Irina Brenner

Das Ende des Puzzlemachers

  

Die Hand des Puzzlemachers

 


Ulrich fühlte sich seit längerem bedroht, weil er von jemandem verfolgt wurde. Dieser Jemand fand Gestalt in einem kecken Rotschopf. Es war seine Nachbarin, die rote Anne, die mit einigem Abstand hinter ihm stand und  plötzlich begann sich über ihn mit erhobener Stimme und strengen Blickes zu beklagen:„Ulrich, wir müssen reden. Deine Küchengerüche dringen durch die Klimaanlage in meine Wohnung ein . Meine Kleider riechen als wohnte ich in einem Hunderestaurant. Was wird denn bei Dir für Fleisch gekocht?" Ulrich der neulich Restbestände Lungenhaschee aus dem ehemaligen Ost-Berlin von einem Kumpel für einen Euro abgekauft hatte, hielt Annes vorwurfsvollen Blicken kaum stand. „Innereien"  „Die Idee kam mir im Jobcenter " stotterte er. Der Blick der schönen Nachbarin fiel auf eines seiner Selbsthilfe Bücher mit dem Titel:" Sparen mit Hartz IV". Anna schüttelte den Kopf und sagte : „Geh' du lieber mal richtig arbeiten." Anne fuhr fort: „Wenn du schon dem Steuerzahler auf der Tasche liegst, dann stänkere wenigstens nicht unser Treppenhaus voll. Das muss bald ein Ende haben, sonst werde ich mich bei der Hausverwaltung beschweren“, drohte sie. Anne warf ihr rotes Haar triumphierend in den Nacken und rauschte mit einem scheinbar vielsagendem „Geht gar nicht", davon. Ulrich sah ihr schmachtenden Blickes nach. und dachte: Ich glaube sie mag mich. Diese Frau ist viel zu schön um selber kochen zu können und ist nur neidisch auf seine Kochkünste. Anne war schon beinahe in ihrer Wohnungstuer verschwunden da faste er den Mut doch noch lautstark zu  protestieren: „ Mein Lungengashee solltest Du aber zuerst einmal probiert haben. Schmeckt hervorragend ". „Tut es nicht widersprach sie."  „ So zickich kenne ich dich ja gar nicht"  rief er hinter ihr her. „Was ist denn los ? " Zickich ist ja eigentlich untertrieben. Der Rotschopf ist vom Teufel besessen, korrigierte er sich. Anne konterte: „ Die rothaarige Lilith und besessene Frauen existieren eigentlich nicht. Alles nur Männerphantasien." Aber mit wem hatte er denn dann gerade gesprochen? Dort, wo der Mensch zum Manne wurde, wo der Mann seine Weisheit zu Boden warf, machte der Mann und nicht das Weib Religion. Er schmunzelte als ihm ein Gefühl der Überlegenheit und Genugtuung überkam. Daraufhin, um seiner Vernunft zu höhnen, sah er Lilith vor Augen. Ulrich wusste das Lilith nur in seinem Kopf lebt, genauso wie Ulrich als einziger wusste, das er schizophren werden könnte, da sein Vater unter dieser Krankheit litt. Ulrich schloss das Fenster als sich ihm die rasende Lilith, das Nachtgespenst auch als ein eiskalter Wind der durch sein Zimmer fegt, zeigte. Lilith erschien ihm jeden Abend mehrmals. Nachdem er seine frischgewaschene Wäsche sorgsam zusammenfaltete, nimmt sich Lilith von dem Stapel schwerer gräulicher Laken und winkt ihn kokett herüber. Ulrich liegt dann  bereits aufgeregt auf seinem Bett. Er gab seinen Stimmen nach, die sich wie früher schon sein Priester in den Widerspruch begaben. Stimmen, die sich ihm wie damals auf seinem Bett liegend als "Die Hand des Puzzlemachers" vorstellten.  