Peter Kröger

Das Jahr ohne Jeff

 

 

Ich erinnere mich, wir lasen wie verrückt damals, einfach so, fantastische Erzählungen, Lustspiele, Gedichte mit Schüttelreimen, krudes Zeug manchmal, aber was sollten wir tun? Das Frühjahr begann kühl und regnerisch, der Mai jedoch lockte mit wohliger Wärme und sattem Grün. Und schon bald begann das große Warten auf den verrückten Jeff, wie wir ihn nannten (und ein schmucker Kerl war er dazu, auch ohne Zähne), der im Sommer wieder zu uns stoßen wollte, aus südlicher Richtung kommend, er hatte im Spätherbst gesagt: Im Sommer bin ich wieder da mit neuen Geschichten und dann bleibe ich bei euch bis Ostern, es klang noch in unseren Ohren, auf Jeff und seine Geschichten bauten wir, Geschichten die Jeff selbst erlebt haben wollte (uns war es gleich), doch er kam nicht, nicht im Juli, nicht im August oder September. Wir warteten und warteten, dann gaben wir die Hoffnung auf, wie man allmählich die Hoffnung aufgibt, wenn das Leben im Grau dumpfer Lebenslänglichkeit versinkt.

Im Herbst, die Bäume waren längst kahl, erfuhren wir schließlich von Jeffs Tod, angeblich während einer beschwerlichen Reise (vermutlich zu uns); von Herzversagen bei schönstem Sonnenschein und plötzlichem Verstummen am Wegesrand war die Rede, und zu Winterbeginn pilgerten wir schließlich zu seinem Grab irgendwo auf halber Strecke zwischen Süden und Norden und legten einen Kranz aus Tannenzweigen in den Schnee. „Wir haben umsonst auf ihn gewartet, und jetzt, was fangen wir jetzt an?“, raunte Jack. „Leck mich, Joe, nachher ist man immer schlauer, trotzdem hatte ich so ein dummes Gefühl bei Jeff. Ein lustiger Kerl, das schon. Allmächtiger, er konnte Geschichten erzählen. Doch er trank zu viel und las nie.“

Die kalte Jahreszeit setzte uns zu. Die Menschen waren mürrisch und abweisend. Bis März blieben wir in der Gegend und schauten gelegentlich bei den Tannenzweigen vorbei, bei Jeff Kaputt, wie Jack neuerdings sagte, während ich Jeff vom Grab besser fand, weil es irgendwie nach altem Adel klang. Die Unterkünfte stanken, und das Essen war schlecht. Jack und ich sprachen kaum noch. Die Wahrheit war: Wir hatten unseren besten Mann verloren; Jeff fehlte mit seinen Geschichten, die uns durch den Winter bringen sollten, wir spürten es auf Schritt und Tritt. Die Welt schien verkorkst und stumm ohne Jeff. Was tun? Jack schlug die dicken Romane vor, die lange vorhielten und immer das Ganze wollten. Zögernd willigte ich ein. Schwer bepackt zogen wir weiter und grüßten die neue Zeit.

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