Thomas Klein

Liebe geht durch den Magen

Liebe geht durch den Magen

 

Ich erwarte von Ihnen mehr Eigeninitiative, Herr Klein. Sonst sperre ich Ihnen für die nächsten vier Wochen Ihre Harz4-Bezüge.

Raffen Sie sich auf und ziehen sie in die Stadt, dort können wir Sie sofort vermitteln. In Ihrem jetzigen Heimatdorf können Sie vielleicht gerade mal Schweine füttern.“

Das geht auch schon vollautomatisch, dachte Hans und duckte sich unter den Drohungen der Sachbearbeiterin.

Hier habe ich was für Sie rausgesucht, wenn Sie sich da nicht engagieren, wird es eng für Sie. Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?“

 

Für die bin ich nur eine Nummer. Wahrscheinlich eine Null“, dachte Hans betrübt, als er den Flur des Jobcenters hinunter schlich. Draußen riss ihm der schneidend kalte Wind fast den Vermittlungsvorschlag aus der Hand. Mit klammen Fingern öffnete er sein rostiges Fahrradschloss und machte sich auf den Weg zum Tonstudio Rosa.

 

Das unscheinbare Firmenschild befand sich an der Tür eines ziemlich heruntergekommenen Mietshauses in der Altstadt. Eine junge Frau drückte sich bereits fröstelnd im Eingangsbereich.

Habe schon geklingelt, es tut sich aber nichts. Vielleicht sind wir zu früh.“

Auch auf Jobsuche? Ich bin Hans.“ „Ja, genau, ich heiße Greta.“

 

Nun machte sich drinnen jemand an der Tür zu schaffen, und es öffnete eine ältere Frau im schäbigem Morgenrock und unordentlichem Haar.

Der frühe Vogel fängt den Wurm, was?“, krächzte die Alte. „Dann kommt mal rein in die gute Stube.“

Sie folgten der Alten und gelangten in ihr halbdunkles Etablissement.

Macht`s Euch gemütlich, ihr beiden Süßen. Muss erst mal auf Betriebstemperatur kommen. Ich bin Rosa“, murmelte sie heiser und steckte sich einen Zigarillo in den Mundwinkel.

Die beiden Bewerber blieben beklommen stehen und suchten vergeblich nach einer Sitzgelegenheit. Auf dem abgewetzten Sofa war Wäsche abgelegt und den Sessel hielt ein alter Kater besetzt.

Auf dem Tischchen befand sich neben abgegriffenen Zeitschriften ein Mp3 Player mit zwei Mikrofonen. Im Hintergrund stand ein moderner Flachbildfernseher.

Die jungen Leute hielten das Ganze jetzt wirklich für einen Irrtum.

 

Nee, nee, ihr seid hier schon richtig, meine Lieben. Kann Euch gut gebrauchen. Nur nicht schüchtern. Hier könnt ihr euch setzen! Erst mal einen Kaffee?“

Unbehaglich folgten die Beiden ihrer Aufforderung. Dann kramte die Alte die Fernbedienung hervor und schaltete den Fernseher ein.

Auf dem Großbildschirm agierte ein splitternacktes Pärchen stumm in eindeutigen Stellungen.

 

Greta prallte schockiert zurück und Hans blickte sich mit einem Kloß im Hals nach einem Fluchtweg um.

Immer schön locker bleiben, Kinder. Euch passiert doch nichts. Nur ein paar passende Töne aus euren Mündern, sonst wirkt der Film nicht.“

 

Nicht mit uns,“ flüsterte Hans und Greta tastete nach ihrem Taschentuch.

Na, was soll denn Eure Sachbearbeiterin denken?“ entgegnete die Alte.

 

Die beiden befanden sich ganz eindeutig in der Zwickmühle.

 

Ich glaube, ihr braucht erst mal eine Stärkung,“ meinte Rosa und schlurfte in ihre Küche. Es fiel ihnen kein Ausweg aus ihrer peinlichen Lage ein, während ihre Chefin in der Küche den Mixer betätigte. Inzwischen waren sie zu schwach für einen Entschluss. Das kärgliche Frühstück spendete schon lange keine Energie mehr.

 

Die Chefin stellte ihnen die frisch zubereiteten Cocktails hin.

Keine Bange, alles nur natürliche Zutaten, so köstliches Mango-Lassie

gibt’s nur bei mir.“

 

Die Alte brauchte nicht zu drängeln. Aus ihrer langen Erfahrung wusste sie, dass es etwas Geduld braucht, um anfängliche Hemmungen zu überwinden und trotzdem in der vorgegebenen Zeit zum Abschluss zu kommen.

Bald war es Hans egal und er probierte von dem Getränk. Unwillkürlich entfuhr ihm ein anerkennendes: „wow!!

Da hatte ihm die Alte das Mikrofon schon dicht ran geschoben.

Nun ließ er sich nicht länger lumpen, und jeder Schluck begleitete ein beifälliges: „mmmh, oh jaaa, guuut!

Greta, der eben noch ein Tränchen in ihren Trunk gefallen war, beobachtete Hans mit Erstaunen. Dann nippte auch sie am Glas und hauchte unwillkürlich ein ganz zartes: „ahhh“

 

Genau richtig“, dachte Rosa. Mein Tontechniker macht da was draus.

 

Nun schnell nachgelegt. Flink hatte die Alte ihr Spezial-Orangeneis mit Eierlikör parat. Greta kicherte etwas verlegen während Hans schon alle Hemmungen abgelegt hatte und jeden Löffel mit Grunzlauten quittierte. Bei den hausgemachten Pralinen verlor auch Greta ihre letzte Scheu.

 

Die mit mit Schokolade überzogen, in Weinbrand eingelegten Feigen waren der Hit. Nun dirigierte die Alte die beiden mit all ihrer Kunst.

 

Die Sahnetörtchen zum Schluß waren eigentlich schon zu viel und verursachten ein leicht gequältes Seufzen, was allerdings genau passend zum Finale kam.

Zuletzt lagen beide erschöpft auf dem Sofa und murmelten nur noch was von: „Wolke Nr. 7...“

 

Die Alte war auch zufrieden mit dem, was sie im Kasten hatte; entlohnte beide ordentlich und entließ sie wieder in die Freiheit.

 

Hinterm Vorhang beobachtete sie noch, wie Greta sich bei Hans einhakte, als sie die Gasse entlang nach Hause gingen.

 

Sag ich doch: Liebe geht durch den Magen!“ lächelte sie verschmitzt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.04.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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