuhause finden, sondern zur rechten Zeit auch die jungen Katzen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.04.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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