Voll Selbstekel warft er sich danach ein paar mal auf seinem Bett umher. Seine Gedanken wurden rastlos. Er konnte nicht einschlafen, und philosophierte: Seit der Mensch zum Manne wurde, meißelte er den Spiegel selbst erschaffener Existenz. Wie gut lässt sich Existenz wohl meißeln ohne Strom fragte er sich traurig. Es wurde nach seinem letzten Besuch im Jobcenter und angedrohter Sanktion kalt in seiner Wohnung. Fröstelnd zündete er das Feuer im Kamin an und setzt sich schattenhaft zurück an seinen Schreibtisch. Die Frage, wann dieser Alptraum der sich sein Leben nennt endlich endet, kreiste wieder und wieder in seinem Kopf. Auf der Suche nach Ablenkung ging er dann zu seinem Bücherregal und zog ein Buch:" Gedichte und Reflexionen von Irina Brenner" heraus und fing zu lesen an: Er war der Wanderer. Das Seinige -und sein Gebein, das klirrte als er seinen Schrei träumte. Wer war dieser Mann der versucht die Schatten seines Lebens neu zu beleben.? Ulrich blickte verschreckt von seinem Buch auf, lief unruhig im Zimmer umher und schaute hinter das Rollo seines Fensters nach Lilith. Lilith folgte ihm. Sie, das Nachtgespenst, beschimpfte ihn als Idiotengötzen - Er musste an seine schöne Nachbarin die rote Anne denken und sah sich mit ihr tanzen. Es zog ihn ins Nichts aller Schreie, So fühlst auch Du die Wunden der Existenz beschritten flüsterte er. Die Schritte, die an der Schwelle zum Tod mit allem Leid und der Musik verklingen werden. Dabei stellte er  sich vor mit Anne zusammen in den Tot zu gehen. Dann öffnete er sein Notebook und schrieb nicht ohne dabei eine gewisse Lust zu empfinden: Zu den Grabsteinen zieht es mich hin. Die Puzzleteile, die er aus seinen Fotographien bastelte in der Hoffnung damit  Hartz IV zu entkommen, fielen dabei auf den Boden. Bestürzt bückte er sich, sammelte die Teile ein und legte alles ordentlich zurück. Niemand hatte seine in Kommission gegebenen Puzzle gekauft, und er musste seine ganze Arbeit wieder mit nach Hause nehmen. Er konnte deshalb keinen Schlaf finden und wachte die ganze Nacht hindurch und grübelte.  Wie alle anderen Hartzer stand er am Pranger des 21. Jahrhunderts.  Eine Sachbearbeiterin im Jobcenter hatte ihm nämlich zusätzliche 200 Euro angeboten. Dafür sollte er an der Maßnahme zur Entsorgung atomaren Sondermülls teilnehmen. Er wollte den ihm angebotenen Job an der radioaktiven Entsorgung für das grünere Merkel-Deutschland nicht. Er wollte nicht im wahrsten Sinne des Wortes mit Hand anlegen und schlug das Angebot aus. Seine Angst vor der Strahlung war zu groß und er trug ja sowieso schon das Stigma des Sozialschmarotzers. Ein solches Stigma negiert  ein solches  Opfer seiner Gesundheit  im Nutzen der Allgemeinheit nicht zuletzt weil es  hiesse  es  sei  für Geld erhandelt worden.  Die Scham überkam ihm  bei dem Gedanken denn Buerger sollten doch Armenrecht bekommen ohne zu Menschen dritter Klasse  degradiert zu werden.  Von diesem Staat darf man  berhaupt nichts annehme denn." Gibt man dem Teufel den kleinen Finger dann nimmt er die ganze Hand." .  Furcht überkam ihm und obwohl es kalt im Raum war fing er zu schwitzen . Er nahm einen fremden Geruch an sich  wahr  der nicht wegzuwaschen war  und schlief erst gegen Morgen ein nicht ohne von Alpträumen gequält zu sein. Wieder und wieder erlebte er sein Rufen wie aus stummem Mund. Als er erwachte war ihm klar, das er ein Totgeweihter war. Ich bin nicht mehr wert als ein Stück Scheiße, zischte er und weinte weiter leise in sich hinein. So lange er auf dem Bett lag, fühlte er den Puzzlemacher der, da er nach einem Opfer suchte ihn, den Ulrich S. fand. Es war der Mann mit der Hand des Puzzlemachers vor dem ihm graute. Unruhig und hungrig schaltete er