Gabriele Förster-Wöbke

Er und er

Von klein auf wurde er von ihm misshandelt, doch er schämte sich dafür, suchte die Schuld bei sich. An guten Tagen erklärte er ihm, dass er es nicht so meinen würde und dass er ihn lieben würde und dass er nicht Hand anlegen müsste, würde er sich ihm nicht widersetzen oder ihm einfach nur im Wege sein. Er erklärte ihm, dass dieses alles nur zu seinem Wohle geschehe und er es gut mit ihm meinen würde. Er versuchte immer zu verstehen und verzieh jedes Mal aufs Neue. Von Jahr zu Jahr wurde es schlimmer. Er schwänzte die Schule. Wie sollte er im Sportunterricht seine Striemen und blauen Flecke rechtfertigen. Seine Leistungen wurden schwächer. Er fühlte sich schwach. Er begann zu zweifeln an seiner Liebe. Sah und fühlte, dass es bei anderen anders war. Er wollte durchhalten, ein paar Jahre noch und er versprach sich, er wollte nie so werden wie er.
Dann hatte es endlich ein Ende. Für ihn war es die Befreiung. Und plötzlich standen sie unangemeldet vor seiner Tür. Sie sprachen von Liebe, Güte und fürsorglicher Hinwendung. Doch er erkannte in ihren Augen und ihren Worten seine Scheinheiligkeit. Und er ließ sie nicht rein - in sein neues Leben.

(© 2019 Gabriele Förster-Wöbke)

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