das Licht wieder an, und setzte sich erneut an seinen Tisch. Ulrich nahm sich einen Apfel aus seiner Obstschale vom Tisch und griff  nach seinem Messer, das er für gewöhnlich an einer ledernen Tragevorrichtung seines G rtels trug aber, während er im Bett lag in der Messertasche in Reichweite hielt, Er zerkleinerte den Apfel in viele kleine Stücke. Die Frage warum sein Leben wie ein Puzzlespiel in Stücke fallen musste , kreiste diesmal in seinem Kopf umher während er Apfelstücke mit dem Messer in seinen Mund schob. In letzter Zeit wurde er beim Joggen durch den Wald von einer Gruppe moslemischer Jungmänner angepöbelt. Da war ein Springmesser das mindeste mit dem er sich bewaffnen konnte. So ein Messer bringt auch ein gutes Maß an Sicherheit sagte er sich Ohne Pfefferspray ging er auch nicht mehr auf die Strasse. In Polen kann man noch sicherer abends auf die Straße gehen, aber sein weniges Geld reicht nicht um auszuwandern geschweige denn eine Familie zu ernähren. Wo der Mensch zum Manne wurde, zum Manne, der vom Manne genötigt wird dem Bildnis des erfolgreichen, harten Mannes zu dienen da bleibt der Arme arm und der Reiche wird daran noch reicher. Nur die Heuschrecken zirpten während er von seinem eigenem irreklingendem Lachen unterbrochen wurde. Das Zirpen der Zikaden war so laut ,das er meinte von Betenden umgeben zu sein. Gebete die ihm aber langsam deutlicher und verständlich zu werden schienen. Hörte er doch die eine um ihn versammelte Gesellschaft von Stimmen wie die eigene mit der Stimme Hiobs sagen: "Nieder der Tag an dem ich geboren. "Ulrich griff erneut in seine  Messertasche " Ich mit der Schneide, ich kann mich noch verändern", dachte er still bei sich. Veränderung ist das was wir Tod nenne versicherte er sich beruhigt.  Entschlossen brachte Ulrich die Schneide zur Innenseite seines Oberschenkels und machte einen  Schnitt. Sein Arm senkte sich schlaff zur Seite. Das Messer fiel dabei zu Boden. Während Blut aus seiner Ader trat tanzte sein Leben vor seinen Augen an ihm vor0ber bis er starb. Anne war nicht die einzige der es auffiel das Ulrichs Briefkasten überquoll. Ulrich S. wurde kurz darauf vom Hausmeister in seiner Altbau Mietwohnung tot aufgefunden.
 

Die Charaktere sind frei erfunden. Die Handlungen in der Geschichte sind fiktiv. Eventuelle Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind rein zufällig.



Kurzgeschichte Copyright Irina Brenner Nur für den privaten Gebrauch mit Hinweis auf mich als Autorin, zur Vervielfältigung oder zum Downloaden gestattet. Diese von mir geschriebenen hier veröffentlichte Kurzgeschichte, sollten dann aber auch stets als solche gekennzeichnet werden. Weitergabe an Dritte untersagt.

                

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.04.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Über den Tag hinaus zu schauen, heißt für mich, neben dem Alltag, dem normalen Alltäglichen hinaus, Zeit zu finden, um das notwendige Leben mit Gefühlen, Träumen, Hoffnungen, Sehnsüchten, Lieben, das mit Lachen und Lächeln zu beobachten und zu beschreiben. Der Mensch braucht nicht nur Brot allein, er kann ohne seine Träume, Gefühle nicht existieren. Er muss aus Freude und aus Leid weinen können, aber auch aus vollem Herzen lachen können. Jeder sollte neben dem Zwang zur Sicherung der Existenz auch das Recht haben auf romantische Momente in seinem Leben.

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